kino.to ist mein Wohnzimmer

Wir sind eine Generation von Digitalen Flüchtlingen. Seit über 10 Jahren bin auch ich Teil dieses langen Marsches. Wann kommen wir endlich an?

Schon 2008 fanden Medien praktisch ausschließlich am Bildschirm statt. (Eigenes Foto)

Vor einigen Jahren kursierte ein kleiner Comic durchs Netz, der aufzuzeigen versuchte, dass unser Leben heute gleichförmig hauptsächlich vor dem Bildschirm stattfinden würde. Ist dem so? Wahr ist: Heute verbringe ich sehr viel Zeit mit dem Internet. Eigentlich ist das Netz nie weg. Wahr ist aber auch, dass eine gute Serie auch am Computer gut ist. Wahr ist auch, dass ich die Internetfreiheit nun deutlich intensiver erlebe. Ein Kinogang oder eine DVD sind heute ein anderes Erlebnis und deutlich aufgewertet verglichen mit den gleichen Medien vor einigen Jahren. (Außerdem kostet eine Kinokarte heute auch gefühlt doppelt so viel wie noch vor drei Wochen.) „kino.to ist mein Wohnzimmer“ weiterlesen

Es darf wieder übers Fernsehen geredet werden.

Wir befinden uns seit gestern in einem Post-Analogen Fernsehzeitalter. Mindestens seit 1998 stand die Abschaltung des analogen Fernsehsignals fest. Im Land der Innovationen, der Dichter und Denker, braucht so eine Umstellung also gerade mal 14 Jahre, aber, nun gut. Die Digitalisierung bringt theoretisch viele Möglichkeiten – positive wie negative aus Zuschauersicht. Auf den gleichen Frequenzen können mehr und hochauflösendere Programme (sogenanntes „HD“) ausgestrahlt werden zusammen mit Zusatzinformationen.

fernsehenneindankeTheoretisch. Denn das Programm wird durch bessere Auflösung nicht gehaltvoller. Im Gegenteil: Die privaten Sender versuchen über den Weg der HD-Auflösung als Zusatzfeature weitreichender in die Wohnzimmer ihrer Zuschauer einzugreifen (vgl. Videokritik an HD+) und – selbstverständlich – ist durch die Digitalisierung Lafer! Lichter! Lecker! nicht plötzlich eine interessantere Sendung und Günther Jauch keine ergebnisoffene Talkrunde. Selbst die Geschichten im Tatort werden nicht (noch?) besser, nur, weil man nun höhere Auflösung, mehr Sender oder einen elektronischen Programmführer zur Verfügung hat. RTL sendet nicht weniger Müll und

Eigentlich hätte man also die Analogabschaltung dazu nutzen können, selbst auch abzuschalten. Ganz im Sinne von Peter Lustig.

Eigentlich. Denn die Digitalisierung mit ihrem Zusatz an Sendeplätzen und Möglichkeiten lässt zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so manchen Staub verwehen (meint auch die taz). Die je drei Digitalkanäle von ARD und ZDF bieten – leider zu großen Teilen nur im Abend- und Sonderprogramm – eine Vielzahl an großartigen Sendungen. Ein paar Beispiele aus den Spartenkanälen des ZDF (geordnet nach Sender) nach dem Klick.

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Keine Perlen für die Säue.

Letztendlich ist das Kino und Fernsehen und möglicherweise das Radio die letzte Rettung für unsere Gesellschaft – eventuell aber auch unser gemeinschaftlicher Untergang. In der Massenunterhaltung steckt das Potenzial die Welt zu verbessern: Kultur, Wissen, all das lässt sich über Bildschirmmedien verbreiten und verankern. Es ist aber auch gut möglich, Unsinn, Albernheiten und Idiotie. Statt Konstruktion könnte das Fernsehen und viel bedeutender das Kino eine destruktive Kraft auf unsere Gesellschaft entwickeln.

Zwischenfrage aus der letzten Reihe:
Warum zählen Sie das Internet nicht zu den Bildschirmmedien?

Selbstverständlich nutzt man das Internet auch an Bildschirmen. Der gemeinsame Nenner in Form von Internetseiten, die jeder aufruft und Infos, die jeder kennt, ist jedoch praktisch nicht verhanden. Tatsächlich können wir das Internet zusehens so filtern, dass wir nur das mitbekommen, was unserem Meinungsbild entspricht. Konkretes Beispiel: Wer rechtsradikalen Gedanken nachhängt, der kann ganz gut durchs Internet spazieren, ohne dass er jemals auf eine ihn widerlegende These stößt. Das ist beim Fernsehen und Kino noch nicht möglich.

