Was will ich eigentlich über die Sami schreiben?

Ich sitze an einer Hausarbeit über Norwegen und Sprachstreit und Sami. Es fällt mir schwer.

Sind die Sami ein Volk? Nein, denn sie haben keine gemeinsame Sprache und Kultur – dies erscheint nur durch außen vermittelt so. Die Akkalasamische Sprecher*innen (es sind noch exakt 2) auf der Kola-Halbinsel Russlands werden nicht von Sprecher*innen des norwegischen „Südsamisch“ (sørsamisk ist neben lulesamisk und nordsamisk einer von drei existierenden Samischen Sprachen in Norwegen.) verstanden. Hierbei von einem Volk zu sprechen, ist äußerst schwierig.

Bei den Sami geraten unsere Vorstellungen von Nation, Volk und Sprache an eine Grenze und offenbaren, wie komplex Menschliches Zusammenleben sein muss. Eine Betonung einer Facette zum Erhalt dieser Facetten ist notwendig, wenn die Facette als Erhaltenswert angesehen wird. Die Fragen, welche wir an die Wirklichkeiten der Sami stellen, sind aber Fragen, die durch unser Denken geprägt sind: Wie viele Sprecher*innen gibt es? Gibt es eine standartisierte Schriftsprache? Gibt es Bücher? Texte? Zeitungen? Gibt es eine Rechtschreibung?

Wir erfahren dabei mehr über unsere Denkstrukturen als über die, über die wir eigentlich etwas erfahren wollen. Oder anders: Ein Hammer sieht über all nur Nägel.

[…]

Das Mittelalter ist nur so einseitig, wie wir es betrachten wollen.

Beef mit dem eigenen Studienfach anfangen. Kann ich.

Leserbriefentwurf vom 26. Februar 2016.
Wurde eingereicht, aber meines Wissens nach nicht veröffentlicht. Veröffentlicht am 8. März.

Großes Lob an die Germanistik-Studierenden für die Inszenierung des Nibelungenliedes. Gleich zwei Artikel in den letzten Tagen und auch andere Medien berichteten davon. Völlig zurecht. Dennoch wird dabei immer wieder etwas suggeriert, was so nicht haltbar ist:
Auch wenn das Nibelungenlied in seiner Mittelhochdeutschen ‚Fassung‘ einen großen Wert für die Forschung hat, darf nicht vergessen werden, dass diese Sprachstufe – das „Mittelhochdeutsche“ – nur eine von zahlreichen „deutschen“ ist, die sich noch dazu in hunderte von regionalen Dialekten und Soziolekten aufteilen.

Die Germanische Mediävistik ist in Tübingen mit drei Professor_innen besetzt, dazu ein gutes Dutzend Mitarbeiter_innen und Lehrbeauftragte.
Diese Betonung aber auf EINE Mediävistik macht andere unsichtbar: Wo ist eine entsprechend große Altanglistik? Wo das mittelalterliche Latein, in dem die meisten Texte verfasst wurden? Warum wird der Skandinavistik, die ebenso in den europäischen Kontext beispielsweise des Nibelungenliedes einführen kann – die tragische Handlung um Siegfried und Kriemhild beruht auf Sigurd und Gudrún in der Völsunga saga -, die Weiterexistenz so schwer gemacht?

Von einem „Mittelhochdeutschen Mittelalter“ auszugehen ist schlicht abwegig. Das Mittelalter ist bunter als es die einseitige Betonung des Nibelungenliedes glauben machen lässt. Das bedeutet nicht, dass es oder die germanische Mediävistik schlecht seien, im Gegenteil, es bedeutet nur: Es gibt noch viel mehr zu entdecken.

Politics whatsupwiththat?

