Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren … in ’ner Partei – Neee.

Herr Lauer, über den man durchaus differenzierte Meinungen haben sollte, ärgerte sich kürzlich™ (Dezember 2016) über einen Artikel in der ZEIT. Darin ging es um Jugendbewegung, und, dass die Autorin sich aber nicht in einer Partei engagieren wolle, sondern mit Menschen reden. Sie sagt das, in einem Nebensatz, und obgleich ich den Plan herumzufahren und mit Menschen zu reden, als eine schöne Idee für eine Artikelserie empfinde, so erschließt sich mir nicht, was daran eine „Jugendbewegung“ sein soll. Viel mehr bade ich mich in seichten Texten des Selbstmitleids und des kulturellen Bla-Blahs, anstatt etwas zu tun.

Wir brauchen eine Form der Organisation. Weil sie uns alleine ein machen, aber auch, weil wir uns alleine eins machen. Einsam, vor allem. Niemand*e kann allein*e die Welt verändern, selbst Bob der Baumeister braucht die Hilfe seiner belebten Maschinen. Selbst Pipi Langstrumpf, das stärkste Mädchen der Welt, braucht die Hilfe ihrer Freunde. Was bedeutet das also?

Brauchen wir Parteibücher? Brauchen wir Fahnen und Symbole? Brauchen wir Gemeinderatssitzungen? Ja? Nein? Ich weiß es nicht. Grundsätzlich brauchen wir Menschen. Andere Menschen. Wir können die anfallenden Aufgaben nicht alleine schaffen, wir brauchen Freunde. Müssen wir uns dazu fest organisieren? Nein. Aber wir sollten mitarbeiten, anstatt neues zu gründen. Sollten helfen, statt zu erwarten, dass andere das machen, was wir wollen.

Reih dich ein, bei uns ist immer noch Platz?
[…]

Warum lesen Sie das überhaupt?

Es ist fünf vor sechs und ich liege noch wach. Eigentlich soll man bei Texten die wichtigsten Infos an den Anfang packen. Es deprimiert mich ein bisschen, dass die Uhrzeit und mein Zustand offenbar das interessanteste heute sind.

Da ist er nun, dieser erste Satz. Aus irgendeinem Grund erwarten wir – Lesende? -, dass jetzt etwas passiert. Dass es Gründe gibt, warum die Erzählenden – ich? – in einer Handlung – das hier? – handeln. Warum bin ich noch wach? Das heißt, warum war ich noch wach? Welche Gründe könnten mich dort hin gebracht haben? Eine Mordermittlung? Ein Liebesabenteuer? Oder 10 Stunden Reddit? Vielleicht, wenn sich schon keine Gründe finden für das Handeln und hier sein und alles, dann lässt sich vielleicht diese Realität anzweifeln? Irgendjemand muss mich verleumdet haben, denn auf meiner Uhr war es erst fünf vor zwölf!

Nein, Realitäten haben keine Zweck, kein Ziel und keinen Sinn. Texte müssen keine Inhalte haben. Buchstaben müssen keinen Sinn ergeben. An dieser Stelle stünde ein Buchstabensalat, welcher den vergangenen Punkt erläutern würde, und dieser Satz ist genau das, wenn sie ihn gerade nicht betrachten.

Vielleicht wünschen Sie sich das? Das etwas passiert? Dass Sie zur Handelnden Person ihrer Geschichte werden können. Nicht mehr nur in der Uni rumhängen, oder im Büro, oder auf Arbeit. Nein, Sie wollen auf Barrikaden. Sie wollen die „schlechten Menschen“ rumhängen sehen, vom nächsten Baum. Es soll sich endlich etwas ändern, für den kleinen Mann!

Wie mich das langweilt. Es ist keine echte Langeweile. Es ist auch kein echter Satz. Kein Gedanke. Sie lesen diese Worte in einer höheren Stimme, als es Ihre ist. Zumindest glauben Sie das. Ich spiele nur gelangweilt, und schreibe Satz um Satz.

Nun fragen Sie sich, ob dieser Text ein befriedigendes Ende hat. Hat er?

„Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind, und ihre Stimmen zählen genau wie unsere.“ – Albert Einstein

Nehmen wir mal an, der Ausspruch ist authentisch und auch so zu verstehen, wie er sich hier darstellt. Nehmen wir an, Albert Einstein ist der Meinung, dass die Herrschaft der Dummen unüberwindlich ist, solange wir eine Stimmverteilung haben nach … Menschen.

