and then i dreamt of yes.

... disco Graffiti Père Lachaise

Mein Bruder hat die Angewohnheit, regelmäßig von seinen Träumen zu erzählen. Meist dreht es sich um völlig abwegige, abstruse Geschichten, die so unglaublich weit von Realität und Bockwurst Grünkohl entfernt sind, dass er es für erzählenswert hält. In einer Regelmäßigkeit begrüßt er mich mit den Ereignissen, die er vergangene Nacht erträumt hat und die ab und an auch mich einschließen. Ich finde das meistens sehr langweilig, muss aber anerkennen, wie wichtig es ihm scheint, von seinen Träumen zu erzählen und letztlich mache ich hier gleich auch nichts anderes.

Ich erinnere mich nur sehr selten an meine Träume, falls es denn überhaupt welche gibt. Wenn doch, dann gibt es eigentlich nur zwei Arten: Zur einen Hälfte sind es sehr bittere, angsteinflössende Albträume, von denen ich sehr froh bin, mich nicht mehr – detailliert – an sie erinnern zu können. Die andere Hälfte bilden sehr realistische Szenerien – etwa, wie ich meiner Großmutter zu ihrem heutigen (nun gestrigen) Geburtstag gratuliere oder ein nettes Mädchen, welches ich aus dem Studium kenne, anspreche -, die mich bedauerlicherweise in die Situation bringen, dass ich manchmal nicht weiß, ob sich etwas wirklich zugetragen hat, oder ich es nur fantasierte. Gerade die beiden genannten Punkte versetzen mich in mittlere Schwierigkeiten, einfach, weil ich wirklich nicht mehr wusste, was passiert war, und was phantasiert. Gratulierte ich Großmutter schon? Wurde ich schon – eher unsanft – abgewiesen oder steht mir das noch bevor? War das wirklich in einer Spongebob-Schwammkopf-Folge? Was ist nun die Erinnerung an die Wirklichkeit, und womit spielt mir mein Gehirn einen Streich?

Ich würde gerne neu starten können.
Meinen Kopf endgültig verlieren und dann einen neuen wachsen lassen.

Dann könnte ich herausfinden, ob mit meiner Hardware etwas nicht stimmt, oder nur meine Software ein Update braucht. Blöde Computer-Metapher. Vielleicht habe ich aber auch nur geträumt, dass ich das will? Wie dem auch sei.

Vielleicht ist mein Leben zu aufregend, vielleicht bin ich auch einfach nur unglaublich langweilig oder an all die wunderbaren, kreativen Abenteuer erinnere ich mich schlicht nicht. Vielleicht entspringt meinem schlafenden Geist „Adventure Time“, nur, dass ich mich nicht daran erinnern konnte. Vielleicht gab es wirklich ein nettes Gespräch mit einer Kommilitonin, und mein selbstkritischer Verstand hielt das für so unrealistisch, dass er mir nun vorgaukelt, ich hätte das nur geträumt.

Um ehrlich zu sein: Ich finde keine Unterscheidungsmöglichkeit. Vielleicht möchte ich aber auch keine finden, um mir einreden zu können, alles schlechte in dieser Welt sei nur ein böser Traum und das Gute – das nette Lächeln mancher Menschen, das Verstehen von Inhalten und die Musik – seien als Einziges – echt.

Ich werde jetzt schlafen und träumen und mich nicht daran erinnern. Wie üblich.

Greg findet es ok, dass ich nicht immer so gut handele wie er.

Die Alliteration Good Guy Greg steht für ein Positivbeispiel (zwischen)menschlichen Verhaltens. Das Foto des jungen Mann mit Joint im Mund, blauem Polohemd, beginnender Glatze und einem so unglaublich überzeugenden Lächeln ist – zusammen mit einem vorbildlichen Handeln geschrieben in weißem Text – vermutlich Grund für die moralistischten Gedankengänge, die sich in meinem Kopf seit langem angesammelt haben.

Die Figur Greg – die Quelle des Bildes ist ebenso unbekannt wie die Person, die tatsächlich abgebildet ist – ist zu einem Meme geworden mit dem Potenzial die Welt zu retten. Zumindest könnte Greg dazu beitragen, dass ich mich freundlicher verhalte. (Das werde ich mir jedenfalls ins Zimmer hängen.)

