Eines Tages werd‘ ich euch Antworten entgegenschmettern wie Zlatan einen Ball ins gegnerische Tor.

Was ich daran hasse eine Sprache zu lernen ist die Angewohnheit aller, nach einem Krümel an Wörtern zu betteln. „Du lernst doch grad Sprache XY, sag mir doch mal nen Satz.“ Bäm! Blackout. Plötzlich weiß man weder seinen Nachnamen noch ein Wort in der Muttersprache, geschweige denn einen Satz in der Sprache, die man seit drei Wochen lernt. Man stammelt bestenfalls was, entschlüsselt im Geiste zwar die Weltformel, komponiert das beste Bacon-Pfannenkuchen-Rezept und die Quadratwurzel aus 1764, ist aber dank verknoteter Zunge völlig unfähig, auch nur den Hilferuf einer einflügligen Taube auf Crack nachzumachen („Gurgur! Gurgur!“). Volle Breitseite Hirnverlust. Am Eisberg dieses Gesprächs zerschellt der eigene Kopf, wird aufgerissen und die ganze Kopfbrühe läuft raus.

Rotes Haus

Man will ja nichts falsches sagen und auch nichts ödes („Jag heter Sebastian“), aber nach drei Wochen ist man schlicht noch nicht soweit, um irgendwas brauchbares abzusondern. Vor allem nichts, dessen Nützlichkeit sich für Nichtlerner erschließen würde. Und man lernt ja auch nicht, um sich als Tourist in der Kneipe als „weit gereist“ zu outen, wie vor 40 Jahren die alten Geschäftsmänner, die sich in ihren Ruhrpott-Stammkneipen als Kosmopoliten zu erkennen gaben. „Ein Kölsch, s’il vous plait.“

Dieses Sprachgebettele ist unsinnig. Es ist eine gesellschaftliche Konvention, auf die ich vorbereitet sein sollte (genauso wie auf „Was studierst du, ey?“, was mich auch immer ins Wanken bringt), aber trotzdem ist sie unsinnig. „Hej, Harry, du studierst doch Sportwissenschaften? Zeig mir mal ne Übung.“ „Wofür?“ würde der verwunderte Harry fragen, und „Wer bist du?“ und „WAS ZUR HÖLLE MACHST DU IN MEINEM SCHLAFZIMMER?!“ Jeder Fließbandarbeiter wäre nachhaltig verwirrt, würde man ihn nach einem Handgriff fragen. „Hey, Karl, zeig mir mal nen Handgriff aus deinem Beruf.“ und dann dreht Karl ne imaginäre Schraube rein? Sehr sinnvoll. Zeig mir mal nen Handgriff. Ja, sag halt mal nen Satz.

Im Grunde, und da muss ich die Leute auch wieder in Schutz nehmen, wollen sie ja nur hören, ob man wirklich gerade eine Sprache lernt. „Sag mal nen Satz“ ist gleichbedeutend mit „Beweis mal, dass du grade etwas lernst“.

Fortuna cum fatuis.

Besonders befremdlich ist das bei toten Sprachen oder solchen Sprachvorfahren wie dem Mittelhochdeutschen. „Sag mal was auf Mittelhochdeutsch.“ oder „Sag mir mal nen Satz auf Latein“. Es ist nur noch eine reine Schriftsprache. Gesprochen wird das kaum. Und Mittelhochdeutsch ist doch eher ein Sammelbegriff für eine Sprachentwicklung noch ohne feste Zügel und Richtungsgeber. Eigentlich müsste man sich wüste Beschimpfungen merken, und diese weitergeben. Oder Non-Sense-Trinksprüche.

Sag mal nen Satz. Sag mal nen Satz. Na, kannst du schon Mama sagen? Ma-ma? Maaaa-ma? Was soll man mit einem Satz anfangen, wenn man nicht bestrebt ist, weitere zu lernen? „Hej Sebastian, du lernst doch gerade Schwedisch, kannst du…“ Nein. Es gibt ganz großartige Schwedische Sätze, wunderschöne Sprichworte, lyrische Zeilen und Zungenbrecher. Es gibt auch sehr hilfreiche Sätze, aber was nützt das denn? Wenn ich drei Fragen kann, aber die Antworten dann nicht verstehe? Dahinter steckt letztlich eine Mentalität des „Schon gesehen“. Leute, die sich nach 5-Minuten-Sprachkurs auf Youtube in ihr Facebook-Profil eine Sprache schreiben wollen. Ich kann Schwedisch. Ich beherrsche drei Sätze darin… Dumb-fug. „Klar weiß ich wie man ein Atomkraftwerk baut. Teil 2379 ist eine 5er-Schraube.“ Was für ein Blödsinn.

