Titta, en katt!

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(Symbolbild)

Die Gartenstraße in Tübingen ist eine Katzenhalter-Gegend. Junge Familien, Studenten, alle lieben sie flauschige Katzen. So kommt es, dass ich immer wieder auf dem Heimweg außergewöhnlich hübsche Katzen entdecke. Sie stolzieren, betrachten mich aufmerksam, und ich betrachte zurück.

Als Kind hatte ich immer versucht, Katzen zu streicheln. Manchmal kratzen sie mich, manchmal verschwanden sie nur, und manchmal schnurrten sie. Dann kam das Internet. Das Internet mit seinem Katzenfetisch (anders kann man es nicht mehr nennen) hat eine zentrale Veränderung in mein Leben gebracht: Ich schaue Katzen nur noch an.

Das Katzen ein Fell haben, dass sie manchmal gestreichelt werden wollen, ist aus meinem Leben völlig verschwunden. Ich habe mich von der Katzenbevölkerung entfremdet. Sie sind nur noch visuell, sehr selten audiovisuell für mich wahrnehmbar. Manchmal, wenn ich so in meinem Alltagstrott stehen bleibe, weil mir eine Katze begegnet, dann bemerke ich gar nicht, dass dort auch eine Halterin oder ein Halter steht. Manchmal, wenn ich dann die Menschen hinter der Katze erschrocken bemerke, unterhalten wir uns kurz. Wie die Leute in Haustierforen.

Andere Leute verstehen das nicht und ehrlich gesagt, verstehe ich mich selbst nicht. Was finde ich denn an Katzen? Warum kann ich nicht einfach weitergehen, wenn ich eine entdecke? Warum unterbreche ich das Gespräch von Freunden, um „Schau, eine Katze!“ zu rufen?

Warum fühlt es sich an, als wären sie die Bewohner dieser Welt und wir nur geduldet?

Ich ziehe den Bildschirm vor.

Aber letztendlich fressen sie dich auf, indem du all die Zeit, all dein soziales Vermögen und deine Kreativität hineinstopfst und das nur, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen und Selbstdarstellung zu betreiben. (Helga Pataki)

Schwarz spiegelt er das Nichts der eigenen Existenz wieder. Ein kleines, vermeintliches totes Objekt in unserer Hosentasche, das all abendlich vom Stromnetz gefüttert werden will, mittels Apps neue Fähigkeiten lernt und alle Kommunikationsmöglichkeiten der Welt bietet – und dabei trotz allem tot bleibt. Eine kleine Taste erweckt es zum Leben, doch das schwarze Bildschirmwesen aus unserer Hosentasche lebt nicht. Lebt nicht wie du oder ich. Es ist ein Zombie. Untot. Und jetzt gerade, jetzt frisst es dein Herz.

Ich will nicht zählen, wie oft ich mit Menschen zusammen saß und diese ihr Smartphone zückten. Wie sie dann da saßen, verwesend, verwachsend mit dem Sofa, und ihre leeren Augen vom Kleinbildschirm gefressen wurden. Der Ablenkungsfähigkeit des Bildschirms nicht gewachsen, zückt man dann selbst das Smartphone. Wie oft saß ich schon mit Menschen zusammen und besaß selbst die Unhöflichkeit, meine Seele dem Hosentaschen-Zombie zu widmen, anstatt den tatsächlich lebenden, denkenden, fühlenden Menschen in meiner Umgebung.

Wir sind so sehr vom Bildschirm gefangen, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen, wenn er streikt. (Wenn ich „wir“ schreibe, meinen wir eigentlich „ich“.) Ein leerer Akku fühlt sich an wie der Tod des Erstgeborenen. Ein kaputter Akku ist gar ein kleiner Weltuntergang. Wir können nicht mehr ohne. Und wir verlernen dabei, wie die Wirklichkeit ist. Wie es ist, wenn man zur Schlafenszeit nicht vom Computer zum Smartphone wechselt.

Wir missachten uns gegenseitig. Weil die Bildschirme wichtiger sind als die Menschen. Und das geht nicht nur jungen Eltern so. Wir alle hängen nur noch am Mobiltelefon, spielen Angry Birds, twittern, facebooken, instagrammen… Tatsächlich schlafe ich manchmal so. Und ich werde jetzt nicht weiter nach dem Comic suchen, der einen müden Menschen am Computer zeigt, der zu Bett geht um mit seinem Smartphone zu spielen. Niemand sucht eine Lösung. Niemand will den Vögeln helfen, sich mit den Schweinen zu versöhnen. Jede Bildschirmminute ist ein Kamikaze-Einsatz für unser Hirn.

