Unabgeschickte Leserbriefe vor der Landtagswahl

Vor der Landtagswahl mal wieder viel geschrieben und nix abgeschickt.

Leserbriefentwurf vom 7. März 2016
Mir wird ganz anders, wenn ich die Wahlplakate der sogenannten „Alternative für Deutschland“ sehe. Dabei, behaupten sie, sind das gar nicht ihre Wahlplakate. Sie stammen stattdessen von einer annonymen Gruppe von 12 Millionären, die – natürlich nicht als Parteienspende, sondern „parteiunabhängig“ -, Werbung für die AFD machen wollen. Mir wird bei soetwas ganz Angst und Bange, wenn plötzlich Großkapital in die Meinungsmache einsteigt, und noch mehr, wenn ich das Wahlprogramm dieser Partei lese. Zwischen scheinbar vernünftigen Forderungen stehen dann Dinge wie politische Einflussnahme auf den Rundfunk, Eingriff in die Freiheit der Forschung oder ein Hartz-IV-Ersatz namens „Bürgerarbeit“, welchen man wohlwollend als 1-Euro-Jobs lesen oder ehrlicher als Zwangsarbeit verstehen kann.

Es ist natürlich völlig ok, diese Partei zu wählen, genauso wie es ok ist die Republikaner, die NPD, CDU, SPD, Linke, Grüne, FDP, ÖPNV oder irgendeine andere Partei zu wählen.

Wenn man aber protestieren möchte, wenn man „denen da oben zeigen möchte, dass man nicht zufrieden ist“, dann nützt es sehr wenig eine Partei zu wählen, die die eigenen Interessen nicht vertritt. Viel mehr – und hier haben wir in Tübingen das große Glück dank Herrn Markus Vogt – sollte man eine echte Alternative wählen. Wenn Sie die Politik der Parteien dumm finden, wenn Sie sich verarscht fühlen, dann wählen Sie nicht einfach eine andere Partei, die genausoviel Kreide frisst wie die alten. Wählen Sie Die PARTEI. Sie ist sehr gut. Und sie ist im Moment die einzige Möglichkeit, ein hörbares „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“ abzusenden, ohne dadurch eine blau-braune, völlig ungenießbare Suppe aufgetischt zu bekommen.

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Leserbriefentwurf vom 8. März 2016
Jugendorganisationen wahlkämpfen jetzt also im eigenen Namen. Auch wenn sie keine eigenen Kandidat*innen haben. Soso.

Die Reutlinger CDU entscheidet sich – weil keine persönlichen Aussagen über den politischen Gegner gemacht werden sollen – gegen die Negativ Kampagnie der Jungen Union.

Soviel Anstand fehlt in Tübingen leider. Dort hängen nun hübsche, grüne Plakate von angeblicher Gymnasium-Abschaffung, Ablöse Kretschmanns durch Özdemir oder Herrmann und vom Unterschied zwischen Merkel und Kretschmann und noch viel weiterer Unsinn. Das sie von der JU stammen erkennt man nur mit Lupe. Dazu hängen schon seit mehreren Wochen eigene JU-Tübingen-Plakate mit „Grün-Rot? Nein danke“, die von weitem aber mehr an REP erinnern, als an irgendwas sinnvolles.

Wenn man selbst keine Argumente hat – so mache ich das gerade ja auch – wirft man halt mit Dreck auf andere. Eine Partei, die als „christlich“ eigentlich zur Feindes-Liebe angehalten wäre, beschränkt sich auf: Die Welt geht unter, wenn die bösen bösen Grünen weiterregieren. Wir sind das kleinere Übel!!

Aus meiner Sicht hat es abgesehen von ein paar Vorteilen an der Universität – die Verfasste Studierendenschaft ist zurück und Studiengebühren weg – und ein bisschen weniger Vetterleswirtschaft – vermutlich fehlen hier noch die eigenen Strukturen – keinerlei Unterschied gemacht, wer im Land regiert. Die Bedeutung von unterschiedlichen Regierungen wird gerade im Wahlkampf deutlich überschätzt.

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Leserbriefentwurf vom 9. März 2016
Dieser Wahlkampf irritiert: Zum einen sind da die Großwahlplakate für die AFD, die nicht von der AFD stammen, sondern von einer „parteiunabhängigen“ Firma, die das ganze von „12 anonymen Millionären“ gezahlt bekommt, was dann aber natürlich keine versteckte Parteispende sei… Kann man sich nicht ausdenken, sowas.
Zum anderen tauchen gerade vermehrt Plakate in Tübingen auf, die von der Jungen Union stammen und offenbar der Dämonisierung der jetzigen Regierung dienen sollen. „Grün-Rot? Nein Danke!“ steht auf einigen. Andere Plakate immitieren teilweise die Plakate der Grünen und warnen vor Kretschmann und dessen angebliche Plänen. „Negative Campaigning“ heißt dieses Vorgehen und wird gerade da verwendet, wo man selbst so wenig Argumente hat, dass man nur den Gegner mit Schlamm bewerfen kann. Zumindest wird das mancherorts so behauptet.

