Am Tag haben wir keine Chance.

Wir gehen nachts ins Viertel der Reichen und holen uns unseren Lohn. Wir lassen uns nicht mehr bescheißen. Zu lange warten wir schon.“
– Zusamm-Rottung: Selbstabholer. In: Ders.: Widerstand, 1993.

1993 war die Welt auch noch nicht ok. Zusamm-Rottung, eine Punkband aus Brandenburg, rief auf ihrem Album „Widerstand“ dazu auf, man solle doch von den Reichen stehlen. Verharmlosend betitelten sie diesen Aufruf zu Straftaten als „Selbstabholer“ und beschrieben detailreich, wie sie in die Villen von „Bonzenschweinen“ einbrächen. 4 Minuten und 6 Sekunden Revolutionsaufruf. Ein paar Lieder zuvor, in „Selbstjustiz“ heißt es „Ich hab tausend mal gezweifelt, doch jetzt bin ich bereit: Für jeden Bonzen eine Autobombe, und um 12 Uhr Mittags jagen wir sie in die Luft. Ich hör‘ schon den Knall in meinen Ohren, und mit einem Schlag sind wir führungslos.“ Die Musik ist schwungvoll, und würde man nicht mit kaltem Rücken verstehen, was hier gesungen wird, so wäre man wohl bewegt, mitzusummen.

Niemand hat diese „Pläne“ umgesetzt und wir sollten dankbar sein, dass dies ’nur‘ Fiktion, ’nur‘ Kunst ist, und kein politisches Programm. Dass Menschen in unserer Gesellschaft Ängste, Wut und Frust in Kulturprodukte umsetzen können, dass ein zwischenmenschlicher Zusammenhalt, ein Zusammenleben möglich ist, in dem ganz selbstverständlich das besetze Haus neben der Kirche und dem Supermarkt existieren darf und soll. Zumindest war dies lange Zeit so.

„Ja ich weiß Gewalt ist keine Lösung, doch von wem geht die Gewalt eigentlich aus?“

[…]

Über 20 Jahre später ist die Welt kein freundlicherer Ort geworden, hauptsächlich, weil wir aktiv daran mitgearbeitet haben, sie zu einem schlechteren Ort zu machen. Ich sitze da und höre über die Lautsprecher eines in einem Ausbeuterbetrieb in Fernost hergestellten Computer. Die Server, über die ich zum Internet verbunden bin, werden unter anderem mit Kohle betrieben. Eine Vielzahl von Menschen arbeitet daran, mich und dich zu überwachen und darauf zu achten, dass niemand „Bombe“ sagt oder Autos anzündet.

Gestern [d.h. Anfang November] saß neben mir eine junge Frau im Zug. Flüsterabteil, doch sie und ihre Freunde sprachen lautstark über ihre Schulkameraden und Shopping und sie knisterte mit ihrer Einkaufstüte.

[…] Wer gibt dir das Recht dich über unausgesprochene Regeln hinwegzusetzen? Götzen zu frönen, da, wo die Andacht Raum haben soll – oder man zumindest seinen Mund hält. Wer gibt den Dieben das Recht zu stehlen? Wer gibt dem Terroristen das Recht, Bomben zu zünden? Wem gibt der Künstler das Recht, Kunst zu schaffen? Wer erlaubt den Kapitalisten, auszubeuten?

Irgendwie machen wir alle das. Weil wir nicht genug widersprechen – oder miterlauben? Jedenfalls ist Stehlen & Sprengen keine Lösung. Aber darüber singen und Fragen stellen… könnte ein Teil des Weges dorthin sein.

[…]

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