Erstaunlich viele Menschen klagen über die „Dummheit“ der Massen. Kaum, dass man ein halbfreundliches Lächeln für diese Unfreundlichkeiten sich herausgezwungen hat, muss man es bereuen. Denn nun folgt, nach dem obligatorischen Zitat eines als „intelligent“ angesehenen Menschen, der oder die sich Dank bereits eingetretenem Tod nicht mehr mit derlei herumärgern muss – und deshalb auch nicht widersprechen kann -, ein Argument gegen die Gesellschaft. Man müsse Diktatur irgendeiner Elite durchsetzen, weil die Leute ja selbst zu dumm seien. Man müsse sie zu diesem oder jedem bewegen, weil dieses oder jenes. Weil die Dummheit unbegrenzt sei.

An der AfD sind nur die ganzen Hauptschüler*innen schuld. Scheiß Arbeitslose! Direkt verbieten, sowas! Seufz.

Mir wird schlecht, beim Gedanken an diesen Alltagszynismus. Im Durchschnitt sind die Leute weder dumm noch intelligent, sondern, nun ja, durchschnittlich halt. Selbstverständlich gibt es eine Menge Menschen, die aus deiner Sicht „dumm“ sind, und natürlich gibt es eine Menge, für die Du sehr dumm wirkst.

Aber die Dinge werden nicht besser, wenn weniger Leute mitreden dürfen. Und alles, was man bei Ausschluss von Vernichtungsphanasien in diese Aussagen interpretieren kann, wären Dinge wie Zusatzstimme für Physiker, oder Stimmenanteil nach Jahreseinkommen, oder kein Wahlrecht für Arbeitslose.

Dabei ist bei aller Kritik an den Blöden eine Lesart übersehbar: Vielleicht ging es nicht um ein „Weg mit den Dummen“, sondern hin zu einem Klarkommen mit sich selbst und der Welt. Vereinfacht gesagt: Wir werden die anderen Mehrheitlich immer als „dumm“ empfinden und selbst das Gefühl haben, dass wir durch deren Masse unterdrückt werden. Das wir in der Minderheit sind. Mit dem Gefühl müssen wir uns arrangieren. Dass es immer besser gehen würde. Dass wir immer eigentlich weiter wöllten, eigentlich nicht vollständig verstanden werden. Aber das ist kein Fehler der anderen, sondern ein Mangel in uns. Der Mangel in der Erkenntnis über die Welt und sich selbst.

[…]

Variabler Zinssatz von aktuell 0,000%.

Ich lese kein Kapital, ich zähle mein Kapital

(Panik Panzer. In: Antilopen Gang: Neoliberale Subkultur. 2015.)

Ich bin ein Schwein. Ich bin eine Sau. Ich bin ein Schmarotzer. Ich bin ein gieriges Stück Scheiße. Ich bin faul. Und ich bin upperclass innerhalb der Unterschicht innerhalb der Oberschicht. Verglichen mit 99% der Menschen bin ich reich.

Über mir ein Dach, unter mir Boden, neben mir Nahrungsmittel und Kleidung, unter meinen Finger Tasten – die mir gehören. Ich habe sogar ein bisschen Geld.

Nicht genug, um mir meine Beerdigung leisten zu können, nicht genug um zu verreisen, aber wenn ich einmal meinen Computer zerstöre, dann kann ich mir einen passablen Ersatz kaufen.

Das Geld liegt jedenfalls in einem großen Topf einer Bank. Weil ich das sinnvoll fand und finde, bei einer Bank zu sein, die so ehrlich zu mir ist, wie ich zu ihr. Da ist es mir auch egal, wenn ich weniger „für mein Geld bekomme“.

Dafür mach‘ ich jetzt Geld, ich bin Abfall und Dreck, yes

(Koljah. In: Antilopen Gang: Stück Dreck. 2015.)

Halt, mein Geld? Was soll den das bitte heißen? Und woher habe ich bitte einen Anspruch darauf, für irgendwelche Nummern, die mir zugeordnet werden, mehr Nummern zu erhalten? Irgendjemand muss mehr bezahlen für einen Kredit, muss mehr arbeiten als notwendig, um die Bankmitarbeiter_innen zu bezahlen und mir einen Bonus – also Zinsen – zu geben. Das ist doch nicht fair!

