Borta bra men hemma … går sönder.

Wolken

„Aber immer wenn ich nachdenk‘ wie dreckig es mir geht, fällt mir ein, ich bin der beste [Blogger] den es gibt.“ (Antilopen Gang: Absturz)

Meine Eltern ziehen gerade aus dem Haus aus, in dem sie seit der Geburt meines großen Bruders gelebt, gearbeitet und uns großgezogen haben. Es ist ein großes Haus in zweiter Reihe zum Neckar, das schon lange nicht renoviert wurde. Im Erdgeschoss ist das Blumenfachgeschäft meiner Eltern und wenige Schritte entfernt die Kirche des Stadtteils. In weniger als 5 Minuten ist man am Bahnhof, in nur wenig mehr Zeit in der Innenstadt.

In der Wohnung, in der ich momentan lebe, wird gerade renoviert (wie bereits seit meinem Einzug im Oktober). Es gibt immer noch keine Küche und weil die Wände neu verputzt werden wird meine Welt gefühlt immer kleiner. Alles, was in der zukünftigen Küche war – Wasser, ein paar wenige Küchengeräte, Geschirr, Lebensmittel -, steht nun in einem kleinen Regal im Flur.

Als ich einzog, nahm ich mir vor, sobald die Küche da sei eine Kleinigkeit zu backen und damit bewaffnet mich den Nachbarn vorzustellen. Die Zeit zog ins Land und ich dachte an Kanelbullar. Und dann dachte ich an Lussekatter. Und dann wurde es Frühling und dann Sommer und nichts war.

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Gewichtsverlust als Gesichtsverlust.

Mir ist egal, was die feministische Perspektive zum Gewicht ist. Wenn wie in den letzten Wochen sich die Blogs mit Meinungsbekundungen überschlagen, dann ist mir das egal. Ich scrolle einfach weiter.

Spiegel

Im echten Leben kann ich nicht weiterscrollen. Wenn Freunde mich loben, weil ich abgenommen hätte und Kunden Small Talk darüber halten wollen, dann kann ich nicht einfach wegrennen. Ich sage dann: „Die Hose, die ich trage, war immer schon zu groß“ oder „Wenn man’s essen halt selber zahlen muss…“ und gebe mich froh darüber. Tatsächlich betrachte ich das mit Sorge. Ich war mit meinen 188 cm mal auf 110 Kilo. Gefährlich Übergewichtig. My ass. Laut der superungenauen Waage, die ich von meiner Großmutter stahl und deren Fußabdrücke ich mit „Sexistische Kackscheiße“-Aufklebern überklebte, bin ich heute bei 90 Kilo angelangt.

Soviel wog ich das letzte mal, als ich einmal wöchentlich zu einem Gespräch ging. Die Welt war so groß, und ich war so klein. Mit dem Wechsel ins Gymnasium ließ ich mir einen Bart wachsen, wurde dicker und die Welt wurde kleiner. Nichts hätte mich aus der Bahn werfen können, dafür war ich viel zu träge. Nun… zweifle ich.

Das sagte ich neulich auch einer Freundin, die es nicht lassen konnte, mich ob meines scheinbaren Gewichtsverlusts zu loben. Also, dass die Umwelt größer werde und ich – weil weniger Masse – weniger in der Welt einnehmen würde. Weniger wäre. Und das doch mit Sicherheit nichts ist, was man gutheißen könne. Sie entschuldigte sich und sagte, sie habe ja nur nett sein wollen – und das glaube ich ihr auch.

Wenn ich mich richtig erinnere, war ich aber auch nicht glücklich, als mir vor einigen Jahre die Mutter einer alten Freundin zurief: „Oh, du hast ja viel zugenommen.“ und dann, auf mein schockiertes Gesicht: „Aber das steht dir!“

Einerseits bin ich auf einer Seite mit Jason Segel, andererseits wäre die sinnvollste Lösung wohl, einfach nicht mehr über unser eigenes und fremdes Gewicht zu reden. Wobei das wohl zu Schiffsunglücken usw. führen würde wegen Überbeladung. Hm…

It’s okay to kill your idols / wo ist meine zukunft?

(Es folgt ein Eintrag, der eigentlich aus drei unfertigen Einträgen besteht, die ich mich aber nicht traue zu trennen, da sie an relevanten Stellen überlappen. Entstanden zwischen 23.04. und 30.05.13.)

Wir müssen uns von der Genie-Vorstellung ebenso verabschieden, wie von dem Märchen, dass es alle schaffen können. Jeder kann erfolgreich sein, aber nicht alle. Zumindest nicht, wenn wir Erfolg so sehen, wie wir es im Moment tun.

Eine passendere Umschreibung für einen anderen Begriff von Erfolg könnte sein, dass wir niemanden ausschließen. Ein gutes Leben für alle ist möglich. Zumindest können wir gewisse Missstände ohne große Probleme beheben. Können wir ein gutes Leben für alle erreichen? Ja! Wird damit das extra-super-mega-geile Super-Leben einiger berührt? Ja.

