Das Internet ist weit weg.

Kennen Sie „Narnia“? Diese irre Buch- und Filmreihe, in der Kinder durch einen Schrank in eine andere Welt kommen und… um ehrlich zu sein habe ich nie eine Zeile des Buches gelesen oder einen der Filme gesehen. Aber manchmal, wenn ich darüber nachdenke, wie das Leben so ist und warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten, dann denke ich, dass Computerbildschirme in all ihrer Bitterkeit doch unsere Schranktür in ein Narnia sind.

Die Schauspielerin Angela Trimbur machte vor etwas über einem Jahr eine schlimme Trennung durch. Weil sie sich besser fühlen wollte, schnappte sie sich eine Kamera und ihren Walkman (oder wie auch immer die Dinger heute heißen) und tanzte. So als ob niemand zusehen würde.

I was going through a terrible breakup. I needed to feel better so i did a solo flash mob. One take. No one was warned. It was fun and it worked!

Das Ergebnis stellte sich in ein paar Videoportale und drehte im Verlauf des Jahres noch zwei weitere „Dance like nobody’s watching“ am Flughafen und im Einkaufszentrum. Das ganze ging dann auch seine Übliche Runde durchs Netz, nur dass das erste Video geogefickt war und deshalb an mir vorüber ging.

Dance Like Nobody’s Watching: Laundromat from Angela Trimbur on Vimeo. Song: Lykke Li „I’m Good, I’m Gone“

Warum wir uns eingestehen, so anders sein zu dürfen im Internet, hatte ich bis vor kurzem nicht so richtig verstanden. Ein Blogfreund schrieb mir aber – und ich reiße diesen Satz hier aus dem Kontext – Mein Blog ist meine Außenstelle, und du bist ein Teil davon. Anders gesagt: Das Internet mit seinen Blogs und schrägen Videos und der Chatkultur ist unser kleines, privates Narnia. Ein Ort, an dem wir gehen können und der – durch seinen anderen Kontext – uns selbst ändert und zulässt, dass wir anders – freier? – sein können.

Es würde nicht funktionieren, wenn wir alle aufeinander sitzen würden. Wir können nicht alle in eine große Komune ziehen und dann genauso weiter reden und erzählen, als würden unsere Zuhörer am anderen Ende der Welt sitzen. Nein. Zum einen brauchen wir den Sicherheitsabstand. Thomas Matterne muss sicher sein können, dass ich nicht drei mal die Woche plötzlich vor seiner Haustüre stehe und ihm irgendwas zu seinen Postings erzähle. Alex muss sicher sein, dass ich nicht nachts um drei bei ihm Klingel um mir ein Nudelsieb auszuleihen (was er dann nie wieder sieht).

Es ist wichtig, dass die Welt hinter dem Schrank nur zu uns kommt, wenn wir dies wollen. Wenn wir dafür bereit sind. Andererseits ist es natürlich eine Lüge, dass irgendwas hinter diesem Schrank wäre – erst recht keine Welt. Die Menschen, mit denen wir hier Zeit verbringen – wollen! -, sind nur weit genug weg, damit wir sie nah an uns heran lassen können.

Die Welt ist groß genug, um sie nicht mehr zu begreifen sondern zu leben. Und wir können uns freier verhalten, weil unsere Spucke im Meer der Information höchstwahrscheinlich niemand interessiert.

Narrenfreiheit für jedermensch in Narnia hier deinem Computerschirm.

(Und in Wirklichkeit hab ich nur nen Ohrwurm von dem Lied und dachte, mit dem üblichen Bla drumherum sieht das Video nicht ganz so bitter aus.)

Die Leute waren nicht dumm, wir waren nur zu jung um sie zu verstehen.

Gerade traf mich dieser Gedanke völlig unvorbereitet. Nicht die Menschen früher waren einfacher gestrickt, sondern wir, als wir von diesen Menschen lernten.

Ich erinnere mich noch halbwegs an den Geschichtsunterricht in der Grund- und Hauptschule. Mir wurde damals eine sehr undifferenzierte Weltsicht geboten, auch wenn ich mich an andere Situationen in dieser Zeit erinnere, in der mich Lehrer anspornten, weiterzudenken.

Die Welt, insbesondere die uns präsentierte Vergangenheit, war dagegen recht übersichtlich. Die Menschen des Mittelalters wurden in Klassen sortiert. Adel, Klerus, Bauern, usw. Es wurde aber nicht bemerkt, wie differenziert die Ereignisse doch eigentlich waren. Wir wurden nicht sensibilisiert für die Tatsache, dass die Geschichte kein Kalender, sondern ein fliesender, wabernder Prozess ist.

