Der Staatsanwalt warf die Nudeln in den Topf. Wenigstens ein Gericht, das schnell fertig wurde.

Es ist Sonntagabend. Ich sitze in der Küche. Auf dem Herd eine Pfanne mit Nudeln, Brokkoli und allem Anschein nach Industrieleim. Ich schaue auf dem Mobiltelefon ein Video, bis die Brühe „die gewünschte Sämigkeit erreicht hat“.

„Fertiggerichte sind eine Zwangsjacke für unseren Hunger“, denke ich und spule einen inneren Monolog ab. „Er soll ruhig gestellt werden und das möglichst einfach und effizient. Dabei ist der Hunger Triebfeder des Fortschritts. Ohne Hunger hätten wir nie die Welt erkundet, wären nie aus unseren Höhlen raus, hätten nie Landwirtschaft geschaffen oder uns Fortgebildet. Die Anwesenheit des Hungers ist essenziell.

    (Offtopic: Nicht jedoch die Anwesenheit des Hungerns. Eine ausreichende Ernährung der Menschheit sollte keine Machbarkeitsfrage mehr sein, sondern eher eine Frage der Infrastruktur, des „Zulassens“ und der Verteilung. Eine Ernährung aller wäre heute längst möglich, wäre es wirtschaftlich und politisch nicht attraktiver, Menschen hungern zu lassen.)

Ohne Hunger würden wir nichts neues probieren. Ihn ruhig zu stellen ist gleichbedeutend damit uns selbst ruhig zu stellen. Das Abschalten des Hungers, der Geschmacksnerven, der Neugierde und Experimentierfreudigkeit führt zu einem Verlust der Fähigkeit zur Weiterentwicklung. Ohne Hunger kein Weiterkommen. Ohne Hunger kein Neues erfahren. Ohne Hunger kein Experimentieren. Fertiggerichte sind eine schnelle Lösung für etwas, was eher eine Chance, als ein Problem ist.Fertiggerichte sind der Untergang unserer Esskultur, eine Eliten-Maschine, die gutes Essen und Geschmack nur noch denen erlaubt, die sich dieser Unkultur verweigern konnten.

Fertiggerichte lassen uns als Menschen verkümmern, denn sie erlauben kein „probieren“, sondern nur das stricke Befolgen der Anleitung. Ob etwas gut schmeckt, ob etwas gut gelingt, schmecke ich nicht. Ich sehe nur, ob es gut ausschaut. Für den Geschmack hat längst jemand Fremdes gesorgt. Fertiggerichte macht uns zu reinen Schriftgelehrten. Zu Leuten, die nur vom Kochen hörten, die kein Vertrauen in Fähigkeiten entwickeln können, weil sie keine Fähigkeiten entwickeln.“

Denke ich, rühre nochmals um. Dann sind meine Instantnudeln fertig. Ich fülle meinen Magen damit, habe Nudeln vor mir, die nur an Nudeln erinnern, habe Brokkoli vor mir, die mich vergessen lassen, dass ich diesen eigentlich mag, habe Kräuter, Soße, Zeugs. Und am Ende esse ich doch alles auf.

Ein Badezimmerteppich

Die Toilette in meinem Elternhaus ist separat in einem Erker untergebracht. Uringelbe Fliesen und eine Tapete, die vermutlich vor meiner Geburt das letzte mal ausgewechselt wurde, komplettieren das stimmige Gesamtbild. Ich zitiere, weil ich heute nichts anderes zu schreiben habe, aus meinem Notizbuch. Vom 23.08.2012. Bitte:

Meine Mutter entschied sich, nach mindestens einem halben Jahr kahlen, nackten Fliesenboden nun wieder einen Teppich in unsere Toilette zu legen. Es ist eine fast den ganzen Raum ausfüllende Schönheit in grellbunten Farben und so flauschig, dass man am liebsten barfuss laufen würde, wäre der Flur davor nicht gänzlich flauschbefreit. Ich finde diese Flauschigkeit fast ein wenig eklig, denn das Letzte, an dass ich mich erinnern kann, das derart flauschte war ein nahezu völlig schimmelbedeckter Apfel (oder soetwas?), den ich beim Putzen einmal fand. Super flauschiger Ekelflausch.