Warum neuerdings auch jene Plakatieren, die weder eigene Kandidaten aufstellen noch unabhängig eine eigene Partei sind, erschließt sich mir nicht. Ein Anruf beim Ordnungsamt ergab, dass wohl auch Jugendverbände von Parteien eigene Plakate aufhängen dürfen, was spätestens zur nächsten Wahl ganz interessant werden dürfte.

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Leserbriefentwurf vom 10. März 2016
Die CDU macht mir gerade etwas Sorgen. Sie beschäftigt sich mehr damit von einer angeblichen Gefahr durch Grün-Rot zu warnen und Grün zu diskreditieren – bekanntermaßen ist wortwörtlich alles in Baden-Württemberg in den letzten Jahren wegen dieser Partei zusammengebrochen!!!1 -, als ihre eigenen sicherlich vernünftigen Positionen zu vermitteln. Statt einem vollständigen Wahlprogramm bekam ich kürzlich nur einen Apfel und zwei Flyer in die Hand gedrückt. Die beiden textarmen Infoblättchen behaupteten jeweils, „näher am Menschen“ zu sein. So nah, dass man sich fast schon bedrängt fühlt, weil Herr T. und auch die anderen Kandidat*innen überall auf uns lauern. Dazu noch ein lauwarmer Handschlag.
Von der AfD habe ich keine Stände mitbekommen – oder irgendwas im Städle. Dennoch wird sie wohl in den Landtag einziehen und große Koalitionen – bei uns Grün und Schwarz, im Bund Schwarz und Rot – auf Jahre hin als einzige Möglichkeit lassen. Wer gegen einen politischen „Filz“ die AfD wählt, stimmt dabei nicht nur für Unmengen an kaum verzehrbarer Brauer Soße, sondern auch für ein „Weiter so“ der „Altparteien“. Dabei gibt es mit „Linke“ oder „Die PARTEI“ genug Kandidat*innen, bei denen CDU, SPD und Grüne Schnappatmung bekommen. Wenn man das denn will.

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Außerdem ist OB-Wahl bei uns:

Leserbriefentwurf vom 12. März 2016
Man möchte sich ja fast ein wenig schämen, dass sich nur zwei Menschen fürs zweithöchste Amt in Rottenburg bewerben. Ist unser Städle für angehende Oberbürgermeister so unattraktiv, dass sich nur ein „Satirekandiat“ und der Amtsinhaber bewerben? Natürlich erscheint Herr S. mit seinen Ideen vom „Bollwerk gegen den Protestantismus“ und der „Mauer um Rottenburg“, als würde er Herrn N. die Redezeit stehlen. Dabei hält er uns wie ein Narr den Spiegel vor. Auf Landes- und Bundesebene sowie in direkter Nachbarschaft wird von ‚erstzunehmenden‘ Politikern von „christlichem Abendland“, „arabischstämmigen Männern“ und „Grenzen sichern“ gefaselt – aber niemand steht auf und sagt, dass uns diese Menschen mit ihrem Hass auf andere und ihrem Sch***-Populismus die Rede- und Lebenszeit stehlen.
Man muss Herr S. dankbar sein, dass er so offensichtlich Probleme und Wahrheiten über den Weg der Satire in das Bewusstsein tragen will. Herr N. sollte sich derweil Sorgen machen, weil jede Stimme, die S. am Wahlsonntag erhalten wird, eine kleine Wahrnung sind. Wir Wähler*innen nehmen das Handeln unseres Bürgermeisters ernst und lassen uns nicht veralbern. Herr N. sollte uns auch ernst nehmen, gerade auch nach dem Wahlkampf.

Das Mittelalter ist nur so einseitig, wie wir es betrachten wollen.

Beef mit dem eigenen Studienfach anfangen. Kann ich.

Leserbriefentwurf vom 26. Februar 2016.
Wurde eingereicht, aber meines Wissens nach nicht veröffentlicht. Veröffentlicht am 8. März.

Großes Lob an die Germanistik-Studierenden für die Inszenierung des Nibelungenliedes. Gleich zwei Artikel in den letzten Tagen und auch andere Medien berichteten davon. Völlig zurecht. Dennoch wird dabei immer wieder etwas suggeriert, was so nicht haltbar ist:
Auch wenn das Nibelungenlied in seiner Mittelhochdeutschen ‚Fassung‘ einen großen Wert für die Forschung hat, darf nicht vergessen werden, dass diese Sprachstufe – das „Mittelhochdeutsche“ – nur eine von zahlreichen „deutschen“ ist, die sich noch dazu in hunderte von regionalen Dialekten und Soziolekten aufteilen.

