Ich treibe ab.

Was du liest, ist alles alt. Ich schreibe keine neuen Texte mehr. Ich würfele Texte zusammen aus meinem Lieblingssprüchen. Ich lasse sie hängen, trocknen, wirken. Setze sie in eine Warteschleife. Einen Monat, ein paar Tage mehr oder weniger. Lasse sie reifen. Was ich damals scheiße fand, im Schreiben und Denken, das kann ich heute schätzen und morgen lieben. Ich schrieb wirklich schöne Texte – und schreibe wirklich schöne. Ich sehe das gerade nur nicht. Muss sie hassen. Muss jedes Wort verabscheuen, welches ich schreibe. Muss die Texte abstoßen, wie ungewollte Kinder. Meine Tastatur ist eine Abtreibungsmaschine für ungewollte Gedankengänge. Ich betrachte diese Worte. Denke nach. Lasse meine Gefühle Worte tippen. Schab mein Hirn aus. Es schreit in mir. Was für eine widerliche Vorstellung.

Aus meiner Nase tropft Blut. Hirnmenstruationsbeschwerden. Ich nehme eine Aspirin dagegen. Dann kommt wieder ein Gedanke, eine Frage, eine Idee, die mich befruchtet und ein neues ungewolltes Kind heranwachsen lässt. Doch ich gebäre es nicht. Ich gebäre sie nie. Ich treibe es ab. Unfertiger Schleim. Auslassungspunkte. Kein Text soll wachsen. Ewig leben dürfen. Großgezogen werden. Nein, ich liebe die schnelle Nummer und so soll es bleiben. Erstmal zumindest.

Wie viele Texte habe ich so das Leben genommen? Dutzenden? Hunderten? Tausende. 2357 im alten, nochmal über 1000 in den anderen Blogs. Allein schon 394 Einträge in diesem. Dazu Kommentare, Tweets, Notizbücher, Zettel, alles voller Blut und Gedanken. Blut und Gedanken. Sie liegen da, tot, vergessen. Die schlechten Textideen – wie dieser – und auch die guten.

Natürlich nehme ich Gedankenverhütungsmittel. Sie wirken nur nicht so gut, wenn ich nüchtern bin und Bahn fahre. Wenn Musik läuft. Wenn ich mit Menschen rede, die ich mag. Verhüten tue ich. Ich arbeite und ich schädige mich auch anders selbst. Trinke Alkohol, rauche, lese Zeitung und Twitter. Ich nehme Politiker_innen ernst. Gendere. Ich gehe auf sinnfreie Demos. Alles, nur um Gedanken zu verhüten. Doch wirkt es? Hast du das fuckin‘ Gefühl, dass es etwas bringt? Dass ich mich hier weniger Erbreche in Buchstabensuppe auf deinen Bildschirm?

Nein. Meine Gedanken treibe ich weiter ab und schicke sie als ungeborene Föten ins Netz. Schmiere den Schmodder in Tastaturen und an Häuserwände (metaphorisch). Aber nichts brennt. Nichts in mir. Kein Heizöl, kein Benzin.

Und die Abtreibungsgegner_innen? Die hoffen weiter auf eine Revolution, auf intelligente Bücher und Weltveränderung. Doch ich treibe weiterhin ab. Mein Kopf gehört mir.

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