It’s okay to kill your idols / wo ist meine zukunft?

(Es folgt ein Eintrag, der eigentlich aus drei unfertigen Einträgen besteht, die ich mich aber nicht traue zu trennen, da sie an relevanten Stellen überlappen. Entstanden zwischen 23.04. und 30.05.13.)

Wir müssen uns von der Genie-Vorstellung ebenso verabschieden, wie von dem Märchen, dass es alle schaffen können. Jeder kann erfolgreich sein, aber nicht alle. Zumindest nicht, wenn wir Erfolg so sehen, wie wir es im Moment tun.

Eine passendere Umschreibung für einen anderen Begriff von Erfolg könnte sein, dass wir niemanden ausschließen. Ein gutes Leben für alle ist möglich. Zumindest können wir gewisse Missstände ohne große Probleme beheben. Können wir ein gutes Leben für alle erreichen? Ja! Wird damit das extra-super-mega-geile Super-Leben einiger berührt? Ja.

Die Regierung redet über Arbeitsplätze und wie sie sie erhalten will. Die Gewerkschaften reden über Arbeitszeitverkürzung. Durch Spanien zieht ein Heer von Arbeitssuchenden Menschen in meinem Alter. Auch sie sollen Arbeit bekommen. Alle reden von der Arbeit. Wie wir sie bekommen, verteilen, schaffen.

Aber niemand redet, woran wir eigentlich arbeiten wollen. Was werden wir morgen tun? Wovon und womit leben? Was wird uns antreiben. Was ist unser Ziel?

Klassenerhalt ist kein Ziel. Es ist eine Bankrotterklärung.
Klassenkampf? Mir zu 1860.

Ich will eine Marsmission mitfinanzieren. Sagen wir, jeder gibt ab heute die Hälfte seiner Zinsen dafür. Auch heute wären das mehrere Millionen Euro. Sagen wir, wir fliegen selbst zum Mars. Was wird das kosten? So viel, wie wir im Jahr für Filme ausgeben, die uns diese Idee vorlügen? Soviel, wie Anwälte pro Stunde an Honorar verdienen? Soviel, wie wir für Waffen ausgeben? Oder zur Rettung von Arbeitsplätzen? Wir brauchen eine Vision. Eine Idee. Wo ist meine Zukunft?!

Zur Überwindung dessen müssen wir unsere Vorbilder überbieten. Idole sind erschossen. Musiker bluten aus. Autoren tot. Wir sind an der Reihe! Scheiß auf die Schulter deines Riesen. Überwinde ihn. Wir sind dran.

Klassenerhalt ist kein Ziel. Wir wollen an die Spitze und weiter. Wir wollen in der -1. Bundesliga spielen. Wir wollen den Meisterlöffel in den Händen halten und ihn dann für Raumanzüge einschmelzen.

Arbeitsplätze zu Awesomeplätzen! Steuerlöcher zu Sandkästen! Verbitterung zu Ironie! Heute zu Morgen!

Was ich tun werde:
An Semesterende fahre ich ins Casino und setze meine ECTS-Punkte auf Null. Ich schreib meine Steuererklärung in Geheimsprache und erzähle meinem Vater von seiner Geburt. Am Monatsende essen ich meinen Kochtopf und lass die Haare einfach wachsen. Ich bürste meine Zähne mit Steuermitteln und beklage die Verschwendung von Scheuermitteln. Ich stehe nachts auf und gehe morgens schlafen. Ich lass die Erde im Uhrzeigersinn drehen und alle geh’n zurück ins Bett.

Es reicht nicht, wenn wir die Welt so lassen, wie sie ist. Wir müssen sie besser machen. Wir müssen unsere Chance ergreifen. Wir haben keine Chance? Dann ergreifen wir das Nichts und dressieren es um. Wir pflegen das Nichts und bringen ihm Tricks bei. Es reicht nicht, dass Arbeitsplätze hier bleiben. Es geht nicht darum, dass du morgen ne Stelle bei Daimler kriegst. Es geht darum, dass du nächste Woche zum Mond fliegst. Oder den Menschen deiner Träume triffst. Es geht um den gelben Regenschirm, nicht um das dumme Gebäude. Es geht um das Bier, und nicht den Pfand.

