Kalter Kaffee in neuen Schläuchen.

Es ist nicht neues, was Kirby Ferguson erzählt. Alles sei ein Remix, es gehöre zu unser Kultur und sei nichts verwerfliches zu kopieren, nichts wird aus sich selbst heraus geschaffen und zuletzt: Unser Urheberrecht gehe an der Realität vorbei. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen und letztlich existieren Tische nur, weil sich jemand den abgeschlagenen Baumstumpf, auf dem man so praktisch Sachen ablegen kann, ins Haus holte (oder so ähnlich). Das alles ist nicht neu. Längst gibt es Ratschlagsammlungen wie „Steal like an Artist“ und man bräuchte diese Videoreihe nicht, letztlich ist sie aber sehr unterhaltsam, was Kirby Ferguson in „Everthing is a Remix“ erzählt.

Das letzte Video der Reihe ist schon über 3 Wochen alt. In Internetzeit also eine Ewigkeit. Dennoch nahm ich mir heute noch einmal Zeit die ganze Reihe – allerdings mit überspringen von Kirbys Danksagungen am Ende jedes Videos – anzusehen und ich muss sagen, dass es sich lohnt. Man erfährt – selbstverständlich – nichts neues, aber es gibt doch die ein oder andere Denkanregung, die es lohnenswert machen, diese gute halbe Stunde zu investieren. Für mich eines der wichtigsten Videoreihen der letzten Monate (neben „How TV Ruined Your Life“).

Hier erstmal Teil 1, nach dem Klick die restlichen 3 Teile. Und wenn Sie – Du? – nur wenig Zeit haben, dann empfehle ich zumindest Teil 3 zu sehen. Er ist mit Abstand am Informativsten. Die Schlussfolgerungen aus dem 4. Teil sind im Grunde selbstverständlich, ebenso wie das Eingeständnis, dass Kultur immer aus sich selbst heraus – also auf Grundlage allen Vorangegangenen – geschaffen wird.

Everything is a Remix Part 1 from Kirby Ferguson on Vimeo.

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Kultur ist eine Bestandsbibliothek.

Es gibt Menschen, die erkennen die Begrenztheit unserer Sprache und auch unserer Kultur. Betrachtet man die neueren Musikstücke genau, so war alles schonmal irgendwie da. Jede Melodie, jedes Wort, jede Idee wird und kann nur kopiert werden.

Es gibt Menschen, die leiten aus der Begrenztheit unserer Kultur eine Abneigung gegen Neues ab. Kulturpessimisten nennt man sie. Betrachtet man sich das RTL-Nachmittagsprogramm, so beginnt man unweigerlich ebenso pessimistisch zu werden.

Ich glaube jedoch, dass Kulturpessimismus der falsche Weg ist. Ebenso wie reiner Fortschrittsglaube falsch sein muss. Die Musik etwa von Justin Bieber – um ein beliebtes Beispiel zu nennen – ist weder besser noch schlechter weil sie jünger ist als etwa die Songs der Rockgruppe Queen, sondern weil man sie persönlich als besser oder schlechter empfindet. Ein Qualitätsunterschied leitet sich nicht aus einer zeitlichen Abfolge ab.

Wir stehen an einem Punkt in unserer Geschichte, an der neue Kulturgüter mit einem wachsenden Berg an etablierten oder neu entdeckten Kulturgütern zu konkurrieren haben. Aus einem Gemeinschaftserlebnis – neuen Filmen, neuen Musikstücken, neue Bücher, die große Bevölkerungsschichten erreichen – wird durch das Internet und seine Zugänglichmachung jedes Kulturgutes jedes Zeitpunktes zu jedem Moment eine Einzel- oder maximal Gruppenkultur. Ich kann mich immer mehr darüber definieren, was ich höre, weil ich die freie Wahl habe.

