Ist die Zombieapokalypse der Biedermaier unserer Zeit?

Seien wir ehrlich: Keiner von uns würde auch nur fünf Minuten in einer echten Zombieapokalypse überleben. Die eine Hälfte würde in kürzester Zeit gefressen, gebissen, erschossen oder sowas werden, die andere Hälfte würde sich aufgrund des ausgefallenen Stroms an einem Ladekabel erhängen.

Stockholmer Bahnhof

Ohne Wikipedia, ohne Twitter, ohne deine Mutti, die du dreimal im Monat mit deiner Festnetflat anrufst, würde doch keiner von uns auch nur drei Tage überstehen. Zumindest nicht, wenn diese nicht von vorn bis hinten durchgeplant sind. Ist eine Zombieapokalypse planbar? Fangfrage! Natürlich gibt es diese Sorte Typen, Marke Südstaatenwaffenfascho, die sich vor allem eine Zombieapokalypse wünschen, um endlich mal hemmungslos allem und jedem ins Gesicht zu schießen. Und dann wären da noch die Warlords in diversen Ländern, die wohl auch kein Problem mit Zombies hätten, da diese schlicht nur bedeuten, nochmal eine Kugel nachlegen zu müssen. Aber der Durchschnittsbürger? Als Internetmensch mit halbwegs aufgeklärten Werten hat man ja schon wochenlange, psychische Probleme, wenn man eine Katze überfuhr, aber ein dich fressen wollendes Wesen, das aussieht wie dein Mitbewohner? Man wäre erstmal schockgelähmt von all den moralischen, technischen und biologischen Fragen, die ein solches Ereignis heraufbeschwören würde. Noch bevor man „Siri, definiere Zombieapokalypse“ sagen kann, hätte der Ex-Mitbewohner schon einen vollen Magen.

Der Durchschnittsnerdtwitterer mit Vorliebe für das Hinterfragen von Zombieserien kann ja kaum sein eigenes Körpergewicht beim Sex stemmen – was er, zugegebenermaßen, auch eher selten übt -, wie soll er da gegen Zombieherden kämpfen? Wie soll er den Zombie, der ihm gerade van-Gogh-esk das Ohr abzukauen versucht, wegschubsen? „Entschuldigen Sie bitte, das Ohr würde ich gerne… Ej!!“ Klar, die gewisse Menschenscheu, die mag da von Vorteil sein. Aber wenn wir ehrlich sind weiß niemand von uns, wie man mit diesen Biestern umgehen soll, wenn sie mal in die Nähe kommen (Bedauerlicherweise gilt das sowohl für Biester im Sinne von Menschen als auch für Biester im Sinne von Zombies).

Der Durchschnittsnerdtwitterer kann Google richtig nutzen, bekommt Abends Kurzmitteilungen zu Fachfragen zu LOTR oder kann diese Star-Trek/Star-Wars-Unterscheidung nicht nur interlektuell nachvollziehen, sondern auch anwenden. Außer, Zombies lassen sich tatsächlich in ein Dungeons-&-Dragons-Spiel verwickeln oder haben Probleme mit ihrem E-Mail-Programm, ist für den Durchschnittsnerdtwitterer bei einer Zombieapokalypse nichts mehr zu machen, außer ihm freundlich lächeln in den Kopf zu schießen, fünf Minuten nach Ausbruch der Krankheit (ganz hipster-esk infiziert, bevor es cool war).

Warum ist dieses Genre dennoch so beliebt unter den Bildungsgewinnern und Gesellschaftsverlieren? Ist es die Vorstellung, eine solche Unglückssituation könne uns zusammenschweißen und so endlich die Möchtegern-Unterschiede aufheben, unter denen wir immer noch eine Ungleichheit zwischen uns und den anderen imaginieren? Ist es die Angst vor den Menschen, die tief in uns steckt – geboren aus den schlechten Erfahrungen mit Einzelnen – die uns ja gerade zu hoffen lässt, dass diese Angst mehr als nur ein Hirngespinnst ist, sondern ein Hirnesser? Ist die Zombieapokalypse die Umwertung aller Werte? Die Geburt des Übermenschen? Ist es ein gesellschaftlicher Konstrukt? Oder suchen wir nur Ausreden, damit wir schön intellektuell wirken neben den Alarm-für-Cobra-11-Sehern und Auf-einen-Formel1-Umfall-Warter, dabei wollen wir doch auch nur das Blut spritzen sehen? Oder, ist es dieser kleine Schmerz, wenn eine Figur stirbt, die wir mögen, der uns fühlen lässt, dass wir nach all der Scheiße noch menschlich sind? Ja, ist es genau das? Führt uns die Idee der Zombieapokalypse unsere inneren Hoffnungen und Ängst vor einer Nichterfüllung der gesamtgesellschaftlichen Menschlichkeit vor? Missbrauchen wir die Zombieapokalypse am Ende nur für sinnfreie Blogeinträge aus lauter Fragen?

