"Warum gab und gibt es Krieg?"

Meine Großmutter sitzt in der Küche beim Frühstück. Ich lehne mich an die Küchenzeile. Wir reden über Geschichte. Ich klugscheiße ein wenig mit dem, was ich noch aus der Sendung ohne Namen weiß. Dann stellt sie die Frage, die mich schon den ganzen Tag beschäftigt: Warum gab es und gibt es immer noch Krieg?

Risiko

Draußen hupt mein Bruder. Er ist ungeduldig. Ich gebe die erste Antwort, die mir einfällt, und verabschiede mich. Entweder, sage ich, läge es in unserer Natur, uns im Kampf zu messen, oder es gibt Krieg, weil es Krieg gab und wir Frieden nicht kennen.

Krieg: In unserer Natur oder Kulturgut?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr versteife ich mich auf diese Erklärungsmuster. Einerseits könnte Krieg – so schrecklich er ist – eine natürliche Erscheinung sein, ähnlich den Wettkämpfen, die Tiere untereinander durchführen, um den Stärkeren zu bestimmen. Es gäbe damit eine Art Kriegslust, ähnlich dem Hunger oder dem Entdeckerwillen des Menschen. Wäre es so, könnten wir diese Menschheitsgeißel nicht letztendlich ausrotten. Ebenso wie die Haare unter Armen und im Schambereich könnten wir den Krieg abrasieren, aber nie ganz loswerden.

Das andere Erklärungsmuster gefällt mir besser: Krieg wäre demnach eine kulturelle Erscheinung. Warum mir dies besser gefällt? Eine kulturelle „Errungenschaft“ kann ich ablegen – etwa Krawatten oder Rauchwaren – und muss nicht unentwegt an mir arbeiten, muss mich nicht in irgendwelche Zwangsjacken zwängen, um die Kriegslust in der Welt auszurotten. (Das klingt auch irgendwie gewaltsam.) Jedes kulturelles Gut, mag es uns heute auch noch so falsch erscheinen, hatte irgendwann einen Sinn. Diesen Sinn im Krieg zu finden ist – vor allem, wenn man sich die jüngere Geschichte betrachtet – beinahe unmöglich zu benennen. So, wie wir die Monarchie letztlich überwunden haben, könnten wir auch den Krieg schlussendlich loswerden.

Aber, eben nur, wenn es Kultur ist. Nur dann hatte John Lennon damals recht, als er ausrief: „Krieg ist vorrüber. Wenn du es möchtest.“

[Offenlegung: Ich habe den Wehrdienst verweigert und finde kriegerische Handlungen ziemlich blödsinnig.]

"Ich versteh nur noch Bahnhof."

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„Reden Sie den jetzt über das schwäbische Bürgertum? Das klingt, als würden Sie aus dem Krieg berichten.“,
sagt Marietta Slomka. Sie spricht mit einem grauhaarigen Anzugträger. Im Hintergrund ist der Stuttgarter Fernsehturm bei Nacht. (Gespräch mit Heribert Rech, zirka ab Minute Neun).

Was ist hier eigentlich los? Ein Bahnhof soll neu gebaut werden, und das Volk probt den Aufstand. Wirft – scheinbar – Steine, bringt die Kinder mit, schwänzt Unterricht – für ein paar alten Bäume. Die Fronten sind verhärtet – und ungewohnt. Linke wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Konservative (CDU) beharren auf ihr Baurecht, wollen den Bahnhof vergraben. Es gibt schon – nichts besonderes in Zeiten des Internets – Lieder darüber (Siehe Link zu Spreeblick oben). „Wenn ihr nicht zurücktretet, tun wirs“ heißt es sinngemäß darin. Geht es wirklich nur um den Bahnhof? Geht es um ein Bahnprojekt? Um Bäume?

Es beschleicht mich das Gefühl, die obrigkeitshörigen, feigen Schwaben mucken auf. Viele gibt es, denen es um den Bahnhof geht. Aber sicher auch einige, die hier nur Anlass sehen, Widerstand zu leisten. Wiedereinmal. Was überall sonst jedes Jahr geschieht, das packen die sparsamen Schwaben in einen großen Aufstand. Mein ganzes Leben lang war es ruhig. Entläd sich jetzt der aufgestaute Frust?

Wer hat am Ende Recht? Die Polizei, die Bauarbeiten sichert, die das Recht wie es geschrieben steht, verteidigen muss? Die Politik, die auf getroffene Absprachen verweist? Die Demonstranten, die Bürger, die jetzt endlich aufstehen für oder gegen das, was ihnen (nicht) passt? Wer hat Recht? Gibt es so jemand überhaupt?

Ich verstehe nur noch Bahnhof.

Zapp-Beitrag zum PR-Desaster Stuttgart 21