Herr Idiotin

Glücklicherweise muss ich mir nicht mehr den Mund fusselig reden, weil das bildblog freundlicherweise erklärt, was die gefühlt 348 Blogeinträge und „journalistischen“ Texte zum generischen Femininum bei der Uni Leipzig falsch verstanden haben. Mit welcher Überzeugung ein Unsinn wie „Herr Professorin“ geglaubt und daran eine haarsträubende Kritik festgemacht wird, ist … deprimierend. Vor allem, wenn man dann noch beschimpft wird, weil man dieses Missverständnis aufzuklären versucht.

Don’t give up the ship

Falls sich jemand – so wie ich – bei Video zu „Making it up“ gefragt hat, was für eine irre Indieband wohl „Don’t give up the ship“ heißt und warum die keine Poster sondern Fahnen verteilen… nun… das weiß ich auch nicht. Aber ich weiß jetzt, woher diese Fahnen kommen und was sie bedeuten.

don't give up the ship
(Foto von Anne Petersen)

Die Schlacht auf dem Eriesee am 10. September 1813 gilt als entscheidender Sieg der Amerikaner gegen die Briten, der schließlich dazu führte, dass Großbritannien seine Gebietsansprüche in Amerika aufgab. Nun gibt es zum Verlauf dieser Schlacht zwei unterschiedliche Sichtweisen. Die eine sieht die bis dahin unbesiegte britische Flotte – die jedoch deutlich in der Unterzahl war – im Vorteil – weil sie über weitreichendere Kanonen verfügte -, die andere die amerikanische, zahlenmäßig überlegene, unter Führung von Oliver Hazard Perry.
Wie dem auch sei: Ein amerikanisches Schiff sank und es heißt, die amerikanischen Seemänner wären motivationsmäßig dem Nullpunkt nahe gewesen. Die von Perry vom sinkenden Schiff gerettete Fahne mit dem Motto „Don’t give up the ship!“ aber hätte derart motiviert, dass man die Briten doch in die Flucht geschlagen hätte.

Dieser Satz wiederum geht auf den letzten Befehl des Kapitän James Lawrence zurück, einem guten Freund von Perry, dessen Schiff im Juni des gleichen Jahres von den Briten zerstört wurde. Die Originalfahne von Perrys Schiff kann man sich in einem Museum in Maryland ansehen.

Warum hängt man sich nun aber als aufstrebende Musikerin diese Fahne in die Wohnung? Vermutlich auch aus Motivationsgründen. Schließlich gibt es genug Momente im Künstlerdasein, in denen man zweifelt und die Sache schon als verloren ansieht. Und dann sieht man die Fahne und denkt an ihre Geschichte und kämpft doch weiter. Noch ein Auftritt, noch ein Album, noch mal anstrengen. Bis es klappt. Und zwar, weil es das tut.

Es fließt ein Fluss im Nirgendwo.

Jetzt studiere ich schon das vierte Semester in Tübingen und blicke bei den ganzen Bächen und Flüsschen immer noch nicht durch. Der große ist natürlich klar: Neckar. An dessen Ufer – naja, in zweiter Reihe – bin ich auch groß geworden. Aber wie verdammt nochmal heißen die anderen Flüsse?

Weil ich mich das jede Woche gefragt habe hier mal eine kurze Aufstellung:

Auf der Linken Seite (Unigebäude, Innenstadt) fließt die Ammer in den Neckar. Dabei macht sie einen superkomplizierten Weg: Durch die Innenstadt (aufgeteilt in „Ammer“ vorbei am Feuerwehrhaus und zwischen den zwei großen Einbahnstraßen und „Neue Ammer“ bei den Kneipen der Innenstadt, inklusive Diverser Zuflüsse wie z.B. dem Katzenbach, der an den Kliniken vorbei fließt).
Die Ammer fließt dann durch den Alten Botanischen Garten (Park unterhalb der Neuen Aula), weiter rechts der Wilhelmstraße, hinter dem Brechtbau vorbei, macht ne fesche Kurve da, wo die Wilhelmstraße endet. Dort nimmt die Ammer dann auch noch das Wasser des Goldersbach mit, der wiederum Wasser des Kirchgraben dabei hat. Entlang der Nürtinger Straße (das ist die Straße zwischen dem Ende der Gartenstraße und der Stuttgarter Straße) – man sieht die Ammer dort in ganzer Pracht und perfekt aus der Linie 22 – fließt sie dann schnurstracks in den Neckar.

