Ich muss nicht mehr alles kommentieren.

Ich weiß nicht ob Lars von der Agentur Zeitdeck besonders auf Ironie steht oder das so ein Agentur-Ding ist, dass man Kommentare in seinem Unternehmensblog nicht zulassen will. Jedenfalls schrieb er gestern einen Artikel über die Kommentar-Kultur in deutschen Blogs. Seine These ist, das alle total gerne und viel kommentieren, – bei Facebook, Twitter, Instagram und auch in „den großen Blogs“ -, nur halt nicht in der normalen Bloglandschaft. Als Grund sieht er die Login-Hürde, die zugegeben bei seinem Blogeintrag mich daran hindert, zu kommentieren (weil man sich dort zum jetzigen Zeitpunkt – 19.04.13, 10:18 – einfach nicht anmelden kann). Inzwischen – 12:23 – kann man dort wohl wieder kommentieren. Er beschließt deshalb, jeden Eintrag, den er vollständig liest, zu kommentieren. Und zwar ohne Link. Er endet mit den regelrecht Kommentar-Aufforderden Worten „Wer macht mit?“ und ich beiße gerade in meine Sofalehne, weil ich da nicht kommentieren kann.

Ist es aber wirklich die Login-Hürde, wie Lars mutmaßt?

Ich glaube nein. Die Grundannahme von Lars man könne Kommentare und Kommentare vergleichen ist falsch. Blogs und Facebook, Twitter und Instagram sind grundverschiedene Medien. Während sich Facebook und Twitter eher wie eine gemütliche Unterhaltung in der Kneipe anfühlen, kommt einem ein Kommentar in einem Blog – vor allem unter hochwertigen Texten – immer noch wie ein Leserbrief in der Zeitung vor. Ich bin seit nunmehr fast 8 Jahren im Internet höchst aktiv mit verschiedenen Blogs und hunderten Kommentaren, und immer noch stoße ich manchmal auf alte Kommentare, die mir heute nicht mehr zusagen. Für die ich mich schäme oder die ich einfach schlecht geschrieben finde. Es ist vielleicht diese Angst vor dem zukünftigen Ich, die davon abhält, zu jedem Blogeintrag seinen Senf dazu zu geben. Genauso, wie man sich nicht jede Woche von der Tageszeitung vorführen lassen möchte.

Schreibst du zu jedem Zeitungsartikel, den du liest, einen Leserbrief? Oder unterhälst du dich über jede Tagesschaumeldung mit deiner Familie? Allein schon zeitlich wäre das eine Unmöglichkeit. Am Tag flattern um die 100 Einträge in meinen Feedreader. Teilweise Nachrichten von 8sidor, einer schwedischsprachigen Zeitung für Sprachanfänger, daneben noch Einträge von den gut 175 Blogs, die ich abonniert habe. Kann ich wirklich jeden Artikel kommentieren? Natürlich nicht. Aber ich habe ein paar Lieblingsblogs, die ich regelmäßig immer mal wieder mit einem Kommentar beglücke – wenn ich denn etwas zu sagen habe -, und deren Blogger im Gegenzug hier kommentieren.

Blogger sind aber – zumindest die älteren unter uns – längst keine Kommentarschreiber mehr. Wozu auch? Man schreibt eher Einträge, die andere Themen aus Blogs aufgreifen – wie ich das hier gerade tue -, oder man schreibt Emails, weil man die Blogger einfach schon so lange kennt. Die Glückwünsche zu gelungenen Einträgen sind – so gerne ich sie lese und schreibe – albern. Natürlich schreibst du klasse Sachen, sonst würde ich das ja nicht lesen. Die offensten Kommentatoren, die ich in den letzten Jahren erlebt habe, sind tatsächlich Blogferne Leser. Menschen, die durch Google oder andere Suchmaschinen auf einen Blogeintrag stoßen – oft schon Jahre alt -, und dann einen Kommentar darunter setzen. „Danke für die Aufklärung.“ und so etwas. Menschen, die vielleicht keine Ahnung haben, dass sie gerade ein Blog lesen und denen diese „Kommentar-Kultur“ auch einfach egal ist.