Die Regierung redet über Arbeitsplätze und wie sie sie erhalten will. Die Gewerkschaften reden über Arbeitszeitverkürzung. Durch Spanien zieht ein Heer von Arbeitssuchenden Menschen in meinem Alter. Auch sie sollen Arbeit bekommen. Alle reden von der Arbeit. Wie wir sie bekommen, verteilen, schaffen.

Aber niemand redet, woran wir eigentlich arbeiten wollen. Was werden wir morgen tun? Wovon und womit leben? Was wird uns antreiben. Was ist unser Ziel?

Klassenerhalt ist kein Ziel. Es ist eine Bankrotterklärung.
Klassenkampf? Mir zu 1860.

Ich will eine Marsmission mitfinanzieren. Sagen wir, jeder gibt ab heute die Hälfte seiner Zinsen dafür. Auch heute wären das mehrere Millionen Euro. Sagen wir, wir fliegen selbst zum Mars. Was wird das kosten? So viel, wie wir im Jahr für Filme ausgeben, die uns diese Idee vorlügen? Soviel, wie Anwälte pro Stunde an Honorar verdienen? Soviel, wie wir für Waffen ausgeben? Oder zur Rettung von Arbeitsplätzen? Wir brauchen eine Vision. Eine Idee. Wo ist meine Zukunft?!

Zur Überwindung dessen müssen wir unsere Vorbilder überbieten. Idole sind erschossen. Musiker bluten aus. Autoren tot. Wir sind an der Reihe! Scheiß auf die Schulter deines Riesen. Überwinde ihn. Wir sind dran.

Klassenerhalt ist kein Ziel. Wir wollen an die Spitze und weiter. Wir wollen in der -1. Bundesliga spielen. Wir wollen den Meisterlöffel in den Händen halten und ihn dann für Raumanzüge einschmelzen.

Arbeitsplätze zu Awesomeplätzen! Steuerlöcher zu Sandkästen! Verbitterung zu Ironie! Heute zu Morgen!

Was ich tun werde:
An Semesterende fahre ich ins Casino und setze meine ECTS-Punkte auf Null. Ich schreib meine Steuererklärung in Geheimsprache und erzähle meinem Vater von seiner Geburt. Am Monatsende essen ich meinen Kochtopf und lass die Haare einfach wachsen. Ich bürste meine Zähne mit Steuermitteln und beklage die Verschwendung von Scheuermitteln. Ich stehe nachts auf und gehe morgens schlafen. Ich lass die Erde im Uhrzeigersinn drehen und alle geh’n zurück ins Bett.

Es reicht nicht, wenn wir die Welt so lassen, wie sie ist. Wir müssen sie besser machen. Wir müssen unsere Chance ergreifen. Wir haben keine Chance? Dann ergreifen wir das Nichts und dressieren es um. Wir pflegen das Nichts und bringen ihm Tricks bei. Es reicht nicht, dass Arbeitsplätze hier bleiben. Es geht nicht darum, dass du morgen ne Stelle bei Daimler kriegst. Es geht darum, dass du nächste Woche zum Mond fliegst. Oder den Menschen deiner Träume triffst. Es geht um den gelben Regenschirm, nicht um das dumme Gebäude. Es geht um das Bier, und nicht den Pfand.

Was du tun wirst:
Verbrenn die Autos deiner Nachbarn und schenk ihnen Fahrräder. Schürf in der Mülltonne nach Chicken-Nuggets. Geh bis ans Ende und hüpf dann weiter. Gib keine Hand mehr, sondern dein Herz. Gib deinen Verstand. Gib alles! Werd Organspender. Lern eine fremde Sprache und erfinde neue Worte. Phir phäne Talarnanat. Starte ein verficktes Blog und schreibe jeden Tag sinnfreie Texte. Melde dich bei einem Fremdgehportal an, und sag allen, du sparst dich für die Ehe auf. Knuddel deine Helden und vergiss sie dann. Lass dich nicht korrumpieren von Geld, Macht oder Marshmallows. Lass das Feuer brennen.

Du bist Klein und Niemand? Dann steh auf. Du hast Angst? Die hab ich auch. Ich hab ne Scheiß Angst. Aber wir werden es trotzdem tun.

Was wir tun werden:
Wir fliegen zum Mars. Wir setzen unseren Fuß darauf und essen erstmal ein Snickers. Wir gehen übers Wasser und werden sehen, dass es trägt. Wir werden Wasser kaufen und sehen, dass wir es heim tragen. Wir werden unsere Eltern Lügen strafen und unsere Lehrer auf die stille Treppe setzen. Wir werden unseren Fernseher verbrennen. Wir werden YouPorn löschen. Wir werden auf dem Asphalt Wiese streuen. Wir werden Comicblogs gründen und jeden Tag Klingonisch sprechen. Wir werden Gitarren auf dem Kopf spielen und dem Publikum unsere Hintern zeigen. Wir werden Joy Division hören und die Ironie feiern. Wir werden unsere Schuhe verbrennen und auf den Händen laufen. Wir werden mit unseren Zehen Comics zeichnen. Wir werden neu sein und frei sein und wir werden diese Welt nicht retten, sondern unsere Eigene schaffen. Wir werden aus den Trümmern Jenga-Spiele basteln.

