Kopfhörer an, Leben aus.

[…]

Die Punkalben sagen schon alles. Und hinten dran läuft noch Gitarrenmusik. Wozu soll ich noch schreiben? Was soll ich noch schreiben? Meine Welt ist stumm. Ich höre nur die Musik. Die Leute ziehen an mir vorbei, die Münder bewegen sich, aber schweigen. Ich höre nur die Musik. Nur, wie mich ein Versager auffordert, die Welt zu verändern. Tu ichs? Nein. Erst noch die Alben zuende hören. Erst noch dieses und jenes raubkopieren. Meine Freund_innen verhungern. Meinen Feind_innen bezahlte ich die Traumhäuser. Gema lieber nach Hause. Elektro-RMX eines Arbeiterliedes. Alles ist nichts. Wozu soll ich noch schreiben? Meine Gedanken im Techno-RMX.

[…]

Ich treibe ab.

Was du liest, ist alles alt. Ich schreibe keine neuen Texte mehr. Ich würfele Texte zusammen aus meinem Lieblingssprüchen. Ich lasse sie hängen, trocknen, wirken. Setze sie in eine Warteschleife. Einen Monat, ein paar Tage mehr oder weniger. Lasse sie reifen. Was ich damals scheiße fand, im Schreiben und Denken, das kann ich heute schätzen und morgen lieben. Ich schrieb wirklich schöne Texte – und schreibe wirklich schöne. Ich sehe das gerade nur nicht. Muss sie hassen. Muss jedes Wort verabscheuen, welches ich schreibe. Muss die Texte abstoßen, wie ungewollte Kinder. Meine Tastatur ist eine Abtreibungsmaschine für ungewollte Gedankengänge. Ich betrachte diese Worte. Denke nach. Lasse meine Gefühle Worte tippen. Schab mein Hirn aus. Es schreit in mir. Was für eine widerliche Vorstellung.

Aus meiner Nase tropft Blut. Hirnmenstruationsbeschwerden. Ich nehme eine Aspirin dagegen. Dann kommt wieder ein Gedanke, eine Frage, eine Idee, die mich befruchtet und ein neues ungewolltes Kind heranwachsen lässt. Doch ich gebäre es nicht. Ich gebäre sie nie. Ich treibe es ab. Unfertiger Schleim. Auslassungspunkte. Kein Text soll wachsen. Ewig leben dürfen. Großgezogen werden. Nein, ich liebe die schnelle Nummer und so soll es bleiben. Erstmal zumindest.

Wie viele Texte habe ich so das Leben genommen? Dutzenden? Hunderten? Tausende. 2357 im alten, nochmal über 1000 in den anderen Blogs. Allein schon 394 Einträge in diesem. Dazu Kommentare, Tweets, Notizbücher, Zettel, alles voller Blut und Gedanken. Blut und Gedanken. Sie liegen da, tot, vergessen. Die schlechten Textideen – wie dieser – und auch die guten.

Natürlich nehme ich Gedankenverhütungsmittel. Sie wirken nur nicht so gut, wenn ich nüchtern bin und Bahn fahre. Wenn Musik läuft. Wenn ich mit Menschen rede, die ich mag. Verhüten tue ich. Ich arbeite und ich schädige mich auch anders selbst. Trinke Alkohol, rauche, lese Zeitung und Twitter. Ich nehme Politiker_innen ernst. Gendere. Ich gehe auf sinnfreie Demos. Alles, nur um Gedanken zu verhüten. Doch wirkt es? Hast du das fuckin‘ Gefühl, dass es etwas bringt? Dass ich mich hier weniger Erbreche in Buchstabensuppe auf deinen Bildschirm?

Nein. Meine Gedanken treibe ich weiter ab und schicke sie als ungeborene Föten ins Netz. Schmiere den Schmodder in Tastaturen und an Häuserwände (metaphorisch). Aber nichts brennt. Nichts in mir. Kein Heizöl, kein Benzin.

Und die Abtreibungsgegner_innen? Die hoffen weiter auf eine Revolution, auf intelligente Bücher und Weltveränderung. Doch ich treibe weiterhin ab. Mein Kopf gehört mir.

Router in die Waschmaschine, Kochwäsche, Vollwaschmittel. Einmal Weißwaschen, bitte.