Aber, sind wir doch ehrlich: Niemand von uns, der schon seit Jahren bloggt, hört doch auf, weil er oder sie nicht mehr genug Kommentare bekommt. Wir Blogger haben diese Phase überwunden, in der jeder zu allem und jedem alles sagen muss. Einfach, weil wir schon alles kommentiert haben. Wir würdigen eher mit Verlinkungen, oder quoten, oder wir schreiben Einträge über Einträge. Und wenn wir dann doch mal auf Senden unter dem Kommentarfeld drücken, dann wissen wir, wie viel das eigentlich nach all den Jahren bedeutet.

Geht zum Friseur: Facebook-Fotoalbum mit 305 neuen Fotos.

Vielleicht werde ich alt, vielleicht passiert auch einfach zu wenig in meinem Leben, aber die ursprüngliche Idee, hier täglich zu bloggen, muss ich verwerfen. Es fühlt sich schlicht nicht richtig an, jeden Tag eine Nebensächlichkeit aufzublasen. Ich interessiere mich einfach nicht für irgendwelche Ereignisse, die durch die Medien getrieben werden (deshalb könnte ich auch nie Journalist sein). Die CSU war schon immer ein korrupter Haufen und dass Politiker dieser Partei versuchen, Journalisten zu beeinflussen, ist mir nicht einmal ein Gähnen mehr wert. Auch die trotzige Verschlossenheit der Kirche, wie sie einer meiner absoluten Lieblingsblogger hier anlässlich des Jahrs des Glaubens beschreibt, gehört für mich zur Alltäglichkeit. Warum erzählen wie etwas ist, wenn es alle schon wissen und sich eh niemand dafür interessiert. Warum soll ich darüber berichten, dass ich eine ganze Stunde durch die Tübinger Innenstadt wanderte, um eine Küchenwaage zu finden? Natürlich rege ich mich gerne über so etwas auf und – wenn gut geschrieben – liest Du so etwas auch gerne. Aber es ändert einfach nichts an der Situation. Egal wie vielen Zeilen ich schrieb / über die Scheiße die passiert: Die Scheiße passiert. (Panik Panzer: Rechtfertigung) Warum soll ich aus dem Gefühl heraus, hier Output liefern zu müssen, etwas bloggen, was ich nicht so interessant finde? Weil ich es möchte. Aber im Moment – heute – will ich halt einfach nicht. Morgen kann das ganz anders sein.

Ich liebe es zu schreiben. Ich liebe auch meine Ansprüche an dieses Blog. Ehrlich zu sein, nichts zu erfinden, was nicht als Erfindung kenntlich ist, Kleinigkeiten zu hinterfragen und nicht nur zu erzählen. Aber im Moment gibt es einfach keinen Text, auf den ich Lust hätte (außer diesen hier, weshalb ich ihn jetzt auch schreibe). Ich habe – heute – keine Lust über den Schaal meiner Ex-Freundin zu schreiben, oder über irgendeine Scheiße, die gerade im Netz abläuft. Ich hab auch keine Lust meine Studienleistung zu hinterfragen, hier meine Kommilitonen abzufeiern oder mich über meine Dozenten zu beschweren. Eigentlich will ich nur Daheim sitzen und die Nebelmaschine anwerfen. (So wie Funny van Dannen). Weil es halt einfach manchmal sein muss.

Und weil es irgendwo albern ist, hier alles reinzuschreiben. Ich habe ein Notizbuch, ich schreibe außerdem an einem zweiten Themenbezogenen, ich twittere sehr grottig und unglaublicherweise kommuniziere ich auch mit anderen Menschen.

Heute reicht mir das. Heute, an diesem kalten Novembertag. Morgen will ich dann vielleicht wieder über diese verdammte Katze schreiben, die neulich an mir vorbei ins Haus huschte, als ich die Türe öffnete. Bis dahin behalte ich das aber für mich. Wie so vieles.

Oder, dem Blog nach zu urteilen, viel zu wenig.

Wer als Erstes „Könntest ruhig öfter mal die Fresse halten“ kommentiert bekommt ein freundliches „Arschloch“ als Antwort.

