Ich ziehe den Bildschirm vor.

Aber letztendlich fressen sie dich auf, indem du all die Zeit, all dein soziales Vermögen und deine Kreativität hineinstopfst und das nur, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen und Selbstdarstellung zu betreiben. (Helga Pataki)

Schwarz spiegelt er das Nichts der eigenen Existenz wieder. Ein kleines, vermeintliches totes Objekt in unserer Hosentasche, das all abendlich vom Stromnetz gefüttert werden will, mittels Apps neue Fähigkeiten lernt und alle Kommunikationsmöglichkeiten der Welt bietet – und dabei trotz allem tot bleibt. Eine kleine Taste erweckt es zum Leben, doch das schwarze Bildschirmwesen aus unserer Hosentasche lebt nicht. Lebt nicht wie du oder ich. Es ist ein Zombie. Untot. Und jetzt gerade, jetzt frisst es dein Herz.

Ich will nicht zählen, wie oft ich mit Menschen zusammen saß und diese ihr Smartphone zückten. Wie sie dann da saßen, verwesend, verwachsend mit dem Sofa, und ihre leeren Augen vom Kleinbildschirm gefressen wurden. Der Ablenkungsfähigkeit des Bildschirms nicht gewachsen, zückt man dann selbst das Smartphone. Wie oft saß ich schon mit Menschen zusammen und besaß selbst die Unhöflichkeit, meine Seele dem Hosentaschen-Zombie zu widmen, anstatt den tatsächlich lebenden, denkenden, fühlenden Menschen in meiner Umgebung.

Wir sind so sehr vom Bildschirm gefangen, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen, wenn er streikt. (Wenn ich „wir“ schreibe, meinen wir eigentlich „ich“.) Ein leerer Akku fühlt sich an wie der Tod des Erstgeborenen. Ein kaputter Akku ist gar ein kleiner Weltuntergang. Wir können nicht mehr ohne. Und wir verlernen dabei, wie die Wirklichkeit ist. Wie es ist, wenn man zur Schlafenszeit nicht vom Computer zum Smartphone wechselt.

Wir missachten uns gegenseitig. Weil die Bildschirme wichtiger sind als die Menschen. Und das geht nicht nur jungen Eltern so. Wir alle hängen nur noch am Mobiltelefon, spielen Angry Birds, twittern, facebooken, instagrammen… Tatsächlich schlafe ich manchmal so. Und ich werde jetzt nicht weiter nach dem Comic suchen, der einen müden Menschen am Computer zeigt, der zu Bett geht um mit seinem Smartphone zu spielen. Niemand sucht eine Lösung. Niemand will den Vögeln helfen, sich mit den Schweinen zu versöhnen. Jede Bildschirmminute ist ein Kamikaze-Einsatz für unser Hirn.

Es ist ja schon schlimm genug, dass ich hier alleine vor dem Computerbildschirm sitze, einen Eintrag zu ende schreibe, welchen ich im Dezember 2012 angefangen hatte, und mich vor meinem Vermieter verstecke, um nicht zugeben zu müssen, dass ich auch außerhalb dieser Zeilen, die durch das Internet schwirren, existiere.

Auf den Schultern von Riesen

Wir sollten alle Katzen werden. Ja, genau. Ich würde meinen kompletten Körper der Organspende übereignen, meinen weltlichen Besitz verkaufen, wenn man meinen Geist in eine Katze verpflanzen könnte. Ich wäre auch damit zufrieden, nicht alt zu werden und all das. Ich wöllte nur eine Schachtel, in die ich mich kuscheln kann, und in die sich andere Katzen zu mir kuscheln, und ich wöllte jemand in meinem Leben, der mich vor Außerirdischen beschützt. In Wirklichkeit wäre ich lieber eine Katze. Weil diese den Kampf gegen die Bildschirme noch nicht verloren aufgegeben haben.

Aber da haben sich die Zeiten ja auch geändert.

Gezeitenwende.

Das Problem des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ist nicht, dass dort nur überbezahlte Pappnasen arbeiten. Das Problem ist auch nicht, dass dort Gelder verschwendet werden würden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Verschwendung von öffentlichen Geldern ist ein Problem, sogar ein sehr Großes, aber es ist mit Sicherheit nicht „das Problem“, welches die öffentlich-rechtlichen Sender im Moment haben. Das Problem ist, dass es für jeden Einzelnen sichtbar wird.

Oft wird gerufen, die 9,1 Milliarden Euro, die die Öffentlich-Rechtlichen Sender in Deutschland Jahr für Jahr „verbraten“ wären viel zu viel. Bringen wir das mal in Relation: Beispielsweise die Bundeswehr hat dieses Jahr einen Etat von 31,68 Milliarden Euro. Allein die Universität, an der ich studiere, hat ein jährliches Haushaltsvolumen von 670 Millionen Euro, also 0,67 Milliarden, wovon 0,07 Milliarden nicht von Bund und Land kommen.
Oder anders gesprochen: Die Bundeswehr ist 47 Uni Tübingens groß, der öffentlich-rechtliche Rundfunk immerhin noch 13,5 Uni Tübingens.