Inzwischen liegen wieder regelmäßig Teppiche in unserer Toilette. Allerdings keine derart flauschigen. Ich weiß nicht warum mich das damals so fasziniert hat. Vermutlich war einfach nichts anderes los oder der Flausch war wirklich soo flauschig, dass eine derart flauschige Beschreibung sinnvoll erschien. Vielleicht wollte ich aber auch einfach eine Erinnerung festhalten, so, wie ich es durch die Abschrift der selbigen gerade tue.

Nur das die, die gegangen sind nicht versteh’n könn‘ was ich an dir find.

Vielleicht ist so ein schreckliches Wort, weil die Leute es verwenden, wenn sie „niemals“ sagen wollen. Vielleicht ist ein schlimmes Wort, denn eigentlich heißt es „ich will nicht“. Vielleicht ist ein sozialer Puffer, der uns ermöglicht, auch zu denen nett zu sein, die wir nicht mehr ertragen können oder wollen.

Ich hätte mir ein Vielleicht so sehr gewünscht im August 2009. Aber ich bekam per SMS gesagt, dass ich nicht mehr anrufen soll. Das heißt, man bat mich darum. „Bitte, bitte, ruf mich einfach nicht mehr an.“ Und ich rief nicht mehr an. Nie wieder.

Die Leute fragen mich: Schon wieder die alte Geschichte?
Ich sage: Immer noch die alte Geschichte.

„Nur das die, die gegangen sind nicht versteh’n könn‘ was ich an dir find.“ weiterlesen

Und der Müllmann bekommt ein Date.

Ein großer Haufen Papier – natürlich unsortiert – hat meinen Schreibtisch übernommen. Ich schnappe mir als Waffe einen Mülleimer und beginne zu sortieren. Sachen, die ich für die Uni brauche werden umgestapelt. Sachen, von denen ich nicht weiß, wo sie hingehören, wandern zum Unizeugs. Wird schon von irgendeiner Vorlesung gewesen sein. Zettel, die ich nicht mehr brauche, wandern in den Papierkorb. Der Motivation willen denke ich ein Comic-Geräusche dazu. Das Stempelkärtchen der Burgerbude, die vor zwei Jahren geschlossen hat? Pow. Ein leeres Medikamentenpäcken? Pow. Die Obdachlosenzeitung? Pow. Das „Endlich Urlaub!“-Schild vom letzten Schweden-Spiel bei der EM 2012? Pow. Sachen aus dem abgewählten Seminar? Super-Pow!

Plötzlich, ein kleiner Zettel. Darauf ein Name – der Name eines Mädchens -, eine Adresse und – oh! – eine Telefonnummer. Der Name sagt mir überhaupt gar nichts. Die Zettel darüber und darunter geben keinen Hinweis. Kenne ich Sie aus der Uni? Hab ich ihre Nummer vielleicht bei einer Party gekommen, und erinnere mich nur nicht mehr daran (weil zu betrunken, etc.)? Warum sollte mir ein Mädel ihre Nummer – und Adresse! – geben? Die Schrift ist schnörkellos, aber offensichtlich die einer jungen Frau… Verdammt! Was mache ich jetzt? Anrufen, damit sie erfährt, dass ich nicht mehr weiß, wer sie ist? Oder im Internet nach dem Namen? Internet!

Ich finde drei Profile. Drei Profile von Frauen, die ich nicht kenne und vermutlich auch nicht kennengelernt habe. Hm. Doch die Nummer anrufen? Ich stehe ratlos da, betrachte die Schrift, die so akribisch den Namen und eine Kontaktmöglichkeit offeriert. Am Ende ist sie nur eine Referatspartnerin – oder die Liebe meines Lebens. Verflucht! Ich weiß nicht, was ich tun soll!

Der Papierkorb lacht mich aus. Der Schreibtisch kichert auch – unter dem Gewicht des Papiers schafft er kein volles Lachen. Ich starre und denke nach. Dann lass ich den Zettel fallen.

Pow.