Muss ich jetzt vor dir auf die Knie fall’n weil du einen Blog betreibst?

Nein.*


* Leute, die Blogs ernst nehmen glauben auch, dass das, was in der Bildzeitung steht, vernünftig recherchiert und mit journalistischer Sorgfalt aufbereitet wurde. Leute, die Blogs ernst nehmen, glauben auch, dass Illoyal solche triggernde, sexistische Kackscheiße ernst meinte (Titelfrage ist aus diesem… „Lied“). Leute, die Blogs ernstnehmen halten auch die ungewaschenen „Propheten“, die einem in Großstädten täglich den Weltuntergang prophezeien für vertrauenswürdig. Nein, ernsthaft: Blogger äußern Ihre Gedanken und Meinung. Niemand muss darauf hören. Das ist lediglich Dialog. Dialog, der gut sein kann, Dialog der einen ankotzt und nervt (wie oben erwähntes „Lied“), Dialog, der nichts bewirkt oder die Welt verändert. Es wird nie soweit kommen, dass wir ein Bonus-System erhalten, weil wir unsere Zeit dazu verschwenden, zu denken. Bloggen ist toll, ja, aber außerhalb der Blogosphäre sollte niemand auf uns hören, nur weil wir Blogger sind. Deswegen ist die ganze Diskussion in unserem Land auch ziemlich müßig. Niemand argumentiert, jeder versucht nur mit seinem Status und seinem Visitenkärtchen seine Ideen durchzusetzen. Niemand sollte auf die Blogosphäre hören, nur, weil es die Blogosphäre sei. Ebenso, wie kein Politiker auf das Gerede und Geschimpfe vom Stammtisch hören sollte (CSU, I’m looking at you!). Deshalb: Nein. Niemand muss mich hier ernst nehmen oder vor mir auf die Knie fallen. Jeder ist gleichberechtigt und alles, was irgendwo im Internet oder sonstwo gesagt, geschrieben oder gedacht wird kann man diskutieren, kritisieren und überdenken. Das hier übrigens auch.

Ich könnte dir Recht geben, aber dann längen wir beide falsch.

    Und jetzt zu Euch, liebe Datenmüll-Produzenten, die Ihr Euch „Blogger“ zu nennen wagt: Warum macht Ihr das? Haltet Ihr Euer nebensächliches Leben für so spannend, dass die Menschheit daran teilhaben sollte? Das Web? Ein Drittel der Menschheit, das sind für die Schnellrechner über zwei Milliarden Menschen, hat Zugriff auf das Internet. Ihr versteht, was Ihr mit Euren Blogs anrichtet? Also bitte, nehmt sie offline und überlasst denen das Feld, die wirklich was zu sagen haben. Das Internet soll ja nicht aussehen wie das Nachmittagsprogramm von Sat1.
    Christian Rentrop auf Netzwelt.de am 14.07.2005

Zunächst: Es ist nicht fair, einen 7 Jahre alten Text auszugraben.

Meine Tante hat die Bilder aufgehoben, die ich ihr als Kind schenkte. Es sind krakelige Buntstift-Schauerstücke, die bestenfalls Ressourcenverschwendung sind, schlechtestensfalls Beweis meiner mangelnden Malfähigkeiten. Auch heute bin ich nicht gut darin. Kritzele, wenn überhaupt. Ich bin auch kein besonders guter Schreiber, habe keine interessanten Themen, komme nicht schnell genug auf den Punkt. Ich produziere auch keine großartige Fernsehserie, schreibe kein Romane und ich bin auch – um ehrlich zu sein – kein guter Student.

Und?

Hier ist er, der Punkt: Schlecht ist völlig in Ordnung. Ein mieses Blog damit zu füllen, dass man von seinem Familienleben berichtet, ist ok (sofern die Familie das ok findet). Das Internet ist keine Stadt und selbst in der Kleinstadt gibt es Ecken mit dummen Schmierereien, schlechten Graffitis und kaputten Glasflaschen. Das gehört einfach dazu.

