Eine gute zweite Halbzeit.

Der Tag heute wurde mit zunehmender Länge besser.
Angefangen hatte er mit einem um 6 Uhr klingelnden Wecker, einer Vorlesung über Öffentliches Recht (an sich ganz gut, nur hoffnungslos überlaufen). Danach folgte die Einführungsveranstaltung in Skandinavistik mit zirka 50 Studierenden und unheimlich sympathischen Dozenten. Bei der Fachschaft gabs „fika“, eine Kaffeepuase mit Kekse und nettem Beisammensein, und ganz nette Gespräche (auch wenn ich da eher passiv blieb).

Abends ging es in die nahegelegene Kneipe zum Fußball schauen. Nach einer katastrophalen ersten Halbzeit – die Deutschen zimmerten eins nach dem anderen rein und führten die Schwedischen Spieler regelrecht vor – wendete sich das Blatt in der zweiten Halbzeit. Erstes Tor, zweites Tor, drittes Tor, keine 15 Minuten sind vergangen. Noch ein Tor im Rückstand. Letzte Minute. Tor. TOOOOOOOR!!!

Dabei hatte ich mich in der Halbzeit noch mit meinem zukünftigen Schwedisch-Dozenten unterhalten, dass es keine Schande wäre, dass Schweden verliere gegen eine der besten Mannschaften der Welt. Und dann sowas. Unglaublich, wirklich.

Ich kann nach diesem langen, anstrengenden Tag nun beruhigt schlafen. Obwohl ich tatsächlich heute kaum jemand kennenlernte. Aber, bekanntlich brauch ich da immer ein bisschen mehr Zeit.

Ich hab ne scheiß Angst.

Meine Vermieter-Schrägstrich-Onkel-und-Tante sind hier öfters. Sie schauten sich neulich mein Zimmer an und sprachen davon als „Studentenbüdchen“. Sie sind freundlich, sehr sogar, aber in diesem Wort, in „Studentenbüdchen“ liegt eine gewisse Verachtung. Sie sprechen es so, wie manche reiche Leute „rustikal“ sagen. So, dass man merkt, dass sie eigentlich „alt“ meinen. Es ist ihre Wohnung, aber sie missbilligen offenbar, wie ich darin lebe. Meine Tante fragte mich auch, wie es nun weiterginge und wie lang ich studieren müsse und was danach käme.

Ich antwortete mit Ungewissheiten. 3 Jahre Minimum. Danach könne ich in vielen Bereichen arbeiten. Aber eine bestimmte Richtung, einen speziellen Wirtschaftszweig… nein. Unangenehme, schmerzhafte Ungewissheiten, die ich zu gerne ablegen würde, aber… weil es so viel Hoffnungslosigkeit, soviel Krise und Ungewissheit gab und gibt, haben wir diese einfach zu unserem Lebensstil erklärt. Die, die heute Kinder in die Welt setzen sollen, wissen oft nicht, was nächste Woche ist. Die Bedrohung ist aber keine Atombombe, kein dritter Weltkrieg. Die Bedrohung ist viel berührbarer: Es ist die Angst vor dem endgültigen Abstieg. In Ermangelung von Fußballwissen traue ich mich nicht, dies Ziegenangst zu nennen – und weil ich Fans des 1. FC Köln nicht vergraulen will -, aber… das Wissen um den möglichen Abstieg ist da. Es ist spürbar. Wenn die Atombombe hochgeht, zählt nur noch, was bis jetzt war. Hab ich ein gutes Leben geführt? War es das wert? Die Abstiegsangst ist anders. Man bereut nicht, was man ausgelassen hat – Kinder, das Semester Kunstgeschichte, das Jahr in Paris -, sondern das man nicht noch mehr weggelassen hat. Der Abend Videospiele mit Freunden hätte ich streichen können und hätte vielleicht bessere Noten in Mathe.

Verdammt. Ich weiß nicht, was in drei Jahren ist. Verdammt, ich weiß nicht mal, ob ich am Ende der nächsten Woche mir noch etwas zu Essen kaufen können werde.
Ich finde es auch scheiße, dass ich nicht weiß ob und falls ja, was aus mir wird. Ich hasse diesen Zustand, aber ich weiß einfach keine Alternative mehr dazu. Wenn ich versagt habe, mir eine Zukunft aufzubauen, dann kann ich mir das nur selbst vorwerfen und nicht jener Elterngeneration, die mir die Sicherheit genommen hat, die mir die Zuversicht genommen haben mit ihren Krisen und ihren Rentensorgen, und die mich kein Fundament gießen lassen wollten, sondern unendliche Flexibilität von mir forderten. Einem Kadavergehorsam gleich.

Ich habe keine Lust mehr darauf. Ich werde mir nicht von euren Ängsten und euren Meinungen mein Leben bestimmen lassen, liebe Elterngeneration. Ich habe genug davon, in irgendwelche Muster passen zu müssen und ich habe auch keine Lust mehr, mich für irgendwelchen Mist ausbeuten oder verarschen zu lassen. Ich werde einfordern, was mir zusteht und dann mein Bestes geben. Ob ich damit eine Zukunft habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich das herausfinden werde.

