Vergleich verschiedener utopischer literarischer Werke – Warum taucht überall ein höchstes Wesen auf? (2)

yoda is watching youBild 41984 ist ein Roman von George Orwell in dem die Anti-Utopie eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates im Jahre 1984 dargestellt wird. Protagonist der Handlung ist Winston Smith, ein einfaches Mitglied der Partei, das sich den widrigen Umständen zum Trotz seine Privatsphäre sichern will. Dadurch gerät er in Konflikt mit dem System, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht.

Eine der zentralen Figuren des Romans ist der „Große Bruder“, Symbol der Partei und als dieses unsterblich. Der Wahlspruch „Der Große Bruder sieht dich“ steht auf übergroßen Plakaten im ganzen Land. Vieles spricht dafür, dass diese Figur als eine Art „Gott“ fungiert: eine gläubige Anhängerschaft (die Partei), einen hohen Einfluss ohne eine anfassbare Existenz und sein Wort genießt kritiklosen Glaube. Jedoch ist der Große Bruder kein Gott im Sinne der Bibel. Er ist nicht der Freund-Gott, nicht Jahwe („Ich-bin-da“), nicht Vater, Sohn oder heiliger Geist. Der Große Bruder ist ein Negativ-Gott, der überwacht, predigt, allwissend ist und seinen Machtanspruch ohne Vorbehalt durchsetzt. Interessant ist unter dieser Betrachtung auch die Namenswahl. Statt des Vaters, Symbol für einen fürsorglichen Gott, haben wir hier den Großen Bruder, der nach dem Tod des Vaters (etwa im Krieg) diesen zu ersetzen versucht.

Denkbar ist, dass Orwell sein eigenes durch den spanischen Bürgerkrieg und den zweiten Weltkrieg geprägtes Gottesbild in die Figur einfließen hat lassen. Gott scheint in der Welt von 1984 abwesend zu sein. Die Gesellschaft scheint gottlos, ziel- und zeitlos zu sein. Der einzelne Mensch verliert seinen Wert, alles was zählt ist Macht. Interessant auch eine Textpassage: „Gott ist Macht“.

Wir sehen in 1984 damit nicht Gott, sondern eine Götzenfigur, einen Ersatzgott. Die Menschen handeln völlig fremdbestimmt (wenn der Große Bruder sagt 2 plus 2 ist 5, dann ist 2 plus 2 = fünf). Im Stufenmodel von Oser/Gmünder nimmt der Große Bruder damit die niederste Stufe ein. Er ist die einfachste Erklärung.

Vergleich verschiedener utopischer literarischer Werke – Warum taucht überall ein höchstes Wesen auf? (1)

yoda is watching youBild 4Grundsätzliche Theorien.

1. Ich bilde/rede mir das nur ein. Gott taucht nicht auf und nur, weil ich danach suche, glaube ich ihn in verschiedenen Figuren innerhalb literarischer Werke zu sehen.

2. Copypaste. Der Klassiker. Religiöse Motive, altbekannt und jedem vertraut werden schlicht übernommen für eine bestimmte Zukunftsvision.

3. Gottesbild des Autors wurde im Werk verarbeitet. George Orwell etwa sieht Gott als negative Figur, der von seinen Gläubigen zur Machtsicherung missbraucht wird.

4. Unvorstellbarkeit der Nicht-Existenz Gottes / die unbeantwortbare Frage / ewige Ungewissheit. Der Autor geht davon aus, dass Glaube niemals bewiesen oder widerlegt werden kann und baut daher in seine Zukunftsvorstellung Gedanken aus dem Jetzt mit ein.

5. Gott als einfachste Erklärung. Anstatt immer alles naturwissenschaftlich korrekt oder sonstwie zu untermauern, gibt die Gottfigur dem Autor die Freiheit, auch ungewöhnliche/unwahrscheinliche Geschichten zu erzählen. Die „Allmacht Gottes“ wird als Ausrede für zu einfache Wendungen missbraucht.

Bücher genießen immer noch Glauben.

Was ich nicht ganz an der Erwachsenengeneration meiner Zeit verstehe – größtenteils Lehrer, Eltern und andere Autoritäten – ist die meiner Meinung nach falsche Annahme, Bücher hätten allein schon, weil sie Bücher sind, einen höheren Glauben verdient. Begründet wird das sehr einfach: Bücher werden vor ihrer Veröffentlichung Korrektur gelesen, werden vom Verlag geprüft, werden dutzendfach überprüft, während eine Internetseite mit einem Klick online ist. „Ins Internet kann ja jeder was schreiben!“ heißt es dann. „Völlig unkontrolliert, ohne jede Prüfung!“

