Wirr ist das Volk (434)

Ausgeschwiegen. Ich schreibe wieder! Aber schicke dann doch nicht ab. Fürs Kürzen habe ich gerade keinen Kopf und irgendwie… brennt dieser Leserbriefentwurf nicht genug, um ihn abzuschicken.

Leserbriefentwurf vom 7. Jänner 2016
Der Landtagswahlkampf ist da und – zum Unmut aller – ich auch wieder. Zu meinem Unmut dürfen wir uns dieses Jahr wieder mit rechten Populisten herumschlagen. So, wie die Frühjahrsschmelze Matsch und Dreck aus dem unzivilisierten Hinterland in die Städte spült, reitet die AfD – möglicherweise – auf der angeblichen „Flüchlingswelle“ und gesalzener Homophobie als brauner Dreck in den Landtag, so wie einst die REP. Also, wenn Sie da nix dagegen machen. Renate Angstmann-Koch, die in ihrem „Übrigens“ über die Chancen der AfD schreibt, scheint darüber auch nicht sonderlich glücklich.

Dabei behauptet sie aber zwei Dinge, die mMn so nicht stimmen: 1. Es habe kaum noch jemand die AfD auf dem Schirm gehabt und 2. bei ihrer „Demo für alle“ ginge es um den Bildungsplan. Zu 1.: Es gibt zahlreiche Gruppen wie das „Offene Treffen gegen Faschismus und Rassismus“ in Tübingen, die aktiv Informationen über die AfD gesammelt haben, ihre Umtriebe beobachten und mit buntem Protest gegen diese ewig Gestrigen vorgingen. Natürlich sind viele dieser Aktivisten ideologisch geprägt und fantasieren gar von Kommun- und Anarchismus, aber das macht ihre ‚ehrenamtliche Arbeit‘ nicht weniger wert.

Zu 2.: Die Demof’alle: Nach außen hin wird gegen den Bildungsplan und den Aktionsplan für die Gleichstellung Homosexueller „argumentiert“, tatsächlich geht es aber um einen Rollback, ein Zurück in eine Zeit, als das Ausleben von Homosexualität noch strafbar war, als man Kinder anlog, Menschen verteufelte und Identität noch mehr als heute gesellschaftlichen Zwängen untergeordnet werden musste.

Religion ja, Glauben ja, Familie ja, aber keine Familie des Leidens und der Selbstverleugnung. Keine Familie des Hass auf die Nachbarn, auf Kolleg_innen und politischen Feinde. Vieles ist so weit weg von der Realität, dass es ähnlich schwer zu widerlegen ist wie die Behauptungen der Star-Wars-Filme. Bedauerlicherweise ist das „Genderterror“-Märchen der AfD weit weniger unterhaltsam.

Faktisch demonstriert die AfD hier gegen Werte des Grundgesetzes (z.B. Artikel 1) und Jahrzehnte alter internationaler Bewegungen. Das ganze ist tief vermengt mit religiösem Fundamentalismus, mit Verschwörungstheorien und teilweise demonstrieren auch Rechtsextremen (z.B. „Berserker Pfortzheim“) mit. Dabei kam bei den vergangenen Demos leider auch zu Ausschreitungen zwischen einzelnen, autonomen Antifaschist_innen, Rechtsextremen und den Polizisten, die die Nazis beschützen müssen. Provokationen auf allen Seiten und plötzlich steht man als friedlicher Demonstrant von berittenen Polizisten umzingelt. Kein gutes Gefühl.

Die AfD macht nicht nur mit Angst vor Flüchtlingen Wahlkampf. Sie macht auch Angst vor Homosexuellen, vor dem angeblichen „Genderwahn“, vor der Freiheit der Wissenschaft und den Werten des Grundgesetzes. Sie missbraucht religiöse Gefühle für ihre Botschaft der Trennung und der Ausgrenzung. Wenn sie damit Erfolg hat, dann auch deshalb, weil wir es zugelassen haben.

Immerhin hat die Polizei das letzte mal ordentlich eingegriffen und linke Terrorist_innen wie diese junge Frau festgenommen: https://twitter.com/hirschbambule/status/653540712936554496

Tagsdrauf sendete ich doch noch einen Entwurf ab. Ob er angekommen ist, weiß ich leider nicht. Das neue Leserbriefportal scheint keine E-Mail-Bestätigungen mehr auszuliefern. Oder es hat schlicht nicht geklappt. Jedenfalls versuchte ich diesen Entwurf einzureichen:

Entwurf vom 8. Januar 2016. Veröffentlichung unklar.
Es ist nicht nur die „Asyldiskussion“, welche der AfD in die Hände spielt. Es ist auch die Angst vor einer wissenschaftlichen Analysekategorie, „Gender“; Angst vor Theorien, die vielleicht helfen, manche Dinge zu erklären, manche Dinge besser zu machen, manche Ziele, die wir uns gemeinsam gesetzt haben, umzusetzen. Sowas wie „Menschenwürde“ und „Gleichstellung“, vielleicht. Aber eben auch nur Theorien, nur eine Analysekategorie, Wissenschaft. Kein Plan zur Umgestaltung der Welt. Kein „Genderterror“, wie es manche Verschwörungstheoretiker verbreiten. Die Kirche bleibt im Dorf.

Wenn die AfD – zusammen mit „christlichen“ Gruppen, die sich für „die“ Familie einsetzen und für welche Nächstenliebe offenbar fremd ist – zwei Wochen vor der Landtagswahl wieder ihre „Demo für alle“ abhält, dann ist das kein Widerstand gegen einen Bildungsplan. Es ist nicht rassistisch oder homophob. Es ist ein Widerstand gegen die Grundwerte unserer Verfassung, ein Rollback, ein Zurück in längst Überwundenes. Die AfD mag dabei noch in einem Rahmen bleiben, der nicht „verfassungsfeindlich“ ist, aber in ihren Positionen, in ihren Reden, in ihren Betonungen, in ihren Plakaten und in den Teilnehmer_innen ihrer Demonstrationen – unter anderem die Berserker Pforzheim – brodelt leider zu oft eine braune, ewig gestrige Brühe.

Es freut mich, dass die AfD gewählt werden kann, aber ich bin dankbar für jede einzelne Stimme, die sie nicht bekommt.
Auf einen spannenden Wahlkampf!

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