Update: Meine Mutter war heute hier und meinte nur, ich hätte hierfür ja noch nicht ausziehen müssen. (Keine Küche, Löcher in den Wänden, Flecken und alles noch recht renovierungsbedürftig.) Mein Vater sagte mir heute, würde er Autorität besitzen, dann wäre ich nicht nach Tübingen gezogen. Fühlte sich an, als würde er mir vorwerfen, ich hätte keinen Respekt vor ihm oder würde ihn nicht wertschätzen. Weiß nicht, was ich (noch) tun soll, damit mein Vater zufrieden ist. Dadurch, dass ich im von ihm bevorzugten Studienort Tübingen studiere und nicht in Konstanz, wo ich hinwollte, wurde er auch nicht merklich zufriedener. Befürchte, ich bin als Sohn einfach nicht gut genug und er wird mich nie als etwas anderes sehen können, als eine riesige, nicht enden wollende Enttäuschung. Fühle mich wieder wie mit 16. Die ganze Welt ist gegen mich und weil mich sogar meine Eltern hassen verabscheue ich mich selbst auch.

Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung

Eigentlich hätte ich heute mit meine Vater streiten können. Er bot mir gleich zwei Vorlagen.

Ich saß, wie in letzter Zeit öfters – im Sessel vor dem aufgeklappten Notebook. Mein Vater sah das Fernsehsender-Vorabend-Allerlei. Ich sollte dazu sagen, dass mein Vater Gärtnermeister ist, seinen eigenen Betrieb mit Mitarbeitern führt und deshalb eine recht klare Trennung von Arbeit und Freizeit hat. Bei mir ist das anders, weil mein Begriff von Arbeit völlig anders ist.

Er fragte, ohne jedes Wort zuvor und in einem Befehlston, dem jedem preußischen General die Freudentränen ins Gesicht gespült hätte: „Machst du eigentlich gerade etwas fürs Studium?“ Ich fragte, völlig überrumpelt von dieser Frage, lediglich „Jetzt gerade? In dieser Sekunde?“. Ein wenig befehliger und mit der Enttäuschung, die ich in letzter Zeit häufiger aus seiner Stimme herauszuhören glaube, präzisierte er: „Wenn du vor dem Computer sitzt. Machst du dann etwas für dein Studium oder spielst du nur rum?“. „Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung“ weiterlesen

Jetzt sind wir hier.

Ich habe ein kleines Problem: Ich quatsche einfach zuviel, ich komme einfach nicht auf den Punkt. Ich interessier’ mich nunmal für Tennis genau wie für Computerspiele oder Kino. Man kann das nicht einfach voneinander trennen. Die Dinge sind eben in Bewegung – alles fließt – Yin und Yang, wenn Sie versteh’n. Ich stecke meine Nase einfach in alles hinein; und nach all den Fragen kommt der Punkt. Es gibt einfach von allem zwei Seiten! Apropos Seiten…naja aber das würde jetzt zu weit führen.
— Stimme aus dem Off (Sendung ohne Namen)*

Es ist Zeit für eine Veränderung. Es verändert sich so viel gerade und ich will mir nicht vorhalten können, ich hätte mich in meiner Vergangenheit vergraben, als ich mutig meiner Zukunft hätte entgegen treten müssen. So wird es vermutlich sein und ich verkrieche mich sehr gerne, aber vorhalten will ich es mir dennoch nicht. Es gibt ein paar Veränderungen, die in meinem Leben eingetreten sind und gerade eintreten, und ich möchte diese – auch mit Hilfe dieses Blogs – mit Dir und meinem zukünftigen Ich teilen.

„Jetzt sind wir hier.“ weiterlesen

Die Buchstaben unter den wunden Fingernägeln

Tatsächlich stört es mich mehr, wenn jemand mit zwei Fingern schnell tippt, als wenn Betrunkene Mitfahrer in ihr Mobiltelefon gröhlen. Ich bin mir bewusst, dass eine solche Wahrnehmung einer gewissen Dekadenz nicht entbehrt, aber erst kürzlich wurde ich in einer Vorlesung vom – tatsächlich – schnellen Zwei-Finger-Tippen einer Studierenden derart abgelenkt, dass ich praktisch nur noch vergeblich versuchte, in ihren Fingerbewegungen den Keim eines logischen Systems aufzufinden. Bis zum Ende der Vorlesung blickte ich ungläubig auf ihre Finger und die Tastatur ihres Computers und versuchte mir klarzumachen, wie sie die Tasten findet und warum sie sich dabei keine Finger bricht. Und dann fiel mir auf, dass das nichts bedeutet. Sie ist vermutlich ungefähr 10 mal cooler als ich, wusste schon immer, dass Levi Strauß ein Kerl ist und ist heute nicht durch die Prüfung gerasselt (ob ich es bin, wer weiß).

Jedenfalls machen uns moderne Kommunikationsmittel dekadent und egofixiert. Wer einem nicht passt wird weggeklickt. Mareike bezieht das selbe Problem hier viel schöner als ich auf Partnerkram. Ich würde diesen Eintrag ja weiterschreiben, aber Sie sind mir dazu viel zu egal.