Du und ich; und sonst noch ein paar Leute; wir sind auf der guten Seite

„Die einen sind berechtigterweise empört, die anderen sind Hater. Je nach Blickwinkel.“ – Nerdcore

Selbstversicherung ist wichtig, damit man nicht verrückt wird. Aber woher weiß ich, dass ich tatsächlich nicht auf der „falschen Seite“ stehe? Haters gonna hate (hate hate hate), das ist klar, aber bin ich noch berechtigterweise empört, wenn ich mich beispielsweise über Auslassungen zur „Homo-Ehe“ beschwere? Wenn ich mich darüber lustig mache, dass Verheirate Kinderlose uns erzählen, die Ehe sei fürs Kinderkriegen da? Hm. Und wie kann man „Ganz klar gegen Nazis sein“, wie kann man die Faschisten hassen, ohne selbst zum Hater zu werden? Bin ich schon auf der falschen Seite, wenn ich zweifele oder dient Zweifel dazu, mich auf der richtigen zu halten?

Mal umschauen, wer hier so steht. Du und sonst noch ein paar Leute. Paar Punks, paar „Mutbürger“, paar Antifas und Hipster. Aber kann man dem „Optischen“ vertrauen? Mal warten, bis sie den Mund aufmachen. Andererseits, jemand kann gute Musik hören und trotzdem scheiße sein oder Helene Fischer verehren und mein bester Freund werden.

Sind logische Widersprüche bei „den anderen“ zu hören? Moment… ist vielleicht hier schon der Fehler? Die Vorstellung, dass es „andere“ gäbe, nur, um „uns“ zu konstruieren? Vllt gibt es gar nicht „die Nazis“, oder „die Homophoben“ und alle glauben auf „der guten Seite“ zu stehen. Auch der Joker. Auch der BILD-Autor. Auch jene, die noch irgendwas von Lenin erzählen. Oder Jesus Christus. Komische Aufzählung, als wäre ich Nihilist und alles wäre gleich.

„Die anderen“ haben genau das gleiche Recht, anzunehmen, sie seien „die Guten“. Jene, die sich um die Bedeutung der „Ehe“ fürchten, sind so berechtigt, wie du mit deinen kruden Ideen von einem Leben ohne Eigentum. Hat Recht, wer die rationalsten Argumente bringt? Oder wer eine Mehrheit hinter sich hat? Das alles sind schwierige Fragen, die sich nicht einfach so beantworten lassen. Und es ist Bullshit, es an Gefühlen festzumachen, aber:

Fühlst du dich hier richtig? Scheinen die Menschen um dich herum Freunde zu sein? Hinterfrage weiter, aber bis sich die Antworten ändern, bist du auf deiner richtigen Seite. Sobald du beginnst dich hier falsch zu fühlen oder mit irgendwas – Geld, Anerkennung, Verhandlungsmasse – dein gutes Gefühl ‚erkaufen‘ musst, denke darüber nach, ob du noch richtig bist.

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3 Antworten auf „Du und ich; und sonst noch ein paar Leute; wir sind auf der guten Seite“

  1. Aus meinem Blickwinkel habe ich nach diesem Text eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: Du bist auf dem richtigen Weg. Denn ich bin davon überzeugt, dass zweifeln etwas unbedingt notwendiges ist. Nur der Zweifel führt dazu, dass wir etwas hinterfragen und es am Ende verbessern können. Wer nicht zweifelt und seine Ideologie im Kopf für perfekt hält, wird ihre Fehler nicht erkennen und auch nicht verbessern können.
    Die schlechte Nachricht allerdings ist folgende, wer nicht zweifelt lebt viel glücklicher. Ob berechtigt oder nicht, Zweifel sind etwas nagendes an Seele und Verstand. An die Perfektion einer Sache/Ideologie zu glauben und alle Zweifel zu ignorieren führt mittel- bis langfristig zwar in die Katastrophe. Aber zumindest hat man es bis dahin recht einfach im Leben, und vielleicht ist man ja auch schon mittelfristig tot.

  2. Jeder sieht die Welt doch nur durch seine eigene, verzerrte Wahrnehmung – wie kann man sich da seiner Meinung allzu sicher sein, die man sich aufgrund der vorhandenen, aber unvollständigen Informationen gebildet hat?

    1. Man sollte sich eigentlich nicht sicher sein. Andererseits: Wie soll ich für ein Thema, eine Idee, einen Vorschlag, eine Vision einstehen, wenn ich selbst daran zweifele? Wie Thomas schon richtig anschnitt: Zweifel sind etwas nagendes an Seele und Verstand.

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