Wir werden nochmal neu anfangen. Wir werden unsere Idole ins Altenheim schicken. Wir werden neu sein und frei sein und alles wird gut.

Grummel.

Heute ist kein Tag zum rausgehen. Mein Magen rebelliert wieder, mein Kopf dreht sich um die eigene Achse, die Wände werden kleiner, die Welt wird kleiner und alles, was ich mir im tiefsten Herzen wünsche, ist ein warmer Heizkörper und, dass ich morgen aufstehen kann, ohne über all das nachzudenken.

Ich hatte es versucht. Tatsächlich hatte ich es versucht. Ich hatte mich mit ungutem Gefühl in den Bus gesetzt – Linie 22 -, fuhr bis zum Bahnhof und sprang sofort wieder in den selben Bus. Zurück zu meiner Haltestelle. Zurück zu meiner Wohnung. Meinem Flur, meinen Zimmer, meinem Bett. Wo die Welt mir keine Angst machen kann und wo mein Magen sich nicht mehr dreht.

Ich muss wohl etwas falsches gegessen haben, diagnostiziere ich in Gedanken. Ich sitze hinten im Bus. Zurück nach Hause. Drei Haltestellen muss ich überwinden, dann bin ich da. Jetzt nicht erbrechen. Konzentrier dich, Junge. Eigentlich geht es dir gut. Eigentlich ist die Welt kein feindlicher Ort. Mir gegenüber sitzt ein Pärchen. Sie lange Haare und Stirnband, er lange Haare und Lederjacke. Er küsst ihren Kopf. –

Da ist er wieder. Der Würgereiz. Ich weiß nicht warum, und ich weiß nicht seit wann. Aber wenn ich Pärchen sehe, die Liebesbekundungen austauschen, muss ich nun würgen. Ich schlucke runter, was sich schon auf den Weg gemacht hatte und werfe mir den Rucksack über. Scheiß Romantik. Schwankend laufe ich zur Tür. Scheiß Nahrungsmittel. Mein Körper scheint sich losreißen zu wollen. Weg von mir. Weg vom Dasein. Ich denke an mein Mantra: Ich habe nur etwas falsches gegessen. Ich habe nur etwas falsches gegessen. Mein Magen fühlt sich an wie eine Waschmaschine im Schleudergang.

Ich umklammere die Stange. Der Bus hält. Endlich. Die Türen öffnen sich. Eine Frau steigt mit mir aus. Sie nach rechts. Ich nach links. Die tosenden Wellen, die gerade noch durch meinen Bauch schwappten, das Gefühl, die ganze Welt breche über mich hinein. Die Angst, mein Magen würde sich in ein schwarzes Loch verwandeln. Aus ihn würde ein Monster steigen, dass die ganze Welt auffrisst. Ist weg. Die Wellen legen sich. Nur noch leichtes Grummeln. Der Sturm, der meinen Leib zu zerreißen drohte, ist nun allenfalls das Tübinger Wetter im Frühsommer. Kalt und grummelig.

Ich öffne die Haustüre. Grummeln. Ich öffne die Wohnungstüre. Grummel-grummel. Eine Wärmflasche beruhigt die See im Bauch schließlich für heute. Hoffentlich. Mein Kopf ist immer noch heiß. Hm. Grummel.

George.

Ich bin George Costanza.

Es ist drei Uhr achtundzwanzig,
ich taumle schlaftrunken durch den Flur
und plötzlich offenbart sich mir alles.

Ich bin George Costanza.

Ein hoffnungsloser Verlierer.
Einer, der bei Frauen immer versagt
und nicht weiß was jetzt werden soll.

Ich bin George Costanza.

Mein ganzer Freundeskreis ist so.
Ich kenne einen Jerry, eine Elaine,
ich habe Eltern mit sehr lauten Stimmen
und keine Ahnung, was ich mit meinem Leben machen soll.

Und ich halte Kaffee für Kaffee.

Meine ganze Existenz richtet sich nach der von George.

Ich und meine Zeit hier sind vorbestimmt durch eine Figur aus einer TV-Sendung aus meinem Geburtsjahr. Ich bin vorbestimmt. Meine Zukunft absehbar.

Dabei wäre ich lieber eine Katze.
Oder wenigstens Kramer.
Aber es ist drei Uhr achtundzwanzig,
und ich bin allein. Und ich weiß,
was kommen wird. Wer ich sein werde.

Ich bin… George.