Obwohl mir die Perversion bewusst ist, fühlt es sich dennoch komisch an. Vielleicht, weil ich in einer Welt aufgewachsen bin, in der man das Geld zur Bank brachte, auf ein Sparbuch legte, und sich dann einmal im Jahr freute, dass da jetzt plötzlich 2 Mark mehr da waren. Davon kaufte man sich dann ein Eis und dachte nicht darüber nach, mit welchen blutigen, menschenverachtenden Methoden dieses Geld erwirtschaftet wurde. Oder, freundlicher, auf wie viele Eiskugeln wohl ein Dritter verzichten musste, damit ich mir ein paar und der Banker ganz viele leisten kann.

Wir sind pro-kapitalistisch, also fick dich, alles Absicht.

(Johnny war ein Tänzer: Johnnys Ende. 2010.)

Jedenfalls komme ich da nicht raus. Es fühlt sich komisch an, wenn es keinen – zinsmäßigen – Unterschied zwischen Giro- und Sparkonto gibt. Nicht einmal 0,0015 %, sondern einfach gar nix.

Und kaum denke ich das, denke ich darüber nach, schickt mir die Bank, bei der unsere Fachschaft ihr Konto hat, ein Flugblatt, welches mich informiert, wie viel zukünftig die Girokonten dort kosten werden, wie viel ich für eine Überweisung bezahle (10 cent. Online!), und mir dreht sich der Magen beim Gedanken, dass ich bald 60 Euro und mehr im Jahr bezahlen werde, nur, um am gesellschaftlich geforderten „Zahlungsverkehr“ teilnehmen zu können.

Hm.

Nachbar, erbarme dich unser.

[Dezember 2015]

Es ist wieder die Zeit der Lieferungen. Ich habe ein großes Irgendwas, eingeschlagen in Papier, und versuche es loszuwerden an der darauf angetackerten Adresse.

Altpapierfest

Klingeln, klingeln, klingeln. Das Haus liegt dunkel da. Niemand öffnet. Seufzen. Warum muss die Zeit, in der die meisten noch arbeiten oder einkaufen gehen, sich so überschneiden, mit der Zeit, wo alle etwas ausgeliefert wissen wollen? Wo sind die Daheimbleibenden, bereit etwas entgegenzunehmen?

Ich blicke mich um. Welches Haus sieht aus, als würden dort Menschen wohnen. Normalerweise versuche ich das nächste auszuwählen, aber damit ging ich auch schon schwer an. Rekord bisher: 500 Meter Weg und alle Häuser im Umkreis abgeklingelt. Alle. Niemand da, oder schlimmer, „Ne, für die können wir das nicht annehmen.“ Oft erkennt man es am Alter: Menschen über 40 sind meistens hilfsbereiter als die 30-jährigen, ab 60 wird die Hilfsbereitschaft dann wieder sehr gering. Damals nahmen das schließlich Leute direkt gegenüber an, deren Klingel ich auch schon hoffnungsvoll betätigt und bewartet hatte, die sich mein Trauerspiel von oben betrachteten und letztlich doch erbarmten.

Jedenfalls ist es heute kalt und ich blicke mich um. Als wäre die Welt letzte Woche ausgestorben und ich wäre ein Geist, der Dinge in Papier abliefern muss, um endlich Ruhe finden zu können. Ich laufe wahllos in eine Richtung, kontrolliere: Kann man von diesem Fenster aus das Licht im Zielhaus sehen? Oh, ein Mensch! Hallo, hallo; entschuldigen Sie bitte die Störung, ich habe hier eine Lieferung für dieses Haus, allerdings ist dort niemand anwesend. Weder in der noch in einer der anderen Wohnungen. Könnten Sie diesen [Ding] entgegennehmen? Er blickt mich an. Ja, ok. Die sind vielleicht in der Schweiz.

Schön, dafür bin ich hergekommen. Um zu hören, dass die Empfänger nicht im Land sind.

Nungut, immerhin bin ich das Papiermonster los. Nächster Schritt: Hinweiskarte in den Briefkasten werfen. Hinweiskarte… Hinweiskarte…. fuck. Ich muss die verloren haben. Zurücklaufen und suchen. Etwa auf der Hälfte der Strecke liegt sie dann: Ich schnappe sie, fülle sie so unleserlich ich nur kann, aus, werfe sie ein, und ziehe unzufrieden ab.

[…]

Entweder muss der Einzelhandel aussterben und wir sind alle nur noch daheim – (Allgemeines Aufatmen aller Introvertierten) -, oder wir lassen den Lieferbullshit einfach wieder. Aber beides funktioniert nicht.