Europa wird gegruschelt – Die gemeinsame Idee ist nicht tot zu kriegen.

Thomas schreibt nebenan in meinem heimlichen Lieblingsblog (jaja, dein Favorit hat natürlich auch Favoriten), dass wir uns unserer Enkel willen merken sollten oder vielleicht sogar notieren, was wir in den letzten Juniwochen getan haben, weil sie vielleicht kommen und fragen werden.

Es sind warme Tage und ich ärgere mich mit Unibürokratie herum – und denke dabei an eine_n anonyme_r Räteaktivist_in, der_die sagte „Meine Mutter war sympatisch im Vergleich zur Rechtsabteilung.“ -, ich trinke auch das ein oder andere Bier und rede mit Freunden und Leuten, die das vielleicht noch nicht sind, und ich denke an Menschen die ich mag und trauere auch ein bisschen um meinen kürzlich kaputt gegangenen Laptop (laut Seriennummer ein „early 2008″er Modell). Im Moment kann ich mir nicht leisten, es einfach auszutauschen, weshalb ich auf einem wackligen Stuhl von IKEA – einer schwedischen Möbelhauskette, deren Geld in eine Stiftung in den Niederlanden fließt, weil dort die Steuern niedriger sind – sitze, der in Tschechien hergestellt wird und „Jeff“ heißt. Ich tippe Gedanken in eine Tastatur und veröffentliche die irgendwann. Vielleicht. Als ich ihn – Jeff, den Stuhl – kaufte musste ich bei dem Namen noch nicht an eine kranke Raucherlunge denken, aber eine TV-Sendung, die mich und andere gerade sehr einnimmt, hatte da einen Witz darüber gemacht und… blah. Ich langweile dich wahrscheinlich gerade.

Thomas schrieb jedenfalls, dass die Europäische Idee gescheitert wäre. Ich hatte davon ehrlich gesagt gar nicht so viel mitbekommen. Die Lage in Griechenland hatte sich laut Aussage der Zeitungen nur immer weiter zugespitzt, und ich fragte mich, wie spitz so eine Lage eigentlich werden kann. Und während ich mit anderem Beschäftigt war, änderte sich plötzlich die Nachrichtenlage und alle sprachen über Grexit und Schulden und ich verstand gar nicht so richtig, was da eigentlich war. Das Länder Schulden machten war für mich normal. So funktioniert das eben mit Geld. Zumindest damals im Juni war das noch ein wichtiges Thema. Wer Geld hat und wer nicht und ob man Geld leihen darf, wenn man es zurückzahlt und so weiter…

„Vereinfacht ausgedrückt: Europa begann wegen Geld und scheiterte wegen Geld.“

Irgendwie redeten nun alle, als sei die „Europäische Idee“ gescheitert. Dass man friedlich zusammen leben sollte. Dass man sich einig sein sollte und solidarisch für einander einstehen. Diese Idee war, dachte ich damals, doch gar nicht so europäisch oder neu. Die nordischen Länder wollten das schon lange. Skandinavismus nannte sich das damals. Die deutschen Länder vereinigten sich ja auch. 17irgendwas, 18irgendwas. Ich weiß es nicht mehr. Ich dachte auch viel an Victor von Hase, der für einen Freund einstand, ihm Fluchthilfe leistete, und damit sich selbst versprichwortete. Vermutlich eine Romantisierung in meiner Vorstellung.

Ich empfand mich nicht an nationale Grenzen gebunden. Oder dachte, dass dieses oder jenes wichtiger sei, weil von jemand gemacht, der auch von hier kam. Eine gute Idee ist eine gute Idee. Ist doch egal von wem? So wie meine Sachen und meine Gedanken längst viel gereist und grenzenspengend sind, so kann ich auch nicht mehr recht sagen, wo denn nun was herkommt. Schweizer Käse aus der Schweiz? Wiener Schnitzel aus Brandenburg? Hamburger aus den USA? Amerikaner vom Bäcker nebenan? … Das müsste verwirrend sein, aber Namen sind Namen und Realitäten Realitäten. Und letztere sind längst international. Niemand_e lässt sich mehr in eine Raute einspannen.

Ich dachte viel an meine Reise mit einem Interrail-Ticket und die Menschen, die ich dabei traf. Ich dachte an fremde Sofas und Menschen, die Freunde wurden, während sie irgendwo schliefen. Ich dachte an Twitter und WordPress. Dachte an Gewerkschaften und Fußballspiele. Die Welt war längst international geworden.

Die Menschen verstanden sich als Europäer. Die Menschen, die ich liebe und die Menschen lieben. Ob das die Mehrheit ist? Jemals war? Jemals sein wird? Thomas schrieb von Grenzzäunen, die eingerissen wurden und nicht mehr werden. Damals, als nach dem zweiten Weltkrieg Menschen aufstanden und wollten, dass nicht mehr sinnlos gestorben wird. Wegen Grenzen, die nicht wichtig sind. Wegen nationalen Interessen. Thomas dachte vielleicht auch an die Grenzen im Osten. Die Zäune, die aufgestellt waren, als „Antifaschistischer Schutzwall“, sich aber mehr gegen die Menschen im Inneren richteten. Mauertote. Dutzende. Und dann wurde der einfach niedergetrampelt. Weil die Leute sagten: Schluss jetzt.