Fanpost nennt mein Schreibe eine „gewisse egozentrische Selbstdarstellung“. Eine andere Mail einer uralten Freundin erzählt davon, dass sie sich nun bewerben müsse und dass die kümmerlichen Reste, die noch von ihr im Internet zu finden sind – und auf die ich Zugriff hätte (näh?) – verschwinden sollen.

4639 Einträge gibt es von mir in diesem Internet (alle Blogs, die ich verantwortet habe, eingerechnet). Tendenz steigend. Dazu weit über 3000 Tweets, vermutlich tausende von Kommentaren, über 2000 Fotos bei Flickr, Milliarden von Datensätzen bei diversen Firmen, Geheimdiensten, Behörden, Privatleuten. Ich existiere in den Archiven irgendwelcher Dozenten, bei denen ich irgendein Seminar belegt habe zu irgendeiner Zeit – und der unabgeholte Schein liegt wohl auch noch irgendwo. Die Anstrengungen, das „ungeschehen“ zu machen, ist beinahe nicht zu schaffen. Datensparsamkeit, my ass. Ich existiere auch in der Erinnerung meiner Mitmenschen – und kann nichts dagegen tun.

Ist es interessanter, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, ogooglebar, oder ist es nicht auch ganz ok, in dieser Welt zu existieren und gelebt zu haben? Ich fühle mich heute nicht mehr wie ein Buch voller leerer Seiten. Nicht wie eines dieser ekligen Notizbücher, in das die Leute irgendwelche Wichtigkeiten schreiben wollen – und sich dann nicht trauen. Viel mehr sehe ich mich als ein mittelalterlicher Roman. So oft beschriebene Seiten, abgekratze Tinte, ohne Sicherheit, ob eine Aussage wirklich so gemacht wurde, beabsichtigt war. Ich finde meine Schreibe nicht wichtig, oder sinnvoll, sie ist halt da. Notiert auf einem Einkaufszettel, weggeworfen, wiederverwertet.

Ich will nämlich kein langweiliges Fotoblog machen, damit ich irgendwelchen Arbeitgebern gefalle, ich will nicht die „beste Version meines Selbst“ nach außen darstellen. Rotzig und verwirrt, vertippfehlert, das gehört auch dazu. Gelogen, verschleiert, ungenau, das will ich sein. Ich will rauschen. Das Sample in deinem Kopf werden, auf den du deinen ersten Hit schreibst. Los. Ich warte hier.

Damit lassen sich neue Dinge formen. Wenn du jetzt gerade da sitzt und denkst, „Scheiße, na so könnte ich auch schreiben“, dann mach’s. Shit, wir sind hier nicht zum Spaß. Das hier ist harte Arbeit. Schlechtes Schreiben, rotziges, widerliches Wort-Reihen ist auch Arbeit. Ich schreibe in der Hoffnung, dass du das auch tust. Alleine ist das nur Geplapper, zusammen ergeben wir das schönste Rauschen, dass die Welt kennt.

Und ja, deine Mutter findet diesen Eintrag doof. Ich ja auch.
Und ja, vermutlich wird mir jemand irgendwann etwas vorwerfen, was ich vor Jahren schrieb. Aber davor habe ich keine Angst mehr. Denn in den Meeren, die ich schrieb, findet sich zu allem etwas, das man zu meinen Ungunsten auslegen kann. Das ist völlig ok.
Und ja, wer dich mit Scheiße bewerfen möchte, der nimmt diese zuerst einmal in seine eigene Hand.

Ich trage die Überwachung nicht mit.

Ich bin gerne selbst schuld an meiner Lage. Wenn mich jemand nicht leiden kann, dann möchte ich bewusst dafür sorgen. Will jemanden bewusst vergraulen. Wenn mich jemand mag, dann will ich bewusst nett zu diesem Menschen sein – und mir so das Gemocht werden ‚verdienen‘.

„Wir alle sind Träger der Machtordnung, die wir eigentlich abschaffen wollen.” (Schyman 2002.)

