siamo tutti antifascisti (312)

300 Antifaschist_innen spazierten gestern durch Rottenburg. Die Geflüchtetenunterkunft hatte gebrannt, und auch wenn unklar ist, warum, sollte Solidarität gezeigt werden. Fremdenhass – egal, ob der Anlass nun ein solcher Fall war oder nicht – sollte in dieser Stadt keinen Platz haben. Hat er aber, wie mehrere Redner_innen bei der Kundgebung auf dem Marktplatz feststellten. Das beginnt bei dem Übergriff auf zwei Gambierinnen kurz vor Weihnachten 2014, geht über manche rechtsradikalen Parolen und Aufkleber, steckt aber auch in unserem Gewerbegebiet in Form des Kopp-Verlag, der unter dem festen Glauben an „Meinungsfreiheit“ – neben Ufo-Verschwörungsleuten und Aluhutträger_innen – auch rechten Hetzern und deren „Konservativen“ Vordenkern Platz bietet. Der Rassismus steckt letztlich aber auch in unseren Köpfen – und ich nehme mich davon nicht aus -, in unseren Behörden und Verwaltungen. Nazis morden, der Staat schiebt ab. Das ist das gleiche Rassistenpack! (Ist das so?)

Dabei zeigt sich, wie gespalten diese Bewegung(en) eigentlich sind. Halten wir die „internationale Solidarität“ hoch, oder sind die „antinationale“? „Grenzen auf, überall! – Stacheldraht zu Altmetall!“? „Gegen das Konstrukt von Gender und Nation, für die soziale Revolution!“? Sind das wirklich Parolen, die ich mittragen kann? Und wenn nein, wenn einzelne Schilder meine Meinung nicht widerspiegeln, sollte ich dennoch solidarisch sein?

Mein Vater rief mich heute an. Er hatte mich im Demozug gesehen, und war sich wohl zunächst nicht sicher, ob hier Rechte oder Linke demonstrieren. Und ich gebe zu, der schwarze Block auf der einen Seite und Entwicklungen wie „Nipster“ auf der anderen machen eine Unterscheidung im vorbeigehen schwierig. Er lobte mich, sagte wie wichtig die Arbeit von Antifaschist_innen sei, und dass niemals mehr so etwas passieren dürfe wie 1933. Er sagte, er hätte auch demonstriert, hätte ich ihm bescheid gesagt.

Hätte ich ihn einladen sollen, wo ich mir selbst nicht sicher bin, ob ich dort hingehöre? Ob ich alles mittrage, was mitgetragen wird? Ob ich jeder Rede zustimme? Muss ich das auf einer Demo überhaupt. Blick nach links, Blick nach rechts. Vor mir nette Leute, nach mir nette Leute. Gehöre ich hier hin? Wirklich? Sind wir auf der richtigen Seite?

Einerseits: Nach den Informationen, die wir bisher haben, ist ein Brandanschlag zunehmend unwahrscheinlich. Andererseits: Die Angst, hier nicht willkommen zu sein, hier dem Krieg und dem Hass und der Verfolgung nicht entkommen zu sein, sah und sieht man in den Gesichtern. Solidarität ist angebracht, antifaschistische Strukturen sind aufzubauen, Kritik zu äußern, Hilfe zu geben. Eine Frau, ein Kopftuch tragend, winkte aus ihrem Fenster, während der Demozug „Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here!“ skandierte. Sie weinte, ich glaube aus Freude.

Wir brauchen nicht abwarten, ob ein Verbrechen begangen wurde, oder ein Unfall passierte, um den Menschen bei uns zu zeigen, dass wir da sind und sie hier wollen. Wir brauchen keinen Beweis von Hass, um Nächstenliebe zu zeigen. Egal, ob es hier einen Anlass gab, oder dieser sich als nur gefühlt herausstellt: Refugees are welcome. Dafür sollten wir auf die Straße gehen, dafür sollten wir praktische Hilfe leisten.

Dass wir dabei untereinander unterschiedliche, teilweise sich radikal unterscheidende Ansichten haben (Finde z.B. „Solidarität muss Praxis werden, Feuer und Flamme den Abschiebebehörden!“ jetzt eher … meh.), ändert nichts an zwei meiner Meinung nach ziemlich großen, gemeinsamen Nennern: Kein Mensch ist illegal. und Siamo tutti antifascisti.

Wie praktisch das ganze ist – ob man nun sein Kind fürs Mitlaufen lobt, man sich aktiv in Gruppen organisiert, ob man Rassisten rauswirft oder offen Menschenfreundlich ist -, welches Ziel man anstrebt und mit welchen Mitteln, ist dann vielleicht erstmal nicht so wichtig.

2 Antworten auf „siamo tutti antifascisti (312)“

  1. „Der Zweck heiligt die Mittel“ … „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ … hmm, man verzeihe mir meine Bauchschmerzen.

    PS: Ich möchte wirklich nicht in einem Ausländeramt arbeiten. Die einen brüllen mich an, weil ich Menschen, deren Asylantrag negativ bewertet wurde, abschiebe. Die anderen brüllen mich an, weil ich Menschen, deren Asylantrag negativ bewertet wurde, nicht abschiebe.

    1. Deine Bauchschmerzen müssen dir nicht verziehen werden. Dass mir die Lage, so wie sie sich darstellt, Bauchschmerzen bereitet, hab ich hoffentlich verständlich dargestellt.

      Wirfst du mir jetzt vor, dass mir das gemeinsame Ziel wichtiger ist als die – wenn auch deutlichen – Unterschiede in anderen Meinungen und Teilbereichen?

      bzgl. PS: Ja, d’accord. Ich glaube, auch in allen anderen staatlichen Behörden wird man grundsätzlich nur blöd angemacht.

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