Wer jetzt noch […], hat es nicht verstanden.

Eigentlich weiß ich nichts. Am besten sollte ich meinen Mund halten und nichts sagen. Dazu ist mir allerdings zu bewusst, dass nur jene mitzubestimmen haben, welche ihre Stimme auch nutzen.

Bleiben wir im großen, bleiben Aussagen zu allgemein und ungenau und mit Lücken versehen, die kaum zu schließen sind, wollen wir genauer und spezifischer werden, Zusammenhänge oder gar „Lösungen“ finden, müssen wir uns derart in Kleinigkeiten vertiefen, dass vom großen ganzen nur ein Halbsatz bleibt, an dem wir ein Komma verschieben oder eine Ungenauigkeit streichen. Was verändert das?

Unsere „Gesellschaft“ – was ist das eigentlich? – ist vielschichtig. Es ist möglich, für die gleichen Ziele unterschiedliche Gründe zu finden. So mag ein Kapitalist Menschen helfen, weil er_sie gerne Kund_innen haben möchte. Ein Christ mag aus Nächstenliebe oder ähnlichem helfen. Ein Humanist mag sich vielleicht aufs Gewissen berufen. Ein Kommunist mag Solidarität anführen. Zusammenleben bedeutet, dass alle diese Gründe gut sind, und das jene, die diese gemeinsamen Ziele ablehnen, nicht … dazu gehören? Halt, geht das?

Ich selbst bin sicherlich schnell dabei, „Nazis“ als „dumm“ zu bezeichnen, und innerhalb unterschiedlicher ‚Diskurse‘ – was sind das eigentlich? – ist das aus unterschiedlichen Gründen … sagen wir ungeschickt. Beispielsweise verharmlost dies „Nazis“ und verhindert eine inhaltliche Auseinandersetzung. Wenn eine imaginierte Gegenseite „unreif und realitätsfern“ ist, dann muss ich mich mit dieser nicht mehr auseinandersetzen. Wenn es mir als Argument genügt, dass XY „sich auf dem Boden der Gesetze und innerhalb der Meinungs- und Pressefreiheit bewegt“, dann setze ich Gesetze mit Moral (oder mit den gemeinsamen, sich überschneidenden Zielen innerhalb der einzelnen Weltanschauungen) gleich.

[…]

Ich tue mir sehr schwer mit der Vorstellung einer einzelnen, wahren, für alle Menschen (oder auch nur „die Deutschen“) gültigen… Realität. Es gibt schlicht… nichts, was ich mir als gemeinsam für alle vorstellen kann. Wozu also der Terz?

Sollen sie halt Kuchen essen (Nr. 456)

Seit einigen Monaten schon freue ich mich auf den heutigen Abend. Ich nehme mir einige Stunden Zeit um etwas zu machen, was ich noch nie gemacht habe: Ich backe einen Käsekuchen. Ja, zugegebenermaßen mit Hilfe einer Anleitung und allerhand Tütchen und von Konzernen zusammengetragenen „Zutaten“. Die „Käsekuchen Hilfe“ einer bekannten Ausbeuter*innenfabrik – ohne es nachgelesen zu haben, ob dies konkret stimmt, gilt diese Annahme wohl für alle Firmen, die irgendwie irgendwas machen – gibt mir vor, was ich tun soll und was ich zusammenfügen muss. Und wie ich die unterschiedlichen Zutaten aus ihren Verpackungen schäle und nach den Instruktionen zusammenführe, frage ich mich, was das bedeutet. Kochen (Backen, Zubereiten) scheint das Zusammenfügen von Komponenten mit festgelegten Eigenschaften zu sein. Komponenten, die wir in Packungen mit Haltbarkeitsdatum und Nährwertangaben kaufen. Ein Kuchen, der scheint egal was ich tue, nur eine Backmischung zu sein. Manche sind abstrakter, andere weniger. Aber mehr, als Lebensmittel nach bestimmten Vorgaben – Erfahrungen? – zu mischen, zu erhitzen, zu rühren, usw. usf. ist da nicht. Wenn wir Backmischung sagen, sagen wir „Das ist zu einfach, da ist zu viel Chemie drin“. (Chemiker schnaufen wütend ein.) Die „Käsekuchen Hilfe“ befindet sich irgendwo in der Wüste zwischen Fruchtbarem „Wie von Mutti gemacht“ und „Wie von Mutti gemacht™“.

Aber wer pflanzt schon die eigenen Zuckerschoten? Wir mischen nach eigenen und fremden Vorgaben. Machen aus Nadeln, Handgriffen und Wolle tragbare Pullover und kratzige Socken. Wie viel Arbeit erlaubst du mir in die Produkte zu stecken, die ich nutzen möchte? Vielleicht macht das den Unterschied zwischen „selbstgemacht“ und „wie selbstgemacht™“? Andererseits… was macht’s?