Filterung wird dabei das entscheidenede Stichwort. So findet sich neben neueren Stücken und wiederentdeckten Lieblingsliedern auch das eine oder andere klassische Stück auf meinem MP3-Player. Auch höre ich ab und an den großartigen Robert Johnson, über dessen Musik ich auf der Suche nach gemeinfreien Stücken gestolpert war.
Ebenso muss ich gesehen, dass für mich der Kinofilm des Jahres nicht ein aktueller war, sondern den inzwischen 43-jährigen 2001: A Space Odyssey (den ich dieses Jahr erstmals „auf der großen Leinwand“ sehen durfte).

Kultur, und das erfüllt mich mit Angst und Hoffnung zugleich, ist kein Fließband mehr, das uns Fertigprodukte vorsetzt, die wir auszulöffeln haben. Kultur bleibt in sich begrenzt – in seinen Vorlagen, Ideen und Möglichkeiten -, wächst aber ständig. Weil es auf sich selbst aufbaut. Und weil sie wächst, wenn man sie teilt.

Kultur ist eine Bestandsbibliothek.

Exakt den selben Eintrag hatten wir hier übrigens schon vor drei Jahren. Mit anderen Beispielen. Und schon damals kommentierte niemand.

"Sie müssen sich keine Sorgen machen. Niemand wird Sie je überfordern oder Ihnen das Gefühl geben, dass Sie ein richtiger Vollidiot sind."

Das klassische Bild von Erziehung lautet in etwa so: Die Eltern wissen alles, das Kind nichts. Wenn es sich anstrengt, immer den Spinat aufisst und brav in der Schule lernt, wird es auch mal groß und ansatzweise so klug wie die Eltern. Ich will nicht sagen, das sei Blödsinn, weil ich viel – unendlich viel – von meinen Eltern beigebracht bekommen habe. Aber so kann es nicht – ohne ein großes Fragezeichen am Anfang – durch die Geschichte gehen. Eine Existenz von Zeit im Verbund mit wachsendem Wissen – oder zumindest steigender Technologie – bedarf mehr als „Ich bring dir was bei“.

Lernen ist beidseitig.

Anders kann es gar nicht funktionieren. Ansonsten wären wir derart begrenzt in unserem Wissen und Denken, dass es schon wieder deprimierend wäre. Aber so ist es nicht: Wir lernen selbst – aus uns heraus – vieles. Wir probieren uns aus, entdecken die Welt, in der wir leben. Wir lernen von anderen – durch kopieren, nachahmen, kritisieren. Wir lernen unsere Grenzen kennen und entwickeln Strategien, sie auszudehnen.
Es ist aber auch so, dass die Großen von den Kleinen lernen. Entweder, weil sie an ihre eigenen Erfahrungen als Kinder zurückerinnert werden, die sie ansonsten bereits vergessen hätten, andererseits ist der Blick auf eine Situation aus einer anderen Perspektive eine völlig neue. Und letztens gibt es so viel Neues zu entdecken, was man im ersten Moment oft nicht erkannt hat.

Groß werden heißt die eigene Lehrbereitschaft begreifen.

Selbstverständlich lasse ich mich jetzt nicht zu einem Satz hinreißen wie „Die Großen lernen von den Kleinen mindestens ebensoviel wie umgekehrt“. Solche Allgemeinplätze überlasse ich lieber Schlagersängern und Bürgermeisterkandidaten der CDU auf Stimmenfang im Kindergarten. Je älter ich werde, desto weniger kann ich mich derlei Sätzen jedoch verwehren. Weil ich tatsächlich meine Eltern manchmal dazu überreden muss, es einfach zu versuchen, ob der E-Mail-Anhang dran bleibt, wenn man die Mail weiterleitet. Es fühlt sich ein bisschen wie ein Rollentausch an.

Aber in Wirklichkeit war es nie anders. Nur als Kind begreift man noch nicht wirklich, dass man jemand ist, der anderen zu Erkenntnissen verhelfen kann. Das ist gut – weil es uns bereiter macht die Erkenntnis anderer aufzusaugen -, aber es ist auch irgendwo schade. Zu gerne würde ich mich an das Lächeln erinnern, das meine Eltern gehabt haben müssen, als sie wieder eine Erfahrung mit mir erfolgreich gemeistert haben.

