Reden aber, zu verstecken den Redner

Universitäten sind alles andere als demokratisch organisiert. Sie sind streng hierarchisiert und eine Mehrheit der Universitätsangehörigen hat nicht unbedingt eine Stimme, die gehört wird. Viel mehr ist es so, dass an Universitäten das Ständesystem weiterhin existiert: Gewählt wird nicht demokratisch-grundsätzlich alle gleich, sondern nach sogenannten „Statusgruppen“. 13 Plätze im Senat der Uni Tübingen sind qua Amt an Professor*innen vergeben: An die Personen des Rektorats, die Gleichstellungsbeauftagte sowie an die sieben Dekane. Die restlichen 17 Plätze verteilen sich über Wahllisten nach Statusgruppen: 1600 Sonstige Mitarbeiter*innen, rund 4000 Akademische Mitarbeiter*innen und – damals – 26.000 Studierende erhalten jeweils vier Sitze, die weniger als 500 Professor*innen nochmals fünf. Somit entscheiden an der Universität Tübingen weniger als 500 Professor*innen über 5 der Plätze im Senat direkt, indirekt über Wahlen innerhalb der einzelnen Fakultäten und auf zentraler Ebene aber über weitere 13 Plätze (qua Amt).

Klarer ausgedrückt: Die Stimme einer Studentin, ebenso erwachsen und mündig wie jede*r andere* an der Universität, ist nicht einmal ein Fünfzigstel der Stimme einer Professor*in wert. Sechs Studierende müssen wählen, um die Stimme eines Akademischen Mitarbeiter aufzuwiegen.

Ältere Herren machen manchmal rassistische Witze über unterschiedliche, große Menschengruppen. Über Studierende könnte man ebenso fragen, warum man so viele davon braucht, und ebenso böse lachend, wie die älteren Herren, antworten, „Weil sie nichts taugen“.

Allerdings ist hier noch nicht eingerechnet, dass alle Gewählten mindestens 4 Jahre im Amt bleiben dürfen – außer die Studierenden. Diese werden nach einem Jahr ausgetauscht. Somit zählt die Stimme des von demokratischem Eifer beseelten Studenten noch einmal deutlich weniger. Somit sind es keine Sechs, sondern eigentlich 24 Studierende, welche sich zu einer Wahlurne schleppen müssen, und eine bewusste Entscheidung für Kandidat*innen treffen müssen, um die eine motivierte akademische Mitarbeiter*in auszugleichen. Wie es mit Professor*innen aussieht, möchte ich gar nicht erst ausrechnen.

Wundert sich irgendjemand, dass die Wahlbeteiligung unter den Studierenden so gering ist? Verstehen wir wirklich das unter einer demokratischen Hochschule? Hinzu kommt die systemische, nicht unbedingt beabsichtigte Benachteiligung der Studierendenvertreter*innen:

Geringere Einarbeitungszeiten; erschwerter Zugang zu Unterlagen; Mitwirkung in der akademischen Selbstverwaltung nicht als selbstverständlicher Teil, sondern als potenziell Studienzeitverlängerndes Freizeit’vergnügen‘.

Wie soll das einzelne Gremienmitglied sich durch den Wust an Informationen kämpfen? Wie soll jemand*e, welche in den Wirtschaftswissenschaften beheimatet ist, eine substanzielle Aussage über die Sinnhaftigkeit eines Antrags aus den Theologien entscheiden? Nur die Zusammenarbeit der Studierenden könnte hier überhaupt weiterhelfen, wenn sich Menschen untereinander solidarisch zeigten und die Stimmen der Betroffenen in die Gremien tragen würden, statt mit ihrer eigenen zu sprechen. Aber diese Zusammenarbeit schließen die Universitäten explizit aus, machen fast alle Sitzungen „nichtöffentlich“ und drohen der einen oder anderen Student*in gar mit ernsten Konsequenzen, wenn Informationen nach Außen drängen.

Hinzu kommt, dass meist nur das Rektorat und die Professor*innen überhaupt mehrere Gremien zeitlich besuchen können. In wie weit mit tatsächlich offenen Karten gespielt wird, oder ob nicht doch das eine oder andere mal bewusst Formulierungen gefunden sind, die eine Deutung nahelegen, welche bewusst die Wahrheit… dehnen, ist der Phantasie der Leser*in überlassen. Ich persönlich würde den ‚Führungspersonen‘ einer mehrere Millionen Euro schweren Einrichtung niemals unterstellen, dass sie die Wahrheit verdrehen würden, um an unterschiedlichen Stellen entsprechende Zustimmungen erhalten würden.

Achja, selbstverständlich werden die teilweise hunderten Seiten Unterlagen mit einer Frist von maximal einer Woche verschickt. Dies muss – neben Prüfungen, Klausuren und ab und zu auch Schlafen – ausreichen. Schließlich ist dies privates Vergnügen.

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