Die Leute waren nicht dumm, wir waren nur zu jung um sie zu verstehen.

Gerade traf mich dieser Gedanke völlig unvorbereitet. Nicht die Menschen früher waren einfacher gestrickt, sondern wir, als wir von diesen Menschen lernten.

Ich erinnere mich noch halbwegs an den Geschichtsunterricht in der Grund- und Hauptschule. Mir wurde damals eine sehr undifferenzierte Weltsicht geboten, auch wenn ich mich an andere Situationen in dieser Zeit erinnere, in der mich Lehrer anspornten, weiterzudenken.

Die Welt, insbesondere die uns präsentierte Vergangenheit, war dagegen recht übersichtlich. Die Menschen des Mittelalters wurden in Klassen sortiert. Adel, Klerus, Bauern, usw. Es wurde aber nicht bemerkt, wie differenziert die Ereignisse doch eigentlich waren. Wir wurden nicht sensibilisiert für die Tatsache, dass die Geschichte kein Kalender, sondern ein fliesender, wabernder Prozess ist.

Moment. Das stimmt gar nicht. Uns wurde die Unglaubwürdigtkeit solcher angeblich verbreiteter Theorien wie der der „Erde ist eine Scheibe“ offengelegt… Der Schulunterricht – oder sagen wir besser: meine hervorragenden Lehrer_innen – präsentierten ein komplexes Bild einer komplexen Vergangenheit, und wir – das heißt: ich – waren einfach noch zu jung, um diese Komplexität zu verstehen.

Diese Erkenntnis – dass man geschichtliche Tatsachen nur so weit begreifen kann und differenziert, wie man dazu selbst fähig ist – bringt vor allem zwei Aspekte mit sich: Zum einen holt einen diese Erkenntnis runter von der Idee, man sei gerade in einer bedeutender Generation oder – optimistischer noch – in der „besten Welt bisher“. Das ist Unsinn und das wussten wir auch. Gleichzeitig offenbart diese Erkenntnis aber auch, dass diese Zeit, in der man lebt, doch bedeutend gemacht werden kann, wenn man nur möglichst vielen Menschen dabei hilft, ihren eigenen Horizont zu erweitern.

Ich schäme mich ein bisschen, dass ich ganze 22 Jahre gebraucht habe – voller Hinfallen, voller voller Windeln, voller Kindergarten, Grundschule, voller sinnentleerter Abschlüsse, voller Geschichtsunterricht – um zu begreifen, dass die Zeit keine Epochen sind und es (praktisch) keine geniehaften Erfindungen gibt, sondern alles eine fließende Entwicklung ist. Dass die Kultur, die wir heute Leben, von Millionen Jahre alten Ideen beeinflusst wird und die Menschen vor 500 Jahren teilweise die gleichen Sorgen hatten. Vor allem aber, dass es kein „vor 500 Jahren so und so“ gibt.

Man hat uns die Welt so gut erklärt, wie wir es damals verstehen konnten und hat kleine Ideen und Fragen angelegt, die manchmal erst Jahre später zur Entfaltung kommen konnten. Ich frage mich, welche Ideen und Fragen, an denen ich heute scheitere oder die ich zu einfach fallen lasse, mich in zukünftigen Jahren innehalten lassen werden.

Warum VWL in der Wirtschaftsschule?

Anm.: Ob Volkswirtschaftslehre (VWL) eine vollwertige Wissenschaft ist und ihre Berechtigung hat soll hier nicht begründet werden (ich gehe davon aus, dass sie eine Berechtigung hat). Die Frage, die hier geklärt werden soll, ist statt dessen ob VWL an einer Wirtschaftsschule unterrichtet werden muss. Die Darstellungen hier beziehen sich deshalb auch nur auf die Unterrichtung der Fächer in schulischem Zusammenhang. Und: Entwurfsstatus, fuck yeah!

Der heilige Gral der Betriebswirtschaftslehre ist die Kosten-Leistung-Rechnung. Es geht niemals darum, ob etwas richtig ist oder sinnvoll oder menschenwürdig, sondern ob es sich rechnet. Das mag gegen eine Menschliche Natur gehen und ein rein wirtschaftliches Handeln ist in vielen Fällen nicht sinnvoll, aber ebenso wie die Juristerei nicht nach richtig und falsch, sondern gesetzeskonform und nicht (bzw. vertretbar und nicht) fragt, fragt die Betriebswirtschaftslehre eben nicht nach dem Menschen außerhalb von bestimmten eng eingegrenzten Anbieter- (Arbeitskraft) und Nachfrager-Kategorien.
Diese Denkstrukturen funktionieren in einer völlig Entfremdeten Gesellschaft Menschenansammlung ohne jede Organisationsstruktur. Mit der Realität hat dies dann aber wenig zu tun. Zum einen, weil sich unter den gegebenen Bedingungen von Raum und Zeit keine Markttransparenz herstellen lässt (man denke allein wie schwierig es ist, die beste Bäckerei im Ort zu finden. Selbst Hochfrequenzhandel leidet/funktioniert dank den minimalen zeitlichen Unterschieden von Orten auf dieser Erde und Verzögerungen im 100stel-Sekunden-Bereich bringen unglaubliche Marktvorteile.), zum anderen, weil Menschen einfach nicht wirtschaftlich sinnvoll handeln (Frag mal Amazon, wieviel Blödsinn die verkaufen…).

