Internet statt Biene Maja

Erinnert sich noch jemand an seine Kindheit? Ich meine, nicht das verklärte „Wisst ihr noch, Pumuckel?“-Gerede, was anfängt, wenn mehr als drei über 19-Jährige aufeinander hocken. Ich meine, so richtig. Erinnert sich da noch jemand dran?

fernseher-blogger-klein

Ich glaube mich zu erinnert, dass ich viel fernsah. Es gab Siebenstein und Löwenzahn, gab Spielesendungen, Cartoons, den Tigerenten-Club, Sendung mit der Maus, Wissen macht Ah! und auch Schloß Einstein. Sendungen, in denen Rollenvorbilder vermittelt wurden. Probleme aus unserer Altersgruppe, genauso wie Wissen und Geschichten wurden vermittelt. Dabei versuchte das Kinderfernsehen immer, möglichst nah an das zu kommen, was gerade unsere Realität darstellte. Früher waren das Geschichten aus dem Vorstadtleben, war das Musik und Stars und Schule. Inzwischen sind die mit dem Internet Aufgewachsenen die Zielgruppe.

Sendungen wie iCarly (Nickelodeon), die für mich anfangs wie eine „Revolution“ wirkten, werden inzwischen durch KIKA-Sendungen wie dasbloghaus.tv – inklusive gleichnamige Blog – ergänzt. Es hat durchaus etwas für sich, wenn Geschichten erzählt werden, in denen wie selbstverständlich auch Internetaktivitäten vorkommen. Dennoch bleibt ein Fragezeichen.

Ist das „bloggen“, was dort betrieben wird, wirklich authetisch? Geben Fernsehserien nicht eine ganz falsche Vorstellung vom Internet? Dreht sich nicht zu viel darum? Wird das Bildschirmdasein nicht zu sehr herausgehoben? Und: Muss man wirklich mit aller Gewalt eine neues Medium in die Erzählweisen unserer Kinderunterhaltung reinpressen?

Nach einer Folge dasbloghaus.tv – Montag bis Donnerstag 20:10 im KIKA – bleibe ich doch etwas verwirrt zurück. Vielleicht ist wirklich etwas komisch an der Sendung, vielleicht bin ich aber auch nur einzementiert in die Fernseh-Erinnerungen meiner Kindheit. Und sowieso: Die Zielgruppe ist eine andere.

"Auch du, mein Bruder, MTV?"

Was in den letzten Jahren mit VIVA getrieben wurde, darf man durchaus als „Hin und Her“ bezeichnen. Ich persönlich spreche – übertrieben wie immer – von einem Caesarenmord. VIVA hat noch die Messer im Rücken stecken, wo MTV schon längst verschwunden ist. Zuviel musste dieser 1992 gegründete Sender durchmachen. Zuerst seine goldene Zeit mit dem Zweisender VIVA Zwei als Höhepunkt, später der Abstieg – aus Zwei wurde VIVA plus, und daraus ein nie endenwollendes SMS-Voting-Dings -, dann endete VIVA plus und die SMS-Sendung kamen zum Hauptsender. Es blieben Lichtblicke: Sarah Kuttner zum Beispiel. Geschwächt wie das Jugendfernsehen trotzdem war, kaufte die MTV-Mutter Viacom VIVA, baute VIVA zum Mädchen- und MTV zum Jungensender um, verteilte die Formate um – und nun hat MTV uns verlassen. Ist nun „Pay-TV“ mit eigenproduzierten Formaten und allerhand US-Kram.

Aber nicht das schmerzt. Es schmerzt, was aus VIVA wird. Wie ein Kind, dem man jeden Tag eine andere Aufgabe gibt, wirkt es ziellos, verwirrt und langfristig nicht zukunftsfähig. Selbstverständlich, das Programm wird wieder besser, handwerklich lässt sich nichts daran herummeckern. Das Logo und die Einspieler – modern, hübsch. Was fehlt – so das mulmige Gefühl bisher – ist das Herz. VIVA, das Jugendmärchen, das Wunder des Musikfernsehens, musste schon mit eher drittklassigen Eigenformaten und unzähligem, eingekauften Kram Vorlieb nehmen. Nun werben Sie mit MTV-Herzstücken.

Nachts läuft nun Jackass. Tagsüber Friends. Orientierungslos irren wir jungen Menschen durch die Fernsehkanäle, fragen uns, was überhaupt noch sicher ist. Wird bald die Gravitation angepasst? Bekommen wir eine modernere Landesflagge? Wird die ARD privatisiert? Auf Sixx – dem Frauensender – läuft nachts Dildo-Homeshopping. Fernsehen, all die Sicherheit, die du uns gabst, verfliegt Stück für Stück. Das macht mir Sorgen.

Es gibt übrigens noch VIVA Eigenproduktionen. Aber selbst die wirken wie die leeren Ideenhüllen aus dem Hause MTV. Jedes individuelle, jedes eigene… scheint verflogen. Und VIVA ist nur noch Irgendwer oder -was, nicht unser Jugendsender.

Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt.

Mehr gibts, natürlich rein positiv in dieser Pressemitteilung von VIVA, Gedanken über das neue Logo hat sich Rotwang gemacht und einen ganz spannenden Wikipediaartikel gibts natürlich auch.

Dear MTV, I was wondering if I could get my "M" back… you know, since you aren’t using it. Sincerely, _usic.

MTV RJ Berger

Eigentlich sollte man jetzt noch möglichst viel MTV sehen, bevor es am 01.01.2011 endgültig zu einem Bezahlsender wird. Ob das funktionieren kann? Wer weiß. Eigentlich gibt es für mich keinen Grund mehr, den Sender zu sehen. Allenfalls „My life as Liz“, „Family Guy“ und „Game One“ mögen noch zu gefallen, und das sind ausgerechnet die Nicht-Musik-Formate. Und ausgerechnet die werden auf VIVA zweitausgestrahlt. Wozu also für MTV bezahlen? Wozu MTV schauen? Was wirklich interessant ist, was wirklich aktuell ist – läuft da erst 3 Wochen später. Sind wir doch ehrlich: MTV ist heute noch so nah an der echten Jugend wie… die katholische Kirche das ARD. Und mal ehrlich: Lieber schau ich ARTE (tracks, karambolage, philosophie, usw.) oder ZDF.neo (hustler). Und für Musik gibt es tape.tv und… YouTube. Trotz Gema. Trotz mieser Bildqualität.

Wir machen unsere Jugend jetzt selbst.
Trotzdem Danke, MTV. Du warst toll.

(Mehr zum Thema bei Thomas Matterne)

(edit. Und laut MTV.de ist meine Kritik oben sowieso falsch. Gleich vier neue Musikshows gäbe es in 2011. Die Kritik bleibt aber: Redaktionell betreut – also mit Studio und allem (Rockzone, erinnert sich noch jemand da dran?) gibts so gut wie nicht mehr.)