Dieser Gedanke gefällt mir. An etwas schuld zu sein, verantwortlich zu sein, eine Änderung herbei führen zu können – oder zu verhindern. Klar, nur gemeinsam geht das, aber ‚gemeinsam‘ heißt ja eben nicht auf alle zu warten oder jemanden von oben bestimmen zu lassen, sondern aus mir selbst heraus – und aus allen anderen heraus. Gemeinsam eine Veränderung zu bewirken bedeutet ersteinmal in sich selbst eine Veränderung zu bewirken – das sagt mir zu. Teil eines Ganzen zu sein bedeutet, sich nicht verstecken zu können, sondern die eigene Mitwirkung durch Mitwirkung vieler wirksam zu machen.

Nun gibt es aber Dinge, die ich in keiner Form mittrage, unterstütze, ja die ich nicht als eine von mir gestützte Machtordnung empfinde, die aber dennoch vorhanden ist – und die ich auch mit großer Anstrengung nicht weg bekommen werde. Der BND brach jahrelang die Verfassung und das ist nicht ok.

Trage ich die Machtunterschiede zwischen Überwachern und Überwachten mit, und kann ich dieses Machtgefüge in irgendeiner Form zerbrechen? Nach meinem jetzigen Kenntnisstand: Nein. Zumindest nicht, ohne alles™ dabei ebenso zu zerstören. Ich habe keine Möglichkeit, beginnend in mir, die mir gegebenen Umstände zu ändern. Kein ‚Marsch durch die Institutionen‘ wird daran etwas ändern. Ist der Rechtsstaat ausgehebelt, kann ich ohne ver-phoenix-en (also Ende und Wiedergeburt) genau gar nichts machen – zumindest fällt mir nichts ein.

Hinzu kommen Hiobsbotschaften wie TTIP und CETA, gegen die allenfalls Rückzugsgefechte (widerliche Kriegsrhetorik!) möglich scheinen. Vielleicht, denke ich in dunklen Stunden, sollte ich einfach zusehen wie unsere und meine Welt an die Wand fährt und hier keine Mühe darauf verwenden, für ein Bremsen zu argumentieren.

Vielleicht wäre es einfacher sich völlig abwegigen Dingen zu widmen. Bei ausreichendem Alkoholkonsum kann ich vielleicht Chemtrails für möglich halten – zumindest solange das meine Leber mitmacht.

Andererseits: In dem ich Teil der Gesellschaft bin, die Überwachung zulässt, bin ich nicht auch Träger dieser? Unterstützte ich nicht durch Steuern, durch Internetnutzung und ‚kritische‘ Blogeinträge (welche Übertreibung!) diesen – ich möchte es so drastisch ausdrücken – Überwachungsstaat? Oder rechtfertige ich ihn nicht durch meine Abneigung dagegen? Bin ich das potenzielle Risiko (welche alberne Vorstellung!), welche den Überwachungsapparat erst notwendig macht?

Oder, abstrakter, fördert der Widerstand gegen Unrecht nicht die Verschärfung des Unrechts? Also, bin ich am Ende doch schuld? So wird es sein.

Sorry, Edward; sorry, alle™; ich bin schuld am Überwachungsstaat.

Rape culture und male privilege in Fasnetskulturen

Triggerwarnung.

Die fünfte Jahreszeit hat eine lange Inkubationszeit – vom 11.11. bis meist in den Februar – und bricht dann gewaltig aus. Meine Heimatstadt hat ihren Umzug traditionell am Fasnachtssonntag, so dass diese tollen Tage für mich stets dort verbracht wurden. In den letzten Jahren mehrt sich aber auch die Kritik: An stupiden Männlichkeitsdarstellungen, an male privilege und rape culture innerhalb der Fasnachtskultur. In den letzten Jahren häuften sich zudem Gruselgeschichten von K.O.-Tropfen in Getränken bei diversen Festversanstaltungen um diese Zeit. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob die Fasnachtszeit nicht aktiv konterfeministisch ist.