Vielleicht ist die zwanghafte Vorstellung eines Weltenendes die stille Hoffnung auf ein Anderes Weiterkommen. Vielleicht wünschen wir uns insgeheim eine Welt, in der wir kein Foto des gerade geschlachteten Zombies machen und bei Instagram posten. Vielleicht brauchen wir eine Welt, in der aus dem Zombiemädchen kein „Overly Attached Zombie Girl“-Meme wird. Die Zombieapokalypse ist die Idee des Wegkommens mit allen Mitteln. Die letzte Alternative, wenn Willenskraft nicht ausreicht. Dabei ist es egal, ob man letztlich bei dem Überlebenden steht oder nach diesen hungert. An einem Punkt, an dem eine Zombieapokalypse eine Hoffnungsvision ist, ist der mögliche eigene Tod kein Faktor mehr. Go ahead and kill me.

Eigentlich ist alles egal. Alles ist egal, wenn die Tage immer gleich ablaufen. Aufstehen, Scheitern, zurückkriechen. Wir fühlen uns machtlos, bedeutungslos, sinnlos, alternativlos. Und das Alternativ-Los ist auch ne Niete. Die Vorstellung der Zombieapokalypse ist ein Rückzug. Ein Rückzug in eine Vorstellungswelt, in der wir nicht so hilflos sind und die uns zerfressenden Bedrohungen materiell sichtbar werden. Wo wir zerrissen werden – und das nicht nur gefühlt. Die Zombieapokalypse ist eine Kampfaufgabe, bis größere Aufgaben zum daran Scheitern da sind.

Übrigens findet sich in meinem Zombie-Survival-Rucksack auch eine schwedische Fahne. Aus Gründen. Falls ich mich dazu aufraffen kann gibts hier demnächst noch mehr zu Zombiethemen. Vielleicht versuche ich mich sogar an einer Klassifizierung… Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wir alle am Sonntag The Walking Dead schauen und genau nichts passiert.

Der Wahnsinn gehört dazu.

Gestern sang ein junger Mann an der Bushaltestelle. Er sang aus vollem Halse ein englisches Lied, und als er in den Bus einstieg, mit dem ich auch fahren wollte, erzählte er von den USA. Ich vermute, er kam gerade von der Arbeit, trug noch eine Kabeltrommel, einen Helm und schwere Arbeitskleidung. Er sang nicht besonders gut und auch, was er erzählte – das Halloween und „Fasching“ das gleiche wären war nicht erzählenswert. Aber er sprach mit einem Nachdruck in der Stimme, die man hier nur von Betrunkenen hört.

Grundsätzlich bin ich mit solchen Situationen überfordert.
Ich fahre unheimlich gerne mit dem Öffentlichen Nahverkehr, aber die Menschen, die darin sind, begegne ich zugerne mit Vorurteilen.

Da gibt es beispielsweise die Kinder mit Zigaretten und großer Klappe, die sich scheinbar ausschließlich von Fast Food ernähren und über irgendwelche Unanwesenden herziehen, als seien sie die Richter des jüngsten Gerichts. In fast jedem Bus gibt es eine alte Frau oder einen alten Mann, der sich sehr gut mit dem Busführer versteht. Machmal sieht man auch junge Eltern im Bus, die die kurze Fahrt nutzen, um Zeit mit ihrem Sprössling zu verbringen. Oft finden sich auch schweigsame Menschen mit Kopfhörern, die von der Arbeit oder Uni heimfahren und denen man ihr alltägliches Leben aus den Ohren quellen sehen kann. Praktisch alle teilen eine Eigenschaft: Sie sind gelangweilt.