Die Germanische Mediävistik ist in Tübingen mit drei Professor_innen besetzt, dazu ein gutes Dutzend Mitarbeiter_innen und Lehrbeauftragte.
Diese Betonung aber auf EINE Mediävistik macht andere unsichtbar: Wo ist eine entsprechend große Altanglistik? Wo das mittelalterliche Latein, in dem die meisten Texte verfasst wurden? Warum wird der Skandinavistik, die ebenso in den europäischen Kontext beispielsweise des Nibelungenliedes einführen kann – die tragische Handlung um Siegfried und Kriemhild beruht auf Sigurd und Gudrún in der Völsunga saga -, die Weiterexistenz so schwer gemacht?

Von einem „Mittelhochdeutschen Mittelalter“ auszugehen ist schlicht abwegig. Das Mittelalter ist bunter als es die einseitige Betonung des Nibelungenliedes glauben machen lässt. Das bedeutet nicht, dass es oder die germanische Mediävistik schlecht seien, im Gegenteil, es bedeutet nur: Es gibt noch viel mehr zu entdecken.

Kaufladen, Samstag um 21 uhr

Es ist schon dunkel und wir haben noch nichts gekocht. Ich muss nochmal raus. Für ein Projekt fehlt eine Speicherkarte. Es ist Samstag und nur der große Kaufladen um die Ecke hat noch offen. Einundzwanzig Uhr. Irgendwas. Ich streife eine Jacke über und stapfe über den Platz, zwischen den Häuser und am Ende dieser Reihe – vielleicht fünf Minuten Fußweg – ist es auch schon. Auf dem Weg krame ich noch in meiner Tasche. Kein Geld. Bankomat, also.

Der Bankomat hier, der Kaufladen auf der anderen Seite der Straße. Es ist dunkel. Vor dem Kaufladen steht die Polizei. Zwei Einsatzwägen. Kalter Wind drückt sich durch die Windungen meines Schals. Ich warte am unteren Ende der Stufen. Der Bankomat steht oben, wie ein Fronleichnamsaltar. Ich drücke mich an die Wand, der Wind pfeift, und ich kann die Stufen noch nicht hochgehen, weil ich damit dem fremden Menschen am Automaten zu nahe käme.

Ich beobachte ein bisschen die Polizisten. Irgendwas wird ins Auto gelegt. Irgendeiner sagt, er fahre hinten mit. Eine Polizistin fragt nach Personalien. Auf der anderen Straßenseite schleicht sich eine Katze vorbei. Sie beobachtet den Verkehr, überquert die Straße, und ich verfolge sie mit den Augen. Der Wind ist mir egal, die Polizei ist mir egal, ich betrachte diese Katze und denke nur: „All cats are beautiful.“

Endlich ist der Automat frei. Zahlen tippen, Plastikkarten stecken, Papierfetzen ziehen. Im Laden. Buchstaben auf Plastik lesen. Vergleichen. Zahlen mit anderen Zahlen. Schließlich nehme ich diese Plastikscheibe, und nicht die andere. Weil die Zahl höher ist, und die andere Zahl aber nicht viel höher. Zufrieden gehe ich an die Kasse, wo die Kassiererin, die auch nur hier ist, um an Papierzettel mit Zahlen darauf zu kommen, meine Papierzettel entgegennimmt, und mir einen relativ wertfreien Papierzettel mit der Zahl darauf gibt, die ich gerade bezahlt habe.

Warum ist diese Zettelwirtschaft so wichtig, und die wunderschönen Katzen nicht? Ich stapfe zurück.

Politics whatsupwiththat?

Wenn die FAZ Mathias Albert zur geringen Wahlbeteiligung in Studierendenparlamenten befragt, dann hätte dieser eigentlich nicht antworten sollen. 2500 junge Menschen zwischen 12 bis 25jährige werden bei der Shell Jugendstudie, an der Mathias maßgeblich beteiligt ist, befragt. Selbst wenn wir von einem hohen Anteil an Studierenden ausgehen in dieser Gruppe, so verteilen sich diese doch – idealerweise – so weit auf das Bundesgebiet und die 108 Universitäten in Deutschland, dass es kaum als repräsentativ missverstanden werden sollte. Die Probe ist, um diese Fragen zu beantworten, zu klein.

Aber gut, wir spekulieren und verallgemeinern. Mache ich jetzt auch.

