Aber ich will nicht werden, was mein Alter ist (3)

Ein Verwandter, gerade 22, wird wohl ein Kind in die Welt setzen. Noch ist es unterwegs und schwierig darüber nachzudenken und zu sprechen, aber er scheint deutlich weiter zu sein. Macht eine Ausbildung und all so etwas.

Mein Vater denkt nicht so positiv darüber. Sagt, dieses Kind würde nur Zeit und Geld verschwenden. Seinen Eltern auf der Tasche liegen. Auslandsjahr, Sabbatjahr, Ausbildung in einer fremden Stadt und nun das Kind ein Kind – wo er sich doch in der Ausbildung kaum darum kümmern können wird -, außerdem sei die Familie der zukünftigen Mutter auch von weiter weg. Also immer ein großes Hin und Her, nach dem Hin und Her. Vielleicht sagte er das nach einem schlechten Tag, in einem dummen Moment. Wenige Stunden später äußert er sich völlig anders dazu. Positiv, vertrauend. Nun bin ich wieder der Schurke, der Nichtsnützige. Schenke ihm keine Enkel. Nütze nicht finanziell. Ebenso hätten sie mich abtreiben können.

[…]

Ich bin nun 24 und bin meinen Eltern auch nur auf der Tasche gelegen. Mache ein Studium, welches niemand auch nur irgendwas – finanziell – bringt. Sie haben mich gezeugt – und ich hatte mir nicht vorgenommen, jemals auf die Welt zu kommen, und trotzdem ist es irgendwie passiert -, und war seit dem eine konstante, niemals endende Enttäuschung. Ich selbst machte meine Würde oder meine Lebensziele nie an ‚Arbeit‘ fest. Dachte nie, dass ich nur mit diesem oder jenem Beruf glücklich sein könnte und sah es auch nicht als gottgegeben an, dass wir zum arbeiten geboren sind. Ich hatte nie große Ziele. Höchstens mich und eine Katze ernähren können, ohne auf direkte Hilfe angewiesen zu sein (indirekt sind wir alle auf Hilfe angewiesen). Aus mir wird mal nicht viel, denke ich, weil ich nichts beende, was ich anfange und ich nie eine Familie ernähren kann. Aber das war nie mein Ziel und ich überlege ernstlich, diese Frage abschließend zu klären.

Vielleicht müsste ich ihm das sagen. Dass ich die Welt als so kaputt empfinde, so unreparierbar – Gottes geplante Obsoleszenz, oder nur unfähige Nutzer_innen, die die Welt gerade bricken? – und das „alternativlos“, dass ich ihm ein schönes Rentenalter wünsche und mir einen frühen Tod. Vielleicht müsste ich ehrlich mit ihm sein. Müsste sagen, wie zynisch ich das alles finde. Wie Menschenverachtend. Wie die Kollateralschuld meines Nicht-Handelns, meines Nicht-Handeln-Könnens (welche Ausrede!), mich verfolgt. Wie ich nicht, um ein gutes Leben führen zu können, studiere, sondern weil ich nicht anders kann. Weil ich lernen muss, mich ertränken muss im Wissen, im Denken. Weil ich mit einer geladenen Hausarbeit Gedankenkugeln in die Menge schießen muss. Siehst du Jakob in der Uni, dann läuft er wahrscheinlich Amok. (NMZS. In: Koljah & NMZS: Wir machen Rap wieder dumm. 2011.) Vielleicht müsste ich ihm das sagen, dass sich der Wert eines Menschen nicht an der Wirtschaftlichkeit misst. Oder… messen sollte.

Und, dass ich aufgegeben habe. Also, nicht im Sinne von, dass ich nichts mehr mache oder mich mit dem Bullshit anfreunde. Aber ich halte mich – und dich, der_die du das gerade liest -, nicht für stark genug, damit sich irgendwas Grundlegendes ändert – und ich wüsste auch nicht, was sich wohin ändern soll. So anmaßend, in einem komplexen System Vorhersagen zu treffen, dafür fehlt mir das VWL-Studium. Es gibt einfach keine Deus ex machina, die da noch etwas ausrichten könnte.

Sich bewusst zu sein, bewusst zu werden, den Rockzipfel der gefühlten Realität – schließlich sind wir immer noch angebunden in einer fucking Höhle, Geiseln unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit – sich leicht hebend zu sehen, während sie vorbei eilt, und in Gedanken versucht man Details zu rekonstruieren. Das Muster des Stoffes, dessen Schatten man für Bruchstücke von Sekunden wahrzunehmen annahm, den Geruch und Geschmack der Kilometerweit entfernten Rockzipfel der Wirklichkeit… Ich will da bleiben und sehen, dass ich mich irre. Ich wünsche mir, dass ich unrecht habe. Dass etwas nicht mit mir stimmt. Dass ich eine Enttäuschung bin, und das genau das einen Unterschied macht und nicht völlig egal in der Gleichförmigkeit des Daseins aufgeht. Zwischen morgens aufstehen und abends hinliegen. Das langsame Zusammensacken der Bandscheiben. Ich hoffe, das mein moralisches und wirtschaftliches Totalversagen einen Unterschied macht, meine Kollateralschuld nicht nur ‚protestantische Internetethik‘ ist, sondern ich tatsächlich etwas hätte ändern können – oder gar kann. Aber ich fühle mich nicht mehr Selbstunterschätzend, nicht mehr Wirksam.

Vielleicht werden die Würmer, die mich einmal verdauen werden, ein kleines bisschen Freude empfinden. Vielleicht ist es auch alles egal, weil ich nie davon wegkommen werde, Teile in mir zu tragen, die ich meinen Eltern schulde.

Ich stehe nicht auf der Schulter eines Riesen, ich bin die Myiasis (nicht googeln, ernsthaft), die Larve, die sich in das Gewebe ihres Wirtes einfrisst. Ich nutze die Wunde, die Schwächung, und nehme so das Ende des großen in Kauf, weil ein Größeres nicht mehr denkbar ist, unreparierbar, hoffnungslos, alternativlos…

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