Geschichte ist das, was wir uns erzählen

schallplatte
In 1984 passt Winston Smith immer wieder Zeitungsartikel an, damit sie den Vorstellungen des Großen Bruder entsprechen. Weil Geschichte nicht unabhängig von diesen gefälschten Zeitungstexten existiert, kontrolliert die Partei sowohl die Vergangenheit, das Jetzt als auch die Zukunft.

Sieht man das Internet als die heute führende Informationsbeschaffungsdiktatur, so ist Wikipedia ein Ministerium voller Winston Smiths. Wir editieren unsere Geschichte, wie wir wollen. So auch Andreas Kopietz, wie er heute in der Berliner Zeitung gestand. Er dichtete der Stalinallee in Berlin einen Spitznamen an: „Stalins Badezimmer“. Wenn alle Aufzeichnungen gleich lauten, schrieb Orwell unter anderem, geht die Lüge in die Geschichte ein und wird zur Wahrheit.

Was ist also Geschichte? Was ist Vergangenheit? Was ist früher? Ich denke, es ist das, was wir uns immer wieder erzählen. Wenn wir nur oft genug wiederholen, diese oder jene Sache sei so und so gewesen, dann gibt es immer kleinere Gruppen, die dies noch verneinen, bis irgendwann jeder daran glaubt. Unsere Erfahrungen werden auch immer feingeschliffener, je öfter wir von ihnen erzählen.

Ich weiß jetzt schon, dass meine Erinnerungen sich verändert haben werden, wenn ich sie mal meinen Kindern erzähle, sagte (so ähnlich) Shantel im Österreichischen Fernsehen. Recht hat er! Vergangenheit ist immer nur das, was bei uns im Jetzt von ihr ankommt. Selbst, wenn sie erlogen ist.

Hemmung

Metro

Eigentlich könnten wir ein ganz wunderbares Völkchen sein. Wenn wir mehr denken würden, und weniger. Wenn wir wieder mehr Kinder wären, und mehr erwachsen. Heute sah ich eine Frau mit einer offenbar schweren Einkaufstüte. Mehrmals stellte sie sie ab und jedesmal fragte ich mich: Soll ich ihr helfen? Aber natürlich! Soll ich sie ansprechen? Ich weiß nicht. Irgendwie traute ich mich nicht.

Man könnte jetzt sagen, das würde lediglich daran liegen, dass ich „ein wenig“ schüchtern bin. Klar, die Schüchternen, die Kleinen und Uncoolen, sind die große Mehrheit. Wären wir einig, könnten wir die Welt regieren, aber irgendwie sind wir dann doch zu schüchtern für sowas. Wieauchimmer.

Ich glaube, die Ängste vor den Fremden, die Abneigung gegen Unbekanntes, das „Niemanden ansprechen“ wir uns erst gelehrt. Von Natur aus sind wir hilfsbereite, offene, freundliche, ja, gar humane Wesen. Erst durch Kultur, erst durch falsche Lehren, falsche Ziele werden wir geldsüchtige, unfreundliche Artgenossen, oder eher noch, -Feinde.

Ein Junge meines Alters hier aus der Nachbarschaft sitzt im Rollstuhl. Ich weiß nicht, wie viel er von der Außenwelt – das heißt, der unseren Welt – mitbekommt. Ich glaube, er hat ein gutes Leben. Seine Mutter, die ihn pflegen muss, tut mir jedoch ein leid. Die Blicke von so gehemmten Leuten wie mir, die sich zu keinem Gespräch trauen, die müssen unangenehm sein. Heute sprachen ein paar Kinder ihn an. Sie stellten ihm Fragen, so, als wäre es völlig normal, mit körperlich und geistig Benachteiligten zu reden.

Ich hab da irgendwie Hemmungen. Eingepflanzte Hemmungen. Ich glaube, es gäbe bestimmte Normen und Sitten, und ich habe riesige Angst davor, mich im Gespräch mit anderen, fremden Menschen zu blamieren, ihnen Weh zu tun oder gar Unrecht. Ich weiß, wie irrational diese Ängste sind, aber ich habe sie mir angewöhnt, und komme davon nicht mehr los.

Wir alle sollten viel mehr Funny van Dannen hören und uns dabei viel weniger Sorgen machen, wie wir eigentlich sind und wie wir uns zu verhalten haben.

