# 1992

Meine sehr verehrte Langeweile,

den heutigen Tag habe ich zur Gänze dazu verwendet, Filme zu sehen. Bei elektrischem Licht mitten in der Nacht sitze ich nun hier, und schreibe dir einen Brief, um über diese gänzliche Verschwendung meines Tages zu berichten, die jedoch nur in den Augen eines voreingenommenen Betrachters als ebendiese Verschwendung auftritt. Ein unvoreingenommener Betrachter, oder in deinem Fall du als hoffentlich unvoreingenommene Leserin dieses Briefes, jedenfalls eine solche Person unvoreingenommener Natur würde eventuell meinen heutigen Tage als besonders produktiv beschreiben – im Gegensatz zu den meisten anderen meines doch recht unnützen Lebens bisher. Filme also waren meine heutige Passion. Du wirst fragen, welche Filme?, und ich werde nicht antworten, sondern egoistisch weiter vor mich hin plappern, darüber, was ich heute gemacht habe.

Unter einer Decke.
(Ohje, ist meine Nase aber groß!)

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"Bitte bring dich nicht um wenn ich weg bin. Ich will den großen Flatsch nicht verpassen."

...

Ironie war offensichtlich Langeweiles Weg mit Beliebtseins neuerlichen Gemütstiefen umzugehen. Früher ging es ihm schon schlecht, recht häufig, aber dann begann er zu essen. Er probierte hunderte Geschmäcker aus, versuchte sein Leben zu leben und es zu bejahen, in dem er auch ja zu seinem Stoffwechsel sagte. Das machte ihn zumindest nicht traurig, und das war schon sehr viel. Es war sogar oft sehr glücklich, aber irgendetwas änderte sich in den vergangenen Wochen.

Es änderte sich etwas in diesen Wochen. Sätze wie „Bei dir muss man sich sowieso keine Sorgen machen, dass du aus dem Fenster springst. Da passt du ja nicht mal durch.“ taten plötzlich wieder weh. Er glaubte es plötzlich wieder, wenn jemand sagte, er stinke. Die Welt drehte sich, und so auch sein Magen. Beliebtsein selbst war zu träge. Nichteinmal vom Gedanken seiner Kindheit, die „Butter-S“ seien nur für ihn gemacht, für ihn, den kleinen Sascha Beliebtsein, konnte er sich lösen. Sie sagten ihm, sein Bart sei falsch. Sie sagten ihm, sein Bauch sei falsch. Alles, was sich richtig angefühlt hatte, verneinten sie. Und er bejahte die Verneinung, nickte sie einfach durch, weil er schon zu träge war, sie irgendwie zu wehren.

Aber irgendwas war anders. Beliebtsein realisierte immer mehr, dass es einen Unterschied gibt zwischen Freunden und Mitleidenden und auch einen Unterschied gab zwischen Freunden und Langeweile. Der Unterschied war, dass Langeweile nicht echt war. Sie existierte nur in Beliebtseins Kopf, war seine Erfindung, seine Projektion, seine Wunschvorstellung einer guten Freundin. Seit er das wusste, war sie verschwunden.

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Ich bin ein Schlafsofa.

Ich bin ein Schlafsofa.
SpiegelSpiegelIkeaschlafen

Wenn ein Kissen bei IKEA von sich behaupten kann, es sei ein Schlafsofa, dann kan ich das auch. Mein Name ist Beliebtsein und ich bin ein Schlafsofa.

Manche Leute ziehen mich ganz gerne aus, aber ich bin auch bequem in meiner alltäglichen Erscheinung. Leider lasse ich mich nur schwer bewegen, aber wenn man einmal einen guten Platz für mich gefunden hat, möchte man mich nicht mehr missen. Mein Aufbau ist kinderleicht. Auch meine Pflege geht einfach von der Hand. Mein abnehmbarer Bezug kann in der Maschine gewaschen werden. Mein robustes Innenleben sorgt dafür, dass Sie lange Zeit Freude an mir haben. Sollte all das Sie nicht überzeugt haben, dann vielleicht mein überragendes Design: Schlicht und zugleich edel. Durch meine Bezüge in vielen unterschiedlichen Farben und Formen passe ich mich Ihrem individuellen Geschmack perfekt an.
Ich bin ein Schlafsofa.
Designer:
Gott. Evolution.

Pflegehinweise:
Buntwäsche 60°C.
Nicht mit Chlor bleichen.
Nicht trocknergeeignet.
Bügeln – bitte nicht!
Nicht chem. reinigen.
Hängend trocknen.

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Aber ich bin keine Lösung für zwei Probleme, sondern leide unter einer schweren Identititätskrise. Ich weiß nicht: Bin ich ein Bett? Bin ich eine Sitzgelegenheit? Bin ich beides? Bin ich nichts? Vor lauter Fragen kann ich manchmal nicht schlafen. Vor lauter Fragen kann ich manchmal nicht wachen. Es ist schrecklich, nicht zu wissen, was ich bin, wer ich bin oder ob ich überhaupt – objektiv – existiere. Mein Name ist Beliebtsein und ich bin ein Schlafsofa. Ich würde mich freuen, bald auch in Ihrer Wohnung ein Zuhause zu finden.