Was verzichtbarer für uns ist – ein Dutzend Universitäten, der öffentliche Rundfunk oder die Bundeswehr – darf man sich jetzt selbst denken.

Natürlich könnte man diese Gelder sinnvoller einsetzen. Beispielsweise könnten wir alle, die die Rundfunkanstalten finanzieren, dieses Geld dafür verwenden, um die Schulden des Saarlands zu tilgen. Im März waren das 16,015 Mrd. Euro. Vorrausgesetzt, das Saarland macht keine neuen Schulden, wäre es nach zwei Jahren schuldenfrei. Und vom Rest (2,185 Milliarden) könnten wir immer noch 11,5 Millionen Badewannen (Amazon-Partnerlink) kaufen. Also fast zwei für jeden der 6.222.000 Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

Und wenn die Schulden des Saarlandes getilgt sind und wir 11,5 Millionen Badewannen haben, dann können wir darin den Reis verteilen, den wir neulich in einem anderen Eintrag verteilen wollten. Falls sich jemand erinnert.

Das.. joah. Würde das Geld für die Rundfunkanstalten ebenso undurchsichtig und verschwoben durch 12 Dutzend Töpfe aus unseren Hosentaschen fließen – wie es beispielsweise bei der Kirchensteuer ist -, dann würde es vermutlich niemand stören, dass die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender Geld „verschwenden“. Die GEZ ist nicht weiter aufgeblasen als Beispielsweise die GEMA, die INSM oder deine Mutter die Bundeswehr, aber ihre – angeblichen – Fettpölsterchen stehen im Sonnenschein für jeden Sichtbar. Erst dadurch, dass sie anders als beispielsweise der BND (Kosten: 504,8 Millionen Euro) zur Transparenz verdonnert sind, können sich Leute darüber aufregen und finden damit Gehör.

Abschalten.

Vermutlich muss ich ihn angesehen haben, als hätte er mir mitgeteilt, es gäbe dort, wo ich hingehe, keinen Sauerstoff, aber in Wirklichkeit sagte er nur, es werde kein Fernsehen geben.

KabelBW verlange, so meinte er, für den Kabelanschluss zusätzlich zur Internetflatrate satte vierzig Euro (das sind 23 % meines momentanen Einkommens) und man konnte förmlich spüren, wie es im Raum kälter wurde. „40 Euro?“ frage ich bestürzt. „40 Euro.“ „Ja, dann macht das keinen Sinn.“, sage ich und drifte in einen Tagtraum ab. Heute in 3 Monaten: Ich bin hochgebildet, sehr strebsam und verabscheue das Fernsehen mindestens so sehr, wie Peter Lustig Kinder*. Außerdem rieche ich gerne meine eigene Flatulenz (South Park) und versuche andere Leute davon zu überzeugen, die Flimmerkiste ebenfalls rauszuwerfen.

Erwacht aus meinem Tag-Albtraum erklärt mir mein Onkel/Vermieter, ich könne ja mit einer DVBT-Antenne Fernsehen. Ich fühle mich wie in einem Entwicklungsgebiet. Wie soll ich jetzt die Samstag-Abend-Tweets verstehen? Wie soll ich den Tatort genießen? Wie… eigentlich hält mich nichts besonders am Fernsehen. Ich sehe gerne gute Serien, am liebsten im Originalton – und das bietet mir das Fernsehen kaum noch -, sehe gerne gute Filme und Dokumentationen. Aber, wenn ich pro Woche wirklich nur die Zeit sehe, die ich vor dem Fernsehapparat sinnvoll verschwendet habe, dann bleiben da vielleicht 3 Stunden übrig. 3 Stunden pro Woche (maximal), gegenüber 5 und mehr Stunden täglich. Erschreckender Gedanke, den die durchaus kritikwürdigen Macher des Zeitgeist-Films auf Facebook aufwarfen: Wenn wir wie der durchschnittliche Amerikaner am Tag „nur“ 5:11 Stunden Fernsehen schauen, dann sind das im Jahr – gemessen an einem 16-Stunden-Tag (Schlaf ist also direkt rausgerechnet) – 118 Tage, also fast vier Monate!

Will ich wirklich vier Monate jedes Jahr mit Wiederholungen von Scrubs, Episoden von Family Guy und Schwiegertochter gesucht verbringen? In der Woche, bevor ich auszog, lag ich auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Eltern und schaute „Mieten, Wohnen, Kaufen“ auf VOX. Mir wurde gesagt, man hätte mich angesprochen und mit der Hand vor meinen Augen herum gewedelt. Ich habe nichts davon mitbekommen. Entweder habe ich offenen Auges geschlafen oder das Fernsehen hat mich derart aufgefressen, dass jede reale Welt wie ausgeblendet war.

