Das Mittelalter ist nur so einseitig, wie wir es betrachten wollen.

Beef mit dem eigenen Studienfach anfangen. Kann ich.

Leserbriefentwurf vom 26. Februar 2016.
Wurde eingereicht, aber meines Wissens nach nicht veröffentlicht. Veröffentlicht am 8. März.

Großes Lob an die Germanistik-Studierenden für die Inszenierung des Nibelungenliedes. Gleich zwei Artikel in den letzten Tagen und auch andere Medien berichteten davon. Völlig zurecht. Dennoch wird dabei immer wieder etwas suggeriert, was so nicht haltbar ist:
Auch wenn das Nibelungenlied in seiner Mittelhochdeutschen ‚Fassung‘ einen großen Wert für die Forschung hat, darf nicht vergessen werden, dass diese Sprachstufe – das „Mittelhochdeutsche“ – nur eine von zahlreichen „deutschen“ ist, die sich noch dazu in hunderte von regionalen Dialekten und Soziolekten aufteilen.

Die Germanische Mediävistik ist in Tübingen mit drei Professor_innen besetzt, dazu ein gutes Dutzend Mitarbeiter_innen und Lehrbeauftragte.
Diese Betonung aber auf EINE Mediävistik macht andere unsichtbar: Wo ist eine entsprechend große Altanglistik? Wo das mittelalterliche Latein, in dem die meisten Texte verfasst wurden? Warum wird der Skandinavistik, die ebenso in den europäischen Kontext beispielsweise des Nibelungenliedes einführen kann – die tragische Handlung um Siegfried und Kriemhild beruht auf Sigurd und Gudrún in der Völsunga saga -, die Weiterexistenz so schwer gemacht?

Von einem „Mittelhochdeutschen Mittelalter“ auszugehen ist schlicht abwegig. Das Mittelalter ist bunter als es die einseitige Betonung des Nibelungenliedes glauben machen lässt. Das bedeutet nicht, dass es oder die germanische Mediävistik schlecht seien, im Gegenteil, es bedeutet nur: Es gibt noch viel mehr zu entdecken.

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