Jag älskar…

Die wörtliche Auslegung ist hier einfach problematisch, denn tatsächlich soll gar kein Satz fallen. „Du lernst doch grad Schwedisch. Erzähl mal, was du daran cool findest.“ Sehr gerne. Häftigt ist zum Beispiel ein tolles Wort. Es meint sowas wie „geil“ oder „cool“ und wird gern zur Verstärkung eingesetzt. Es ist alles so fremd – die ganze Kultur und Denkwelt -, aber zugleich sehr vertraut. Eine bittersüße, süß-saure Mischung aus Heimat und Ferne, Vertrautheit und Fremde. Und dann sind es die kleinen Unterschiede. Die Großmutter beispielsweise ist Mormor beziehungsweise Farmor je nach Verwandschaftsbeziehung. Das bei uns assoziierte „Groß“ bei Mutters Mutter fällt weg. Niemand ist allein wegen seinen Enkeln ein tollerer Mensch. Auch die dämliche Frage „mütterlicher oder väterlicherseits“ entfällt bei dieser Art der Verwandtschaftsbezeichnungen. Wenn wir gerade dabei sind: „Svär-“ sind „Schwieger-„, namentlich also „svärmor“, „svärfar“, „svärdotter“ und „svärson“. Der Onkel? Ein Bruder des Vaters, folglich „Farbror“, usw. Natürlich gibt es auch andere Begriffe, die möglicherweise gebräuchlicher sind, so wie man bei uns nicht mehr von Eidam und Schnur spricht, aber allein das ein solch relativ logisches System besteht ist mir die reinste Freude. Denn die Verwandtschaftsverhältnisse habe ich nie verstanden. Weder in meiner Mutter- noch in jeder anderen Sprache. Im Schwedischen habe ich da noch ein wenig Hoffnung.

Dann wäre da noch das allgemeine Dutzen, das Verstecken von akademischen Titeln und und und. All das in einen Satz zu pressen ist eine Kunst, die ich noch nicht beherrsche. Ob ich eines Tages so gut mit der schwedischen Sprache spielen werde wie es Zlatan mit dem Ball tut? Ich will es hoffen und daran arbeiten.

"Wie geht es dir?"

Man könnte jetzt glauben, die Frage „Wie geht es dir?“ würde tatsächlich danach fragen, wie die Stimmung der gefragten Person im Moment ist, jedoch drückt diese kleine Frage weit mehr aus, als sie suggeriert. „Wie gehts?“ als Kurzform ist der Ersatz für das „Was geht?“ von lockereren Bevölkerungsgruppen. Es handelt sich also um weit mehr: Welche Ereignisse und Gegebenheiten der Außen- und deiner Innenwelt sind für dich gerade aktuell und sorgen selbige eher für positive oder negative Gefühle? Als Antwort hierauf kann einerseits ein schlichtes „Gut“ – oder je nach Charakter ein anderes Wort für eine lebensbeständige Stimmung, etwa „OK“, – verwendet werden, dass signalisiert: Aktuell gibt es nichts in meinem Leben, das mich besonders positiv oder negativ beeinflussen würde, weicht die Stimmung von der Lebensbeständigen Dauerstimmung ab, so müssen dem Stimmungswort einige Beschreibungen und Erklärungen folgen, die Hinweise geben, warum es so oder so geht; andererseits kann die Frage aber auch nur eine Höflichkeitsfloskel sein. Sollte letzteres zutreffen bieten sich alle Formulierungen mit „Danke“ an, worauf, um die Höflichkeit zu erwidern, ein „Und selbst?“ folgen kann – aber nicht muss. Bedauerlicherweise sind für die meisten Menschen die Höflichkeits-„Wie gehts?“ in der Überzahl.

Inzwischen bin ich persönlich dazu übergegangen, mit der Höflichkeitsreaktion beziehungsweise bei Kurzmitteilungskommunikation gänzlich auf eine Antwort zu verzichten, wenn abgesehen von dem unwichtigen Alltag nichts mein Leben erschüttert.

Und wie geht es Ihnen heute?