Es ist ja schon schlimm genug, dass ich hier alleine vor dem Computerbildschirm sitze, einen Eintrag zu ende schreibe, welchen ich im Dezember 2012 angefangen hatte, und mich vor meinem Vermieter verstecke, um nicht zugeben zu müssen, dass ich auch außerhalb dieser Zeilen, die durch das Internet schwirren, existiere.

Auf den Schultern von Riesen

Wir sollten alle Katzen werden. Ja, genau. Ich würde meinen kompletten Körper der Organspende übereignen, meinen weltlichen Besitz verkaufen, wenn man meinen Geist in eine Katze verpflanzen könnte. Ich wäre auch damit zufrieden, nicht alt zu werden und all das. Ich wöllte nur eine Schachtel, in die ich mich kuscheln kann, und in die sich andere Katzen zu mir kuscheln, und ich wöllte jemand in meinem Leben, der mich vor Außerirdischen beschützt. In Wirklichkeit wäre ich lieber eine Katze. Weil diese den Kampf gegen die Bildschirme noch nicht verloren aufgegeben haben.

Aber da haben sich die Zeiten ja auch geändert.

Filterbubble: Eine Liebesgeschichte.

Wir alle wissen, was für ein kalter, grausamer Ort dieser Steinklumpen im Weltall, den wir unsere Heimat schimpfen, ist. Obwohl es uns anders versprochen wurde gibt es immer noch keine ernstzunehmende Raumfahrt, keine Besiedelung anderer Planeten, keine verdammte Mondstation. Immer noch ärgern wir uns herum mit unseren Jobs – fallen gar mit 400-Euro-Jobs und Hartz IV in Leibeigenenzustände zurück, die längst überwunden schienen.

In der Gegend der Erde, auf dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbrachte, gibt es Polizisten, die derart radikal sind, dass es selbst Mitglieder des Ku Kux Klans „too much“ finden (fefe). In der Stadt, in der ich lebe, wurde die letzte zivilrechtliche Todesstafe verhängt (Wikipedia). Von der Schießerei heute (?) und dem wirklich erbärmlichen (!) „Mehr Waffen = Mehr Sicherheit“ der Waffenlobby (Twitter) will ich gar nicht erst anfangen.

Ich will nicht hören, wie viele Leute heute gestorben sind und wer sie umgebracht hat. Ich will nichts lesen von irgendwelchen Busunglücken und abgestürzten Flugzeugen. Ich will keine Geschichten über grausame Morde lesen müssen, nur, weil diese gerade passiert sind. Ich will kein Rotten.com jedes mal, wenn ich eine Zeitung aufschlage. Die Unglücksgeilheit der meisten Medien – und ihrer Konsumenten – deprimiert mich.

Ziehe ich mich also zurück? Nein. Aber ich begrenze meinen Medienkonsum und wähle anders aus. Ich lese inzwischen ganz gerne die Mädchenmannschaft, wenn ich mich über Sexismus aufregen möchte, und ich lese Fefe, wenn ich mich über Verschwörungsquatsch aufregen will. Ich lese ab und an auch das Lawblog, um über so mache Juristerei zu erbrechen. Spült ein wichtiges Ereignis Links in meine Twitter-Timeline, dann lese ich diese auch (selbst, wenn es Verlagsinhalte sind). Andererseits verpasse ich auch sehr viel schlimmes. (Von der Brandkatastrophe in einem Behindertenheim erfuhr ich nur wegen den Fahnen auf Halbmast in meinem Heimatort.)

Ist es etwas schlechtes? Wenn man nicht mehr von allen Katastrophen hört? Wenn man nicht mehr jeden Tag den Strudel aus Gewalt, Feindseligkeit und Werbeunterbrechungen ausgesetzt ist? Wenn man nicht von jedem Klowandeinfall der CSU hört?

Im Gegenteil. Ich genieße meine Nachrichtennaivität, meine Gute-Welt-Filterbubble. Anstatt mich wie vor einigen Jahren noch vollständig und mindestens tagesaktuell zu informieren, Hintergründe zu erforschen und Quellen zu lesen schaue ich nun… Katzenvideos.

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Ich ertrage all die schlimmen Sachen nicht mehr. Ich will nichts von den Hintergründen erfahren und weigere mich, anzuerkennen, das hinter jedem schönen Bild auch eine schlimme Geschichte stecken mag. Dass hinter dem IKEA Monkey eine Geschichte von Tierquälerei steckt, will ich gar nicht wissen. Lieber schaue ich mir zum 30 mal das Tardar-Sauce-Video an oder klicke mich durch gesammelte Unlustigkeiten auf 9gag.