Wenn die FAZ Mathias Albert zur geringen Wahlbeteiligung in Studierendenparlamenten befragt, dann hätte dieser eigentlich nicht antworten sollen. 2500 junge Menschen zwischen 12 bis 25jährige werden bei der Shell Jugendstudie, an der Mathias maßgeblich beteiligt ist, befragt. Selbst wenn wir von einem hohen Anteil an Studierenden ausgehen in dieser Gruppe, so verteilen sich diese doch – idealerweise – so weit auf das Bundesgebiet und die 108 Universitäten in Deutschland, dass es kaum als repräsentativ missverstanden werden sollte. Die Probe ist, um diese Fragen zu beantworten, zu klein.

Aber gut, wir spekulieren und verallgemeinern. Mache ich jetzt auch.

Warum das Interesse an Hochschulpolitischem – oder zumindest den StuPa- und StuRa-Wahlen so gering ist -, begründet der „Jugendforscher“ mit mangelnder Zeit, mangelndem Interesse, mangelnder Zugänglichkeit (Digitalisierung!!!). Dabei spricht er aber auch einen Punkt an, den ich für viel Zentraler halte. Die Mangelnde Wirkmächtigkeit der studentischen Selbstverwaltung.

Der Studierendenschaft nämlich – wie bspw. in Baden-Württemberg – zuzugestehen, sich selbst zu organisieren, sich selbst eine Satzung usw. zu geben, und dies dann aber so restriktiv zu gestalten (bzw. so restriktiv auslegbar zu machen), bedeutet die Herabstufung von mündigen Erwachsenen auf Schülermitverwaltung. Toll, dass ich mitgestalten darf, aber überall wo es um etwas geht überstimmt ihr mich eh – oder der*die Rektor*in umgeht die Gremien einfach.

So wird Mitbestimmung zur Farce und die wenigen Aktiven, die dieses Theater zähneknirschend mitspielen, um zumindest das bisschen Mitbestimmung – ein Bestimmungchen – nicht auch zu verlieren, arbeiten sich dumm und dämlich.

Letztlich ist die Universität eine Diktatur von Gnaden des Ministeriums und der externen Geldgeber (in deren Hintern nicht nur Speläolog*innen Höhlensucher sind). Freiheit der Bildung, Freiheit der Lehrenden und der Lernenden, mein … egal.

Was letztlich bleibt sind freundschaftliche Beziehungen und das Gefühl, ein paar kleine Dinge verbessert zu haben. Aber bei der Fülle an Windmühlen weiß man schlicht nicht, gegen welche zuerst gekämpft werden soll.

Jag ska visa dem, jag ska visa dem. Min hjärna brinner av hat. (35)

Das komische mit Prüfungen ist nicht, dass man diese schreibt und dann Punkte bekommt. Das irritierende, was mich immer wieder … belastet, ist wie danach plötzlich ein Thema zu Ende sein soll. Man gibt ein Blatt ab, stammelt eine Antwort, und weiter. Kein Nachdenken, kein Wachsen können an einer Frage.