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Von wegen: Bildung hat in unserem Land einen hohen Wert. Im Gegenteil: Sie kostet nur viel.

Ich hasse die ersten Wochen im neuen Semester. Neben den Semestergebühren und der Semesterfahrkarte verlangen gerade die Sprachwissenschaften immer eine große Anzahl an Textgrundlagen, einführender Fachliteratur und Nachschlagewerken. Zu zwischen zwei und fünf Büchern (je 5 bis 15 Euro) und einem Einführungswerk (25 bis 60 Euro) kommt dann meistens noch eine Kopiensammlung (so um die 5 Euro). Man kommt da sehr schnell in Bereiche, in denen man sich zwischen vernünftigem Essen und vernünftiger Bildung entscheiden muss. (Der Besuch der Uni-Bibliotheken ist traurigerweise kein wirklicher Ersatz für den Kauf der Materialien.) Im Wintersemester heißt es dann: „Wünschen Sie sich das zu Weihnachten“. Im Sommersemester: „Wünschen Sie sich das zum Geburtstag.“ Ich will lieber gar nicht so genau wissen, wie viel ich bisher allein für Lehrbücher ausgegeben habe. Ich will auch nicht behaupten, in anderen Fächern wäre das angenehmer. In Biologie beispielsweise hörte ich neulich von einem verpflichtend zu kaufenden Lehrbuch für zwischen 90 und 140 Euro, je nachdem, wo man es noch gut abseits der Buchpreisbindung findet.

Interessant wird das ganze, wenn die Dozenten ihre (mit)verfassten Werke zur Pflichtlektüre auserkoren haben. Jedes Semester sein Buch zwischen 60 und 500 mal sicher zu verkaufen ist sicherlich verlockend und der Vorwurf, es könne durchaus auch ein Eigeninteresse dahinter stecken, wenn Dozenten ihre Werke empfehlen, ist mindestens schwer zu entkräften. Lassen wir das.

Studieren ist also – auch ohne Studiengebühren – nicht wirklich günstig. Wenn ich auch nur für eine Minute daran denke, welche Bücher ich noch kaufen muss, wird mir – ehrlich gesagt – etwas schwindlig. Deshalb ist der einzige Gangbare Weg im Umgang mit wissenschaftlicher Einführungsliteratur die folgende 7 Schritt Methode:

    1. Man erfährt im Seminar / in der Vorlesung / in der Fallbesprechung / etc., dass man dieses oder jenes Buch für den Kurs benötigt.

    2. Nach Ende des Kurses ist das erste, was man macht, über Amazon oder auf dem Nachhauseweg im örtlichen Buchgeschäft ein Exemplar zu erwerben.

    3. Da man in aller Regel nicht ausreichend Bargeld dabei hat, wirft man dem freundlichen Buchhändler / der freundlichen Buchhändlerin seine EC-Karte entgegen.

    4. Ins gereichte EC-Karten-Lesegerät gibt man weinend die Geheimzahl ein.

    5. Nach zirka 2 Wochen kommt das Lehrbuch an. Man wirft im gesamten Studium keinen Blick hinein.

    6. Aufgrund der finanziellen Belastung ernährt man sich die nächsten drei Monate ausschließlich von Knäckebrot.

    7. Im nächsten Semester verkauft man das noch praktisch neuwertige Buch für ein Zehntel des Preises.

Zentral ist, dass man niemals bemerken darf, wie teuer die Lehrbücher eigentlich sind. Einmal beispielsweise rannte ich nach dem Ende meines ersten Mediävistik-Seminar in die nächste Buchhandlung um die Reclam-Ausgabe vom Nibelungenlied zu erstehen („Hey, Reclam, das ist doch dieser günstige Verlag!“) … und musste dann mit Heulkrampf aus der Filiale getragen werden. Eine der Mitarbeiterinnen verknackste sich dabei einen Rückenwirbel, so dass ich neben den 16,98 für die Reclam-Ausgabe auch noch knapp 2.000 Euro Krankenkosten tragen musste. (Nicht.)

Aber mal ehrlich: Lehrbücher sind verdammt teuer und auch ohne Studiengebühren und Studienkredit fühle ich mich als Nicht-Eliten-Kind reichlich deplatziert an der Universität. Ja, ich meckere auf hohem Niveau. Schließlich hab ich noch Knäckebrot daheim und – ja, sogar – ein halbes Glas Apfelmus. Yeah.

’ne Rede. Und alle so: Yeaahh!

So richtig verarbeiten muss ich die Sache mit dem Scheffelpreis – das ist eine Auszeichnung je Gymnasium, das besondere Leistungen im Fach Deutsch würdigt – auch erstmal noch. Jedenfalls bekommt man den nicht einfach so, nein, man muss auch eine Rede halten. In meinem Fall vor gut 300 Leuten.