Wenn wir viel mehr wären, wie wir sein könnten, wenn wir mehr täten von dem, das wir wollen, dann hätten wir ein viel schöneres Land – für alle. Aber das Gute geht verloren, in der Reibung mit der Realitätsangst…

"Die Konkurrenz schläft nicht"

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Es heißt, die Konkurrenz käme ohne Schlaf aus. Wir sind Helden sangen einmal ein Lied darüber. Es ist eine bedrohliche Vorstellung, dass irgendwo jemand sitzt, und während ich schlafe und mich auf meinem Erfolg ausruhe (haha, welcher Erfolg?) mich überholt. Die China-Angst, wenn man so will. Die Angst, dass die Studienplätze komplett von hochbegabten Chinesen belegt werden, die alle talentierter, besser aussehend und vermutlich auch besser in Deutsch sind als man selbst. Man verzichtet also auf Schlaf, will ja nicht überholt werden, und ackert. Weil der hochbegabte Chinese mit perfekten Deutschkenntnissen aber ebenso weiß, dass die deutsche Konkurrenz ebenso wenig schläft, ackern sich beide zu Tode.

Heißt also die Devise fürs Überleben, gar nicht erst mitzumachen bei diesem Wettlauf? Einfach sein Leben zu verschlafen?

Nein. Denn ohne Wettkampf keine Weiterentwicklung, sagen Adam Smith, sagen Darwin, sagen alle Leute, die erstere beiden missverstehen. Der Markt regelt das schon, dass der bessere gewinnt. Und weil niemand verlieren will, kämpft jeder – und wacht. Der frühe Vogel fängt den Wurm, der Späte verhungert zwangsläufig. Selbstverständlich könnten auch beide ausschlafen, aber der schlaue Wurm würde dann einfach sein Tagesgeschäft schon Morgens erledigen, so dass beide Vögel am Ende dumm dastehen. Es stimmt halt auch: Wer nicht teilnimmt, hat schon verloren.

Wie soll man aber noch leben zwischen beiden Extremen? Wie soll man das gesunde Mittelmaß finden? Wie soll man die Konkurrenz übertreffen, wenn diese nie ruht?

Es geht nicht ums Gewinnen. Dabei sein ist alles. Es wird immer Leute geben, die einen übertreffen. Aber das ist kein Grund für Wahnsinn, Schlaflosigkeit oder sonstwas. Natürlich hat Stephen King mehr Leser als ich (und ist auch besser bezahlt), aber ich müsste sehr unglücklich sein, würde ich mich mit ihm messen wollen. Ebenso unglücklich wäre wohl Stephen King, wenn er den Erfolg seiner Bücher mit – sagen wir – der Bibel messen würde. Es ist eben so: Man kämpft immer nur mit und für sich selbst.

Ich muss mich an meinen eigenen Zielen messen. Ich will nicht das erfolgreichste Blog Deutschlands, und auch nicht das perfekte Abitur, sondern mit mir zufrieden sein. Und dafür reicht ab und an ein Kommentar, eine gepflegte Blogfreundschaft oder – im Falle des Abitur – über 8 Punkte in Deutsch, und ansonsten 5 oder mehr (außer Mathe, da strebe ich wenigstens 1 Punkt an), und bei alledem ab und an noch ausschlafen dürfen.

Wenn Ihnen einmal wieder jemand begegnet, der verängstigend ruft: „Die Konkurrenz schläft nicht!“, sagen Sie doch einfach, wenigstens seien Sie ausgeschlafen. In diesem Sinne: Gute Nacht.

Jetzt in den Kommentaren: Bessere Antworten auf die wachende Konkurrenz, sowie: Mit wem wollen Sie sich nicht messen lassen? Würde mich freuen.

Verteidiger der Leere irren.

Schon oft habe ich versucht zu erklären, warum ich Straßenkunst – insbesondere auch „Schmierereien“, Aufkleber und Graffiti – als etwas durchaus Schönes und Bereicherndes empfinde. Man – das heißt, meine Person selbst – unterstellt mir deshalb eine ausgewachsene Angst Abscheu vor der Leere, „Horror Vacui“, wie es so schön heißt. Das mag ja durchaus stimmen, aber weniger im Recht fühle ich mich deshalb mit meiner aktuellen Meinungslage nicht. Schließlich behaupte ich, meine Meinungsgegner würden ihrerseits am „Amor Vacui“, einer übertriebenen Vorliebe für das Leere, leiden.