Einer der Kinder beginnt mit seinem Mobiltelefon den erzählenden Mann zu filmen. Ich will eingreifen, aber ich weiß nicht, ob ich es darf. Ich weiß nicht, ob es angemessen ist, mit dem laut den ganzen Bus anredenden Mann ins Gespräch zu kommen, in zur Ruhe zu bringen. Nehme ich damit nicht den anderen das letzte bisschen, was ihren Alltag verändert?

Ich kenne ein paar aus dem Bus. Einer fährt weiter, obwohl er sonst mit mir aussteigen würde. Auch ich nehme die nächste Haltestelle, hauptsächlich, weil ich abwarte, bis der erzählende Mann Platz an der Tür gemacht hat. Ich steige aus. Ein junges Mädchen – es halb-regnet – rennt zum Bus, ruft, und erwischt ihn doch nicht mehr. Tropfen fallen. Ich nehme das kurze Stück durch einen Park und frage mich, was mehr wiegt. Die Ruhe oder die Ablenkung. Die Würde des Einzelnen oder der Alltagsausbruch der Vielen. Habe ich nicht eingegriffen, weil ich selbst aus meinem Alltag aussteigen wollte. Weil ich das Schauspiel genoss, welches mir die Realität des ÖPNV bot?

Oder habe ich mich einfach an die Oberste Direktive der Raumflotte gehalten? Bekanntermaßen behandelt die Oberste Direktive die Nichteinmischung in fremde (innere) Angelegenheiten. Vielleicht ist es ja so: Wir alle trotten in unserem Leben voran und jeder hat einmal – oder auch öfters – einen Augenblick, in dem er ausbricht. Und dieser Ausbruch hält die Gesellschaft zusammen. Dieses Druckablassen bewahrt uns vor ernsten Ereignissen.

Mängelexemplar

Gibt es eigentlich noch Menschen, die Bücher kaufen ohne Macken und Eselsohren? Selbst der Roman, welchen ich von meiner Dozentin ausgeliehen habe – sie ist ein „hohes Tier“ in unserem Fachbereich mit Dr.-Titel und allem -, selbst den ziert ein Stempel „Mängelexemplar“.

Ja, natürlich handelt es sich dabei nicht um einen aktuellen Roman. Die Erstausgabe erschien – in Schwedisch – 1933. Die mir vorliegende Übersetzung müsste von 2007 sein. An den Seiten hat das grüne Hardcover ein paar Macken – welche ich zuerst meinem Transport des Buches zuschrieb und mich schon exmatrikuliert auf der Flucht nach Sibirien wähnte, bis ich den Stempel „Mängelexemplar“ entdeckte -, es hat ein zwei winzige Flecken, aber die Seiten sind alle vorhanden in ihrer weißen Bleichheit. Das Buch riecht auch nicht irgendwie komisch. Röche es wie der Schlachthof in meiner Heimatstadt – so eine Mischung aus Exkrementen, Blut, Fleisch und Reinigungsmitteln -, würde ich verstehen, dass dies ein Mangel ist. Aber praktisch unsichtbare Macken und zwei, drei Verfärbungen des Buchcovers? Hm. Möglicherweise bin ich in einer anderen Generation aufgewachsen, in der man auch beschädigte Dinge noch wertschätze und nicht bei jeder Kleinigkeit sofort Preisnachlass forderte. Ich glaube aber, der Wind weht aus einer anderen Richtung.

Ich glaube, revolutionäre Buchhändlerinnen zerstören mutwillig ihre eigene Ware als Akt der Befreiung der großen literarischen Werke unserer Zeit. Die kleinen Macken und der einem zerschlagen der Ketten gleich Aufdrücken des „Mängel“-Stempels dient dem Guerillakampf gegen die in Teilen unberechtigt erscheinende Buchpreisbindung. Das diese zugleich nicht Fallen darf, sondern nur von diesen Freiheitskämpfern in speziellen Bereichen aufgeweicht werden soll, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass gerade Neuauflagen und Erstauflagen (Ausnahme: Der Erstlingsroman von Sarah Kuttner) nicht als Mängelexemplare verkauft werden.

Möglicherweise ist es auch keine Verschwörung der Buchhändler schuld, möglicherweise kauft meine werte Dozentin auch schon direkt mit Stempel aus der Erfahrung heraus, dass an Studierende verliehene Bücher eben leiden.

Es gibt keinen Frieden zwischen Frühaufstehern und Wachbleibern, weil einer der beiden den Friedensschluss immer verschläft.

