Enteignet fefe! (1)

In irgendeiner der hunderten WG-Küchen der BRD muss er entstanden sein. Am Frühstückstisch. Eine Frau, ein Mann, jedenfalls noch ohne richtige Kleidung . Vielleicht trug er oder sie keine Hose, vielleicht kein Hemd, jedenfalls muss es warm gewesen sein an diesem Morgen. Auf dem Frühstückstisch lag eine der hunderten Zeitungen, die in anderen WG-Küchen-artigen Redaktionsräumen als Reaktionsräume auf die kapitalistische ‚Einheitspresse‘ entstanden ist. Linke Tageszeitungen, sowas wie man heute die ‚taz‘ nennen würde. Jedenfalls saßen dort, so jedenfalls stelle ich mir das vor, ein paar junge Menschen Anfang Ende Zwanzig zusammen und redeten einmal mehr, was genau falsch läuft in diesem Land. Und dann sagte eine oder einer, der oder die ohne Hemd oder Hose dasaß und Kaffee trank, dass das Übel doch die Bildzeitung sei, und man diese doch gefälligst verbieten sollte. Und ein anderer, der immer die Parolen formte, rief laut aus: ‚Ja, ganz genau!! Enteignet Springer!!‘ Und da war es in der Welt. Zumindest, zündet er sich eine Zigarette an, denke ich, dass es so war. Dabei war ich ja nicht. Ich weiß nicht, ob das so gemeint ist, wie ich es verstehe.

„Wie verstehst du es denn?“ fragt mich eine verschlafene Mottenfrisur vom anderen Ende des Sperrmülltisches. Ich schmiere mein Brot ungeachtet weiter und sage dann, „Na, vielleicht so wie bei fefe. Den sollte man auch enteignen.“ Dabei lache ich leicht, so dass man hört, dass ich das eigentlich nicht ernst meinen kann.

Aber damals war das sicher ernst gemeint. Es war eine Parole, aber der Hass auf das kapitalistische Herrschaftssystem und die BILD als deren Sprachrohr, als deren willfähigen Henker, war ernst. Wer fefe kritisiert, sagt oft wenig gegen Felix von Leitner, der eben seine Meinungen und Ansichten hat – oft begründet, oft kritikwürdig, oft eben vom beruflichen Background geprägt, … Was kritisiert werden muss, ist die fefearmy, die ihm blind folgende Leser_innenschaft, die auch den größten Unsinn glaubt – obwohl von Leitner auf seine Medienkompetenz-Spielchen mehrfach hingewiesen hat. Dazu kommen die „Ich lese fefe nur wegen des Sportteils“-Leute, vergleichbar nur mit „ironischen“ BILD-Lesern. Vielleicht mag ich auch fefe nicht, weil er sich immer raushalten will und so tut, als wisse er alles besser.

[…]

Ich meine, ich lese es ja selbst. (Böser Blick von Mottenfrisur.) Und ich merke, wie sich mein Weltbild darüber verändert hat. Nein! Doch! Oh! Wie ich zynischer geworden bin. Wie ich kapitalismus- und staatskritischer wurde. Leute, die Bild lesen, sehen die Welt auch anders. Sehen mehr Ausländerheime, mehr „Pleite-Griechen“, mehr potenzielle Grillstellen. Nein, hier kommt kein Max-Goldt-Zitat. Und so, wie die Bild-Lesenden langsam zu Bild-Lesern mutieren, Empathie verlieren, Lügen glauben, so verändert Fefe auch seine Leser. Und das macht ihn gefährlich. Das macht seine Leserschaft gefährlich.

Was der Analogwelt die Filterung und Veränderung durch BILD ist, ist im Internet die gefilterte und veränderte Welt auf blog.fefe.de. Es gibt eine Bevölkerungsschicht – und die ist nicht gerade klein -, die vertraut diesen Medien blind.

Weil sie eine Linksammlung liest, statt Nachrichten. Weil sie subjektive Kommentierungen einer Einzelperson für absolute Wahrheit hält. Fefe hat seine Berechtigung, BILD hat seine Berechtigung. Aber dennoch, für mich, für diesen Typen mit den Parolen, für die Morgenzigarette und den kalten Kaffee, für die eine oder den einen ohne Hose oder ohne Hemd, jedenfalls, für all das rufe ich:

Enteignet fefe!

Dabei trinke ich meinen Tee, schaue aus dem Fenster und klicke mich wieder rein. Hat er was neues gepostet? Wann gibt’s endlich neue Links?

button-fefe

Fefe lesen muss peinlich werden. Wir müssen ihn auf dem Klo lesen, heimlich, kritisch, wohl wissend, wie er die Welt zeichnet. Natürlich gibt es auch die gebildeten, die klugen, die verständigen fefe-Leser_innen. Aber vielen schäumt der Mund. PI-News für Leute, die was von Computern verstehen. BILD für Leute mit Internetanschluss. Die gelebte Selbstüberschätzung, bei allem und jedem mitreden zu können – und damit hat er Erfolg. So wie Spreeblick nur ein mittelmäßiges Großstadtprovinzblog ist, welches für die Qualität der Einträge eine schon lächerlich große Reichweite besitzt, ist fefe zu groß für was er macht.

Die Folgen sind nicht abzuschätzen.


Hinweis: Der Bild/fefe-Vergleich stammt von Michael Seemann. (Jüngere fefe-Kritik.)
Hinweis II: Natürlich schlage ich nicht wirklich vor, fefe zu enteignen. Ist ja völlig ok, dass es das gibt. Fand den Vergleich zu Springer – insbesondere die Frage, ob das Blog vergleichbar ist mit der Bild-Zeitung in den 1970ern – interessant. (Und ja, es gibt tatsächlich Buttons. Frankierter Rückumschlag an die Adresse im Impressum oder sehr freundliche Mail. Solange Vorrat reicht.)
Hinweis III: Als dieser Text im August 2015 entstand, hatte ich für die (gewagte wahnsinnige) These, fefe’s Blog verändere die Wahrnehmung seiner Lesendenschaft so wie die Bild-Zeitung die Wahrnehmung ihre Lesendenschaft beeinflusst, kaum einen konkreten Hinweis. Nun lieferte fefe selbst einen nach. Anfang November fragte er seine Leser_innen nach ihrem Eindruck zur Presse: Die große Mehrheit habe, so eine erste Drübersicht über die Mails, kein Vertrauen in Presse und äußere dies mit emotionalen Begriffen. Stichwort Lügenpresse. Ich bin davon überzeugt, dass diese Ansichten nicht an der Altersgruppe o.Ä. liegt, sondern dass die fefearmy überdurchschnittlich kritisch bis hin zu nichts-mehr-vertrauenfähig gegenüber Presse ist. Das Lesen von fefe’s Blog mit allem Realitäts-Bullshit und Verschwörungs-Shit verändert die Wahrnehmung seiner Leser_innen. Daher sind sie als ’neutrale‘ Untersuchungsgruppe nicht mehr brauchbar.

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