Kino als Weltrettungsprojekt

Mit Büchern erreicht man bedauerlicherweise meist nur eine begrenzte Anzahl von Leuten, die so oder so bereits Bücher lesen. Das selbe Problem besteht beim Internet oder Zeitungen. Letztlich wird nur gekauft, was dem eigenen Meinungsbild entspricht. Filme dagegen können unterschwellig Themen anschneiden und so Themen einem Publikum eröffnen, das bisher selbige nicht wahrgenommen hat.
Ein gutes Beispiel hierfür ist Avatar – auch wenn ich den Film ziemlich mies fand. Eigentlich geht es um Umweltschutz und das alte Thema Industriegesellschaft gegen Ureinwohnerkultur, die neue Technik und die zahlreichen Action-Szenen sowie die SciFi-Elemente haben Leute ins Kino gelockt, die sich für die eigentlichen Themen des Films nicht interessiert haben.

„Kultur? Ich will lieber was mit Action und Titten.“

Letztlich ist es jedoch so, dass sich Qualität nicht durchsetzt und wir als kleinster gemeinsamer Nenner Schrottfilme haben. Es ist die miese 3:30-Radio-Musik-Scheiße, auf die wir uns einigen. Mr. Saxobeat oder irgendwelche Techno-Rotze. Wir einigen uns auf Scary Movie, und empfinden „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als zu kompliziert. Wenn wir es nicht schaffen, unserer Kultur wieder Raum zu geben, auch Musik zu kennen, die weder in Werbung noch in überteuerten Filmen Verwendet wurde, wenn wir uns endlich lossagen von dem, was die Industrie uns für Unsinn auf den Rücken bindet… dann haben wir endlich Kants Forderungen erfüllt.

Es ist ein langer Weg, bis wir die Möglichkeiten des Kinos und Fernsehens als Massenbildungsmedium wahrnehmen können. Die Möglichkeit besteht. Aber viel zu oft schallt Tubthumping (von Chumbawamba) statt der neunten Symphonie aus den Kinolautsprechern.

Nichtsdestotrotz ist Tubthumping ein toller Song. Aber mit Bildung hat er doch eher wenig zu tun, wenn Sie mir das erlauben.

Andererseits wäre meine Welt deutlich ärmer ohne American Pie und die anderen Filme meiner Jugend. Trotzdem nervt es, wenn man in der Vorstellung von 2001 nur halb so alt ist wie der Zweitjüngste im Vorführraum.

Schaut mal mehr gute Filme, verdammt! Bringt übrigens nichts, weil meine Leser schon einen hervorragenden Filmgeschmack haben.

Ähh… ja… scheiße.

wenn teddys show gewinnt, verkaufe ich meinen fernseher

Da mein Fernseher – ein Röhrengerät, was ich vor 10 Jahren mal für 60 Euro erstand – wohl keinen müden Cent auf Ebay bringen wird, ist die Gemeinschaft damit einverstanden, wenn ich statt dessen einfach 15 Euro an eine von Sarah Kuttner unterstützte Organisation spende? Zum Beispiel Junge Helden.

Über die Ergebnisse des ZDF.neo TVLab möchte ich noch nicht viel sagen. Ich hab schon zuviel darüber getwittert. Zuviel darüber nachgedacht. Schlussendlich ist es nur Fernsehen. Schlussendlich hat es nur gezeigt, was in Deutschland an Formaten möglich wäre – und nur ist.

Schade, dass letztlich nur eine Sendung produziert wird.

edit 08.09.11: Habe jetzt 20 Euro über betterplace.org an die Jungen Helden gespendet. (Warum da? Weil Paypal.) Spendenquittung reiche ich nach. Bei Gelegenheit.

Abschalten.

fernsehenneindanke

Ich schwöre dem Fernsehen nicht ab. Trotz RTL-Vorabend.

Es wird wieder eine Sau durchs Bloggerdorf getrieben. Auslöser ist ein eher unfreundlicher Beitrag im RTL-Magazin „Explosiv“ vom vergangenen Freitag (einige Quellen sprechen auch von Donnerstag). Es geht um die GamesCom und die diversen Klischees, die einige Computerspieler zu erfüllen scheinen. Wie dies gerne gemacht wird, schmeißt man alles in einen Topf, verletzt hier noch ein paar Gefühle und würzt das ganze mit einer hübschen Quotenstudentin. Der Shitstorm, der sich gerade anzubahnen scheint, wird schlimmer als die erste Staffel Dschungelcamp. Allerdings mit vertauschten Rollen.

