Wenn ich sie besuche, ist es, als wäre keiner von uns beiden da.

Neulich saß ich bei meiner Großmutter. Ich saß in ihrer kleinen, holzgelben Küche, sie zeigte mir die kalte Schulter und füllte einen unglaublichen langen Fragebogen aus. Wer ihre Lieblingskomponisten seien. Ob sie Nachts Angst hätte. Was der schlimmste Moment für sie gewesen wäre. Ich wusste nicht was ich mit ihr reden sollte. Und ihr ging es wohl ähnlich. Ich will keine Gespräche mit ihr führen, so, als würde sie bald sterben. Ich ertrage es nicht, wenn sie zu weinen anfängt und jammert, dass sie keine Urenkel mehr kennen lernen würde. Ich will nicht wahrhaben, dass sie – vielleicht bald – sterben könnte. Aber diesen Gedanken bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf.

Als ich da in ihrer kleinen Küche saß und sie ihren Fragebogen ausfüllte – mit mittlerweile dem vierten Kugelschreiber -, und sie mich nach einem Komponisten fragte, dessen Namen ihr nicht mehr einfalle, googelte ich ihn für sie. Irgendwann ging ich, weil ich den Zug kriegen müsse. Es war so unwirklich.

Und ich hatte das Gefühl, meine Großmutter nun zum letzten mal zu sehen. Oder, mehr noch, als wäre sie schon längst verschwunden. Ich nahm mir vor, mir diese Gefühle zu merken (weshalb ich sie auch hier öffentlich notiere), weil ich es schon nicht geschafft hatte, mir zu merken, wie es war, vor diesem Tag. Wie sie als Großmutter war und ich als Enkel. Außer der alten „Du bist die größte Enttäuschung meines Lebens“-Geschichte erinnere ich mich angeblich an nichts mehr. An kein Gesicht, keine Nase, keine Haarspitze.

Der Tod gehört zum Leben dazu, das kann ich akzeptieren. Mit der eigenen Sterblichkeit komme ich klar. Auf den eigenen Tod tritt man mit jedem neuen Tag zu. Das andere das auch tun (müssen) ist dabei schwerer anzunehmen. Mit dem Hinterbleiben muss ich noch klarkommen lernen.

Im Zweifel lieber nicht anzünden.

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An einem Nachmittag fand ich beim Aufräumen einen winzig kleinen Feuerwerkskörper. Ich, 15 Jahre jung, hielt ihn für völlig harmlos und wusste nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Also zündete ich ihn an und erwartete einen leisen Knall wie bei den kleinsten der China-Böller. Statt dessen brannte nun ein nicht ganz kleines, weißes Feuer in meinem Zimmer (!), verkohlte den (zu!) nahen Teppich und ich lernte einen wichtige Lektion: Im Zweifel lieber nicht anzünden.

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Ich mag die Tage um Silvester nicht besonders. Zuvor bin ich müde, weil ein so langes Jahr hinter mir liegt. Danach bin ich müde, weil ich mir nicht vorstellen kann, noch ein Jahr zu überleben. An Silvester selbst bin ich einfach nur müde.

Müde Menschen können in der Regel eins nicht leiden. Feuerwerkskörper, die die Fenster zum Wummern bringen. Zündet einer der Idioten bei uns im Hof einen seiner Knaller, möchte ich am liebsten rausgehen, und ihm (oder ihr) den nächsten in den Hintern schieben. Oder in die Ohren. Oder was auch immer.

Es nervt jedenfalls. In meinem Elternhaus – deren Wohngegend ist umzingelt von zunehmend ökonomisch schwächeren Wohngegenden und nimmt – so zumindest mein Eindruck – auch seit ein paar Jahren ab. Dort wird jedes Jahr noch mehr geknallt. Ich kann mich erinnern, dass ich vorletztes Jahr um diese Zeit kein Auge zumachen konnte, weil immer wieder irgendwer einen Böller explodieren lies. Noch schöner waren nur die ‚Spezialisten‘, welche am helllichten Tag – und das ist durchaus schwierig zu treffen, wenn es schon gegen 16 Uhr langsam dunkel wird – eine Rakete in die Luft steigen liesen.

Letztes Jahr dagegen hütete ich das Haus meiner Großmutter, was mich in ein – nicht mehr ganz frisches – Neubaugebiet versetzte. Häuser, die 15, 20 Jahre alt sind und in denen Jugendliche wohnen, die gerade alt genug sind, Feuerwerkskörper zu kaufen, aber auch noch Jung genug, um für derartigen Unsinn Geld zu verschwenden. (So ist das, wenn man jung ist.)

