Statt fest die Feste mal ganz locker nehmen – geht nicht.

Juni 2015.

Ein dumpfer Bass dröhnt durch die geschlossenen Fenster. Was wir an Lärmschutz aufrüsteten, dass investierten die Leute vom Stadtfest in höhere Boxentürme. Ich versuche mit eigener Musik das Dumpfen zu übertönen, aber zwischen den Bässen von hier und dort streifen sich meine Hirnwindungen entlang der hämmernden Schleifpapierbässe und schmerzen.

Ich bin ein Feigling. Meine Ferse schmerzt, so dass ich teilweise humpele, teilweise mir die Finger ins Fleisch drückte, um an einen anderen Schmerz denken zu können. Aber wenn ich eine Ärztin frage, bekomme ich eine Erklärung und ein paar Medikamente aufgeschrieben, die ich aktuell nicht bezahlen kann. Die schlimmen Sachen werden von der Kasse bezahlt, die normalen eher nicht.

Der Großteil meiner Freunde amüsiert sich auf dem Stadtfest und ich habe mich, vorgeblich aus Müdigkeit, selbstvorgeblich um noch Unisachen zu machen, tatsächlich wohl um einen Text zu schreiben, nach Hause gestohlen. Meine Zufallstasche (Ich habe eine mittlere Schwäche für Jutebeutel aller Art) warb für Tubbe „Keine Arbeit lieber tanzen“. Ich spüre die Ferse bis in meinem Kopf hinauf.

Vielleicht habe ich mich auch davongestohlen, in meiner Eigenschaft als Feigling, weil ich keine Menschen treffen mag. Niemandem sagen will, was ich mache und mich rechtfertigen. Oh, du studierst immer noch? Ja, und du machst mir immer noch Angst. Karrieregeile Kleinstadtbewohnerinnen. Ich werde hier nie wegkommen. Und ich werde lachend in mein Grab hineingehen. Hier will ich weder leben noch sterben. Hier bin ich schon tot. Was für ein Teenie-Geschwafel.

Ich fühle mich jedenfalls gerade nicht im Stande irgendjemand entgegen zu treten. Ein „Hallo“ fühlt sich sehr sehr anstrengend an und selbst die Minuten mit meinen Freunden sind kräftezehrend. Ich denke laut über Terrorismusmetaphern nach und weiß, wie sehr das für mich nicht in Frage kommt. Es gibt Dinge, die ich nicht verhandeln kann. Menschenwürde. Recht auf würdiges Leben, auf würdigen Tod.

An einem Ende der befeierten Stadt befindet sich ein Grab für die anonymen, verstorbenen Flüchtlinge, die wir – du und ich – im Mittelmeer haben ertrinken lassen. Das waren nicht irgendwelche Schleuser, die Geld machen wollten. Das waren wir. Wir haben Blut an den Händen und Salzwasser in den Augen. Es brennt, aber immer noch nicht genug.
Manche Leute sehen das Grab und fragen einander, ob es an die Terrorismusopfer in Tunesien erinnern soll. Dabei erinnert es an den Terror, den wir unseren Schwestern und Brüdern allerlei Geschlechts antun. Aber niemand ist gerne kollateralschuldig und niemand ist bereit etwas dagegen zu tun.

Vielleicht muss ich mich auch an die eigene Nase fassen. Autoerotisch. Mein Lebensentwurf ist gescheitert. Aus mir wird nichts mehr. Nicht mehr zumindest als die Leute, auf die mein Vater manchmal zeigt und sagt, dass sie in ihrem Leben nichts erreicht hätten. Lumpenproletariat würde Marx sagen. Mein Vater spricht von Alkoholikern und klingt fast neidisch. Alle würden diesen oder jeden Menschen, jenen Versager, kennen.

Ich will nicht gekannt werden. Menschen machen mir Angst. Das Leben macht mir Angst. Ich will mit meiner Plüschkatze in ein Bett liegen und für immer schlafen. Den Schmerz habe ich verdient. Irgendwie. Vielleicht, weil ich mir die Heilung nicht leisten kann.

Immer noch Musik. Ska? Reggae? Irgendwas für „Junge Leute“ zu denen ich nie Anschluss fand und auch nie Anschluss finden will. Ich denk‘ im Traum nicht dran, ’nem Club beizutreten, der bereit ist, jemanden wie mich aufzunehmen.

[…]

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