Eigentlich sollte das ein Warnruf sein. Eigentlich sollte ich diese Gelegenheit nutzen, keinen Fernseher mehr anzuschaffen. Aber, ich werde es dennoch tun. Um Videospiele mit Freunden spielen zu können. Um Filme von DVDs sehen zu können. Um ein Gerät zu haben, bei dessen Nutzung ich nicht weiß, ob ich gerade spiele oder arbeite, sondern bei dem tatsächlich das Spiel, die Unterhaltung, das Nichts tun im Vordergrund steht. Und Serien kann ich immer noch im Netz oder auf DVD sehen. Oder – z. B. den Tatort – in einer der örtlichen Kneipen. Ist ja auch viel besser, als alleine daheim vor der Mattscheibe zu versauern.

Das einzige, was mir fehlen wird ist wohl die Ausweichmöglichkeit, die das Fernsehen einem bietet. Sitzt man nämlich Abends mit Freunden in der Wohnung, so lenkt der laufende Fernseher ausreichend davon ab, dass man nicht weiß, was man tun soll. Oder will.

Der Fernseher ist das Lagerfeuer, dass man anstarren kann, wenn man eigentlich nichts zu sagen oder zu denken hat. In meiner Wohnung werde ich diese Möglichkeit – aller Wahrscheinlichkeit nach – nicht haben. (Außer, DVBT funktioniert besser, als es die Empfangsprognose glaubend machen will.)

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*Dass Peter Lustig keine Kinder mag ist natürlich Unsinn. Einer der vielen Beispiele für die Wahrheiten verschleiernde Berichterstattung der Springer-Presse. Einen kurzen Artikel dazu findet sich beispielsweise hier. Allerdings gibt es auch diverse Kindheitserinnerungen von Menschen, die Peter als Kinderunfreundlich war nahmen, etwa auf gutefrage.de

2 Broke Girls und der Untergang des Abendfernsehland.

So, order something else from the menu, shove it in your pie hole, and get on with your damn life!

Die CBS-Komödie „2 Broke Girls“, die aktuell auf ProSieben zu sehen ist (auch online) und von der in den USA kommende Woche die zweite Staffel beginnt ließ mich nach einer Nacht mit der kompletten ersten Staffel mit gemischten Gefühlen zurück.

Kurz zum Aufbau: Max ist Kellnerin in einem Diner, arbeitet als Babysitterin in Manhatten für eine völlig überzeichnete reiche Mutter und backt nachts Cupcakes. Caroline, ein Kind aus sehr reichem Hause, fängt in ebendiesem Diner mit Max an zu kellnern, da ihr Vermögen wegen krummer Geschäfte ihres Vaters eingefroren wurde. Das ganze artet in die üblichen Serienklischees aus und schließlich werden beide Freundinnen (oder zumindest Schicksalsgenossinnen), die zusammen ein Cupcake-Geschäft eröffnen wollen. Die Zahl am Ende einer jeden Folge gibt an, wie viel sie schon von den 250.000 US-Dollar, die sie für diesen Traum benötigen würden, angespart haben. Titelmelodie ist Second Chance von Peter Bjorn and John.

Wie bei meinem Lieblings-TV-Blogger Blamayer ab hier „volle Spoiler für die 1. Staffel.“
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Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung

Eigentlich hätte ich heute mit meine Vater streiten können. Er bot mir gleich zwei Vorlagen.

Ich saß, wie in letzter Zeit öfters – im Sessel vor dem aufgeklappten Notebook. Mein Vater sah das Fernsehsender-Vorabend-Allerlei. Ich sollte dazu sagen, dass mein Vater Gärtnermeister ist, seinen eigenen Betrieb mit Mitarbeitern führt und deshalb eine recht klare Trennung von Arbeit und Freizeit hat. Bei mir ist das anders, weil mein Begriff von Arbeit völlig anders ist.

Er fragte, ohne jedes Wort zuvor und in einem Befehlston, dem jedem preußischen General die Freudentränen ins Gesicht gespült hätte: „Machst du eigentlich gerade etwas fürs Studium?“ Ich fragte, völlig überrumpelt von dieser Frage, lediglich „Jetzt gerade? In dieser Sekunde?“. Ein wenig befehliger und mit der Enttäuschung, die ich in letzter Zeit häufiger aus seiner Stimme herauszuhören glaube, präzisierte er: „Wenn du vor dem Computer sitzt. Machst du dann etwas für dein Studium oder spielst du nur rum?“. „Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung“ weiterlesen