"Die Konkurrenz schläft nicht"

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Es heißt, die Konkurrenz käme ohne Schlaf aus. Wir sind Helden sangen einmal ein Lied darüber. Es ist eine bedrohliche Vorstellung, dass irgendwo jemand sitzt, und während ich schlafe und mich auf meinem Erfolg ausruhe (haha, welcher Erfolg?) mich überholt. Die China-Angst, wenn man so will. Die Angst, dass die Studienplätze komplett von hochbegabten Chinesen belegt werden, die alle talentierter, besser aussehend und vermutlich auch besser in Deutsch sind als man selbst. Man verzichtet also auf Schlaf, will ja nicht überholt werden, und ackert. Weil der hochbegabte Chinese mit perfekten Deutschkenntnissen aber ebenso weiß, dass die deutsche Konkurrenz ebenso wenig schläft, ackern sich beide zu Tode.

Heißt also die Devise fürs Überleben, gar nicht erst mitzumachen bei diesem Wettlauf? Einfach sein Leben zu verschlafen?

Nein. Denn ohne Wettkampf keine Weiterentwicklung, sagen Adam Smith, sagen Darwin, sagen alle Leute, die erstere beiden missverstehen. Der Markt regelt das schon, dass der bessere gewinnt. Und weil niemand verlieren will, kämpft jeder – und wacht. Der frühe Vogel fängt den Wurm, der Späte verhungert zwangsläufig. Selbstverständlich könnten auch beide ausschlafen, aber der schlaue Wurm würde dann einfach sein Tagesgeschäft schon Morgens erledigen, so dass beide Vögel am Ende dumm dastehen. Es stimmt halt auch: Wer nicht teilnimmt, hat schon verloren.

Wie soll man aber noch leben zwischen beiden Extremen? Wie soll man das gesunde Mittelmaß finden? Wie soll man die Konkurrenz übertreffen, wenn diese nie ruht?

Es geht nicht ums Gewinnen. Dabei sein ist alles. Es wird immer Leute geben, die einen übertreffen. Aber das ist kein Grund für Wahnsinn, Schlaflosigkeit oder sonstwas. Natürlich hat Stephen King mehr Leser als ich (und ist auch besser bezahlt), aber ich müsste sehr unglücklich sein, würde ich mich mit ihm messen wollen. Ebenso unglücklich wäre wohl Stephen King, wenn er den Erfolg seiner Bücher mit – sagen wir – der Bibel messen würde. Es ist eben so: Man kämpft immer nur mit und für sich selbst.

Ich muss mich an meinen eigenen Zielen messen. Ich will nicht das erfolgreichste Blog Deutschlands, und auch nicht das perfekte Abitur, sondern mit mir zufrieden sein. Und dafür reicht ab und an ein Kommentar, eine gepflegte Blogfreundschaft oder – im Falle des Abitur – über 8 Punkte in Deutsch, und ansonsten 5 oder mehr (außer Mathe, da strebe ich wenigstens 1 Punkt an), und bei alledem ab und an noch ausschlafen dürfen.

Wenn Ihnen einmal wieder jemand begegnet, der verängstigend ruft: „Die Konkurrenz schläft nicht!“, sagen Sie doch einfach, wenigstens seien Sie ausgeschlafen. In diesem Sinne: Gute Nacht.

Jetzt in den Kommentaren: Bessere Antworten auf die wachende Konkurrenz, sowie: Mit wem wollen Sie sich nicht messen lassen? Würde mich freuen.

"Fahr vorsichtig!"

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Eigentlich eine interessante Aufforderung. Je nach Betonung, Kontext und Vorgeschichte kann das sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Einem ungeübten Fahrer soll „Fahr vorsichtig!“ vermutlich das wörtlichste bedeuten. „Ich vertraue deinen Fahrkünsten noch nicht, deshalb bitte überschätze dich nicht.“ Wenn dies der Autobesitzer, aus der Sicht des jungen Menschen meistens Erziehungsberechtigte, sagt, bedeutet es oft schlicht auch: „Ich habe Angst um mein Eigentum.“ Schlimmer noch: „Ich traue dir eigentlich nicht über den Weg, aber familiär-kulturell-gesellschaftliche Zwänge verpflichten mich dazu, mein wertvolles Auto deinen dreckigen Fingern zu überlassen. Um Gottes Willen, ich will es genau so wiederhaben.“ Ist jedoch die Beziehung zwischen Auto und dem „Fahr vorsichtig“-Sager nicht stärker als die Beziehung zum Fahrer des Wagens, so kann „Fahr vorsichtig“ auch schlicht bedeuten: „Ich mag dich. Ich mache mir Sorgen um dich. Ich will dich, außerhalb eines Leichensacks, noch mal wieder sehen.“ Es existiert aber auch ein dritter Fall, neben der Sorge um das Fahrzeug und der Liebesbekundung gegenüber dem Fahrer. „Fahr vorsichtig“ kann heuer auch eine Verabschiedung ersetzen. „Fahr vorsichtig“ ist dabei ein gesellschaftlich anerkannter Gruß, welche die Wertschätzung für dieses Mitglied der Gesellschaft ausdrückt, aber nicht bedingt auch eine Sorge oder gar eine Sehnsucht nach Wiedersehen. Zuletzt, vor allem unter Fremden ausgesprochen, ist es ein gut gemeinter Rat, wenn man so möchte ein Appell an die Vernunft des Autofahrenden. Passender wäre aber in diesem Fall eine Formulierung in die Richtung „Passen Sie sich angemessen dem Verkehsfluss an.“

