Gewichtsverlust als Gesichtsverlust.

Mir ist egal, was die feministische Perspektive zum Gewicht ist. Wenn wie in den letzten Wochen sich die Blogs mit Meinungsbekundungen überschlagen, dann ist mir das egal. Ich scrolle einfach weiter.

Spiegel

Im echten Leben kann ich nicht weiterscrollen. Wenn Freunde mich loben, weil ich abgenommen hätte und Kunden Small Talk darüber halten wollen, dann kann ich nicht einfach wegrennen. Ich sage dann: „Die Hose, die ich trage, war immer schon zu groß“ oder „Wenn man’s essen halt selber zahlen muss…“ und gebe mich froh darüber. Tatsächlich betrachte ich das mit Sorge. Ich war mit meinen 188 cm mal auf 110 Kilo. Gefährlich Übergewichtig. My ass. Laut der superungenauen Waage, die ich von meiner Großmutter stahl und deren Fußabdrücke ich mit „Sexistische Kackscheiße“-Aufklebern überklebte, bin ich heute bei 90 Kilo angelangt.

Soviel wog ich das letzte mal, als ich einmal wöchentlich zu einem Gespräch ging. Die Welt war so groß, und ich war so klein. Mit dem Wechsel ins Gymnasium ließ ich mir einen Bart wachsen, wurde dicker und die Welt wurde kleiner. Nichts hätte mich aus der Bahn werfen können, dafür war ich viel zu träge. Nun… zweifle ich.

Das sagte ich neulich auch einer Freundin, die es nicht lassen konnte, mich ob meines scheinbaren Gewichtsverlusts zu loben. Also, dass die Umwelt größer werde und ich – weil weniger Masse – weniger in der Welt einnehmen würde. Weniger wäre. Und das doch mit Sicherheit nichts ist, was man gutheißen könne. Sie entschuldigte sich und sagte, sie habe ja nur nett sein wollen – und das glaube ich ihr auch.

Wenn ich mich richtig erinnere, war ich aber auch nicht glücklich, als mir vor einigen Jahre die Mutter einer alten Freundin zurief: „Oh, du hast ja viel zugenommen.“ und dann, auf mein schockiertes Gesicht: „Aber das steht dir!“

Einerseits bin ich auf einer Seite mit Jason Segel, andererseits wäre die sinnvollste Lösung wohl, einfach nicht mehr über unser eigenes und fremdes Gewicht zu reden. Wobei das wohl zu Schiffsunglücken usw. führen würde wegen Überbeladung. Hm…

Grummel.

Heute ist kein Tag zum rausgehen. Mein Magen rebelliert wieder, mein Kopf dreht sich um die eigene Achse, die Wände werden kleiner, die Welt wird kleiner und alles, was ich mir im tiefsten Herzen wünsche, ist ein warmer Heizkörper und, dass ich morgen aufstehen kann, ohne über all das nachzudenken.

Ich hatte es versucht. Tatsächlich hatte ich es versucht. Ich hatte mich mit ungutem Gefühl in den Bus gesetzt – Linie 22 -, fuhr bis zum Bahnhof und sprang sofort wieder in den selben Bus. Zurück zu meiner Haltestelle. Zurück zu meiner Wohnung. Meinem Flur, meinen Zimmer, meinem Bett. Wo die Welt mir keine Angst machen kann und wo mein Magen sich nicht mehr dreht.

Ich muss wohl etwas falsches gegessen haben, diagnostiziere ich in Gedanken. Ich sitze hinten im Bus. Zurück nach Hause. Drei Haltestellen muss ich überwinden, dann bin ich da. Jetzt nicht erbrechen. Konzentrier dich, Junge. Eigentlich geht es dir gut. Eigentlich ist die Welt kein feindlicher Ort. Mir gegenüber sitzt ein Pärchen. Sie lange Haare und Stirnband, er lange Haare und Lederjacke. Er küsst ihren Kopf. –

Da ist er wieder. Der Würgereiz. Ich weiß nicht warum, und ich weiß nicht seit wann. Aber wenn ich Pärchen sehe, die Liebesbekundungen austauschen, muss ich nun würgen. Ich schlucke runter, was sich schon auf den Weg gemacht hatte und werfe mir den Rucksack über. Scheiß Romantik. Schwankend laufe ich zur Tür. Scheiß Nahrungsmittel. Mein Körper scheint sich losreißen zu wollen. Weg von mir. Weg vom Dasein. Ich denke an mein Mantra: Ich habe nur etwas falsches gegessen. Ich habe nur etwas falsches gegessen. Mein Magen fühlt sich an wie eine Waschmaschine im Schleudergang.