Lernen ist keine Einbahnstraße.

Aber es stimmt eben doch irgendwo: Durch Dialog kommen wir weiter. Nicht dadurch, dass uns jemand Sätze auswendig lernen lässt. Wir müssen auch Fragen dürfen, Kritik üben, ab und an im Unrecht sein.

Deshalb, weil ich darauf bestehe, noch etwas von Ihnen lernen zu wollen, schreiben Sie jetzt einen Kommentar. Bitte.

Generation Anthropophobie

Anm. Schreibe ich hier von „meiner Generation“, so meine ich nicht die zeitlich meinem Jahrgang zugeordneten Personen, sondern meiner Lebensweise und Kultur ähnlichen Personen im Gegensatz zu den „Erwachsenen“ und anderen Personengruppen. Es geht hier also nicht um eine Zeitgruppe, sondern um eine Lebensweisen-Gruppe.

forever... alone.

Mein Vater hat mit Computern praktisch nichts mehr zu tun. Rechnungen schreibt meine Mutter. Die Firmenmailadresse verwaltet sie ebenfalls. Spricht er einmal selbst von „E-Mails“ klingt es nach einer längst verschollenen Indio-Kultur, und nicht nach einem Kommunikationsmittel. Vor 20 Jahren muss er jedoch zu den Visionären gehört haben. Hatte Datenverarbeitung in seiner Meisterschule. Echtes Programmieren, kein Zusammengoogeln von irgendwelchen HTML-Zeilen. Ich habe großen Respekt vor meinem Vater.

Als Computer noch Kommunikation bedeuteten

Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein, als es noch kein Datennetz voller toter Informationen gab. Als man noch mit Leuten sprechen musste, mit Systemadmins, Lehrkräften. Als man noch zum Mond flog.Die heutige Zeit – obwohl sie uns soviel Möglichkeiten bietet – hat uns kommunikationsfaul gemacht. Hat mein Vater ein Problem, fragt er einen Freund oder Nachbar. Ich frage Google.

Menschenscheu ist meine Generation hinter all ihren Bildschirmen geworden. Nur noch Supermarktkassierer, Briefträger und die Damen von der Support-Hotline reden heute noch mit uns. Alle anderen wurden durch Maschinen ersetzt. Ein Philip-K.-Dick-scher Alptraum.

Indiz ist schon die Selbstverständlichkeit, mit der Stellenausschreibungen „Teamfähigkeit“ erbetteln müssen: Wir sind zu Schroedingers Katzen mutiert. Alle samt. Schroedinger Generation. Vereinzelt. Vereinsamt. Gefangen in unserer engen Kiste. Versteckt hinter Mauern aus Servern. Ob tot oder lebendig erkennt man nur, wenn man uns hervorholt. Twitterfeeds sind längst austauschbar geworden, so dass sie kein Lebensindiz mehr sein können.

„Haben Sie es schon mit aus- und wieder einschalten probiert?“

Einzig der indische Lieferjunge würde unseren Tod erkennen am Einbrechen seiner Einnahmen. Und vielleicht ein namenloser Techniker in den Servicewüsten der Telekom, der das Einbrechen des Datenvolumens in unserem Heimnetzwerk erkennen würde.

Meine Generation ist vereinsamt. Facebook, Google+ und Twitter können darüber nicht hinwegtäuschen. Es gibt nur noch Bekannte, aber keine Freunde mehr. Niemand, der beim Umziehen helfen würde oder einem bei einem Todesfall trösten könnte. Aber hunderte, die ihre blöden Facebook-Kommentare zu einem austauschbaren Urlaubsfoto abgeben. John Doe gefällt das. Fick dich, John Doe. Du bist nur ein Platzhalterfreund.