Sehen wir uns das andere Ufer an. Dort gibt es den Mühlbach (Straßenname: Mühlbachäckerstraße), der sich zwischen Europastraße – also Hauptbahnhof – und Derendinger Straße kreuselt, bevor er durch den Park zwischen der Uhlandstraße und der Europastraße in den Neckar fließt. Zu Erwähnen wäre noch, dass die Straße „Am Mühlbach“ nicht am Mühlbach liegt, sondern in der Nähe des Endes der Ammer. Nicht weit vom Mühlbach, aber doch noch etwas größer ist die Steinlach, die umrahmt von Fürstenstraße und Steinlachallee (viele Bäume, nette Wohngegend) ihre letzten Meter dahinfließt, am Kino Blau Brücke vorbei in den Neckar. Das ganze sieht bisweilen ganz interessant aus, weil Steinlach und Neckar oft unterschiedliche Wasserfarben haben.

Die Ammer fließt von Herrenberg über Unterjesingen zu uns herunter. Die Steinlach kommt aus Mössingen. Beide fließen damit etwas über 20 Kilometer. Der Mühlbach ist, um das eindeutig zu sagen, aus der Steinlach gespeist und damit so ähnlich wie die Neue Ammer, die wir oben schon einmal erwähnt hatten.

Das ganze hat natürlich historische Gründe, wegen Stadtmauer und den vielen Tübinger Mühlen und und und, aber bis zum nächsten Kneipenbesuch reicht dieses Wissen schonmal aus.

U wie Unterschiede

Anne Arend berichtete auf NDR.de (link) über die Änderungen der Buchstabiertafel durch das NS-Regime. Darunter tobt ein Kommentarkrieg auf MORGENPOST-ONLINE-Niveau. Die Geschichte rund um die Änderungswünsche eines Telefonteilnehmers, der die bisherige Tafel mit J wie Jakob, N wie Nathan und Z wie Zacharias zu Jüdisch fand, findet sich auch in der Wikipedia (Stand: 24.03.13).

Die Änderungen, wie sich aus der dortigen Tabelle entnehmen lassen, gehen aber noch weit über das Ersetzen von biblischen Namen hinaus.
So wird aus Y wie Ypsilon (1926) ein Y wie Ypern (1934). „Ypern?“, fragen Sie? Das ist ein belgischer Ort, an dem im ersten Weltkrieg heftigst gekämpft und wo erstmalig Giftgas eingesetzt wurde. Möglicherweise sollte diese Niederlage oder im Verständnis der Zeit die Schmach ins Gedächtnis gerufen werden.

Interessant finde ich auch die Entwicklung von K wie. War dieses 1905 noch Karl, klang K 1926 wie Katharina. 1934 wurde daraus der Kurfürst und heute klingt K offiziell nach Kaufmann. Handelskammer, ich hör dir trapsen.

Den Zeitgeist transportiert aber auch Ä. Klingt es heute wie damals nach Ärger, klang es für die 1925er Ohren optimistischer nach Änderung. Ähnliches auch bei Ü. Bis einschließlich 1925 hörte man noch überzeugend einen Überfluß, klang 1934 wohl auch selbstbeschreibend das Ü offiziell wie Übel. Heute scheint ganz zeitgeistig Übermut im Ü zu klingen. Auch der übrig gebliebene Umlaut Ö verhält sich auffällig. Klingt er für fast die gesamte vergangenen 100 Jahre nach Ökonom, versuchen die Nazis 1934 das vom Heimchen-am-Herd-Frauenbild überfrachteten Begriff Öse am Ö festzunähen.

Mich persönlich würde noch sehr interessieren, warum man 1926 von I wie Isidor auf I wie Ida wechselte. Ich würde natürlich gerne annehmen, das sei dem skandinavischen Einfluss geschuldet. Während Isidor bekanntermaßen hellenistischen Ursprungs ist und etwa soviel wie Gottgegeben bedeutet, kommt Ida von der althochdeutschen Silbe id, was so viel wie „Arbeit, Werk“ bedeutet. Ida ist noch heute in Skandinavien ein sehr beliebter (vor allem Mädchen-)Name. An Klein-Ida aus Lönneberga kann es jedenfalls nicht liegen. Die betrat erst 1963 die MORGENPOST-ONLINE-Bühne. Wahrscheinlicher wollte man einfach nur die Verwechslung mit T wie Theodor vermeiden. Hmpf.

Offiziell ist ja nun nur das eine. Viel spannender jedoch ist die Frage, wie wir tatsächlich buchstabieren. Sagst du N wie Nordpol und D wie Döner? Oder ganz Bloodhound Gang international Foxtrot Uniform Charlie Kilo? Und wo wir grad dabei sind: Scharf-S oder Eszett ?

Eine innere Buchstabiertafel ist etwas, worüber wir nie Nachdenken, aber es zeigt doch zwei Dinge: 1. Das unterbewusste ist auch unbewusst und sagt dabei – vllt.? – viel über die eigene Prägung aus. 2. Buchstaben sind nur eine Behelfskonstruktion, um Laute zu umschreiben. Wollen wir Buchstaben verständlich machen, brauchen wir doch wieder Lauthaufen im Form von Worten.