Bevor ich der beste Schwimmer der Welt werden kann, muss ich erstmal das Schwimmen lernen. Gleiches gilt fürs Schreiben, für jede verdammte Arbeit, für Handwerkstätigkeiten, fürs Putzen, fürs … ja, genau… fürs Bloggen. Ich weiß, dass das hier, was ich tagtäglich verzapfe zu 99 % großer Müll ist. Ich weiß das besser als Sie. Stört es mich? Nein. Ich mache weiter. Ich schreibe solange weiter, bis ich richtig gut darin bin – oder keine Lust mehr darauf habe.

Wer könnte mir das verübeln? Und, unabhängig davon: Wer entscheidet denn, wer wirklich was zu sagen hat? Wenn die Idioten aufhören, müssen sich die Schlauen nicht mehr anstrengen. Wie wäre also ein Internet, in dem es nur Sascha Lobos und Netzwelt.de gäbe? Nun. Es wäre scheiß langweilig. Nicht, weil wir tatsächlich die ganzen Kochblogs vermissen würden oder so einen Müll wie diesen hier, aber es würde dennoch etwas fehlen. Genauso, wie etwas fehlen würde, wenn die Parteien, die ich für unnötig halte, nicht mehr gewählt werden dürften. Oder wenn die Menschen, die ich nicht mag, nicht mehr vor die Tür dürften. Wer fordert – selbst nur aufs Internet bezogen und nur im übertragenen Sinn -, dass Leuten, die nichts wichtiges zu sagen haben, die Stimmbänder entfernt werden, der fordert ein Ende einer lebenswerten Gesellschaft und letztlich eine Oligarchie. Daneben sollte niemand sicher sein, dass ihm nicht auch der Mund verboten wird, wenn nur noch „das Beste“ zugelassen wird.

Warum blogge ich immer noch?

Bäm! Sieben Jahre, 2 Monate, 17 Tage, 12 Stunden und – lass mich kurz die Uhr checken – gut 30 Minuten blogge ich schon. Teilweise auf über 10 Blogs zeitgleich. Und trotzdem habe ich keine Ahnung, worum’s überhaupt geht.

Koljah, damals Teil der Anti Alles Aktion, rappt in „Du weiszt“ darüber, worum es geht:

Es geht doch immer um mehr als Musik zu machen
Es geht um Lieben und Hassen verschiedene Sachen
Um dies und das
Psychatrie und Knast
Spiel und Kampf
Genie und Wahn
Doch es geht auch darum n klaren Kopf zu bewahr’n
Und auch manchmal jemandem den Kopf einzuschlagen

(Egotronic: Du weiszt (feat. Koljah & Thai Phun) (Spotify).)

So dämlich das klingt, aber es geht um mehr als um das Bloggen. Es geht um Lieben und Hassen, und verschiedene Sachen. Es geht darum einen klaren Kopf zu bewahren. In letztgenanntem Sinne baue ich mir hier ein Gedächtnis auf. Eines, welches mich nicht täuscht. Ich selbst erzähle meinem zukünftigen Ich, wie ich war. Und weil es einen Einschnitt in meinem Leben geben soll, geben muss, deshalb blogge ich nun nicht mehr da, wo ich selbiges bisher tat, sondern hier. Glaube ich SMBC, dann ist das jetzt der richtige Zeitpunkt.

Glaube ich meinem halb leeren Zimmer im Elternhaus und fast vollständig eingerichteten Zimmer in der neuen WG, die allerdings eher noch eine Baustelle ist, dann ist das der verdammte richtige Zeitpunkt.

Glaube ich der verdammt großartigen letzten Fasnet und der nun folgenden (Einträge dazu folgen), glaube ich meiner Studienbescheidigung (Ich bin eingeschrieben für Skandinavistik), glaube ich meinem eigenen Gefühl, dann ist der der verfickt richtige Zeitpunkt.

Das meiste bleibt gleich. Es gibt dann aber auch wieder neues Zeug. Außerdem wollte ich zuerst wissen, ob ich mit WordPress und alledem klar komme. Die Antwort: Ja. Naja. Es gibt hier schon ein paar wirklich lesenswerte Einträge