Ich umklammere die Stange. Der Bus hält. Endlich. Die Türen öffnen sich. Eine Frau steigt mit mir aus. Sie nach rechts. Ich nach links. Die tosenden Wellen, die gerade noch durch meinen Bauch schwappten, das Gefühl, die ganze Welt breche über mich hinein. Die Angst, mein Magen würde sich in ein schwarzes Loch verwandeln. Aus ihn würde ein Monster steigen, dass die ganze Welt auffrisst. Ist weg. Die Wellen legen sich. Nur noch leichtes Grummeln. Der Sturm, der meinen Leib zu zerreißen drohte, ist nun allenfalls das Tübinger Wetter im Frühsommer. Kalt und grummelig.

Ich öffne die Haustüre. Grummeln. Ich öffne die Wohnungstüre. Grummel-grummel. Eine Wärmflasche beruhigt die See im Bauch schließlich für heute. Hoffentlich. Mein Kopf ist immer noch heiß. Hm. Grummel.

Der Andere ist wieder da.

Eigentlich glaubt es niemand, ich am wenigsten, aber die Renovierung der Wohnung geht voran. Zumindest in kleinsten Teilen. Die Küche steht derweil in Warteposition (seit nun gut 10 Wochen), weil aufgrund des Wetters ein Heizkörper nicht entfernt werden kann, der der Küche im Weg steht und dessen Entfernung eine abgeschaltete Heizung voraussetzen würde. Auch die Waschbecken, der Austausch der anderen Heizkörper, das Abdichten der alten Heizkörper-Nischen, das Abschleifen der Türen, das Verputzen der Wände, die neuen Böden, das Verlegen von Kabeln, kacheln der Waschbecken auf den Zimmern … Die Liste, die sich mein Vermieter selbst aufgehalst hat, wird nicht kleiner. Bis auf einen Punkt, der tatsächlich verschwunden ist: Das Badezimmer hat nun einen Spiegelschrank! Wuh..u?

Habe ich darauf gewartet? Nein. Spiegelschränke sind mir reichlich egal. Sie sind praktisch, wenn man sich rasieren oder schminken will, aber ich stutze inzwischen nur noch. Dennoch bemerke ich eine Wesensänderung bei mir. Statt einem kleinen, Handgroßen Spiegelchen, das ein bewusstes Hineinblicken bedurfte, habe ich nun bei jedem Aufenthalt im Badezimmer – und das ist solange es noch kein Spülbecken in der Küche gibt überraschend oft – mein mittelprächtiges Gesicht vor mir. Ein großer, dreitüriger Spiegelschrank dominiert den Raum über dem Waschbecken. Ich bin also gezwungen, über meine Reflexion zu reflektieren. Bin ich schön? Nein, nicht einmal im Ansatz. Aber ich bin mit meinem Aussehen weitgehend zufrieden.

Ich erwische mich nun aber dabei, Grimassen zu ziehen, Katzen-Gesichter nachzumachen, wie Kramer zu tanzen, und ja, manchmal denke ich auch, was „Self-Help Cat“ im obigen Bild denkt. Mit einem großen Spiegel tritt mein eigenes Aussehen wieder in mein Leben.

Titta, en katt!

Bild 894
(Symbolbild)

Die Gartenstraße in Tübingen ist eine Katzenhalter-Gegend. Junge Familien, Studenten, alle lieben sie flauschige Katzen. So kommt es, dass ich immer wieder auf dem Heimweg außergewöhnlich hübsche Katzen entdecke. Sie stolzieren, betrachten mich aufmerksam, und ich betrachte zurück.

Als Kind hatte ich immer versucht, Katzen zu streicheln. Manchmal kratzen sie mich, manchmal verschwanden sie nur, und manchmal schnurrten sie. Dann kam das Internet. Das Internet mit seinem Katzenfetisch (anders kann man es nicht mehr nennen) hat eine zentrale Veränderung in mein Leben gebracht: Ich schaue Katzen nur noch an.

Das Katzen ein Fell haben, dass sie manchmal gestreichelt werden wollen, ist aus meinem Leben völlig verschwunden. Ich habe mich von der Katzenbevölkerung entfremdet. Sie sind nur noch visuell, sehr selten audiovisuell für mich wahrnehmbar. Manchmal, wenn ich so in meinem Alltagstrott stehen bleibe, weil mir eine Katze begegnet, dann bemerke ich gar nicht, dass dort auch eine Halterin oder ein Halter steht. Manchmal, wenn ich dann die Menschen hinter der Katze erschrocken bemerke, unterhalten wir uns kurz. Wie die Leute in Haustierforen.