„Hilf mir mal, bitte.“

Neulich – und deshalb habe ich mir letztlich all diese Gedanken gemacht – hatte mein Vater auf dem Markt ein Problem mit seinem alten Nokiahandy. Die Sim-Karte macht Probleme und die Rückseite ließ sich nicht mehr abnehmen. Ich sollte zu ihm kommen und ihm helfen. Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung und diese Dinger noch nie geöffnet bekommen. Glücklicherweise fragte er seinen Standnachbarn und langjährigen Freund, der innerhalb kürzester Zeit das Handy wieder zum Laufen brachte.
Ich hätte es zum Fachhändler bringen müssen, mich entschuldigen und nach etwa der zehnfachen Zeit wäre das Problem ebenfalls behoben.

Hier wird der Unterschied erschlagend deutlich: Heute brauchen wir keine Freunde mehr, die uns helfen. Weil wir mit Internet und Fachkräften alle Informationen zur Hand haben, die wir bekommen könnten. Nur, und darin liegt das große Unglück meiner Generation begründet, bedeutet die mangende Notwendigkeit sich Freunde und Partner zur Problemlösung zu suchen eben auch, keine Freunde und Partner zur Problemlösung zu haben.

Verdammte computerisierte Generation Anthropophobie.

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Nachrede: Möglicherweise bedeutet diese Loslösung des Freundschaftsbegriff vom Problemlösen auch, dass zukünftig wir nur noch mit Leuten Zeit verbringen, mit denen wir das wirklich möchten. Das bedeutet eventuell das Ende der klassischen Nachbarschaft, bietet aber auch die Chance, Menschen zu treffen und mit Menschen Zeit zu verbringen, mit denen sich das wirklich lohnt. Freunden eben.

"Warum gab und gibt es Krieg?"

Meine Großmutter sitzt in der Küche beim Frühstück. Ich lehne mich an die Küchenzeile. Wir reden über Geschichte. Ich klugscheiße ein wenig mit dem, was ich noch aus der Sendung ohne Namen weiß. Dann stellt sie die Frage, die mich schon den ganzen Tag beschäftigt: Warum gab es und gibt es immer noch Krieg?

Risiko

Draußen hupt mein Bruder. Er ist ungeduldig. Ich gebe die erste Antwort, die mir einfällt, und verabschiede mich. Entweder, sage ich, läge es in unserer Natur, uns im Kampf zu messen, oder es gibt Krieg, weil es Krieg gab und wir Frieden nicht kennen.

Krieg: In unserer Natur oder Kulturgut?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr versteife ich mich auf diese Erklärungsmuster. Einerseits könnte Krieg – so schrecklich er ist – eine natürliche Erscheinung sein, ähnlich den Wettkämpfen, die Tiere untereinander durchführen, um den Stärkeren zu bestimmen. Es gäbe damit eine Art Kriegslust, ähnlich dem Hunger oder dem Entdeckerwillen des Menschen. Wäre es so, könnten wir diese Menschheitsgeißel nicht letztendlich ausrotten. Ebenso wie die Haare unter Armen und im Schambereich könnten wir den Krieg abrasieren, aber nie ganz loswerden.

Das andere Erklärungsmuster gefällt mir besser: Krieg wäre demnach eine kulturelle Erscheinung. Warum mir dies besser gefällt? Eine kulturelle „Errungenschaft“ kann ich ablegen – etwa Krawatten oder Rauchwaren – und muss nicht unentwegt an mir arbeiten, muss mich nicht in irgendwelche Zwangsjacken zwängen, um die Kriegslust in der Welt auszurotten. (Das klingt auch irgendwie gewaltsam.) Jedes kulturelles Gut, mag es uns heute auch noch so falsch erscheinen, hatte irgendwann einen Sinn. Diesen Sinn im Krieg zu finden ist – vor allem, wenn man sich die jüngere Geschichte betrachtet – beinahe unmöglich zu benennen. So, wie wir die Monarchie letztlich überwunden haben, könnten wir auch den Krieg schlussendlich loswerden.

Aber, eben nur, wenn es Kultur ist. Nur dann hatte John Lennon damals recht, als er ausrief: „Krieg ist vorrüber. Wenn du es möchtest.“

[Offenlegung: Ich habe den Wehrdienst verweigert und finde kriegerische Handlungen ziemlich blödsinnig.]