Voller Pispers

[Entwurf vom 23. Mai 2015. Unbearbeitet veröffentlicht.]

Der Volker Pispers in meinem Kopf ist endgültig zum Zyniker geworden. Mit einem Tetra-Pak Rotwein, aus dem er sich immer wieder seine Kaffeetasse nachfüllt, steht er auf der Bühne.

„Das ist schon unfair, wie sie und ich hier unheimlich viel arbeiten, jeden Tag ihre 12, 14 Stunden, und andere liegen nur auf der faulen Haut. Zum Beispiel die Bettler und Asylanten, oder die schwer körperlich oder geistig Behinderten, alles faule Säcke. Sie zahlen brav ihre Steuern, aber die tragen nichts bei. Sind vielleicht sogar Diebe. Versuchen, Spendengelder abzugreifen und nutzen den armen Staat aus. Betrügen bei Hartz IV. Sauerei, diese faulen faulen Arbeitslosen, Bettler, diese… Asozialen. Sitzen den ganzen Tag nur rum und machen gar nichts, während sie ihre 14, 18 Stunden pro Tag schuften.

Was wollen Sie mit denen eigentlich machen? Sollen wir sie verhungern lassen? Oder in kleine Miet-Käfige am Stadtrand stecken, mit klitzekleinen Zimmern und ewigem Weg zum Supermarkt? Sollen wir kleine Bänke nur noch anbieten, damit da die Penner nicht mehr drauf schlafen können? Oder alle in ein Heim, und dann zuschließen? Was sollen wir mit den Arbeitsunwilligen machen? Einsperren? Verhungern lassen? Gerade soviel geben, dass sie noch leben können? Oder auspeitschen, damit sie doch arbeiten? Kommt dabei was rum, hm? Glauben Sie das? Man muss diese Leute nur ausreichend motivieren, dann wird das schon? Die eine Hälfte Langzeitarbeitslose bekommt geladene Pistolen und 5 Euro die Stunde und hält die dann der anderen Hälfte an den Kopf. Denen braucht man dann auch nur 2 Euro zahlen, sind ja schon ausreichend motiviert. Und nach einer Weile wechseln wir dann durch. Jeder darf mal Gutverdiener sein, und jeder hat mal die Waffe am Kopf. Und wenn dem ein oder anderen mal der Finger ausrutscht ists ja nicht schlimm. Haben ja eh nichts gearbeitet. Diese Asozialen.
Nein, das fänden sie nicht in Ordnung? Ach, sie sind eher so der Verhungern-lassen-Typ? Bekanntermaßen schätzen wir ja Menschen danach ein, wieviel sie produzieren. So, an Gehalt. Deshalb sind Kinder bei uns ja auch so unbeliebt. Und Rentner, natürlich. Alles Asoziales Pack. Und die Bettler. Organisierte Banden! Wer dort auf der Straße sitzt, der verdient recht ordentlich, sagen Sie. Warum setzen Sie sich dann nicht? Achso? Ist Ihnen zu kalt. Und Sie seien ja auch kein Asozialer.

Aber, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Gut.“ Mein Kopf-Pispers läuft gemütlich zum Tetra-Pak, hält seinen Becher darunter, füllt ihn bedächtig und trinkt dann den voller Becher auf einem Zug leer.

„20 Stunden am Tag. Und teilweise sogar noch Sonntags! Sie sind wirklich zu bemitleiden. Aber diese Asozialen, die es sich in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben… unerhört. Die Bettler und Asylanten. Pack! Was wollen Sie mit denen machen? Dem ‚Lumpenproletariat‘, das sogar Marx, der alte Kapitalismusfeind, so verabscheute. Sei zu nichts nütze, die fahrenden Leute und Bettler und Arbeitslosen. Alle nur auf der faulen Haut. Was sollen wir mit denen machen? Möchten Sie dem nächsten, den sie sehen, ein Messer rein rammen? Ach? Das ist ihnen jetzt doch ein bisschen zu … menschenfeindlich? Soso. Aber wer nichts Arbeitet soll auch nichts essen. Oder ist Ihnen das nur zu schlecht bezahlt? Das Bettler um…siedlen? An einen besseren Ort, sie wissen schon. Klar, wenn man etwas gut kann, dann soll man das nicht umsonst machen. Das muss man Ihnen lassen. Produktiv sind sie ja, die Menschenfeinde.

Das macht sich ja auch nicht so schön… die Bettler. Sollen mal runter von der Straße und was ordentliches Arbeiten. Banker oder sowas. Damit dabei auch was rum kommt. Runter von der sozialen Hängematte. Sie zahlen schließlich auch Steuern und arbeiten ihre 22, 23 Stunden am Tag.