Andere Leute verstehen das nicht und ehrlich gesagt, verstehe ich mich selbst nicht. Was finde ich denn an Katzen? Warum kann ich nicht einfach weitergehen, wenn ich eine entdecke? Warum unterbreche ich das Gespräch von Freunden, um „Schau, eine Katze!“ zu rufen?

Warum fühlt es sich an, als wären sie die Bewohner dieser Welt und wir nur geduldet?

Print ist tot. Ein Zombie-Jagtbericht.

Briefkästen

Ich gebe es zu. Ich komme aus einem Haushalt mit Tageszeitung. Jeden Morgen gegen Fünf wurde sie uns an die Tür gelegt. Druckfrisch, so dass die Finger schwarz werden und die Buchstaben verschmieren. Als Kind fand ich es immer irritierend, wenn andere eine andere Zeitung lasen oder – Oh Gott! – gar keine abonniert hatten. Inzwischen wohne ich in einer zukünftigen WG-Wohnung allein. Um mich herum wird alles renoviert und die Böden herausgerissen und Steckdosen schmoren durch und Tapete wird heruntergerissen und in großen, blauen Säcken davongetragen.

Sobald dies eine WG ist will ich eine Tageszeitung. Es gehört einfach so. Nur: Wie entscheidet man sich für eine?

Seit ich denken kann liegt jeden Tag auf dem Frühstückstisch das Schwäbische Tagblatt.

Meine Eltern hatten sich das Schwäbische Tagblatt abonniert. Vermutlich irgendwann in den 80ern, als sie in unser Haus einzogen. Vielleicht sagten sie sich auch erst, als das erste Kind, mein Bruder, richtig gut lesen konnte und das Dritte – ich – geboren wurde, dass man nun eine Zeitung haben müsse. Vielleicht haben sie das Abo auch von meinen Großeltern übernommen, die zuvor in diesem Haus wohnten und meinen Vater großzogen. Jedenfalls gehört die Zeitung dazu.

Ich kann auch verstehen, warum sie das Tagblatt wählten. Zum einen gibt es einen regionalen Teil namens „Rottenburger Post“, der mit Berichten, Leserbriefen und Todesanzeigen alles umfasst, was im „Städle“ so vor sich geht. Zum anderen war zwischen 1969 und 2004 Christoph Müller Chefredakteur des Tagblatt, der die Zeitung zu einer der besten Regionalzeitungen Deutschlands machte (wie z.B. die taz 2004 schrieb). Aber vielleicht wurde auch nie hinterfragt, warum man das Tagblatt liest.

Mein Vater ist der klassische Frühaufsteher. Es gehört zu seinem morgendlichen Ritual einen Kaffee zu trinken und die Zeitung von unten zu holen. Nur wenige Male war ich früh – oder lang – genug wach, um die frische Druckerschwärze zu richen und als Erster das ordentliche Bündel aus Welt-Regional-Sport-Kultur-usw. zu entwirren. Ich selbst las am liebsten die Umschlagseiten mit Meldungen aus der Welt und Kommentaren. Mein Vater erfreut sich am Regionalteil und – berufsbedingt als Gärtnermeister – am Wetterbericht. Meine Mutter und mein Bruder lesen auch gerne den Rottenburger Teil. Er hat zudem – von Berufswegen als Florist – Interesse an den Todesanzeigen und – privat – Freude am Kulturteil. Wenn ich mehr als die Titelzeilen las, dann, weil mir ein Familienmitglied einen Text vor die Nase hielt oder weil es ein für mich interessantes Thema war – also meist Fasnet, Bildung, Internet. Manchmal schrieb ich auch Leserbriefe, wenn irgendwelche Dinge falsch dargestellt waren, nur um zu merken, dass man mich nicht versteht. Wie z.B. das QR-Code-Debakel von 2000irgendwas. Manchmal stand ich auch selbst in der Zeitung (jedoch noch nie mit Namen).

Papierberge lesen mehr was für dich.

Ich will keine Zeitung abonnieren, mit der man einen Zombie K.O. schlagen könnte – selbst wenn ich diese Entscheidung mal bereuen werde. Ich wurde deshalb auch nie mit Wochenzeitungen warm und kann überhaupt nichts mit der FAZ oder Süddeutschen als Printausgabe anfangen. Schlicht weil mir bewusst ist, dass ich nicht mehr als 50 Minuten am Tag mit Zeitungslesen verbringen werde und dafür eine größere Papiermenge zu verschwenden, als für die letzten sieben Romane, die ich las? Nein. Unfair gegenüber den Austräger_innen sind 12-Tonnen-Tageszeitungen auch. Und Bild? Die ist mir einfach zu doof.

