Die Antifa kennt keine Lieder.

Vor ein paar Tagen lief ein Tweet durch die Äther:

Es war da gerade Bundesparteitag der AfD und insgeheim hoffe ich, dass obriges Foto ein Fake ist. (vgl. ND-Ticker um 12:20). Ich will mir nicht vorstellen, dass jemand tatsächlich „Die Gedanken sind frei“ verteilt, mit einer Headline in Fraktur „Wo man singt, da laß Dich ruhig nieder, böse Menschen und die antifa haben keine Lieder.“. Das ist auf so vielen Ebenen großartig, dass es nur von einem Troll stammen darf.

Zunächst: Die Aufzählung „böse Menschen und die antifa“ implikatiert, dass Antifas keine bösen Menschen sind. (Damit gehe ich grundsätzlich völlig d’accord.) „die antifa“ ist dabei natürlich auch eine wunderbare Formulierung, weil es ja so tut, als gäbe es da einen Verein oder eine Partei oder GmbH oder Gewerkschaft. Dass Antifas eben Einzelne, teilweise in offenen Gruppen organisierte Leute sind, die oft nur lokal und „ehrenamtlich“ arbeiten, um die Straßen und Köpfe nazifrei zu halten und es innerhalb der vielen antifaschistischen Strömungen durchaus viele verfeindete Gruppen gibt… geschenkt.

nazis wegbassen, musik gegen (staatliche) repression, musik zum nachdenken, musik als zuflucht…

Womit ich nicht klar komme, ist die Aussage, dass die Antifa(s) keine Lieder kennen würden.

Verdammt, Audiolith ist ein eigenes Label voller Musik, die von Antifaschist_innen gehört wird. Deren „Feine Sahne Fischfilet“ war sogar auf dem Cover der Mecklenburg-Vorpommern-Ausgabe des Szene-Musikmagazins „Verfassungsschutzbericht“ in 2011 und 2012. Egotronicdie sich 2014 offen gegen Rechtsrock äußerten -, Frittenbude, Neonschwarz, Trouble Orchestra, …

Und dann gibt es noch Klassiker: Haut die Bullen platt wie Stullen (Normahl), Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin; Wie ’68 in Westberlin; Diese Mischung ist wirkungsvoll; Diese Mischung knallt ganz toll (Slime), legal, illegal, scheißegal (ebenfalls Slime), ….. Der Marianenplatz war blau soviel Bullen waren da und Mensch Maier musste heulen, das war wohl… Die letzte Schlacht gewinnen wir… Mein Name ist Mensch … (alle: Ton Steine Scherben)… Allein darüber nachzudenken bringt mich zum singen und summen, aber ich heiße ja auch nicht Antifa. Was ist mit Knochenfabrik? ZSK, Fahnenflucht, LAK, Muff Potter, Terrorgruppe, Trotzreaktion, WIZO, … Dazu noch Rapmusik – man spricht da gar von Zeckenrap – in tausend Variationen… Johnny Mauser, Captain Gips, Antilopen Gang, Sookee, Lea-Won, Fatoni, …

Viel internationales, vieles was ich überhaupt noch nicht hörte. Reggae, Pop, Rock, Rap, Hardcore, Elektro, Punk, Ska, … Es gibt eigene Festivals, Konzerte gegen Rechts, Sampler, Blogs, …

Die Antifa-Musik ist so vielseitig wie die Antifa(en) selbst. Es gibt von – fast? – allem etwas.

Es finden sich sogar Volkslieder. Das Einheitsfrontlied von Brecht hört man mancherorts, Ernst Busch, mancher Orts auch die Internationale, oder – achtung, das macht es noch ironischer – „Die Gedanken sind frei“… Das ist .. wtf.

[…]

Laut ShortNews verteilte der Bezirk Ennepetal die oben gezeigten Liedzettel, übrigens mit dem „Lied der Deutschen“ (mit allen drei Strophen) auf der Vorderseite. Natürlich sei man nicht rechts. … ja… ähm… Hä?

Zu sagen „die Antifa kennt keine Lieder“, ist das Unsinnigste, was ich an Quatsch in den letzten Monaten von der AfD gehört habe. Und ich erinnere nur an den kippelnden Tisch, der zu einem Farbbeutelangriff hochfantasiert wurde.

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Offenlegung: Ich bin zwar in keiner linken Gruppe aktiv – eine aktuelle Liste meiner Mitgliedschaften und -arbeiten hier -, war aber schon mehrfach auf Demonstrationen und Kundgebungen unter Beteiligung von verschiedenen Antifa-en, bin teilweise mit diesen zu Demos gefahren und habe deren Demo-Aufrufe über Soziale Medien geteilt. Auch stehe ich vielem, für das aktive Antifas stehen, grundsätzlich positiv gegenüber (Wenn dich ein Polizist mit einem Knüppel zusammenschlägt, weil du zivilisiert in einem Haus wohnst, welches leer stand? Find ich eher uncool.) Ich mache mir damit deren Ansichten und Argumente jedoch nicht zu eigen. Und: Solidarisch sein bedeutet nicht, alles so zu unterschreiben.

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