Jedes Jahr produzieren wir mehr Güter. Mehr Autos, mehr Häuser, mehr Gesetze, mehr Playmobilfiguren. Von allem gibt es mehr – außer vielleicht von Ambossen. Und nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Wachstum. So ein Baum, der nicht jedes Jahr gemessen am Vorjahr um 2 % wächst, der ist schon faul. Macht es sich da in der sozialen Hängematte bequem. Arbeitet ja gar nichts. Zumindest nicht die 25, 26 Stunden, die Sie so am Tag arbeiten. Produktiv, produktiv, muss ich schon sagen.

Wer soll das denn alles kaufen? Fahren sie gerade zwei Autos gleichzeitig? Oder werfen von jeder Packung Toastbrot 2/3 weg? Sie wissen, bald schon müssen sie sich eine zweite Packung nur zum wegwerfen kaufen. Kann man sich ja auch nicht leisten, wenn die ganzen Sozialschmarotzer das ganze Steuergeld abgreifen. Und sie müssen vielleicht sogar noch einen Monat warten, bis sie sich ihren zweiten BMW kaufen können. Achso? Sie können sich gar kein Auto leisten? Müssen Sie halt mehr arbeiten.

Es ist doch so: Die meisten Menschen wollen mit ihrem Leben etwas tun. Wenn man Ihnen die Wahl lassen würde – Geld spielt keine Rolle -, dann würden sie doch auch nicht nur rumsitzen und nichts tun? Ja, vielleicht drei, vier Wochen im Jahr. Aber denken Sie nur an ihren letzten längeren Urlaub. Klar, dumm als er rum war. Aber hätten Sie noch länger ausgehalten, nichts zu tun? Irgendwann fangen die meisten Leute an etwas zu machen. Politische Arbeit – so im Kleinen und Großen -, Fürsorgearbeit, Lohnarbeit – das ist die, bei der Sie aktuell ihr Geld verdienen -, und natürlich noch andere Formen von Arbeit. Irgendwas werden Sie schon zu tun haben.

Nun gibt es aber auch Menschen, die können wir peitschen und schlagen und zwingen. Die wollen – oder können – einfach nicht. Die schicken wir auf Arbeit, aber es kommt einfach nichts bei rum. Manche davon sind krank, haben zum Beispiel Depressionen und können deshalb mittelfristig halt nicht, oder sie sind zu jung oder zu alt. Und dann gibt’s auch Manche, die wollen einfach nicht. Asoziale, sagen Sie da, faules Pack, in der sozialen Hängematte. Wollen Sie ernsthaft ihre Zeit und ihr Geld darauf verschwenden, jemanden zu etwas zu zwingen, was er oder sie gar nicht will? Immer mit der Peitsche in der Hand? Nur, damit dann irgendwas bei rum kommt, was nicht mal entfernt an den Aufwand ran reicht? Lassen Sie doch einfach diese Leute nix tun – oder ihre eigene Arbeit suchen. Muss ja nicht Lohnarbeit sein. Wenn sie nicht wollen, wieso dann dazu zwingen. Macht Sie unglücklich, macht die unglücklich. Aber, nein, klar, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Schließlich haben Sie auch ihre 189-Stunden-Woche. Wäre ja unfair, wenn Sie soviel arbeiten, und die bekommen ihr Geld einfach so. Dürfen einfach so auf dem Planeten leben, auf dem sie geboren wurden.

Aber, natürlich, Menschenwürde. Das halten Sie schon hoch. Niemand soll sagen können, Sie wären unfair oder ungerecht. Oder – Gott bewahre – faul. Nicht so wie dieser Schöpfer, der am Ende der Woche einfach blau machte, weil es genug war und schön aussah. Nein, Sie arbeiten ihre 30 Stunden pro Tag. Wären ja sonst auch asozial. Und den Bettlern und Prostituierten – ganz American Psycho – stecken sie zu Phil Collins eine Axt in den Rücken. Machen ja auch nix. Liegen nur rum. Hängematte.

Aber Sie… Sie arbeiten ihre 36 Stunden am Tag. Ist schon viel zu tun, stimmt schon. Aber Sie müssen das auch positiv sehen. Bis vor ein paar Jahren waren es noch 40 Stunden, die Sie am Tag gearbeitet haben. Und dann kam diese Gewerkschaft, und hat ihre Arbeitszeit verkürzt. Sind ja auch produktiver geworden. Muss man schon sagen. Fühlen Sie sich seit dem auch Asozial? Arbeiten ja weniger.

Hat vielleicht ihre Würde als Mensch gar keinen direkten Zusammenhang mit ihrer Produktivität? Sind sie vielleicht auch so ein netter Mensch? Ohne ihre 38-Stunden-Tage? Ja, produktiv sind sie, die Menschenfeinde. Das muss man ihnen lassen. Aber die Obdachlosen und Bettler, die Arbeitslosen und Asozialen, die sollte man… ja… genau.“

Kopf-Pispers wirft einen Blick in die Runde, schaut sich still um. Dann packt er den Rest des Rotweins und verschwindet von der Bühne.

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