Moment. Das stimmt gar nicht. Uns wurde die Unglaubwürdigtkeit solcher angeblich verbreiteter Theorien wie der der „Erde ist eine Scheibe“ offengelegt… Der Schulunterricht – oder sagen wir besser: meine hervorragenden Lehrer_innen – präsentierten ein komplexes Bild einer komplexen Vergangenheit, und wir – das heißt: ich – waren einfach noch zu jung, um diese Komplexität zu verstehen.

Diese Erkenntnis – dass man geschichtliche Tatsachen nur so weit begreifen kann und differenziert, wie man dazu selbst fähig ist – bringt vor allem zwei Aspekte mit sich: Zum einen holt einen diese Erkenntnis runter von der Idee, man sei gerade in einer bedeutender Generation oder – optimistischer noch – in der „besten Welt bisher“. Das ist Unsinn und das wussten wir auch. Gleichzeitig offenbart diese Erkenntnis aber auch, dass diese Zeit, in der man lebt, doch bedeutend gemacht werden kann, wenn man nur möglichst vielen Menschen dabei hilft, ihren eigenen Horizont zu erweitern.

Ich schäme mich ein bisschen, dass ich ganze 22 Jahre gebraucht habe – voller Hinfallen, voller voller Windeln, voller Kindergarten, Grundschule, voller sinnentleerter Abschlüsse, voller Geschichtsunterricht – um zu begreifen, dass die Zeit keine Epochen sind und es (praktisch) keine geniehaften Erfindungen gibt, sondern alles eine fließende Entwicklung ist. Dass die Kultur, die wir heute Leben, von Millionen Jahre alten Ideen beeinflusst wird und die Menschen vor 500 Jahren teilweise die gleichen Sorgen hatten. Vor allem aber, dass es kein „vor 500 Jahren so und so“ gibt.

Man hat uns die Welt so gut erklärt, wie wir es damals verstehen konnten und hat kleine Ideen und Fragen angelegt, die manchmal erst Jahre später zur Entfaltung kommen konnten. Ich frage mich, welche Ideen und Fragen, an denen ich heute scheitere oder die ich zu einfach fallen lasse, mich in zukünftigen Jahren innehalten lassen werden.

Die Marken haben gewonnen.

Müsste ich ein YouTube-Video aussuchen, dass die Probleme unserer Konsumgesellschaft in wenige Minuten fasst, dann wäre es mir heute begegnet. Ich weiß gar nicht wie und warum ich heute auf das „L.A. Beast“ gestoßen bin, aber ich sah einige seiner Videos und wie er dämliche Sachen vor der Kamera tat und teilweise erbrach (wie im unteren Video), oder sich verletzte und … dann macht er einfach weiter. Redet dummes Zeugs. Ich hoffe ja, dass sich hier jemand lustig machen möchte. Ich hoffe, das LA-Monster ist ein Schauspieler und sein Erbrochenes nur Filmkotze, aber die Grenzen zwischen schlimmer Realität und schlechtem Schauspiel sind heute so undurchsichtig wie… eine Pepsi Cola.
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Gesperrte Videos als deutsches Kulturgut [mit Anzeige]

Neuerdings geistert ein Werbevideo der WWF durchs Internet, dass das uns so bekannte „Dieses Video ist in deinem Land nicht verfügbar“ auf vom Aussterben bedrohte Tiere überträgt. Hier beispielsweise Nashörner (Anm. Das ist ein Werbevideo, für dessen Ansehen ich mit 6 Cent pro View vergütet werde. Bei YouTube gibts das gleiche Video ohne Werbeeinnahmen für mich):

Interessant daran ist ja vor allem, dass diese Sperrbilder, die die Gema natürlich nicht so lustig findet, offenbar derart in unsere Kultur Fuß fassen konnten, dass man damit nun auch um Unterschriften werben kann. Vielleicht – vielleicht! – gilt Deutschland im Ausland bereits als das Land mit der blockierten Internetkultur. Vielleicht ist die Sperrtafel „In deinem Land nicht verfügbar“ eines der letzten deutschen Kulturgüter, die man wirklich mit unserem Heimatland verbinden kann.

Dabei ist unser Leben längst: International!