Dort war es – ich vermute, es liegt daran, dass dort eher eine dorthin aufgestiegene Mittelschicht wohnt – lediglich an Silvester selbst ein wirklich schlimmes Chaos. Die Böllerei davor und danach hielt sich aber in Grenzen. Die Verwüstung am Folgetag war dafür bedeutend größer: Was die Innenstadtbewohner über Tage herunterbrennen, geht im Randgebiet in wenigen Minuten hoch.

Und so, liebe Kinder, werden Superbösewichte geboren.

Eines der Etappenziele der Figuren aus How I Met Your Mother ist es, mit einem Schild verewigt zu werden. Ich habe dieses Ziel seinerzeit schon in der Schule erreicht, in der ich mein Abitur nachholte. Diese war Jahrzehnte lang nur für Mädchen geöffnet und bot nun seit geradeeinmal zwei (drei?) Jahren ein Wirtschaftsgymnasium an, welches auch für Jungen geöffnet war.

Im eigens umgebauten Stockwerk gab es eine Damen- und eine Herrentoilette. Als unser Klassenraum aber in das alte Gebäude verlegt wurde fand ich mich in der misslichen Lage wieder, die dortige aufsuchen zu müssen. Diese war lediglich mit „Toilette“ gekennzeichnet und es gab überhaupt keinen Hinweis auf eine Geschlechtertrennung, einem Hinterfragen der Besucher. Die Toilette war einfach nur eine Toilette. Ich ging also – weil ich musste und die Pause unmöglich reichte, um auf die als Herrentoilette gekennzeichneten Örtlichkeiten zu gehen – dort rein, wurde weder angesprochen noch sonst irgendwas und ging danach wieder. Draußen sprach man mich dann aber doch an: Was mir einfalle dort reinzugehen. Ich antworte, dies sei als „Toilette“ gekennzeichnet und nichts weiter. Keine Woche danach wurde das Schild ausgetauscht und in Laufnähe eine Lehrertoilette zur Herrentoilette umdeklariert.

Ich bekam also schon mein Schild.

Von daher ist es völlig unnötig, mich nun darüber aufzuregen, welches bezaubernd ankotzende Gespräch ich heute mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter hatte, der mir recht genervt erklärte, er habe zwar einen Schlüssel für die Toiletten hier, aber mir nicht aufschließen würde. Ich sei ja nicht gehbehindert und könne auch die anderen Örtlichkeiten im Stockwerk nutzen. Ahja. Ich fragte so freundlich ich klingen kann, wo diese denn seien und bekam als Antwort, ob ich Erstsemester sei und dass ich das nunmal rausfinden solle.

Offenbar bin ich der einzige Mensch dieses Planeten, der davon ausgeht, dass eine Toilette, die als öffentlich gekennzeichnet ist (und an der nicht angeschrieben ist, sie sei nur für Mitarbeiter, Leute mit Schlüssel oder dergleichen), benutzt werden darf. Offenbar darf man – auch bei den Juristen (!) – bei Toilettenfragen immer noch nicht aufs geschriebene Wort vertrauen.

Ich hätte das alles übrigens nicht so lange in meinem Kopf herum gesponnen, wenn ich die Antworten nicht als so unfreundlich empfunden hätte. (Jaja, unten treten, oben buckeln.) Ein „Das ist eine Mitarbeitertoilette“ und „Gehen sie hier den Gang entlang, links und dann grade aus“ hätte keinerlei Mehraufwand für diese mit Sicherheit ansonsten sehr nette Person bedeutet, aber… offenbar haben wir Menschen immer noch eine Abneigung dagegen, nett zueinander zu sein.

Und jetzt überlegte ich den ganzen Nachhauseweg lang, ob Menschen grundsätzlich freundlich sind und man unfreundlich gemacht wird, oder ob der Mangel in der Erziehung und Eingliederung in die Gesellschaft liegt, und manche Menschen an Universitäten und anderswo einfach nicht begleitet wurden auf dem Weg vom Arschloch zum Menschen. (Wie gesagt: Dem wissenschaftlichen Mitarbeiter, mit dem ich sprach, ist nichts vorzuwerfen. Er war nur Ausgang für einen viel allgemeineren Gedankengang.)

Erwachsene prügeln sich, weil sie unterschiedliche Kindheitserinnerungen haben.