Dies Diskussion gibt es zurecht immer wieder: Nutze ich den Tag besser, wenn ich früh aufstehe oder lange wach bleibe? Beides hat seine Vor- und Nachteile. Vor allen Dingen wird eines der beiden Alternativen gesellschaftlich besser anerkannt.

Die lange Nacht hat ein Imageproblem
Niemand würde auf sein Straßenschild schreiben „Land der Wachbleiber“, ein Werbespruch wie „Land der Frühaufsteher“ wird aber tatsächlich von Sachsen-Anhalt verwendet. Weil diese Umfragen zufolge schon um 06:39 Uhr aufstehen. Der Durchschnittsbundesbürger ist 9 Minuten ausgeschlafener.
Mit frühem Aufstehen wird Arbeitsamkeit assoziiert, während Menschen, die lange wach sind als seltsam dastehen. Der Schlaf nach Tageswechsel, behauptet der Volksglaube, sei ungesünder. Mir ist keine wissenschaftliche Studie bekannt, die das bestätigen könnte. Meines Erachtens nach ist der Hass auf die Wachbleiber eine unsinnige und unnötige Diskriminierung. Ob ich besser tagsüber arbeite oder in den Abend und Nachtstunden hängt vor allen Dingen an mir. Keins von beidem ist von vornherein besser und jemand, der bewusst, weil von gesellschaftlichen Normen gezwungen, dann zu arbeiten versucht, wenn er eigentlich besser im Bett läge, ist alles andere als produktiv oder gesund.

Auch in meinem Freundeskreis erklärte mir jemand voller Stolz, was er heute schon alles geleistet habe und betete zugleich runter, wo er überall schon gewesen sei. Ich, da ich bin um die Mittagszeit schlief, nuckelte an meinem Tee und hörte nur so halb zu. Nun – Null Uhr Zweiundzwanzig – bin ich sehr motiviert, diesen Text zu schreiben. Sehr motiviert, E-Mails zu beantworten. Mein Kopf arbeitet ausgerechnet dann gut, wenn andere schlafen.

Größter Vorteil davon: Niemand stört. Versuche ich tagsüber zu Schreiben oder irgendetwas zu erledigen, kommt ständig irgendjemand und möchte etwas von mir. Erst jetzt, wenn die anderen das Bett hüten, habe ich Zeit und Muse, einen Text nach dem anderen zu verfassen, Blogeinträge anderer zu lesen, meine Uniwochen zu planen. Wenn auch der öffentliche Nahverkehr ruht, dann werde ich präsent. Schreibe Hausarbeiten, denke nach und schaffe mehr, als andere oft den ganzen Tag lang.

Ist das falsch?
Nein. Ich kann nichts dafür, wann ich gut arbeiten kann.

Ist das für mich dennoch problematisch?
Ja. Unsere Gesellschaft belächelt nicht nur die Wachbleibenden, sondern zwingt ihnen ihre unsinnigen Regel auf. Die Öffnungszeiten mancher Behörden sind dafür symptomatisch („Mittwochs 8 bis 10 Uhr“). Gerade traditionsreichere Institutionen (wie Universitäten und Schulen) neigen zu einer gewissen Verachtung des Wachbleibens, so, wie sie einst Linkshänder als „falsch“ wahrnahmen. Inzwischen setzen allerdings langsam Verbesserungen ein. Etwa ein langer Donnerstag in vielen Behörden.

Weil wir aber immer noch eine Minderheit sind und die Vorteile der Arbeitsteilung zwischen Tag- und Nachtmenschen noch nicht erkannt wurden, stehen wir noch am Anfang. Zwar fängt der frühe Vogel den Wurm, aber der faule Wurm lebt noch, wenn der fette Vogel schon von der ausgeschlafenen Katze gefangen wird (Frei nach Volker Pispers).

Ob man lieber lange schläft oder früher zu Bett geht, ist einem selbst überlassen. (An dieser Stelle bitte das „Why can’t we have both“-Meme vorstellen. Danke.)

Der Weihnachtsmann ist keine Lüge, sondern eine Ideologie.