Ich rühre freudig meine Zutaten zusammen. Hebe unter, fülle sie in eine Form, heize vor und stelle rein. Schließlich erschrecke ich mich kurz im Glauben, eine Zutat nicht zugetan zu haben, nur um festzustellen, dass ich diese nicht hätte beifügen müssen, und ohne mein Zu-tun also alles getan war. Der fertige Kuchen wanderte einmal durch den Backofen, nur um als fertiger „Käsekuchen“ wieder herausgeholt zu werden.

Ich schaltete – nach Anleitung – den Backofen ab und ging mit Freunden mit. Wichtiger Termin, aus irgendwelchen Gründen. Doch unterwegs frage ich mich immer wieder, wie es meinem Kuchen wohl ginge. Sprach meine Freunde darauf an. Drängte darauf, zu gehen und ging schließlich, um nachzusehen.

Ist das jetzt meins? Ist das jetzt das, was ich heute gemacht habe? Oder gab ich einige Stunden meiner Lebenszeit für etwas, was sich gut anfühlte, weil ich neugierig war, und nun behaupten kann, ich hätte dies gemacht, dabei habe ich nur einen Bruchteil – das Zusammenfügen – gemacht? Warum denken wir bei Kunst an die Künstler*in, nicht aber die Hersteller*in der Farben, der Leinwände und Pinsel? Warum beachten wir das eine und das andere nicht? Und warum bin ich schon wieder müde?

Der Kuchen schmeckte eher wenig. (Aber vielleicht bin ich auch zu kritisch oder melancholisch heute abend.) Dabei versprach die „Käsekuchen Hilfe“, mit ihr gelinge es immer. Aber man sollte Hilfsorganisationen eh nicht alles glauben.

[…]

Tschöö, Smartfon.

Vor einigen Tagen zerstörte ich – versehentlich? – mein Smartphone.

Eigentlich hätte es schon dutzende male kaputt gehen sollen. Ich hatte es seit Anfang 2014. Es war damals ein großer Schritt: schnellerer Prozessor, weniger ranzige Kamera, größerer, ja riesiger Bildschirm. Man konnte tatsächlich Webseiten sehen und der Akku hielt fast einen ganzen Tag. Ich kopierte mein Haushaltsbuch vom alten aufs neue Gerät und führte es weiter. Das Gerät war… nicht gut, aber besser als das alte.

Irgendwie kommt es mir vor, als hätte ich es länger genutzt. Vier, fünf Jahre. Dabei sind es jetzt… Januar 2014 bis heute… keine 3 Jahre. Was für eine Verschwendung.

Einmal hätte es schon kaputt gehen sollen. Ich hatte es auf der Baustelle zur Seite gelegt – extra aus dem Weg – und irgendwie fiel es doch runter. Ärgerlich, und im Bildschirm blieb ein Riss zurück. Danach fiel es noch ein paar hundert male, ohne dass je etwas passierte. Ich hätte es gegen Wände schleudern können. Nur der Riss war da, aber sonst blieb es tadellos. Nun gut… der Telefonlautsprecher versagte seinen Dienst. Aber… es reichte um meine Bahnfahrten zu planen und Protokolle zu öffnen.

Letzter Akt. Auftritt des Telefons. Ich lese etwas darauf. Jemand, mit dem ich gerade stritt, warf etwas zu Boden. Splitter. Ich fand das nicht gut, und da der einzige Besitz, welchen ich gerade hatte und werfen konnte mein Handy war, und ich sicher war, dass dies jeden weiteren Sturz überleben würde… nun… landete es auf dem Boden. Mein Gegenüber sah das als Provokation und zerschmetterte ihrerseits Dinge. Was zurück blieb ist ein Telefon mit zerstörtem Bildschirm. Und ab.

Da ist es nun. Oder vielmehr: Da ist es nicht mehr. Zum ersten mal wünsche ich mir, ich hätte das Risiko eingegangen und hätte die Daten synchronisiert. Ich hätte die Daten in die „Cloud“ schieben sollen. Die Telefonnummern, die ganzen Nachrichten und mein Haushaltsbuch. Jaja, es gibt keine Cloud. Man speichert nur auf anderer Leute Computer. Aber, und das ist zum Beispiel der Grund, warum ich keinen eigenen Server betreibe, ich gehe offenbar nicht gut mit meinen Computern um.

Ich hätte vllt auch mehr Backups machen sollen. Anfangs tat ich das noch regelmäßig. Manuell, wie es sich gehört. Dafür nutzte ich Anfangs einen Uralt-Windows, der nun auch nur noch mit großer Mühe startet. Und irgendwie… verging dann ein Jahr ohne Backups. Dabei reicht schon ein Tag, um völlig veraltet zu sein.

Eigentlich wäre es Zeit, endlich alles auszutauschen. Die ganze Welt braucht ein Hardwareupdate. Meine Software ist lahm und veraltet. Lasst uns mal was anderes ausprobieren. Eine Open Source Welt z.B., mit ordentlichen Fehlerberichten und Shit, statt diesem „Bibel“-Kram Kapitali-Shit.

Zeit für was Neues.

