Gutes Deutsches Sprache (374).

Eigtl. wollte ich Beef mit jemand* anfangen, die*der sich über Verwendung der „Flüchtlinge“ und „Geflüchtete“ empörte. Aber dann hab ich doch nix abgeschickt.

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Verehrte Tagblatt-Autor*innen, liebe Lesende,

letzte Woche erreicht Dich und uns eine Bitte: „Die Redaktion möge aus dem guten deutschen Wortschatz schöpfen und keinen unsinnigen Moden hinterherlaufen.“

Genannt wurden dann „Flüchtlinge“ und „Geflüchtete“. Aber auch die Unterscheidung von „Zuhörern“ und „Zuhörende“. (Sind sie nur Zuhörer, oder Hören sie wirklich zu?)

Nun, dann nehme ick mir jetzt ma‘ den schlechten deutschen Wortschatz und answere: Ich vet nich, ob es wirklich bekannt ist, aber: Diese Sprache, das „Deutsche“, die wir hier gerade lesen, lebt. Es gibt niemand*e, welche*r vorschreiben dürfte, wie du&ick schreiben. Auch der Duden nicht! Alles nur Empfehlungen. Erweist sich ein Wort oder eine Norm als unpassend, entwickelt sich eine neue. So läuft das.
Im Gegensatz etwa zum Lateinischen, wo es einigermaßen feste Formen gibt, verändert sich diese unsere Sprache. Durch neue Produkte – etwa den Keks (ein Anglizismus!) -, oder aber auch, weil Menschen Dinge anders sagen wollen.

Eine gute Zeitung ist sich der Wirkung ihrer Worte bewusst. Würden Sie – wie noch vor wenigen hundert Jahren – von „Weibern“ reden, wenn Sie „weibliche Menschen“ meinen, würde man sie wohl zurecht missverstehen. Ebenso verhält es sich mit „Geflüchtete“ und „Flüchtling“. Hier sind schlicht unterschiedliche Assoziationen geweckt und unterschiedliche Bedeutungen intendiert.

In einem Interview in DIE ZEIT vom 25.02.16 mit der Linguistin Elisabeth Wehling behauptet diese: ‚Die Endung „-ling“ macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an „Schreiberling“ oder „Schönling“.‘

In wie weit eine möglichst eingedampfte, kleine und genormte Sprache schön sein soll, ist mir schleierhaft. Schreiben Sie bitte weiter, wie sie wollen, liebes Tagblatt. Wir wollen verstehen, was gemeint ist, nicht ein 100%-korrektes Gutdeutsch.

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Bitte, liebes Tagblatt, werfen sie den „guten deutschen Wortschatz“ weg und schreiben so, wie es Dir*Ihnen richtig erscheint. Egal ob Dialekt, Anglizismus (Keks!), irritierend gegendert (Leser*innen) oder substantiviertes Partizip Perfekt. Sprache vermittelt – auch unbewusst – Inhalte und Bedeutungen. „Weib“ ist kein neutrales Wort und Flüchtling ists – auch wenn es üblich ist – ebensowenig (männlich + „ling“ als (negative) Verkleinerung). (vgl. dazu das Interview mit Elisabeth Wehling in DIE ZEIT Nr. 10/2016)

Übrigens gibt es bereits im 19. Jahrhundert Belege für die Verwendung des Wortes „Geflüchtete“, was bedeutet, dass man den „guten deutschen Wortschatz“ wohl vor 1800 zu suchen hat. Aber dann bitte auch in Fraktur!

Die deutsche Sprache ist bunt und lebendig. Und in jeder Dönerbude höre ich ein schöneres Deutsch als bei den ewigen Sprachnörglern. Jede*r sollte so schreiben und denken, wie es zum Ausdruck und Verständnis am förderlichsten ist. Und wenn es mal nicht funktioniert, fragt man nach.

Eine Sprachzensur findet nicht statt!

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