Heute saß ich in einer dieser mündlichen Prüfungen und wurde gefragt, wann die schwedische Frauenbewegung begann. Das ist so eine Frage, für die man – auch bei langem Nachdenken – wenige oder viel zu viele Antworten findet. Zunächst: Welche Frauenbewegung? Die sich um Gleichstellung bemühte? Um Wahlrechte? Um Mündigkeit? Reproduktionsrechte? Für, gegen? Und wie können solche Bewegungen durch nationale Grenzen eingeschränkt sein? Die Erklärung der Menschenrechte, die Frauen und Unfreie ausklammerte – also praktisch nur weiße Männer betraf -, könnte man als Anfangspunkt nehmen. Eine Ungerechtigkeit, auf die entsprechend reagiert wurde. Man könnte den weltweiten Kampf um Wahlrechte nehmen, zwischen der Jahrhundertwende und dem 1. Weltkrieg. Beispielsweise in UK – Suffragetten – führte dieser Kampf ums Frauenwahlrecht zu Anschlägen. Man könnte über Verhütungsmittel reden, oder Mündigkeit für unverheirate Frauen (ab 1858 konnten unverheirate Frauen über 25 in Schweden vor Gericht ihre Mündigkeit einklagen) oder über die Frage, ob Frauen eine Seele haben oder diese erst durch Heirat erhalten. (Allein die Vorstellung). Man könnte aber genauso fragen, ob Wikingerfrauen nicht – möglicherweise? – gleichberechtigt(er) waren. Man könnte fragen, woher eigentlich die Unterschiede kommen. Ob die Unterscheidung von sozialer Unterdrückung und Unterdrückung von Frauen in einer bäuerlichen Gesellschaft überhaupt notwendig ist, bzw. ob an der Form der zusätzlichen Unterdrückung – etwa durch Kinder gebären -, effektiv etwas geändert hätte werden können. In einer ländlichen Arbeitswelt gibt es nicht „das Frauchen“, welches „zu Hause bleibt“. Da erledigten alle die Aufgaben, die sie übernehmen konnten – und das musste nicht am Geschlecht hängen. Frauen des Mittelalter, Frauen der Aufklärung, sie alle konnten gleichgestellt sein. Nicht gesellschaftlich in allen Ebenen, aber die Witwe eines Handwerkers konnte den Betrieb übernehmen. Wo begannen wir zu konstruieren, dass Frauen weniger wert seien? Und warum? Das Frauen „das andere“ wären. Schlechter, weniger wert? Und warum haben wir es noch nicht geschafft, das rückgängig zu machen?

Skandalliteratur wie „Die Woche mit Sara“ (Almqvist)? Wie „Nora“ (Ibsen)? Wie „Frauen und Apfelbäume“ (Martinson)? Wie „Bitterfittan“ (Sveland)?

Es gibt nicht „die Frauenbewegung“. Es gibt viele einzelne und teilweise zusammenarbeitende Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Zielen unterschiedlich erfolgreich gearbeitet haben. Teilweise auch gegeneinander. Von „Bewegungen“ zu sprechen, ist eine Vereinfachung der Geschichtswissenschaft, weil wir mit Wirklichkeiten nicht klar kommen. („wir“?)

[…]

Irgendwas ungelesenes mit Uniwahlen. (15)

Ich bin in einer Fachschaft aktiv. Weil die Uniwahlen kurz bevorstehen half ich auch ein bisschen beim Wahlkampf mit. Flyer verteilen und sowas. „Unsere“ Flyer sind billigster Druck auf buntem Papier und Infos, was die Studierenden in ihrer Selbstverwaltung so alles hinbekommen. Ein Umsonst&Draußen zum Beispiel, Filmabende zu Gleichstellung… Darin finden sich aber auch Tippfehler und man merkt, wie schwer es fällt, zugleich die Selbstverwaltung zu tragen und für sich als Gruppe Werbung zu machen. Selbstverwaltung ist nicht sexy. Basisdemokratie ist nicht sexy, sondern vernünftig und sehr sehr anstrengend. Und Viele müssen sehr viel arbeiten, damit das funktioniert. Das tut es – zugegebenermaßen – oft nicht. Teilweise scheitert man an der Uni, teilweise an den eigenen Ansprüchen, teilweise an zu geringer Beteiligung. Selbstverwaltung ist halt unsexy, matt, verblichen und günstig gedruckt. Aber sie ist auch schlagkräftig, weil keine anderen Interessen – keine Parteipolitik, keine Landtagswahlen, keine Linientreue – sie in ihrem Handeln einschränkt. Selbstverwaltung, unabhängig, basisdemokratisch. Das ist nicht sexy, aber… sinnvoll. Zumindest erscheint mir das so.