Als Skandinavistik-Studierender kommt mir die Galle hoch – so sehr ich Mykke schätze -, wenn jemand Astrid Lindgrens Pippi Långstrump beleidigt. Man darf durchaus diskutieren und auch Sachen in Frage stellen und ich fühle mich überhaupt nicht in der Lage, wissenschaftlich nachzuweisen, dass Heidi weniger ein „starkes Mädchen“ ist als Pippi. Ich bleibe deshalb völlig subjektiv und stelle nicht die persönliche Bedeutung in Frage, die manche Figur für einen nun erwachsenen Menschen hatte und eventuell hat. Trotzdem mache ich mir jetzt gleich Feinde:

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Doch nein, jetzt kommt keine Rechtfertigung.

[Triggerwarnung]

Als Kind sah ich in einer Zeitschrift eine Modestrecke, die berühmte Bilder nachstellte. Darunter auch ein Pärchen, welches sich überschwänglich küsst. Daneben in Kleiner war das Originalfoto abgebildet. „Kissing Sailor“ heißt dieses berühmte Schwarz-Weiß-Foto. Ein junger Mann in Matrosen-Uniform küsst am New Yorker Times Square am Tag, an dem der zweite Weltkrieg endete, seine Frau. Nahm ich an. Ich hielt das Bild für romantisch, hoffte in meiner kindlichen Naivität, irgendwann das Mädchen meiner Träume auch so küssen zu können.

Ein Artikel bei der Mädchenmannschaft hat mir gezeigt, dass ich niemals auf diese Weise ein Mädchen küssen möchte. Niemals.

Das Bild, was in meiner Kindheit stets „Romantik“ darstellte, ist in Wirklichkeit ein sexueller Übergriff. Einer, den Greta, die Frau auf dem Bild, nicht negativ bewertet – schließlich hat sie dieses Bild berühmt gemacht -, aber George, der Matrose auf dem Foto, war betrunken (und just davor mit einer anderen Frau auf einem Date, vgl.), hat sich die junge Frau einfach gegriffen und sie geküsst. Ein Fotograf, Zeuge des ganzen, fotografiert diese Vergewaltigung und das Bild lässt kleine, naive, einsame 12-jährige Jungs wie mich glauben, dort sei etwas romantisches abgebildet.

Ich will das nicht rechtfertigen, will nicht darüber schreiben, dass ich selbst bei genauem Betrachten nicht unterscheiden kann, ob es sich hierbei um ein Paar handelt, bei dem der Mann sich etwas zu sehr freut und die Frau ihn deshalb – liebevoll – wegdrückt, oder ob es ein ungewollter, unvorhergesehener Kuss eines Fremden ist. Ich bin in einer Rape-Culture aufgewachsen. Und natürlich hänge ich auch mit drin, mit verinnerlichtem Männer- und Frauenbild. (Koljah. In: Panik und Koljah: „Rechtfertigung“)

Es gibt Leute, die sind aus solchen Gründen wütend auf Feministen. Sie meinen, Leute, die das durchdenken, die schauen wie unsere „Rollenbilder“ konstruiert werden und dekonstruiert werden könnten, die dazu auffordern offen miteinander zu reden und – eine solche Unterhaltung führte ich tatsächlich schon einmal mit einer Freundin – es Unsinnig finden, wenn nur der Mann den „ersten Schritt“ machen darf (jajaja, Derailing, ich weiß), solche Leute würden die „Romantik“ kaputt machen. Es gibt Menschen, die wollen immer noch den Prinzen/die Prinzessin. Es gibt Menschen, die nicht verstehen können, was falsch ist an einem aufgezwengten Kuss. Es gibt Menschen, die begrüßen die veralteten Rollenbilder und können den Gedanken einer Gleichberechtigung nicht ertragen.

Ist das nicht kindisch? Jemanden zu verabscheuen, jemanden den Mund zu verbieten, weil er/sie erklärt, dass es den Weihnachtsmann nicht wirklich gibt, sondern dieser nur erfunden wurde um dieses oder jenes zu leisten. Den Boten nicht einzulassen, weil er eine unbequeme Wahrheit zu erzählen hat, ihn gar zu verabscheuen, weil er etwas berichtet, was das Weltbild des Empfängers stört.

Dennoch frage ich mich manchmal, wie sehr ich selbst Täter bin. Habe ich ein Mädchen in einer Beziehung jemals zu etwas überredet, habe etwas gemacht, was sie nicht wollte? Habe ich vielleicht etwas zugelassen, was ich nicht wollte? Haben wir genug miteinander geredet? Oder hat letztlich mein Mangel an Romantik das Ende eingeläutet? Ich würde sie gerne fragen. Würde gerne alle Mädchen fragen, mit denen ich zu tun hatte, ob ich sie verletzt habe, ob ich mich falsch verhielt… aber das wäre wieder nur eine Fortsetzung meines vom falschen Rollenbild geprägtes Fehlverhaltens.