300 Leuten?! WTF?!

Ein Saal voller Menschen bekommt erst einmal völlig überhöhte Erwartungen verpasst durch die hervorragende Rede meiner (nun leider Ex-)Deutschlehrerin. Sie zitiert dies und jenes, begründet, was eine gute Leistung in Deutsch sei und ich bekomm fast Pipi in den Augen. Dann sagt sie meinen Namen, ich laufe einen endlosen Weg nach vorn, schüttle ihr die Hand, sie verlässt die Bühne und ich bin völlig allein. Der einsamste Mensch der Welt. Aus meiner Hemdtasche ziehe ich die vorbereitete Rede. Drei Seiten im Querformat, hastig ausgedruckt in letzter Minute. Ich beginne zu reden. „Servus“ … und verliere direkt die Zeile. Die Leute lachen. Freundlich.

Nervös as fuck.

Irgendwie finde ich die verlorene Zeile wieder, starre weiter auf mein Blatt und lese vor, was da steht. Meine Hände graben sich ins Rednerpult. Rede viel zu schnell. An manchen Stellen – völlig unerwartet – klatschen die Leute. Ich beharre nur „Ich bin doch noch nicht fertig!“ . Doch irgendwann bin ich es dann. Am Ende.

Sage, dass ich hier eigentlich fertig wäre und man gerne klatschen könnte, aber „ich fände es auch ziemlich cool, wenn Sie jetzt mal ganz laut YEAH rufen würden“.

Die Leute rufen Yeah. Mein Herz geht auf und ich verschwinde von der Bühne. Bekomme Lob von allen Seiten. Gut gemacht. Meine Rede sei wirklich toll gewesen, obwohl man gemerkt habe, wie nervös ich war. Es sei die beste Rede des Abend gewesen. Mir stünden die Türen nun offen – mit diesem Scheffelpreis. Bin mir nach dem 15 Lob nicht mehr sicher, ob das nun ein gemeinsamer Scherz ist oder tatsächlich ernstgemeint. Manche wollen die Rede nochmal lesen.

Ich bin nur froh, es irgendwie überstanden zu haben.
Kurz darauf Zeugnisse. Bald darauf betrinke ich mich und der Abend endet viel zu zügig.

So richtig muss ich das aber noch verarbeiten. Diesen ganzen, übervollen Abend.

Vergleich verschiedener utopischer literarischer Werke – Warum taucht überall ein höchstes Wesen auf? (3)

Bild 4
(Bildquelle: Jedipedia)

George Lucas ist ein Spielverderber, denn durch Interviews gibt er die Antworten, über die wir hier hätten spekulieren können. Die Macht in Star Wars sei Religion, nicht jedoch direkt „Gott“. Es sei mehr der Glaube an Gott, als der an eine bestimmte Religion. (Verwirrt? Ich auch.)

Star Wars und das Star-Wars-Universum sind riesig – und wachsen immer noch. Um nicht komplett den Faden zu verlieren beziehe ich mich daher nur auf „Eine neue Hoffnung“ (den ersten Star-Wars-Film (oder nach neuer Zählweise Episode IV)) sowie „Das Imperium schlägt zurück“ (Episode V). Darin lernt die Hauptfigur Luke Skywalker die Macht, als „Energiefeld“, dass „alle lebenden Wesen erzeugen“, kennen. Sie sei es, „die dem Jedi seine Stärke gibt“.

Interessant für das Gottesbild, das Star Wars vermittelt, sind vor allem die Szenen in „Imperium“, in denen Yoda Luke mit der Macht vertraut macht. Damit sie wirken kann, benötigt es Glauben, benötigt es die Ablegung bisheriger Denkkategorien („Vergessen du musst was früher du gelernt.“)…

„Das Leben erschafft sie, bringt es zur Entfaltung. Ihre Energie umgibt uns, verbindet uns mit allem. Erleuchtete Wesen sind wir, nicht diese rohe Materie. Du musst sie fühlen, die Macht, die dich umgibt: hier, zwischen dir, mir, dem Baum, dem Felsen dort, allgegenwärtig.“ – Yoda (Episode V)

Die Macht hat in diesen Filmen keine Person, sondern ist Energiefeld – der Versuch etwas göttliches mit naturwissenschaftlichem in Einklang zu bringen -, ist mit normalen Maßstäben nicht mehr begreif- oder erklärbar. Es ist daher völlig verständlich, dass Nicht-Jedis – etwa Han Solo – der Macht zunächst kritisch gegenüber stehen als „Zaubertricks“.

Die von Yoda beschriebene „Erleuchtung“ überschneidet sich mit der höchsten Stufe nach Oser/Gmünder. „Integration von göttlicher und menschlicher Autonomie“ bezeichnet nichts anderes, als die Stufe der Erkenntnis, die Jedis versuchen zu erreichen.

George Lucas beschrieb damit in Star Wars einerseits eine hohe Form von Verbundenheit mit einem nicht definierbaren, nicht als sich selbst sichtbaren „höchsten Wesen“, greift aber auch beherzt auf existierende, religiöse Motive zurück.