Das stimmt. Die allermeisten Bücher – sofern nicht in dubiosen Zuschussverlagen (wobei es dabei auch seriöse gibt, die ich ausdrücklich von meiner Kritik ausschließen möchte), Selbstverlage oder bei zumindest inhaltlich eher fragwürdige Verlage erschienen – werden vor ihrer Veröffentlichung noch einmal gelesen und auf Richtigkeit überprüft. Gute Internetseiten werden aber auch überprüft und im Zweifelsfall überarbeitet. Wikipedia ist – auch dank seiner einfachen Bearbeitbarkeit -eines der am Besten überprüften Informationsquellen heute und damit auch eines der meist genutzten und vertrauenswürdigsten. Natürlich gibt es immer wieder kleine Fehler, oft auch mal größere und auch mal eine zum Faktum erhobene Lüge. Aber, wenn nur ausreichend viele Leute an etwas glauben und von etwas überzeugt sind – wenn wir also alle Wikipedia den Glauben schenken, eben weil es fast immer glaubwürdig ist – wo ist dann das Problem? Mit den meisten Fehlern sind wir bisher ganz gut gefahren. Und: Ein Fehler in einer gedruckten Enzyklopädie ist genauso wahrscheinlich – angeblich sogar wahrscheinlicher -, nur deutlich schwieriger zu beseitigen, weil niemand mit einer Tip-Ex in jedes Haus einbrechen kann.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Bücher und wenn ich nicht zu oft mit unverschämt schlechten Inhaltsverzeichnissen und Stichwortverzeichnissen zu kämpfen hätte, würde ich sie auch noch häufiger zur Informationsbeschaffung nutzen. Papierseiten unter den Fingern und ein Bleistift sind den Bildschirmmedien weiterhin weit überlegen. Aber, nicht weil sie besser oder vertrauenswürdiger wären, sondern weil sie mir mehr gefallen und ich immer noch besser damit umgehen kann, als mit der Unendlichkeit des Netzes.

Ich glaube, wir müssen uns endlich von dem Glauben lösen, dass das Medium etwas mit der Vertrauenswürdigkeit des Inhalts zu tun hat. Das haben wir schon für den Begriff „Zeitung“ durchgemacht – spätestens mit dem Aufkommen einer breiten „Bild“-Kritik – und nun ist es an der Zeit zu begreifen: Nur weil es ein Buch ist, beinhaltet es nicht unbedingt das, was wir von Büchern gewohnt sind. Die Quelle macht’s, nicht wie die Quelle erschienen ist.

Fotobuch

Hmmm…. Damit Sie mir nun glauben, dass Medium nicht alles ist, muss ich es vielleicht erst in ein Buch drucken.

Ahja… Bank… soso… Finanzkrise… war da nicht was?….

Wie soll man im Bildungsumfeld mit Unternehmen umgehen? Wie soll man mit Menschen umgehen, die einem helfen wollen – aber auch etwas verkaufen? Oder blicken wir zu kurz, wenn wir unterstellen, jemand, der im Namen eines Unternehmens auftritt, vertrete und verkaufe auch deren Produkte?

forever... alone.

Am 20. April besucht jemand von der Volksbank unserer Unterricht, um uns in den ersten beiden Unterrichtsstunden etwas über Finanzanlagen und nun notwendigen Versicherungen zu erzählen. Nun handelt es sich bei den Volksbanken in Deutschland um eingetragene Genossenschaften, wenn man so will also Vereinen mit wirtschaftlicher Zielsetzung. Aber eben nicht nur wirtschaftlicher Zielsetzung – so zumindest mein Eindruck nach einem kurzen Wikipedia-Ausflug.

Als im Internet Aufgewachsene sind wir eigentlich immun gegenüber jeder Form der Werbung. Wir ignorieren sie einfach. Eigentlich. Aber, ist das nicht eigentlich nur eine Ausrede, weiterhin werbefinanzierte Dienste zu nutzen? Lügen wir uns nicht in unsere eigene Tasche, wenn wir behaupten, für uns sei Werbung nur Information, und nicht Manipulation? Und wer kann überhaupt sicher sagen, dass es Werbung ist, bevor man es sich betrachtet hat? Vielleicht informiert die Volksbank tatsächlich nur zu unserem Wohl?

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Und ich weiß erst recht nicht, wie ich damit umgehen soll. Boykott? Aber ich habe auch Firmen besichtigt, warum jetzt damit beginnen? Kritik? Nachfragen? Belüge ich mich nicht selbst? Stört es mich nicht eigentlich nur, dass uns dieser Termin aufgezwungen wird – als Pflichtveranstaltung – und man zuvor nicht einmal fragte: Wollen Sie das? Will ich als selbsternannter „Erwachsener“ nicht eigentlich nur entscheiden, ob ich mich einer Werbeveranstaltung aussetze oder nicht?

Wahrscheinlich würde ich weniger murren, müsste nicht ausgerechnet mein geliebter Deutschunterricht hierfür bluten. Die Volksbank hat mein Misstrauen nicht verdient, meine Lehrer wollen uns nur auf die Zukunft vorbereiten – und trotzdem habe ich ein flaues Gefühl im Magen. Soll ich einfach fragen, ob ein Unternehmen, das von dieser Entscheidung lebt, tatsächlich der richtige Ansprechpartner ist? Ich weiß nicht.