Dabei hatte ich schon Zeitungen abonniert. Beispielsweise das Handelsblatt. Es gab damals diese irre Idee ihres Chefredakteurs, die Zeitung 100 Tage lang (?) für umsonst haben zu können, wenn man ihm eine Email schreibt. Das ganze klang wie das letzte Aufbäumen vor der Schließung und weil ich hoffte, mein Abo könne die unausweichliche Insolvenz ein bisschen beschleunigen, abonnierte ich. Übrigens zum großen Missfallen meines Vaters, der mit diesem Wirtschaftsblatt auch nichts anfangen kann.

"Weltrettungsprojekt"

Hier in der Tübingen WG for One habe ich nun auch eine Zeitung probeweise abonniert. Drei Wochen lang bekomme ich – kostenfrei – die laut Verfassungsschutz linksextreme „junge Welt“. 16 Seiten, die ich morgens beim Frühstück gemütlich durchblättern könnte, wenn die Post hier nicht erst um die Mittagszeit käme. Im Moment ist das kein Problem, weil ich bewusst versuche lang zu schlafen. Inhaltlich gibt es eine ganze Menge Geschichten, die ich so zum Beispiel auch bei fefe gelesen hätte (ob das jetzt gut oder schlecht ist, wer weiß). Es gibt auch eine ganz nette Fernsehkritik („Nachschlag“) auf der vorvorletzten Seite. So richtig überzeugt bin ich aber noch (?) nicht.

Eventuell probiere ich als nächstes die taz. Die ist zwar immerhin 20 Seiten stark, und kostet mindestens 23,90 Euro (5 Wochen auf Probe gibts schon für 10 Euro), aber mit der liebäugele ich schon länger, lese auch gerne mal online auf taz.de (bezahle auch manchmal dafür) und ich kann mir vorstellen, dass diese auch eine Zeitung wäre, für die man dann die WG begeistern könnte („In den Mietkosten ist noch die Tageszeitung mit drin. Da zahlt jeder dann so um die 5 Euro im Monat für.“).
Achja, und: Hier in der Straße wird die taz morgens von einem Boten gebracht.

Die taz hat also einige Vorteile. Aber ist sie die richtige Zeitung für mich? Hm.

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Was sind die Alternativen?

(Miiiiilchmäden-Time! Yeah!)
Als Student kann man bekanntlich günstig Zeitung lesen. Ich hab mich mit einer Freundin mal durchgeklickt. Wochenzeitungen wie der Freitag (8,60 Euro) sind verständlicherweise außen vor. Falls ich was übersehen – oder falsch gelesen – habe, bitte melden. Am günstigsten ist vermutlich im Studententarif die WAZ. Das Blatt kostet mich als Student 13,50 Euro. Tagesspiegel aus Berlin gibts für 16,20 Euro. Bild kostet für Studenten 17,90 Euro.

Für mich Studierenden gibt es dann noch das „obere Preissegment“. Das fängt an beim Semestertarif des örtlichen Schwäbischen Tagblatt für 18,70 Euro vor Ort (bzw. 20,90 Euro per Post). Die Frankfurter Rundschau kostet 19,75 Euro pro Monat. Die „sozialistische Tageszeitung“ neues deutschland schlägt mit 19,90 Euro zu Buche. Die Stuttgarter Zeitung möchte gerne 21,90 Euro von Studenten. Das Handelsblatt bekommt man für 22,92 Euro. (Ob sich das rechnet?) Die taz ist mindestens 23,90 Euro wert. Die junge Welt kostet 25,10.
So. Die großen Brummer kommen jetzt: Die Welt: 42,90 Euro. FAZ: 46,90 Euro. Süddeutsche: 51,90 Euro.

Wenn ich auf Nahrungsmittel verzichte und nachts arbeiten gehe könnte ich auch alle erwähnten Tageszeitungen abonnieren und damit den Printstandort Deutschland retten. Im Alleingang! Und das für lediglich 341,77 Euro pro Monat plus die Kosten für fünf weitere Briefkästen und 2 Altpapiercontainer, die täglich geleert werden müssen, damit ich hier nicht ver-messie-e.

Ob das wirklich reicht um den Zeitungsmarkt vor dem bösen Internet zu retten?
Wer weiß.