YouTuber rufen zur Beschwerde auf. AMY&PINK wollen schon das ganze Fernsehen abschaffen. Es klingt, als würde sich Gutenberg darüber beschweren, was für Unsinn auf Steintafeln geschrieben steht. Das alte Medium verspottet seinen Nachfolger – und selbiger Jungspund hat nichts besseres zu tun, als die Seite der saarländischen Programmbeschwerde durch massenhafte Anfrage zeitweise lahm zu legen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich hätte mich auch beschwert. Ich glaube zwar nicht, dass es etwas hilft, aber nur als Masse sind wir stark. Es ist aber schon irgendwo bezeichnend für die Diskussion, dass ausgerechnet Marcel Wichmann die Stimme der Vernunft zu sein scheint. (Dem ich mich dann auch anschließen muss. Blogs wie LBCM und mich braucht kein Mensch.)

Dennoch müssen wir uns angesichts der aktuellen Fernsehlandschaft eine Frage stellen: Haben wir das Fernsehprogramm, das wir verdienen und wollen oder sind wir, was wir vorgesetzt bekommen?

Stimmte ersteres, stände es um unsere Gesellschaft schlecht. Solange Fernsehen noch Massenmedium ist, würde das bedeuten, dass die Mehrheit in unserem Lande Leute sind, die sich gerne Halbprominente beim Übergeben, völlig frei Erfundene, gänzlich überzogene Geschichten ansehen und Nachrichten bestenfalls im Boulevard-Ton sehen möchten. Eine derartige Nachbarschaft wäre ein weiterer guter Grund auszuwandern. Auf den Mond.

Würde letzteres stimmen, säßen wir einer Manipulierungsmaschine gegenüber, die fataler und schlimmer nicht sein könnte. Anstatt uns voranzubringen würden wir erstmals technische Mittel einsetzen, um uns noch dümmer und noch unfähiger zu machen. Und anders als dies bei Kinderarbeit geschah – die bekanntermaßen eingeschränkt wurde, weil das preußische Heer keine brauchbaren Rekruten mehr fand – spielt die Verdummung den Führungsriegen erst in die Hand. Wer schlechtes Schauspiel toleriert, der hat auch kein Problem mit einer lügenden Regierung. Und je länger man sich bearbeiten lässt, desto bereiter wird man, die Welt anzunehmen, wie sie einem präsentiert wird. Mit faulen Arbeitslosen, dummen Ausländern und peinlichen „Prominenten“.

Aber die Leute sehen das doch gerne.

Ein beliebtes Argument ist, dass der Erfolg ihnen recht gebe. Das ist aus mehreren Gründen falsch.

1. Die Quotenmessung bevorzugt gerade die Leute, die sich mit einfachen Inhalten berieseln lassen – und das massenweise. Dies führt einerseits zu einer Verschlechterungsspirale des Programms, weil: Leute sehen viel fern -> Doofes Zeug läuft -> Doofes Zeug ist „erfolgreich“ -> mehr doofes Zeug wird produziert -> Leute sehen immer noch viel fern

2. Ist Fernsehen eines der letzten Medien, die sich keinen genauen Zahlen, sondern lediglich Hochrechnungen stellen muss. Man stelle sich nur Quotenmessgeräte vor, die anhand einer Testgruppe auswerten, welche Webseite wie oft geöffnet wird, oder, die anhand eines Zeitungsstandes die Auflage für ganz Deutschland hochzurechnen versucht.

3. Führt zweitens letztlich dazu – weil sich Fernsehen nicht verkaufen muss, sondern auf Werbung oder Zwangsgebühren basiert -, dass gerade die seichte Kost, die man sich nebenbei gibt, hervorgehoben wird.

4. Wenn mein Vater Vorabends früher zuhause ist, sieht er auch manchmal fern. Letztlich bleibt er bei K11 oder dergleichen hängen, klagt darüber, was für ein Unsinn das sei, meint dann aber: „Es läuft ja sonst nichts.“

Warum ich trotzdem fernsehe.

Ich genieße es dennoch, nicht darüber entscheiden zu müssen, was ich will, sondern Angebote zu erhalten. Das Fernsehen wird überleben. Nicht, weil es top Qualität bietet oder dem Internet überlegen ist. Viel mehr ist es wie … Aldi. Man findet sich leicht zurecht, die Auswahl ist eher begrenzt und trotzdem findet man ohne groß überlegen und entscheiden das, was man braucht. Wenn man so will: Mangelnde Auswahl als Erfolgsrezept.

Außerdem ist es viel schwerer, vor einem Computerbildschirm einzuschlafen.