Ich will vergessen, was für ein finsterer, fieser und grausamer Ort diese Welt ist. Ich will mich klammern an die schönen Dinge. An die Dinge, die ich für schön halte, weil ich mich nicht genug mit ihnen beschäftigt habe, um ihren Kern zu erkennen.

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Aus dem Film „Network“:
„Ich brauche ihnen nicht zu sagen, dass die Zeiten mies sind, dass wissen Sie genauso gut wie ich. Es herrscht Depression. Viele sind ohne Arbeit oder haben Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren, der Dollar ist keine 5 Cent mehr wert, Banken gehen pleite, Geschäftsleute haben eine Waffe unter dem Ladentisch, Verbrecher machen die Straßen unsicher, es scheint Niemanden zu geben, der weiß, was man dagegen tun kann.

Wir wissen, die Luft, die wir einatmen ist vergiftet, genauso wie die Lebensmittel, die wir essen. Wir sitzen zuhause im Sessel, sehen fern und lassen uns von irgendeinem Ansager erzählen, dass es heute 15 Morde und 63 Gewaltverbrechen gegeben hat, so als ob das ganz normal wäre. Wir wissen die Zeiten sind mies, schlimmer als mies, sie sind verrückt, es ist als ob überall alles verrückt geworden ist, sodass wir gar nicht mehr raus gehen wollen. Wir sitzen zuhause und langsam wird die Welt, in der wir leben immer kleiner und wir sagen nur: ‚Bitte, lasst uns wenigstens hier in Ruhe in unserem Wohnzimmer, lasst mich meinen Toaster haben, meinen Fernseher, meine Stahlgürtelreifen, dann sag ich auch nichts, lasst mich bloß in Ruhe.‘ Ich werde euch aber nicht in Ruhe lassen. Ich will, dass ihr wütend werdet. Ich will nicht, dass ihr protestiert oder Krawalle veranstaltet oder eurem Kongressabgeordnetem schreibt, denn ich wüsste nicht, was ihr ihm schreiben solltet.

Ich weiß nicht, was man gegen die Depression tun kann, die Inflation, gegen die Russen und die Verbrechen auf den Straßen, ich weiß nur, dass ihr erst einmal wütend werden müsst, ihr müsst sagen: Ich bin ein menschliches Wesen, verdammt nochmal, mein Leben hat einen Wert!

Also, ich will jetzt, dass ihr aufsteht, ich will jetzt, dass ihr alle aufsteht, Einer, wie der Andere. Ich will, dass ihr sofort aufsteht, zum Fenster geht, es auf macht, den Kopf raus steckt und schreit: Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ich lasse mir das nicht mehr länger gefallen!!

Nun. Das hat nicht funktioniert. Und es wird auch nicht funktionieren. „Wut ausweiten“ ist längst ein sinnentleerter Klospruch und kein Aufruf zum Umsturz. Wohin soll dieser Umsturz denn bitte führen? Lass mir nur meine Katzenvideos und meinen Schwedischkurs, dann bin ich ruhig.

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Mitleid für die Katz‘ / Was ich mir zu Weihnachten wünsche

STORYBOARD: Tard the Grumpy Cat from Tumblr on Vimeo. (Anm. Der genannte Interpret am Ende stimmt nicht. Tatsächlich heißt er Jahzzar.)

Tardar Sauce ist internetfamous als Grumpy Cat, obwohl sie – so das obrige Video – gar nicht grumpy ist. Eigentlich ist sie eine ganz normale Katze, die Angst vor Höhen hat und auf ihrem Rücken schläft.

Ich lebe in einer Zeit, in der eine Katze mich mehr bewegt als die Bilder von Leid und Krieg irgendwo auf der Welt. Wird mir ein Bild gezeigt eines hungernden Kindes mit Fliegen in den Augen denke ich nur noch, was man mir wohl damit verkaufen will. Welche Möchtegern-Weltrettungsmaschine. Vielleicht sind solche Videos wie das obrige über Tardar Sauce gerade so … bewegend? rührend? menschelnd? … weil eben kein Interesse dahinter steckt. Weder wird eine Spendennummer eingeblendet noch soll ein T-Shirt verkauft werden. Es ist nur „Ich mag diese Situation nicht“ und „Das ist meine Geschichte“, nicht „Tu dies und das!“.
Es ist mir selbst überlassen, was ich damit mache. Ob ich Tard weiter Grumpy nenne, oder ihr die Würde gebe, die ich nur wenigen Menschen in meinem Leben zuzugestehen vermag: Das Kennen ihres Namens. (Ich habe ein katastrophales Namengedächtnis).