Was du tun wirst:
Verbrenn die Autos deiner Nachbarn und schenk ihnen Fahrräder. Schürf in der Mülltonne nach Chicken-Nuggets. Geh bis ans Ende und hüpf dann weiter. Gib keine Hand mehr, sondern dein Herz. Gib deinen Verstand. Gib alles! Werd Organspender. Lern eine fremde Sprache und erfinde neue Worte. Phir phäne Talarnanat. Starte ein verficktes Blog und schreibe jeden Tag sinnfreie Texte. Melde dich bei einem Fremdgehportal an, und sag allen, du sparst dich für die Ehe auf. Knuddel deine Helden und vergiss sie dann. Lass dich nicht korrumpieren von Geld, Macht oder Marshmallows. Lass das Feuer brennen.

Du bist Klein und Niemand? Dann steh auf. Du hast Angst? Die hab ich auch. Ich hab ne Scheiß Angst. Aber wir werden es trotzdem tun.

Was wir tun werden:
Wir fliegen zum Mars. Wir setzen unseren Fuß darauf und essen erstmal ein Snickers. Wir gehen übers Wasser und werden sehen, dass es trägt. Wir werden Wasser kaufen und sehen, dass wir es heim tragen. Wir werden unsere Eltern Lügen strafen und unsere Lehrer auf die stille Treppe setzen. Wir werden unseren Fernseher verbrennen. Wir werden YouPorn löschen. Wir werden auf dem Asphalt Wiese streuen. Wir werden Comicblogs gründen und jeden Tag Klingonisch sprechen. Wir werden Gitarren auf dem Kopf spielen und dem Publikum unsere Hintern zeigen. Wir werden Joy Division hören und die Ironie feiern. Wir werden unsere Schuhe verbrennen und auf den Händen laufen. Wir werden mit unseren Zehen Comics zeichnen. Wir werden neu sein und frei sein und wir werden diese Welt nicht retten, sondern unsere Eigene schaffen. Wir werden aus den Trümmern Jenga-Spiele basteln.

Wir werden nochmal neu anfangen. Wir werden unsere Idole ins Altenheim schicken. Wir werden neu sein und frei sein und alles wird gut.

Schlammblut

Tut man das Richtige aus den falschen Gründen, wird man noch stärker kritisiert, als tut man nur das Falsche. Nur mit Vorzeigemoralisten lässt sich unsere Gesellschaft aber nicht tragen.

Ein Freund von mir gab neulich offen zu, nur Blutplasma zu spenden, weil er dafür eine – wie es so schön heißt – Aufwandsentschädigung erhält. Die 25 Euro braucht er zum Leben und, da ich selbst studiere und alleine wohne weiß ich, wie bitter man manchmal dieses Blutgeld braucht. Ich persönlich sammle es für den Fall, dass ich in einem Monat mal schlecht geplant habe und mehr Geld ausgebe, als ich durch meine Arbeit und meine Unterstützung eigentlich habe. Noch nie haben sich zwei dieser Aufwandsentschädigungen bei mir sehen dürfen. Immer war die ältere schon längst weitergezogen in die Kassen von Lebensmittelmärkten, Drogerien oder – für mich immer besonders zähneknirschend – an die Universität.

Ich schrieb meinem Freund halb-zynisch:

Gibt Leute, die empören sich darüber, aber wenn wir mal ehrlich sind: Ohne hungrige Studenten, die ihren Körper verkaufen müssen und ohne FSJler usw., die in unserem kalten, unfreundlichen Arbeitsmarkt keine Stellen finden, wäre unser jetziges Gesundheitssystem nicht tragbar. Das Blutspende, Krankenwägen und all das Funktionieren ist keine Frage der Nächstenliebe, sondern eine der Ausnutzung der Schwachen, um noch Schwächeren zu Helfen. Und irgendwo ist das ok…

Eine Freundin von mir fährt einen Krankenwagen. Ich kenne auch ein paar, die in anderen Bereichen ein FSJ machen und die wenigsten, die ich kenne, machen dies aus höchsten moralischen Grundsätzen. Die 400 Euro – denn mehr bezahlt das Rote Kreuz nicht – sind natürlich nicht wirklich anziehend, aber allemal besser als die so gefürchteten Lücken im Lebenslauf.