Halt mich fest (426)

[Ende November 2015]

Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht
Und du bist so müde weil du nicht mehr weißt, wie’s weiter geht
Wenn dein kaltes Bett, dich nicht schlafen lässt
[…]

Ich höre jetzt einfach so lange Ton Steine Scherben bis mein Herz gebrochen ist und wieder neu zusammen gewachsen. Ich komme mit dem Vermissen von Menschen nicht klar. Ich komme nicht damit klar, dass ich Menschen mag. Bestimmte Menschen. Ich kann es mir nicht rational erklären, und wenn ich es könnte, würde ich mich selbst als Zyniker ansehen müssen und das Herz zertrümmern. Was für eine lahme Metapher. Ich gebe es zu: Ich mag jemanden. Ich weiß nicht, was und ob etwas daraus wird – was für eine komische Formulierung? Im Moment fühlt es sich gut an, mit dieser Prise Verzweiflung, die man hat, wenn das Bett kalt ist und niemand da ist, der bei dir pennt.

Weihnachten ein paar Tage, und dann wieder. Kaltes Bett, nicht wissen wie’s weitergeht. Fucking Ralph Möbius, beschreibt mit ein paar Vibrationen, die durch die Luft sausen, ein paar Schwingungen im Druck, oder was auch immer, Jahrzehnte vor meiner Geburt, wie ich mich jetzt fühle.

Ich weiß nicht, wie’s weitergeht. Woher auch. Mache ich mein Studium zu Ende – und wie? Es ist gerade so viel zu tun, soviel zu erreichen, und ich habe gerade keinen Gedanken dafür, mich besser zu machen. Mir einen schönen Bildungsabschluss zu verpassen, oder eine_n Parter_in, die sich gesellschaftlich und selbstwertmäßig positiv auswirkt. Mir ist relativ egal, was gerade aus mir wird. Mein Bett ist kalt. Und Schlafen war nie meine Stärke. Mir ist nicht so wichtig, dass ich gut dastehe. Aber die Welt, in der ich lebe, die Menschen, mit denen ich mein Leben teile, das Hier und Da und Jetzt und Gleich, das möchte ich helfen besser zu machen.

Also vermisse ich, weil das ihn_sie eine lehrreiche und wichtige Erfahrung ermöglicht. Und ich bettele nach Aufgaben und To-Do-s, die mich lange genug fesseln, als dass ich keine Zeit finde, zu missen. Außer die Busse, und Bettgehzeiten, und Vorbereitungen.

[…]

Wie ich einmal ein paar Sprossen einer Leiter hochkletterte und dann doch nicht weiter ging.

Eine Leiter. Sie steht dort, unbedarft, ruhig und einsam, und wartet. Jungfräulich würde man sie nicht nennen, aber man verzeihe mir diese Sexistische Kackscheiße, bestiegen wurde sie schon lange nicht mehr. So steht sie da, steif und sinnlos. Bis vor einigen Jahren diente sie einem Schornsteinfeger – oder korrekter: einem Schornsteinfegenden (m_w?) – noch dazu, den rauchenden Schlot zu untersuchen. Heute geht das von unten. Keine Leiter, dafür Karriere. Technisches Gerät, Sicherheitsbewusstsein, Abgaswerte. Schöne, grüne Welt. Doch die Leiter wurde einfach vergessen. Steht nun da. Wie der Blick wohl von ihrer Spitze ist?

Ich stehe einen Moment lang auf einer ihrer Sprossen. Sie wirkt stabil, sicher, ehrlich. Sie würde mich nicht fallen lassen. Aber würde ich loslassen können? Meine Freunde sagen, ich soll nicht hochsteigen. Aber schon einen halben Meter vom Boden entfernt sieht die Welt anders aus. Hell und durchsichtig. Neuer Blick. So sieht es von oben aus. Aber über mir sind noch tausend Sprossen. Ich steige wieder herab. Die Leiter zu erklimmen ist kein Ziel für mich. Ich bewahre mir die Vorstellung, das neue. Oder war das jetzt Angst? Nicht aufs Dach der Welt – zumindest dieser kleinen – gestiegen zu sein? Wo wir unseren Dreck in die große Welt entlassen?

Abgas den Hütten, Zentralheizen in Palästen. Diese hier sind auf Glas. Voll Blumen, voll Arbeit. Und ich blicke auf sie herab, kaum zwei Katzenlängen über dem Erdboden. Und doch ist alles anders.

Heute blickte eine Katze zu mir auf. Ich hatte – wie man das so sagt – die Hände voll und Mühe, um sie herum zu tanzen. Und sie blickte mich an, tief, durchdringend, verwundert. Als frage sie sich, wie die Luft dort oben sei. Oder, wie es wohl ist, wenn man so weit weg ist von seinen Füßen. Manchmal mache ich mich klein. Manchmal groß. Und auch Katzen steigen auf Schultern und Regale, um den Blickwinkel zu ändern. Aber sie entfremden sich nicht von ihren Füßen, weil diese so fern sind.

Ob unsere Schornsteinfegerin wohl noch Leitern steigen möchte?