Eigentlich führe ich gerade mit einer Freundin eine sehr hitzige Diskussion um Heiratsanträge und auf welcher Grundlage diese zu machen seien. Ich kritisiere unter anderem, dass sie der Meinung ist, einen Mann unterschwellig zum Heiratsantrag bringen zu dürfen, was ich als Lügen auffasse. Sie wiederum entgegnete, dass die Welt nun mal voller Lügen und Intrigen sei, angefangen beim Weihnachtsmann und dem Klapperstorch. Ich will hier das Antragsthema gar nicht weiter austreten, sondern direkt auf eine Frage kommen, die sie an dieser Diskussion als Randerscheinung ergeben hat. Zunächst:

Warum erzählen wir Kindern Märchen?

Eine aufgeklärte, der „Wahrheit“ verschriebene Gesellschaft sollte ihren Kindern eigentlich nur das weitergeben, was sie nach wissenschaftlichen, ethischen und moralischen Maßstäben als sinnvoll und richtig wahrnimmt. Folglich sollten offensichtlich fiktive Werke wie Märchen auf keinen Fall an die nächste Generation weitergegeben werden. In unserer Erwachsenenwelt ist der Begriff „Märchen“ inzwischen ja auch Synonym für „Erlogen“. Warum also unsere Kinder belügen? Einerseits dient die Lüge als Schutzmechanismus. Die heile Welt, die wir unseren Kindern vorleben, die Phantasievorstellungen, die wir bewusst zulassen und fördern („Erzähl mal.“) und auch die Fremderklärungen („Der Storch bringt die Kinder“) dienen letztlich der Erhaltung einer friedlichen, sicheren und angstfreien Welt für das Kind. Wenn Störche nicht irgendwelche Vögel sind, die uns Nahrung nehmen, sondern als Teil unserer Welt wahrgenommen werden, die mit uns in Verbindung stehen, dann nimmt das Kind die Welt viel mehr als Ganzes wahr. Ein Kind mit Phantasie ist bereiter Zusammenhänge zu erkennen und zu konstruieren und nicht nur das ihm bereits bekannte zu referieren. (Alles reine Spekulation, wissenschaftliche Studien, die dies belegen liegen mir nicht vor).

Der Weihnachtsmann ist eine Ideologie.

Ich glaube aber, das Märchen und auch die Lüge vom „Weihnachtsmann“ vor allem einen anderen Ursprung haben. Konzentrieren wir uns auf den Weihnachtsmann (oder in Süddeutschland: „Das Christkind“): Da ist jemand, der dich ebenso beschenkt wie die Nachbarskinder und der kein Geld, keine Arbeitszeit oder eine andere Gegenleistung von dir erwartet (außer einer gewissen moralischen Gesinnung, die man dann als „Wart ihr auch alle brav?“ referiert). Im selbstlosen Handeln des fiktiven „Weihnachtsmann“ steckt ein Haufen Ideologie, die Kinder aufnehmen sollen: 1. Man muss keine Gegenleistung verlangen, dafür, dass man etwas Gutes / Selbstloses tut. 2. Im Handeln muss kein eigenes Interesse liegen (Vorteile für eigene Gruppe, etc.). Der Weihnachtsmann besucht „die ganze Welt“. 3. In dem das Handeln der Eltern (also die Geschenke der Eltern) einem fiktiven Dritten zugedichtet werden soll das Kind lernen, gutes Verhalten nicht nur gegenüber denen zu zeigen, die ihm etwas gutes tun. Es geht bei Weihnachten also nicht um ein Handel, ein Geben und Nehmen, sondern primär um ein Geben. 4. Die Möglichkeit des strafenden Weihnachtsmanns (bei uns meist verkörpert durch „Knecht Ruprecht“ als Begleiter des Nikolaus) bietet zudem einen ersten Ansatz einer unabhängigen, gesamtgesellschaftlichen Instanz der Rechtsprechung. Der strafende, ebenso wie der belohnende Weihnachtsmann, sind also eine Verbindung aus Judikative/Exekutive (unterschiedlich, je nachdem wie der Weihnachtsmann den Kindern durch die Eltern vermittelt wird). Zumindest mir wurde als Kind über ein Buch berichtet, in dem alles Gute und alles Schlimme, was ich tat, verzeichnet wäre und auf Grund dessen würde ich durch den Weihnachtsmann belohnt/bestraft werden.

Sich bei der Diskussion um Märchen, dem Weihnachtsmann und Klapperstorch allein darauf zu versteifen, dass dies letztlich „Lügen“ seien, ist zu kurz gedacht. Viel mehr müssen wir hinterfragen, warum gelogen wird.