Es gibt beispielsweise eine Brücke in unserer Stadt, unter der zwei Wege hindurchführen, und die dort mit vielen bunten Schichten Graffiti übereinander sich immer wieder veränderte und so „lebte“. Vor kurzem wurde das Graffiti – mit unseren Steuergeldern – entfernt. Dass ich das nicht wollte, bleibt ungehört, weil die Stadtverwaltung auf der Seite der Leereliebenden steht (vielleicht aber auch, weil die Horrorvacuiisten einfach in der Unterzahl sind).

Ein anderes Beispiel sind Toiletten, die immer wieder von Schmiereien befreit – das heißt: neu gestrichen – werden. In verschiedenen „hippen“ Clubs hat man inzwischen begriffen, dass es durchaus auch zum Charakter einer Toilette beitragen kann, wenn ihre Wände von Menschen gestaltet sind, wenn „die Wände leben“. Soweit sind die meisten öffentlichen Toiletten noch nicht. Dort glaubt man immer noch die Formel: Schmiereien = Unhygienisch. Dabei sind auch die frisch gestrichenen Toilettenräume in einem der städtischen Parkhäuser keine aufsuchenswerteren Orte geworden, denn die Toiletten selbst blieben eklig-verdreckt wie zuvor.

Die Frage ist nicht, wer von beiden Gruppen letztlich Recht behält. Denn, eins muss auch ich bei aller einseitiger Argumentation eingestanden werden: Private Flächen bleiben private Flächen und trotz „Horror Vacui“ habe ich kein Recht diesen ihre Leere zu nehmen, genausowenig wie man mir vorschreiben darf, dass ich meine privaten Flächen leer zu halten hätte. Ebenso klar ist aber auch: Öffentliche Flächen gehören uns allen und Horrorvacuiisten müssen sich mit den Leerliebhabern einigen.

Zum Beispiel, in dem man einige öffentliche (gleichwertige) Flächen zum Ausleben des Gestaltungstrieb freigibt und die anderen den Leereliebenden überlässt.

Don't worry
Ohne den Kampf Leerliebhaber gegen Horrorvacuiisten müsste auch diese Wand sich nicht sorgen.

"Fahr vorsichtig!"

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Eigentlich eine interessante Aufforderung. Je nach Betonung, Kontext und Vorgeschichte kann das sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Einem ungeübten Fahrer soll „Fahr vorsichtig!“ vermutlich das wörtlichste bedeuten. „Ich vertraue deinen Fahrkünsten noch nicht, deshalb bitte überschätze dich nicht.“ Wenn dies der Autobesitzer, aus der Sicht des jungen Menschen meistens Erziehungsberechtigte, sagt, bedeutet es oft schlicht auch: „Ich habe Angst um mein Eigentum.“ Schlimmer noch: „Ich traue dir eigentlich nicht über den Weg, aber familiär-kulturell-gesellschaftliche Zwänge verpflichten mich dazu, mein wertvolles Auto deinen dreckigen Fingern zu überlassen. Um Gottes Willen, ich will es genau so wiederhaben.“ Ist jedoch die Beziehung zwischen Auto und dem „Fahr vorsichtig“-Sager nicht stärker als die Beziehung zum Fahrer des Wagens, so kann „Fahr vorsichtig“ auch schlicht bedeuten: „Ich mag dich. Ich mache mir Sorgen um dich. Ich will dich, außerhalb eines Leichensacks, noch mal wieder sehen.“ Es existiert aber auch ein dritter Fall, neben der Sorge um das Fahrzeug und der Liebesbekundung gegenüber dem Fahrer. „Fahr vorsichtig“ kann heuer auch eine Verabschiedung ersetzen. „Fahr vorsichtig“ ist dabei ein gesellschaftlich anerkannter Gruß, welche die Wertschätzung für dieses Mitglied der Gesellschaft ausdrückt, aber nicht bedingt auch eine Sorge oder gar eine Sehnsucht nach Wiedersehen. Zuletzt, vor allem unter Fremden ausgesprochen, ist es ein gut gemeinter Rat, wenn man so möchte ein Appell an die Vernunft des Autofahrenden. Passender wäre aber in diesem Fall eine Formulierung in die Richtung „Passen Sie sich angemessen dem Verkehsfluss an.“

Fahren Sie vorsichtig.

(Aus dem Archiv. Verfasst am 20. Juni 2010)