Solche Bilder-Memes sind aus zwei Gründen interessant. Erstens könnten Sie – nachdem durch Digitalkameras und Kamera-Mobiltelefone der Photograph an Bedeutung verloren hat – die bedeutsamen Bilder unserer Generation werden, also etwas, was man in 100 Jahren betrachtet und sagt: Das war der Anfang des 21. Jahrhunderts. Die zweite Komponente finde ich bedeutend interessanter: Diese Bilder sind auch eine Form von Sprache. Zuerst gibt es einen „Begriff“, der immer weiter mit Inhalten gefüllt wird – so dass letztlich Good Guy Greg genau die Eigenschaften zusammenfasst, die wir uns von einem guten Menschen erwarten -, und treffende Umschreibungen werden hochgevotet, während okassionelle Wortbildungen, die zwar verständlich sind, aber nicht so viel Verwendung finden, als dass sie ein eigenes „Wort“ erhalten würden – wie die Mischung aus Scrumbag Steve und Good Guy Greg (für jemand, der zugleich gut und schlecht ist; vgl. Quickmeme) – ein Nieschendasein pflegen. Mit der Zeit bilden sich dann nach dem Vorbild Gregs weitere Verwendungen des „Guter Mensch“-Charakter, etwa die Haustiere Good Dog Greg (vgl. Quickmeme) und Cool Cat Craig (vgl. Quickmeme, man beachte die phonetische Ähnlichkeit von Greg und Craig und die erneute Alliteration.)

Letztlich führt uns Greg zu der Frage: Was ist das richtige Verhalten?

Beachtet werden sollte, dass „richtig“ in diesem Zusammenhang stark von der Bezugsgruppe abhängt, die dieses „richtig“ definiert. Der kiffende (?) junge Mann ist sicherlich kein Idealvorbild für junge Menschen oder das, was ältere Menschen oder Angehörige anderer Kulturen als „gut“ erachten. Für die Gruppe der jungen Erwachsenen scheint er dagegen ein Idealbild eines guten Freundes zu beschreiben, den jeder kennt, und der uns zugleich unsere eigene moralische Schwäche zeigt und dankbar werden lässt, weil er gut ist, ohne etwas dafür zu erwarten (s. a. Cool Cat Craig).

Irgendwie – und ich schreibe diese Worte mit größter Vorsicht – sind diese Meme-Figuren wie Greg eine Art Identitätsbringer, ein gemeinsames Wertesystem für die Internetgesellschaft. Nicht ein „ehrenwerter Mann“ oder jemand von „Hohem Rang“ sind unsere Vorbilder, sondern die Figuren, die Stereotypen, die ganz viele Menschen aus der Erfahrung mit unheimlich vielen anderen Menschen heraus gemeinsam erschaffen.

Diese „Kultur ohne Schöpfer“ gleicht dabei am ehesten der Entwicklung von Sprache, als die ich sie auch betrachten und hinterfragt wissen möchte. Ich glaube, Memes als Form von Sprache können die Welt verändern, weil sie unser Denken verändern können. Vermutlich wäre es unsinnig, sich WWGGGD?-Stoßstangenaufkleber an seinen Vorstadt-Geländewagen zu heften, aber vielleicht genügt es, wenn man sich daran erinnert, dass es auch gute Menschen gibt – und man sich dann fragt, warum man selbst nicht öfters so ist.

Mich jedenfalls regt Greg an, mich anders zu verhalten – und wenn ich es nicht tue, hoffe ich, dass mich eine (innere) Stimme ermahnt.

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Übrigens überlegte ich lange, ob ich nicht noch eine dumme Frage ans Ende stellen soll, damit Sie wissen, dass sie hier gerne kommentieren dürfen, aber dann dachte ich: Greg würde Ihnen die freie Wahl lassen.

Das Hirn rutscht in die Hose.

Längst merke ich mir nicht mehr alles. Das Internet, sagten so genannte Experten schon Anfang 2010, macht uns dümmer. Vorausgesetzt, selbstverständlich, man misst Intelligent nicht am Lösen von Problem oder der Fähigkeit zu denken, sondern ausschließlich an der Fähigkeit, irgendwelche Unsinnsfakten zu memorieren. Jesse Brown kritisiert das schon damals in einem meiner Lieblingsvideos.

gehirnauslagerung

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann stimmt die Kritik. Das Internet und mobile Endgeräte machen uns dümmer lassen unser Gedächtnis verkümmern. Na und? Ich gebe zu, da ich in näherer Zukunft auf einen sehr trägen Bildungsapparat stoßen werde und noch dazu eher konservative Fächer gewählt habe ist es nicht gerade Ideal, jetzt sein Gedächtnis verloren zu haben, aber ändern lässt sich das nun so oder so nicht mehr.

