Nachbar, erbarme dich unser.

[Dezember 2015]

Es ist wieder die Zeit der Lieferungen. Ich habe ein großes Irgendwas, eingeschlagen in Papier, und versuche es loszuwerden an der darauf angetackerten Adresse.

Altpapierfest

Klingeln, klingeln, klingeln. Das Haus liegt dunkel da. Niemand öffnet. Seufzen. Warum muss die Zeit, in der die meisten noch arbeiten oder einkaufen gehen, sich so überschneiden, mit der Zeit, wo alle etwas ausgeliefert wissen wollen? Wo sind die Daheimbleibenden, bereit etwas entgegenzunehmen?

Ich blicke mich um. Welches Haus sieht aus, als würden dort Menschen wohnen. Normalerweise versuche ich das nächste auszuwählen, aber damit ging ich auch schon schwer an. Rekord bisher: 500 Meter Weg und alle Häuser im Umkreis abgeklingelt. Alle. Niemand da, oder schlimmer, „Ne, für die können wir das nicht annehmen.“ Oft erkennt man es am Alter: Menschen über 40 sind meistens hilfsbereiter als die 30-jährigen, ab 60 wird die Hilfsbereitschaft dann wieder sehr gering. Damals nahmen das schließlich Leute direkt gegenüber an, deren Klingel ich auch schon hoffnungsvoll betätigt und bewartet hatte, die sich mein Trauerspiel von oben betrachteten und letztlich doch erbarmten.

Jedenfalls ist es heute kalt und ich blicke mich um. Als wäre die Welt letzte Woche ausgestorben und ich wäre ein Geist, der Dinge in Papier abliefern muss, um endlich Ruhe finden zu können. Ich laufe wahllos in eine Richtung, kontrolliere: Kann man von diesem Fenster aus das Licht im Zielhaus sehen? Oh, ein Mensch! Hallo, hallo; entschuldigen Sie bitte die Störung, ich habe hier eine Lieferung für dieses Haus, allerdings ist dort niemand anwesend. Weder in der noch in einer der anderen Wohnungen. Könnten Sie diesen [Ding] entgegennehmen? Er blickt mich an. Ja, ok. Die sind vielleicht in der Schweiz.

Schön, dafür bin ich hergekommen. Um zu hören, dass die Empfänger nicht im Land sind.

Nungut, immerhin bin ich das Papiermonster los. Nächster Schritt: Hinweiskarte in den Briefkasten werfen. Hinweiskarte… Hinweiskarte…. fuck. Ich muss die verloren haben. Zurücklaufen und suchen. Etwa auf der Hälfte der Strecke liegt sie dann: Ich schnappe sie, fülle sie so unleserlich ich nur kann, aus, werfe sie ein, und ziehe unzufrieden ab.

[…]

Entweder muss der Einzelhandel aussterben und wir sind alle nur noch daheim – (Allgemeines Aufatmen aller Introvertierten) -, oder wir lassen den Lieferbullshit einfach wieder. Aber beides funktioniert nicht.

2 Antworten auf „Nachbar, erbarme dich unser.“

  1. deswegen bestelle ich auch nicht mehr im internet, weil ich so ein verdammter gutmensch bin, ha, unwort des jahres.
    wusste gar nicht, dass du pakete auslieferst. das muss ein mega kack job sein. würde ich nicht machen.

    1. Oh, verzeihung, dann war das Missverständlich. Hab an Weihnachten im Blumengeschäft meines Bruders ausgeholfen (minimal). Waren also keine Pakete, sondern Sträuße. (Und die werden gefühlt noch ungerner angenommen, weil sie ja Wasser usw. brauchen).

      Allgemein Sachen liefern ist aber ein kack job. Andererseits ist Boykott auch doof, weil die Kackjobs zumindest Jobs sind, mit der Möglichkeit über Streiks etc. die Bedingungen zu verbessern. Arbeitslose können dagegen nicht streiken und so ihre Lebensbedingungen verbessern.

      Hm. Alles kompliziert immer. :/

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