Ich mag die Idee, nicht darum zu beten, was man will, sondern nur zu sagen, was man mag und nicht mag und ich war – und bin – ehrlich gesagt kurz davor ein kleines Video zu drehen, dass das obrige nachahmt („Hej, my name is…“) und hätte ich Zeit würde ich das wahrscheinlich sogar machen. Vielleicht schreibe ich auch bei Gelegenheit einen vernünftigen Text über dieses „Katzen ernster nehmen als Menschen“.


Uploaded on ImageShack.us, found on dumpaday.

Ich erzähle das auch, weil ich gefragt wurde, was ich mir – materiell – zu Weihnachten wünsche und es so dämlich finde zu sagen „Schenk mir bitte das“, aber es noch deprimierender finde, wenn Ressourcen für Geschenke für mich verschwendet werden, mit denen ich dann gar nichts anfangen kann. Ich versuche auch die Leute, denen ich etwas schenken will, zu fragen, ob ihnen das Geschenk gefallen würde, was ich ihnen besorge. Die Frage „Was wünscht du dir“ ist nämlich mindestens ebenso bedrängend wie die ganze Schenkerei an sich. Ich führe deshalb schon länger eine Wunschliste bei Amazon, in die ich versuche alles reinzuschreiben, was ich gebrauchen kann. Sie lässt sich nach Wichtigkeit („Priorität“) sortieren und auch nach Preis. Es sind einige Kleinigkeiten dabei und auch sehr große Brocken. Manche Sachen sind auch kommentiert. Ich will nicht, dass mir irgendjemand etwas davon schenkt, aber mir ist auch klar, dass es bezaubernde Menschen gibt, die aufgrund sozialer Bindungen (Familie z.B.) sich dazu genötigt fühlen, mir etwas zu schenken. Und, seien wir ehrlich, ich bin zu pleite, um so etwas ohne Magenkrämpfe abzulehnen.

Für Leser_innen dieser Zeilen eröffnen sich nun zwei Fragen: Wie ist ein sozial verträglicher Umgang mit dem Schenken-Brauch? Offensichtlich ist schließlich, dass das Falschschenken – jaja, der Gedanke zählt – für eine Verschwendung ohne Gleichen verantwortlich ist. Inzwischen haben sich ganze Industrien ums Falsch-Schenken gebildet, dabei fehlt es nur an ehrlicher Kommunikation: „Ich finde das gut. Aber ich freue mich auch über dieses oder jenes.“ Wie viel man klären könnte, wenn die Leute nur reden würden. Oder zum richtigen Zeitpunkt schweigen. Andererseits fragt sich die_r gewiefte Leser_in natürlich: Wie stehe ich zur Menschen-oder-Katzen-Frage?

(Im Zweifelsfall stehe ich zu Findus. Aber, das ist eine andere Geschichte.)

Katzenupdates

Wie versprochen (ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wem ich das versprochen habe, aber irgendwer wird sich schon angesprochen fühlen) fragte ich heute einen der Nachbarn, wohin die Katze denn gehöre, die hier im Innenhof herumstreune.

Ich frage vor allem, weil ich neulich unbedacht die Haustüre öffnete und einer Kanonenkugel gleich dieses Haarige Tier an mir vorbeischleuderte. Ich – davon ausgehend, sie sei Streunerin – also hinterher, ein Stockwerk, ein zweites Stockwerk und dann bleibt die Katze zielstrebig vor einer Türe stehen, miaut sehr laut und legt sich dann auf die Fußmatte. Unsicher, ob sie mich nun ausgetrickst hat oder tatsächlich dort wohnt, rannte ich zur Bushaltestelle.

Nun weiß ich es also: Die Katze gehört der (so was wie) Hausmeisterin aus dem zweiten Stock. Allerdings, und darüber sprach ich dann mit meinem sehr netten Herrn Nachbarn noch ein wenig, habe die Katze die Angewohnheit, auch in Fremde Wohnungen einzukehren. Um dort sämtliche Haare zu hinterlassen und sich unter/hinter Möbel zu verstecken.

Wäre ich 4 Monate später geboren, würde ich nun einen Beitrag zum Scumbag-Cat-Meme leisten, aber ehrlich gesagt mache ich doch lieber noch etwas Schwedisch.