Telefonnummern speichere ich auf der Sim-Karte, mobile Internetflat ermöglicht das ergoogeln von Gehirnerkrankungen, Partystandorten und „Wo hat die Schauspielerin nochmal mitgespielt?“, was bisher für stundenlange Verwirrung oder schlimmste Streits sorgte. Letztlich stirbt mit der Information aber auch das Nachdenken. Was wäre logisch, was wäre sinnvoll? hat seine Bedeutung ebenso verloren wie Expertenwissen. Wir verlassen uns aufs Netz, anstatt auf uns selbst.

Es gibt keinen Wissensvorsprung mehr in Zeiten des Highspeedinternet.

Es gibt nur die schnellere Auffassungsgabe, die Fähigkeit Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden. Aufmerksamkeit wird zum Entscheidungsfaktor. Vorausgesetzt, selbstverständlich, es gibt weiterhin Netzneutralität (Alle Daten werden gleich behandelt) und freien Zugang zu Informationen. Eine Zwangskommerzialisierung, die Wikipedia hinter einer Paywall verstecken würde, bedeutete das Ende für mich und 90 % aller, die gerade einen Schulabschluss zu machen versuchen. Erstmals in unserer Geschichte sind wir nicht mehr nur auf Informationen angewiesen: Wir haben sie auch.

… und das macht uns faul, dumm und unaufmerksam?

Ich weiß nicht, ob ich durch das Internet tatsächlich dümmer geworden bin. Mit Sicherheit bin ich fauler, kann mir eine größere Unordnung und deutlich kürzere Aufmerksamkeitsspannen leisten. Man kann eben alles nachlesen, sein Mobiltelefon per GPS orten (theoretisch. Ich rufe es immer noch an.) und Essensempfehlungen kommen längst zu einem erheblichen Prozentsatz aus dem digital erweiterten Bekanntenkreis. Vielleicht bin ich auch menschenscheuer geworden.

Aber wenn ich heute betrachte, mit welchem Unsinn ich meine Jugend verschwendet habe, dann hat mich das Internet mit all seiner unentwegt zugänglichen Information voran gebracht. Ja, vielleicht sogar zu einem besseren Menschen gemacht. Unlängst stolperte ich über ein Dokument aus meinem 14. Lebensjahr – damals las ich begeistert eine Che-Guevara-Biografie -, in dem ich eine Utopie eines Staates formuliere, der letztlich eine Räterepublik darstellt. Damals war mir dieser Begriff nicht bekannt. Heute hätte ich – noch bevor ich drei Sätze dazu geschrieben hätte – meine Idee in Google eingegeben.

Anstatt also einen eigenen Riesen zu bauen, hätte ich die Energie darauf verschwenden können, einen bestehenden zu verbessern. Zugegeben, ich war 14. Und meine damaligen Vorstellungen von der Welt habe ich längst abgelegt. Fast schäme ich mich ein bisschen, derlei Ideen nachgehangen zu sein. Mit Internet hätte ich sie schneller ablegen können.

Moment mal, eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen.

So ist das wohl, wenn man sein Gehirn durch den USB-Port geraspelt hat. Mehr, als ein ganz nettes Eintragsbildchen und eine gute Überschrift kommt nicht heraus. Am eigentlichen Thema, nämlich das Smartphones uns Dumb machen, oder viel mehr abhängig von dem darauf ausgelagerten Gehirnpartien, uns aber gleichsam befreien von der Last, Termine und Telefonnummern zu behalten, – daran schlittert man bestenfalls noch großräumig vorbei.

Aber ich erzähle halt einfach mal.

Ich bin eine Romanfigur.

Meine Augen sind verdreht. Der Mund hängt schief. Meine Finger sind müde vom Gedankentippen. Das Bier längst leer. Plötzlich passiert nichts. Keine Musik. Keine Gedanken. Keine Worte. Nichts.
Was das wohl bedeutet?



Ich glaube, mein Leben – und auch Ihr Leben – wäre deutlich einfach, würden wir ab jetzt so leben, als wären wir Romanfiguren. Bevor Sie direkt „Moppelkotze!“ brüllen, hören Sie sich erst einmal an, wie ich diesen Schritt hin Richtung Geisteskrankheit begründe.

Es würde uns gut tun.

