Eine Schraube

Eine einzelne Schraube liegt auf dem Sofa. Ich bin müde, obwohl ich gerade erst aufgewacht bin. Müde blicke ich sie an. Wo kommst du her, einsame Schraube? Sie antwortet nicht. Flüchtig blicke ich umher. Alles steht noch wie gewohnt an seinem Platz. Noch. Wo ist dein Zuhause? Schweigen. Ich bin mir sicher, ihr Fehlen wird bald schon bemerkt werden. Was hätte die Schraube denn für eine Bedeutung, wenn auf sie verzichten werden könnte? Andererseits, was wäre das für ein Ding, dass so dermaßen auf ein kleines, unbedeutendes Schräubchen angewiesen ist?

Wenn ein Stück Metall eine Empfindung ausdrücken kann, dann war dieses kleine Schraube traurig. Die Welt um sie herum stand noch, auch ohne ihr zutun. So war sie entweder bedeutungslos oder zumindest nutzlos, denn in diesen Minuten bedeutete sie mir sehr viel. Sie hatte nicht nur ihre Aufgabe und Heimat verloren, sondern auch jedes Wissen um gebraucht werden.

So gleich – so austauschbar – Schrauben doch wirken. Jede hat einen Platz. Jede hat Bedeutung. Eine alleine, einsam liegen zu sehen ist das wohl deprimierendste, was ich in den letzten Tagen sah.

Es verwundert nicht, das Redewendungen bei leichter Verrücktheit von „lockeren Schrauben“ sprechen. Wo diese kleine, einsame Schraube nun fehlt, ist vielleicht noch nichts eingestürzt, aber sie fehlt. Und das macht mich ebenso traurig wie sie.

Hinterm Haus.

Schon irgendwie interessant, wie sehr doch ein namenloser schläfriger Gast der Straße, die saubere Mittelstandswelt ins Wanken bringt.

Mein Vater rief gerade bei der Polizei an, aus Sorge, der ältere Herr, der sich hinter unserem Haus auf den Boden legte, könnte in der Nacht erfrieren. Sein Hund bellte, lautstark, und dadurch wurde er erst auf ihn aufmerksam. Er musste natürlich, nach schwäbischer Tradition, das ganze Schauspiel vom Fenster aus beobachten.

„Can you stand up?“ singt Roger Waiters in dieser Sekunde.

Jedenfalls sitzen zwei Polizeibeamten jetzt unten bei dem Mann und seinem Hund. Mein Vater sagte, man könnte ihn doch nicht einfach so erfrieren lassen. Aber, eine Decke brachte er ihm nicht. Eine Heiße Milch, oder sonst irgendwas. Nein, die modernen Mittelstandsmenschen rufen die Polizei.

In meiner Negativ-Version der Vorstellung meiner Zukunft, in der ich auf der Straße lebe, da werde ich wohl häufiger auf die Sorgenlosen Menschen treffen, die mich liegen lassen, und selten auch auf Menschen wie meinen Vater, die zumindest etwas tun. Ob es wirklich „helfen“ ist, will ich nicht festsetzen.

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„Wissen Sie, Fräulein Langeweile, das einzige, das mich noch ein dieser Zukunft wirklicht stört, ist der Hund.“ „Wie meinen Sie das?“ „Nun ja“ ziehe ich die Nase hoch. „Ich bin eher der Katzentyp. Und die ganzen Verrückten mit unmengen Katzen, die haben immer Häuser. Obdachlose haben Hunde.“ „Sie hassen Hunde.“ „Ja, genau.“ „Warum siezen wir uns eigentlich?“