Fahren Sie vorsichtig.

(Aus dem Archiv. Verfasst am 20. Juni 2010)

Deutschklausuren

Lampenhintergrund

Schon länger, als ich mich wirklich daran erinnern kann, bringt man mir die Deutsche Sprache bei und fragt in Tests, Klassenarbeiten, Prüfungen und neuerdings Klausuren meine Fortschritte darin ab. Ich weiß nicht mehr, wie es war, diese verwirrenden Zeichen zu lernen, aber mein Grundschulzeugnisse und mein sehr spätes Lesenlernen zeugen davon, wie schwer es mir gefallen sein muss. Umso erstaunlicher, wie einfach es mir dieser Tage ab und an von der Hand geht. Ohne jetzt hochnäsig klingen zu wollen, aber Sprache – insbesondere die Deutsche – bereitet mir dann doch weit weniger Probleme als die meisten anderen Sachen.

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Im Grunde ist Deutsch und die darin getätigte Lernerfolgsprüfung innerhalb von Schulen ein bisschen wie Fußball. Es erfordert unvorstellbare Zeit der Übung – praktisch unsere gesamte Jugend verbringen wir damit vernünftig Sprache zu lernen. Wer nicht übt, der kann oft mit Sprache nicht umgehen, aber genauso wie beim Fußball gibt es hier Naturtalente, die mit Deutsch direkt zu tribeln dribbeln anfangen und wie die einfachste Sache der Welt Tore schießen, andere, wie auch ich, tun sich ein bisschen schwerer mit der Ballkontrolle. Manche bleiben dem Fußball auch ihr Leben lang eher fern und kommen über grobeste Ballführung und ab und an ein Glückstor nicht hinaus – genauso wie manche Sprachspieler.

Bleiben wir im Fußballbild, dann sind Tests die Spiele in der Kreisliga, Hausaufgaben Freundschaftsspiele, und mit steigender Schulbildung steigt man in der Sprachliga – idealerweise – auf. Jede Mannschaft kann die eine Sache ein bisschen besser, die andere ein bisschen schlechter. Briten beispielsweise haben scheinbar ein Talent für Songtexte und Theaterstücke, Deutsche Sprachspieler haben wunderschöne Wortgebilde, die jedoch nur deutsche Sprachspieler tatsächlich zu schätzen wissen können. Franzosen spielen mit ihrer Sprache und machen daraus Kunstwerke, selbst, wenn es nur Einkaufslisten sind.

Im Grunde ist eine Deutschklausur an einem Gymnasium schon Bundesliga. Und wie beim Spiel rund ums runde Leder läuft es manchmal gut, manchmal schlecht und manchmal einfach katastophal. Manchmal, da verliert man einfach jede Metapher, versteht jedes Wort falsch und findet weder Anfang noch Ende, und das ein oder andere Foul ist durchaus auch möglich. Selbst beste Vorbereitung nützt da nichts.

Ich hasse diesen Druck.
Meinereiner denkt nämlich nicht an den möglichen Sieg und die bierreiche Meisterfeier, sondern an einen möglichen Abstieg. Klassenerhalt wäre schon großartig. Aber, sobald man auch nur daran denkt, was das Spiel bedeutet, verliert man den Ball an den Gegner. Im Grunde muss man alles geben, egal, ob es eine Einkaufsliste oder das Weltmeisterschaftsfinale ist.

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Und dann ist der Rasen naß, der Ball unkontrollierbar, man selbst völlig erschöpft. Und trotzdem erwarten alle Zuschauer einen verdammten Auswärtssieg. Und morgen ist das letzte Spiel der Saison.