Anstatt unser zielloses, ereignisarmes Dasein zu füllen mit Fernsehsendungen und den Geschichten Anderer, wäre es angebracht, zukünftig sich einzureden, wir seien die Hauptfigur in einer eigenen Geschichte. Keiner selbstverfassten, aber einer mehr oder minder selbstbestimmten. Die Sorte, die sich den Autoren nach einer Schreibblockade aufdrängt, ihnen rechts und links eine scheuert und sie dann in Fingerknochen zerberstende Schreibrituale zwingt, in denen Wort um Wort, Ereignis um Ereignis innerhalb kürzester Zeit – so schnell die wiedergeborenen Autorenhände nunmal tippen können – sich aufs Papier ausrollt, wie eine Monsterwelle, unterhaltbar; eine Welle, die alles und jeden mitreißt. Stellen Sie sich vor, sie seien die Geschichte, die einem Autor zufliegt, die sich praktisch von alleine schreibt. Eine, die eher den Autor zum Getriebenen seines Werkes macht als umgekehrt.

Würden wir uns denken, wir seien eine eben solche Person, ein Romanheld, gäbe es dieses Stückchen Hoffnung, dass uns niemand nehmen könnte. Das Wissen darum, ja die Gewissheit, dass es nicht zu Ende ist, bevor es gut ist. Dass wir unser Happy End bekommen, oder eine Fortsetzung. Dass es immer weitergeht. Moment um Moment, Gedanke um Gedanke. Das Gefühl, dass das, was wir tun, einen Sinn habe. Dass wir aus unserem Leben etwas machen müssen – und können. Es gäbe kein „Das können doch nur Reiche / Rockstars / Grit“. Als Hauptfigur unserer Lebensgeschichte wären wir der Held, auf den wir jeden Tag warten.

Letztlich ist das Wissen um die eigene Wertigkeit, das Wissen, dass es weitergeht, die Hoffnung, die dem Leben Bedeutung verleiht, die wir durch unsere Selbstillusion erhalten, nichts anderes als das, woraus religiöse Menschen ihre Hoffnung ziehen. Jemand ist da. Dieser Mist hat einen Sinn. Es geht weiter. So etwas.

Letztlich wären wir glücklich mit unserer Eigenlüge.
… und ein Fall für einen guten Psychologen.

sich zu eigen machen.

Srly?

Der folgende Gedankengang ist zu schön, als dass ich ihn aus ihrer mangelhaften Wahrheit heraus nicht niederschreiben könnte.

Ich neige dazu, in Ermangelung eigener Lebensziele, mir die Probleme von Literatur- und Filmfiguren anzueignen. Nach dem neuen „Planet der Affen“-Film fühle ich mich demnach krank und von intelligenten Affen verfolgt. Durch Fight Club fühlte ich mich von Schlaflosigkeit geplagt und habe Lust, mich zu prügeln. Nach der heutigen Sichtung von „Black Swan“ mit der großartigen (unmenschlich dünnen) Natalie Portman sehe ich mich sogar des Wahnsinns nahe.

Eigentlich könnte man diese schlechte Angewohnheit ganz gut nutzen. Würde ich beispielsweise mich in eine studentische Umgebung begeben, würde ich mich aus diesem Identitätskopierungstrieb heraus in eine Art Student verwandeln. Würde ich Superhelden-Filme sehen, würde ich mich vielleicht in einen kostümtragenden Weltretter verwandeln.

Geht es nur mir so?

Interessant wäre, ob es mir allein so geht, oder ob es ein allgemeines Phänomen ist, dass Filmfiguren die Identitäten ihrer Seher beeinflussen. Wäre dem so, so müssten durch Schockfilme die Mordraten in die Höhe schnellen und durch Liebesfilme die Geburten (oder zumindest Eheschließungen).
Interessant wäre auch, ob durch depressive Filmfiguren die Leute depressiver werden. Oder ob dank Kriegsfilmen die Menschen pazifistischer werden. Wäre dem so, könnten Wege zum Ruhm oder Full Metal Jacket den Weltfrieden schaffen. Wäre dem nicht so, könnten wir auch weiterhin nur „Klick“ und „Schokolade zum Frühstück“ sehen. Eine traurige Aussicht für alle Filmschaffenden.

Machen gute Filme aus uns bessere Menschen?

Wahrscheinlicher jedoch ist das Gegenteil: Wer einen Hang etwa zum Golfspiel hat, wird sich eher für Golffilmfiguren interessieren und sich eher mit diesen identifizieren können. Wer einen Hang zu Gewalt hat, der wird sich gerne Gewaltfilme ansehen. Dass jedoch jemand wegen Gewaltfilmen Gewalt liebt, ist eher unwahrscheinlich.

Diesen Gedankengang möchte ich noch weiter verfolgen. Also, falls ich mich nicht mit einer Scherbe aufspieße. Oder von Affen getötet werde. Oder in New York von einem Dinosaurier überrascht werde. Oder…