Warum das Interesse an Hochschulpolitischem – oder zumindest den StuPa- und StuRa-Wahlen so gering ist -, begründet der „Jugendforscher“ mit mangelnder Zeit, mangelndem Interesse, mangelnder Zugänglichkeit (Digitalisierung!!!). Dabei spricht er aber auch einen Punkt an, den ich für viel Zentraler halte. Die Mangelnde Wirkmächtigkeit der studentischen Selbstverwaltung.

Der Studierendenschaft nämlich – wie bspw. in Baden-Württemberg – zuzugestehen, sich selbst zu organisieren, sich selbst eine Satzung usw. zu geben, und dies dann aber so restriktiv zu gestalten (bzw. so restriktiv auslegbar zu machen), bedeutet die Herabstufung von mündigen Erwachsenen auf Schülermitverwaltung. Toll, dass ich mitgestalten darf, aber überall wo es um etwas geht überstimmt ihr mich eh – oder der*die Rektor*in umgeht die Gremien einfach.

So wird Mitbestimmung zur Farce und die wenigen Aktiven, die dieses Theater zähneknirschend mitspielen, um zumindest das bisschen Mitbestimmung – ein Bestimmungchen – nicht auch zu verlieren, arbeiten sich dumm und dämlich.

Letztlich ist die Universität eine Diktatur von Gnaden des Ministeriums und der externen Geldgeber (in deren Hintern nicht nur Speläolog*innen Höhlensucher sind). Freiheit der Bildung, Freiheit der Lehrenden und der Lernenden, mein … egal.

Was letztlich bleibt sind freundschaftliche Beziehungen und das Gefühl, ein paar kleine Dinge verbessert zu haben. Aber bei der Fülle an Windmühlen weiß man schlicht nicht, gegen welche zuerst gekämpft werden soll.

Dumme Witze

#Beef

Leserbriefentwurf vom 29. Jänner 2016.
Veröffentlicht am 30. Jänner 2016.

(Kursives wurde in der Printausgabe gekürzt)

Die heiße Phase der Fasnet naht und in den Jackentaschen findet man wieder ganz olle Kamellen. Zum Beispiel kramt Guido Wolf, der „CDU-Spitzenkandidat“, den uralten Witz um Johnny Cash, Bob Hope und Stevie Wonder hervor. Sie wissen schon, die Baden-Württemberger hätten im Gegensatz zu den Amerikanern „No Cash, No Hope, No Wonder“. Angemerkt werden muss, dass „Hope“ und „Cash“ traurigerweise nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Wenn Guido derlei dumme Witze mit Namen machen darf, dann dürfen wir da auch, oder? Schnappen Sie sich also ihre drei bis sieben besten Freunde und verkleiden sich als Geißlein oder Schweinchen. Dazu Sie mit Guido-Wolf-Maske und schlecht sitzendem Anzug und fertig ist der Kalauer. Andererseits: Man sollte solche Scharfmacher – die z. B. die Abschiebung von Flüchtlingen oder die Ausgrenzung von Homosexuellen (blumig verpackt) fördern – besser nicht verharmlosen, sondern ihnen „argumentativ entgegentreten“.

Ansonsten fällt mir zu diesem albernen Wahlkampf wirklich nichts mehr ein. Hoffe, dass wir weiterhin auf das „Wunder“ verzichten können, dass der Mann mit dem Steiff-Wolf Regierungsverantwortung bekommt.

Ein paar Hinweise noch:
– Die Abschiebung von Flüchtlingen in ihre Heimatländer fordert er für kriminelle Flüchtlinge. Das halte ich für höchst problematisch, bei Menschen, die Anrecht auf Asyl haben. Kriminelle gehören nach einem gerechten, fairen Verfahren ins Gefängnis, nicht zurück in ein Land, aus dem sie fliehen mussten.
– Die Förderung von Ausgrenzung von Homosexuellen findet man beispielsweise hier belegt.
– „argumentativ entgegentreten“ ist eine Anspielung auf die Leserbriefe von CDU-Kandidat*innen, die sich gegen die Ausgrenzung der AfD bei Debatten ausspricht und für ein „argumentatives entgegentreten“. Dieses Zusammenrücken von AfD und CDU wollte ich mir – auch wenn natürlich eigentlich nicht gerechtfertigt – dann doch nicht verkneifen.
Steiff-Wolf

Finde ich etwa schade, dass ausgerechnet der Teil gekürzt wurde, weil mich persönlich am meisten betrifft. Aber ist dann auch irgendwo ok.

Leserbrief bezog sich auf Guido Wolfs Auftritt in Wurmlingen, der Artikel, in dem der Witz zitiert wird, findet sich allerdings nur hinter einer Paywall.