Mein Stammlokal in meiner Heimatstadt spendet mittwochs einen Teil der Einnahmen für einen guten Zweck. Buchhalterisch gebildet, wie man heute ist, weiß natürlich jeder, dass diese Spenden gewinnmildernd sind und damit Steuern sparen helfen. Ist das moralisch verwerflich, sich mit der Feder des Gutmenschenstums zu schmücken, wenn es einen doch nichts kostet?

Angenommen, ich bräuchte recht dringend eine Organspende, würde es mich stören, wenn diese von einem Gewaltverbrecher stammt? Nein. Ich will nur nicht wissen, dass sie daher kommt. Solange ich mir einreden kann, mein Leben werde aus Gutmütigkeit der Gesellschaft, und nicht durch unzählige, unvorsichtige Motorradfahrer gerettet, die man allsommerlich vom Asphalt kratz, ist es in Ordnung. Das Problem ist nicht, dass man weiß, dass etwas geschied. Das Problem ist, wenn man sich nichts mehr anderes einreden kann. (Schreibt auch Dan Ariely bei Wired)

Die Wahrheit ist also: Viele gute Dinge – Blutspenden, Hilfsprojekte, Arbeit für die Gemeinschaft, Organspenden, … – geschehen nicht ausschließlich aus den hochmoralischen Gründen, die wir uns einreden, sondern oft auch nur, weil ein armes Schwein den anderen armen Schweinen aus eigener Hilfsbedürftigkeit heraus … hilft.

Mäh.

Vor einigen Tagen berichtete die örtliche Tageszeitung von einer interessanten Zusammenkunft. Eine hohe Persönlichkeit der Stuttgarter Polizei sprach bei einer Veranstaltung der örtlichen Christdemokraten am Tag der Deutschen Einheit mit ebendiesen Christdemokraten über die Ereignisse des 30. September 2010. Sie erinnern sich vielleicht: Gegner des Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ wurden am von ihnen so bezeichneten „Schwarzen Donnerstag“ mit Wasserwerfern und anderen Polizeimitteln … [ ehrlich gesagt fällt mir kein unparteiisches Verb ein.] (genaueres hier)

(Ich habe bewusst ungenaue Angaben geben, weil es nicht die Aufgabe eines persönlichen Blogs ist journalistische Inhalte wiederzugeben.)

Die Frage, die aus immer verbissenerem Demonstrieren, neuen Demonstrationsformen und letztlich einem Gefühl von „Ich habe recht, ich bin Demokratie.“ (Klaus Tappeser) resultiert, mehr noch: resultieren muss, ist:
Wie gewaltlos ist gewaltloser Widerstand?

Ich bin ehrlich gesagt unsicher, ob es sinnvoll ist, das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 noch zu stoppen. Man könnte es – und sollte es – noch mehr in andere Richtungen drängen. Aber ein Verhindern kommt bei aller Antipathie gegenüber S21-Befürwortern nicht mehr in Frage. Wer im Moment noch demonstriert, so mein Eindruck aus der Ferne, agiert nach der Fußballmaxime „Wenn wir nicht gewinnen treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“. Eventuell missverstehe ich aber auch beide Seiten.

Seit diesem Jahr können Kosten für Gerichtsverhandlungen, bei denen Aussicht auf Gewinn bestand, von der Steuer abgesetzt werden. Geht man danach vor, dürfte es gar keine Proteste mehr geben. Eine Aussicht auf Veränderung der Gesamtgesellschaft besteht aus meiner – zugegeben sehr pessimistischen – Sicht nicht. Selbst, wenn die Demonstranten recht haben sollten, was ändert das schon? Es setzt sich nicht das gute oder richtige durch, sondern, was ausreichend viele dumme Menschen nachplappern. Schon Schopenhauer kritisierte das argumentum ad verecundiam in seinen Kunstgriffen. Er schreibt darin in Bezug auf die Autoritätsgläubigkeit der Massen: „Sie sind Schafe, die dem Leithammel nachgehn, wohin er auch führt: es ist ihnen leichter zu sterben als zu denken.“. Dass die aktuelle Welt in meiner Wahrnehmung immer noch sehr genau auf Schopenhauers gut 140-jährige Beschreibung passt, ist nicht gerade motivierend.