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Studentenleben – Testversion für Schüler

Hörsaal

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Heute war im Grunde genommen ein ganz guter Tag. Naja, fast.
Baden-Württemberg-weit hatten die Schülerinnen und auch die paar Schüler der 12 Klassen der Gymnasien frei um sich an den verschiedenen Universitäten im Land über ein mögliches Studium zu informieren. Ich war in Tübingen, der örtlich nächsten Universität. Veranstaltungsbeginn: 9:15. Die Vorstellungen der einzelnen Fachbereiche allerdings erst um 10:20. Ich und zwei Klassenkamernossen fuhren zu ebenjener und kamen direkt – wer hätte es gedacht – zu spät. Blieben also noch zwei Möglichkeiten sich was anzuhören. Gut. Wie hörten uns den Vortrag zum Studienfach „Pharmazie“ (Gähn!) und zu „Informatik“ (Uff!) an. Beides für mich eher ungeeignet. Mittags waren wir in der Mensa essen – relativ gut. Später wollten wir noch ins Nachmittagsprogramm, in dem sich die einzelnen Fakultäten nochmal genauer vorstellten, das heißt, ich und einer der beiden wollten da hin, dummerweise wollte der dritte zum Bahnhof. Wegen ner ganz blöden Geschichte mit der Froschgasse kamen wir erst um 14:01 am Bahnhof an, wo auch gerade sein Zug abfuhr, so dass er noch reinsprang. Mein anderer Kamernosse stieg dann auch ein, weil er wohl doch keine Lust mehr hatte. Ich blieb – alleine – zurück. Im Veranstaltungsheftchen las ich nach, was ich mir noch anhören könnte. „Oh. Veranstaltungsbeginn 13:30… Veranstaltungsbeginn 14:00.“ Allüberall. Und vom Bahnhof hätte es zu meinen favorisierten Fakultäten ewig mit dem Bus gebraucht. Deshalb fuhr ich – ziemlich enttäuscht – auch heim.

Aber… wie soll ich es beschreiben? Irgendwie fühlte sich in einem Vorlesungssaal sitzen und Mensaessen essen und die Räume nicht finden irgendwie… richtig an.

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„Du weißt also jetzt genausoviel wie vorher?“ – „Ja. Langeweile. Ja.“ – „Und was machst du nun?“ – „Hmmm…“ – „Red doch mit jemand, der Politikwissenschaft oder Philosophie studiert, und vielleicht kannst du mit dem auch mal in ne Vorlesung.“ – „Ja… hmmm…“ – „Beliebtsein?“ – „Ja?“ – „Was ist das eigentlich für ne Band, die wir gerade hören?“ – „Grizzly Bear. Das sind die, aus dieser Peugot-Werbung.“ – „Hmmm.“ – – Für einen Moment versuchte sich Beliebtsein vorzustellen, wie der Tag wohl gewesen wäre, wenn er mit Langeweile mitgegangen wäre.

Der erlogene Schluckauf

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Etwas irritiert ging ich mit mir selbst ins Gericht, als ich realisierte, dass der gerade begonnene Schluckauf – „Hicks“ – nur eine selbsteingeredete Einbildung ist, und somit eine Lüge, ein Schauspiel, welches ich mir selbst vorführe, wenn mir oder meinem Unterbewusstsein wiedereinmal langweilig ist. Mit der Entlarfung dieser Schluckauflüge hörte selbiger auch unverzüglich auf. Ich begonn mich zu fragen, ob ich bei vorranggegangenen Schluckäufen wohl auch mich selbst belogen und diese nur vorgetäuscht hatte. Dieser Gedankengang führte unwiederruflich auf die Frage nach dem Plural von Schluckauf. Ist es „Schluckaufs“, „Schluckäufe“ oder gar „Schluckauf“? Laut Wikitionary gibt es kein Plural, aber Internet hat man ja nicht immer zu Hand.

Ich fragte mich auch, wie lange ich mich wohl schon derartig selbst belüge und was das über mich als Menschen aussagt, wenn ich selbst an sich natürliche Fehlfunktionen des Zwerchfells nur simuliere. Vermutlich verriet mich sogar die nicht perfekte Regelmäßigkeit der falschen, unbewusst erlogenen Schluckäufe (was sich für mich am „richtigsten“ anhört) und die anderen waren nur höfflich genug, mich nicht des Lügenschluckaufs zu überführen. Möglicherweise hat es aber auch einfach niemand interessiert. Ich fragte mich auch, wenn ich schon anfange Schluckäufe zu erfinden, wie es dann erst mit zentraleren Dingen des Lebens ist. Träume ich überhaupt oder behaupte ich das nur? Schlafe ich wirklich? Fühle ich mich wirklich schlecht, oder rede ich mir das nur ein? Wenn ich hinfalle, schürfe ich mir das Knie auf? Ich weiß, dass ich mir noch nie etwas gebrochen habe, woher weiß ich also, dass ich ein Mensch bin, dessen Knochen brechen können? Denke ich wirklich, oder rede ich mir das nur ein?

Am Ende war ich derart verunsichert, dass ich mich schon in Philip K. Dicks „Die elektrische Ameise“ wiederfand, in der Jemand feststellt, dass er ein Roboter ist, und dass seine Realität auf einem Band gespeichert ist, dass sich – auch von ihm selbst – manipulieren lässt. Woher weiß ich, dass ich nicht lieber zum Ölwechsel als zum Arzt gehen sollte? Schließlich, und das macht schon ein bisschen traurig, fehlt mir die entscheidende, menschliche Fähigkeit: Sich in andere wirklich hineinversetzen können.

Bei einem der letzten Glühbirnenlichter der müden Stadt saßen Langeweile und Beliebtsein zusammen und hörten – leise – französische Musik. „Du hast mich also all die Jahre belogen?“ fragte Langeweile mit einem halben Luftzug, um die andere Hälfte in einen leisen Seufzer zu verwandeln. „Was einige meiner Schluckäufe angeht? Möglicherweise ja.“ antwortete Beliebtsein reumütig. „Schluckaufs.“ erwiederte Langeweile. „Schluckaufens“ antwortete Beliebtsein ihr. Für einen kurzen Moment blickten die beiden sich an, ohne sich wirklich zu sehen. Aus den Lautsprechern kroch „Oh le mal au coeur“ leise und schwerfällig.