Was fehlt ist eine Verwertungsgesellschaft für Aufführungsrechte und Gedöns, die Weltweit operiert. Die Gema, die sich an unsere Landesgrenzen hält, ist nicht vereinbar mit einer Kultur, die längst internationaler ist als jeder Sportfreunde-Song. Werbebugets sollten nicht an Landesgrenzen gebunden sein und wenn ich mir auf der AMC-Webseite die Preview zur neuen The-Walking-Dead-Folge ansehen will sehe ich stets eine Sperrtafel, die mir dieses komische Gefühl von Heimat aufdrängt, dass ich doch zu gerne gegen meine Lieblingsserien eintauschen würde.

Stellen Sie sich nur einmal vor: Anstatt über zwielichtige Quellen sich eine US-Serie anzusehen, schauen die Leute sie über die Internetseite der Fernsehsender völlig legal und sorgenfrei und sehen dabe vielleicht 7 bis 8 kurze Werbespots, die eine Menge Geld in die Kassen der Fensehsender spülen würden. Tatsächlich sah ich heute morgen eine Folge How I met your Mother über die Webseite des Senders (mittels Proxy) und erfreute mich regelrecht an der Werbung. Andererseits fragte ich mich auch, ob ich nicht etwas noch viel schlimmeres tue, weil ich als Kunde ja für die Werbeindustrie überhaupt nicht interessant bin (waren 2 Spots für US-Only-Produkte, 1 Spot für ein Auto und einer für ne Brause.) Was dazu fehlt ist eigentlich nur ein Vermarkter, der Unternehmen findet, die bereit sind, auf US-Fernsehsender-Webseiten bei deutschen internationalen Sehern für Produkte zu werben.

Aber vielleicht gehört dieses Gefühl nicht eingeladen zu sein auch inzwischen zum bundesdeutschen Selbstverständnis.

160 Jahre heimliche Schwabenhymne und die Krux mit der falschen Quellenangabe.

Es gibt diese nette Legende, dass die erste Druckfassung der weltbekannten heimlichen Schwabenhymne „Auf de schwäb’schen Eisenbahne“ aus Tübingen stammt. Mehr noch: Aus einem Tübinger Kommersbuch von 1853 – also just drei Jahre nach der Eröffnung der Durchgängigen Strecke von Heilbronn im Norden über Stuttgart und Ulm bis nach Friedrichshafen im Süden am Bodensee.
Zahlreiche Liederbücher – allen voran „Was singet und klinget“ von 1926 – verweist auf dieses Tübinger Kommersbuch 1853. Auch die Wikipedia (Stand: 25. Januar 2013) verweist auf dieses Studentenliedbuch, welches Verbindungsstudierende mit in die Kneipen nahmen und ihre Lieder grölten. Das Bild passt einfach so schön: Das mit Biernägeln (wenn mal was verschüttet wird, wird das Buch dadurch nicht nass) bestückte Gesangsbuch als die Grundlage einer gesungenen Vereinigung Württembergs und schließlich des ganzen Südwesten.

Nur: Ein solches Tübinger Kommersbuch von 1853 gibt es nicht.

Das erste mal tauchte „Auf de schwäb’schen Eisenbahne“ in einem Tübinger Kommersbuch in der achten, erweiterten Auflage von 1894 auf. Dort wird es auch korrekt als hinzugekommen angegeben. Nun könnte man sich ja rühmen, obwohl man stets falsch zitiert wurde, dass dies die erste Druckfassung gewesen wäre. Im „Allgemeinen Liederschatz“ findet sich jedoch schon 1888 eine Version dies Liedes. Irgendjemand – wer ließ sich für mich nicht nachprüfen – hat da einfach die falsche Quelle angegeben und zahlreiche andere haben diese nicht überprüft. (Besonders lustig ist hierbei die Wikipedia, die zwar auf Literatur verweist, die ihren Angaben widerspricht, diese aber offenbar ignoriert.)

Zwei Löbliche Ausnahmen gibt es: 1987 wieß Otto Holzapfel in einem Aufsatz bereits auf diese falsche Quellenangabe hin (x). Vergangenes Jahr veröffentlichte dann Eckart Schörle ein wirklich bezauberndes und sehr gelungenes Buch „Auf de schwäbsche Eisebahne. Eine Schwabenhymne“ (Amazon (Partnerlink), x), auf dessen Text ich mich hier weitgehend berufe.

Wenn die Quelle „Tübinger Kommersbuch 1853“ nicht existiert, dann haben wir 2013 folglich auch kein Jubiläum. Oder doch?

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