Ein paar Fragen:

Bin ich selbst autoritätsgläubig? Glaube ich den Demonstranten, weil es mir leichter ist als selbst zu denken?

Ist ein „gewaltloser Widerstand“, der die Gesellschaft Unmengen an Geld und Zeit kostet – und letztlich nichts ändert – nicht auch eine Gewalttat gegen die Gemeinschaft? Wer gibt mir das Recht, ausgerechnet meine eigene Meinung über die der andere zu stellen? Warum soll meine in die Straßen hinaus gerufen werden? Dränge ich damit nicht jedem meine Meinung auf? Oder ist es nur ein Angebot, meine Meinung ebenfalls zu übernehmen? Aber: Ist es überhaupt meine Meinung? Oder sind wir alle nur Mitläufer?

Ich komme mit diesen viel zu vielen Fragen nicht – ideologiefrei – zu einem Schluss. Natürlich könnte man sich auf eine der beiden Seiten stellen und sagen: „Es ist so!„, aber ein Schaf – egal auf welcher Seite – zu sein bringt uns nicht wirklich weiter.

Und Zweifel gehen stets im Blöken der Demonstrantenschafe unter.

Stuttgart 21 Protest Camp
(Foto ohne Genehmigung Rotwangs Flickr-Stream entnommen.)

"Warum gab und gibt es Krieg?"

Meine Großmutter sitzt in der Küche beim Frühstück. Ich lehne mich an die Küchenzeile. Wir reden über Geschichte. Ich klugscheiße ein wenig mit dem, was ich noch aus der Sendung ohne Namen weiß. Dann stellt sie die Frage, die mich schon den ganzen Tag beschäftigt: Warum gab es und gibt es immer noch Krieg?

Risiko

Draußen hupt mein Bruder. Er ist ungeduldig. Ich gebe die erste Antwort, die mir einfällt, und verabschiede mich. Entweder, sage ich, läge es in unserer Natur, uns im Kampf zu messen, oder es gibt Krieg, weil es Krieg gab und wir Frieden nicht kennen.

Krieg: In unserer Natur oder Kulturgut?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr versteife ich mich auf diese Erklärungsmuster. Einerseits könnte Krieg – so schrecklich er ist – eine natürliche Erscheinung sein, ähnlich den Wettkämpfen, die Tiere untereinander durchführen, um den Stärkeren zu bestimmen. Es gäbe damit eine Art Kriegslust, ähnlich dem Hunger oder dem Entdeckerwillen des Menschen. Wäre es so, könnten wir diese Menschheitsgeißel nicht letztendlich ausrotten. Ebenso wie die Haare unter Armen und im Schambereich könnten wir den Krieg abrasieren, aber nie ganz loswerden.

Das andere Erklärungsmuster gefällt mir besser: Krieg wäre demnach eine kulturelle Erscheinung. Warum mir dies besser gefällt? Eine kulturelle „Errungenschaft“ kann ich ablegen – etwa Krawatten oder Rauchwaren – und muss nicht unentwegt an mir arbeiten, muss mich nicht in irgendwelche Zwangsjacken zwängen, um die Kriegslust in der Welt auszurotten. (Das klingt auch irgendwie gewaltsam.) Jedes kulturelles Gut, mag es uns heute auch noch so falsch erscheinen, hatte irgendwann einen Sinn. Diesen Sinn im Krieg zu finden ist – vor allem, wenn man sich die jüngere Geschichte betrachtet – beinahe unmöglich zu benennen. So, wie wir die Monarchie letztlich überwunden haben, könnten wir auch den Krieg schlussendlich loswerden.

Aber, eben nur, wenn es Kultur ist. Nur dann hatte John Lennon damals recht, als er ausrief: „Krieg ist vorrüber. Wenn du es möchtest.“

[Offenlegung: Ich habe den Wehrdienst verweigert und finde kriegerische Handlungen ziemlich blödsinnig.]