In meinem Kopf materialisierte sich der Grenzzaun, ein Bauzaun um ganz korrekt zu bleiben, der den Rasen vorm Reichtstag schützen sollte. Nun liegen dort symbolische Gräber. Dutzende. In Erinnerung an die Menschen, die aufgrund unserer Politik im Mittelmeer ertrinken. Das Zentrum für politischen Schönheit hatte dazu aufgerufen. „Die Toten kommen“.

Das sind wohl die Dinge, an die ich mich erinnern werde. Wie wir einig sind und Freunde sind. Wie wir Anknüpfungspunkte suchen, Gemeinsamkeiten, wie wir ehrlich zueinander sind. Wie wir versuchen ehrlich zu uns selbst zu sein. Was wir menschenunwürdig finden, anzuprangern, auch wenn wir selbst mitschuld sind. Unabhängig und frei von dem, was unsere Politiker nuscheln. Fiskal, illegal, scheißegal. Das sind Menschen. Das sind unsere Freunde. Wir gehen jetzt auf die Straße und sagen: Nö. Finden wir nicht ok, wie das so läuft.

Europa ist nicht tot. Es riecht nur komisch.

Die Europäische Idee ist nicht gescheitert. Europa ist nicht gescheitert. Der Versuch das ganze kommerziell, finanziell auszunutzen, der ist gescheitert. Die Sache mit dem Euro, bei dem manche Länder sich verschulden und andere Exportüberschüsse machen, ist gescheitert. Die Idee, dass man nur gerade steht, wenn es gerade passt und sonst erpresst. Die ist gescheitert. Aber die Solidarität, die Freundschaft, die Beziehungen sind noch da. Ich kenne kaum Griechen. Ich kenne kaum Deutsche. Ich kenne kaum Türken, Österreicher, Schweden, Spanier… Ich kenne nur Menschen. Menschen, die Beziehungen, Gefühle, zu Gebieten haben, zu anderen Menschen. Die sich mit einer Kultur verbunden fühlen. Die Sprachen lernen, die Sprachen sprechen. Ich selbst bin hier und hier zuhause. Kein Deutscher, kein Schwede. Ich bin… ich. Europäisch? Mensch, jedenfalls.

Wenn eine Naturkatastrophe passiert, und die Nachrichtensprecherin erzählt, wie viele Deutsche dabei umkamen, dann irritiert mich das. Ist doch völlig unwichtig, denke ich mir dann. Mensch ist Mensch. Das Grundgesetz unterscheidet da wenig. Die Menschenrechte unterscheiden da wenig.

Wenn ich an diese Tage zurückdenke, dann werde ich nicht daran denken, wie ärgerlich es war, dass mein Computer kaputt ging und ich mir vermutlich Geld leihen musste – bei meinen Eltern? – um mir einen neuen zu kaufen. Stattdessen werde ich mich an die Freunde erinnern, die mir ihre Hilfe zusagten, die alte Festplatte zu retten. Ich werde an Menschen denken. Nicht an Zahlen. Ich werde mich an Gefühle erinnern, an gute Gefühle, nicht an Bild-Schlagzeilen.

Leider haben sich weltweit so manche noch nicht von nationaler Ideologie befreit. Dabei ist unser Leben längst: International!

Wenn selbst die EU-Gegner auf europäischer Ebene zusammenarbeiten, dann ist Europa nicht gescheitert. Die Bewegung, die mir hier schlaflose Nächte bereitet („Demo für alle“), ist auch eine französische Idee. Und PEGIDA ist längst auch in Schweden. Grenzen, egal wie hoch sie gebaut werden, egal wie viel Draht an ihnen hängt und wie menschenfeindlich sie sind. Wir finden zusammen. Werden Freunde. In allen Sprachen der Welt kann man lachen. Und wenn wir die Zäune nicht umstoßen können, dann denken wir uns die Grenzen weg. Wenn selbst die Gegner europäisch arbeiten, dann kann Europa nicht mehr scheitern.

Europa ist mir und dir längst Heimat geworden. Mit aller verkorksten Geschichte und allen entkorkten Geschichten, mit allen Menschen und Gefühlen und Gedanken. Früher waren wir vielleicht Esperanto und sind heute anders. Aber dass die Umsetzung einer Idee nicht funktioniert hat, bedeutet kein Scheitern einer Idee. Wir, die wir längst in Europa leben. Für die es längst keine Grenze mehr gibt, sondern Serverräume, Computerspiele, Hobbies, wir sind die Mauer, das Volk muss weg rufend, für uns ist Europa kein Wunsch und keine Vorstellung, sondern Lebensrealität.

Dass Umsetzungen von Ideen sterben ist normal. Aber die Ideen – und diese ist eben sehr grundlegend -, bleiben.

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