Viele Hexenzünfte – insbesondere solche mit ‚langer Tradition‘ – verwehren immer noch Frauen* die Mitgliedschaft. Im Rock und mit anderer Identität steckt dann stets ein Mann*. Das ist ärgerlich und unfair und niemand konnte mir bisher befriedigend erklären, warum Frauen* kraft ihres biologischen Geschlechts hier benachteiligt werden sollen. Die Gelegenheit, in eine andere Rolle zu schlüpfen, die Narrenmaske anzuziehen oder gar den Adel zu verhöhnen stand offenbar nur Männern* zu. Warum dies heute teilweise immer noch so ist lässt sich verstandesmäßig nicht erklären.
Andererseits geht es noch schlimmer: Manche dieser Vereine schaffen für Frauen eigene Figuren und dies sind leider viel zu oft „Zigeunerinnen“, die in derber Weise Klischees bedienen und neben der Unterordnung unter die Männer – die sich im Gegensatz zu ‚ihren‘ Frauen völlig verhüllen dürfen -, auch rassistische Tendenzen zeigen.

Was mich nach der Fasnachtszeit noch beschäftigen wird ist die Katzenzunft Hardt, die Katzen – trotz ihres grammatikalisch femininen Geschlechts – männlich konnotieren. Snip von deren Website: „Die beiden Narrenfiguren der Katzenzunft Hardt sind jeher der männliche schwarze Katzenrolle und die weibliche weiße Kätzin.“ Man beachte: Während man üblicherweise von „die Katze“ und „der Kater“ spricht, wird hier die patriarchale Struktur auf Katzenfiguren übertragen und durch ‚Überfeminierung‘ zu „Kätzin“ die eigentlich feminine „Katze“ maskulinisiert. Möglicherweise verstehe ich hier aber auch einen zentralen Punkt falsch. Ich mag es hoffen.

Krassester Ausdruck des male privilege, ebenso wie der durch Fasnacht genährten rape culture sind die Figuren von Männern, die ihre Frauen ‚reiten‘. Nochmal: Ich bin damit aufgewachsen und fordere nicht in einem wütenden Leserbrief die sofortige Verbrennung der Fasnacht, mir fiel nur auf, wie wenig ich jemandem von Außerhalb erklären könnte, warum wir hier so etwas machen oder auch nur zulassen in 2000-N. Als ob die Unterdrückung der Frau nicht vier Jahreszeiten lang schon reichen würde, nein, sie muss mit Vehemenz auch in die fünfte getragen werden.

Dann steht mein Kind also am Umzugsweg und sieht diese sexistische Kackscheiße überall. Sieht wie Frauenfiguren* geknechtet und verhöhnt werden. Wie zwanghaft jede zweite Hexengruppe einen – natürlich – männlichen ‚Teufel‘ einführt, um ja die Hexen nicht selbstbestimmte Frauen sein zu lassen. Und Vati besäuft sich derweil im Zunfthaus, weil das ja ‚männlich‘ und ‚Tradition‘ sei.

Und dann kommt eine Gruppe junger Männer und wirft eine junge Frau vom Umzugsweg in ihren Eimer mit Stroh oder verpackt sie wie einen Christbaum oder bindet ihr die Füße mit Kabelbinder zusammen. Das ist Vergewaltigungskultur. Und ich stehe daneben und lache, freue mich über bunte Kostüme und bunteres Treiben. Wenn ich es vernünftig durchdenke muss ich mich vor mir selbst ekeln.

Dass die Zweiteilung der Frauenrollen im Fasching und Karneval – entweder alte, böse Hexe oder junges, hübsches Funkenmariechen – zutiefst sexistisch ist, muss ich wohl nicht mehr gesondert erwähnen. Positiv muss man die Integrationsbemühungen von Menschen mit körperlicher Benachteiligung sehen, die mir zunehmend bei vielen Vereinen auffällt. An den zumindest strukturellem Antifeminismus und der deutlichen rape culture in der Fasnachtszeit ändert das natürlich nichts.

Ich frage mich zunehmend: Kann es überhaupt noch Fasching geben, wenn Frauen endlich völlig befreit sind? Oder ist dieses Treiben im ganzen nur eine Festigung bestehender, patriachischer, frauenunterdrückender Strukturen?

Auch nach langem Nachdenken komme ich hier auf keinen befriedigenden Schluss, weshalb ich diesen offensichtlich unfertigen Eintrag nun einfach Dir übergebe. Was denkst du dazu?

(Anmerkung: Ich habe möglicherweise die Fachbegriffe nicht ausreichend klar und richtig verwendet. Dies tut mir leid. Es handelt sich hierbei um unfertige Gedanken.)