Sagen eigentlich Menschen, die mit einem Thomas befreundet sind, eher T wie Theodor oder Transsilvanien? Beeinflusst unsere aktuelle Umgebung unsere Buchstabiererei und vor wievielen Jahrzehten wurde diese Frage eigentlich überflüssig, weil ihr sowieso alle alles per E-Mail und SMS verschickt, anstatt am Telefon wie ein vernünftig Mensch zu morsen. (kurz kurz lang kurz, kurz kurz lang, lang kurz lang kurz, lang kurz lang)

E wie Ende.

Dem Leibniz sein Keks.

Das Begriffsgeschichtlich sich „Keks“ vom Englischen „Cake“ ableitet, ist vermutlich bekannt. Wer das zu uns brachte vielleicht weniger: Hermann Bahlsen – ja, der von „Bahlsen“ – arbeitete als Händler in England und brachte von dort die Idee und das Wort „Cake“ mit, weshalb er die „Hannoversche Cakesfabrik“ im Jahr 1889 gründete und fortan Gebäck in Verpackungen verkaufte, die man z.B. auf Reisen ganz gut essen kann.

1892 verkaufte Bahlsen erstmals eigene Butter-Cakes. Die Idee stammt wohl aus Frankreich, wo es schon einige Jahre zuvor Butterkekse gegeben hat. Für die Bezeichnung Butterkeks muss auf 100 kg Getreideerzeugnisse 10 kg Butter (oder ein entsprechender Ersatz) kommen. Nur, falls das nicht klar war…

Jedenfalls brauchte Bahlsen noch einen Namen für seine Butter-Cakes. Er wählte „Leibniz“ in Ehrerbietung des berühmten Philosophen, Mathematiker, Hofbibliothekar und Oberaufklärungshelden Gottfried Wilhelm Leibniz. Bis zum heutigen Tage hatte ich stets angenommen, der Erfinder oder wenigstens Gründer der ersten Keksfabrik hätte so geheißen oder die Butterkeksfabrik „Leibniz“ wäre feindlich-übergenommen worden vom Bahlsen-Kozern, stimmt aber alles nicht. Es ist in Wirklichkeit diese Verneigung vor einem der wichtigsten Gelehrten der Aufklärung, was eigentlich ein ganz nettes Diskussionsthema wäre, wenn man denn mal beim Kaffee zusammensitzt und Butterkekse isst. Natürlich ist das jetzt nicht ungewöhnlich für die Jahrhundertwende, Produkte nach Prominenten zu benennen. Beispiele hierfür wären Bismarckheringe oder Mozartkugeln. Eventuell könnte man noch über das TET-Logo Bahlsens sprechen, was ja die Hieroglyphe für Ewigkeit ist und auf die lange Haltbarkeit anspielen… ja.

Ich persönlich unterhalte mich bei Gebäck ja eher über die Frage, ob die No-Name-Butterkekse von „ja!“ (REWE, in Plastik-Plastik-Papier) oder von „Gut & Günstig“ (EDEKA, in Plastik, Papier, Papier) für ihre 99ct für 400g besser sind. In allen damit zusammenhängenden Aspekten und… Ja, weiter im Text.

Den Kunden jedenfalls schmeckten diese Kekse ganz wunderbar, nur hatte man Probleme mit dem Wort „Cakes“. Kak-es? Kake’s? Ka-kés? Hm… Wir alle wissen, dass der deutsche Mund zwar gerne Süßes in sich hinein stopft, die Worte, die ihm entfleuchen, aber meist etwas versalzen klingen. So sprach man von „Cakes“, wie es geschrieben wird, was… ja. Ich denke, Sie haben jetzt auch so eine lebhafte Vorstellung von Leuten, die Gebäck zu kaufen versuchen: „Sie, ich hätte gerne diese … diese … Butter-Kakes von Leibniz.“ Kaum auszudenken, wie das noch im Dialekt geklungen haben mag. Ähnlich schlimm wird es nur, wenn ich mit meiner schwerfälligen, deutschen Zunge das schwedische Krümmelmonster benennen möchte. Das heißt nämlich „Kakmonstret“. Äh… ja. Die Assoziationen sich auch erstmal falsch…

Um diesem Dilemma ein Ende zu machen benannte Bahlsen seine Butter-Cakes in „Butterkekse“ um, was dann als „Keks“ dann auch endlich 1911 im Duden landete und alle waren zufrieden. Außer vielleicht der „Verein Deutsche Sprache“, aber der kämpft ja glücklicherweise erst seit 1997 gegen böse böse Anglizismen.