Eine der „politischen Hochschulgruppen“, die irgendwo in der Nähe einer Partei zu stehen scheint, flyerte in der Mensa, als unsere Fachschaft – zusammen mit anderen – „unsere“ Flyer auslegte. Hochglanz, Karten und Faltblätter mit lächelnden Gesichtern von angehenden Juristinnen, Lehrerinnen und Rhetorikerinnen auf deren Flyer. Dazu Wahlkampfparolen und Forderungen. Auf „unserem“ keine Gesichter. Bei „uns“ entscheiden basisdemokratisch die Fachschaften – und damit alle Studierenden. Jede kann mitmachen. Das ist verdammt viel Anspruch, aber auch alles andere als Hochglanz.

Ein paar Punkte dieses fremden Hochglanzflyers – und der Gummibärchen und Muffins, die die gleiche Gruppe neulich verteilte -, macht mir als Skandinavistik-Student Sorge. Einer der Forderungen etwa betrifft Fremdsprachen, die laut deren Willen zentral im Fremdsprachenzentrum angeboten werden sollten. Für unseren Studiengang würde dies bedeuten, dass wir nicht nur weitere Dozentinnen abgeben müssten, sondern auch zentrale Inhalte des Studiums – Sprachkurse, die sich an unseren Studieninhalten ausrichten und nicht an einer Allgemeinheit – verloren gehen müssten. Natürlich sind unsere Kurse offen auch für andere Studierende. Aber es gilt – und das ist essenziell für diesen Studiengang -, unsere Studierende haben Vorrang. Anders wäre die Skandinavistik in Tübingen nicht haltbar. Nicht so, wie sie ist. Nicht so, wie sie sein kann. Mit zentralisierten Sprachkursen steht die Legitimität unseres Studiengangs auf der Kippe – und er würde zum Wiedergänger werden.

Ein anderer Punkt ist das Einwerben von Drittmitteln. Zum einen bereitet mir die Vorstellung, in einem ALDI-Hörsaal zu sitzen, Unwohlsein – denn selbst wenn daraus offiziell keine Beeinflussung entstehen darf, so ist allein schon ein Name, ein „Gespendet von XY“-Täfelchen eine Beeinflussung. Die Sprachwissenschaften haben ausreichend oft bewiesen, wie Worte unsere Realität prägen. Andersherum: Entstünde keinerlei Beeinflussung der Universität – und ist sie auch noch so klein -, so hätten bspw. Stiftungen auch kein Interesse daran, hier ihr Geld zu geben. Hinzu kommt, dass eingeworbene Drittmittel schnell als Argument dienen können, staatliche Mittel zu kürzen. Warum Bildung von der „Großzügigkeit“ Einzelner abhängen soll und der Staat auf sein Recht verzichten soll, die notwendigen Gelder über Steuern usw. eben einzusammeln, erschließt sich mir nicht. Ist das nicht genau seine Aufgabe? Die Finanzierung dessen, was aus Gutmütigkeit nicht zu finanzieren wäre, aber finanziert werden muss?

Aber dann dachte ich mir: Bin ich hier nicht parteiisch? Ist meine Meinung, dass eine Universität mehr sein muss als die Vorbereitung für einen Arbeitsmarkt, nicht nur eine von vielen? Dass sich der Wert einer Wissenschaft nicht an ihrer finanziellen Verwertbarkeit ausrichtet…? Vielleicht bin ich damit inzwischen in der Minderheit. Vielleicht sind solche Gedankengänge nicht mehr sexy genug. Vielleicht bin ich egoistisch, weil ich die Gemeinschaft von Studierenden – organisiert in Fachschaften – einer parteinahen politischen Hochschulgruppe vorziehe. Es muss sich wohl alles am Markt ausrichten – und wir haben darauf keinen Wert. Sind nicht Hochglanz, tragen keine Gummibärchen an unserem Rücken getackert.

Vielleicht bin ich in einer Fachschaft und das erste mal seit über 10 Jahren stellen diese bald nicht mehr die Mehrheit in unseren Gremien. Oder wir sind wieder stärker als bisher. Ich kann das überhaupt nicht abschätzen gerade.