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Ich lese kein Kapital, ich zähle mein Kapital

(Panik Panzer. In: Antilopen Gang: Neoliberale Subkultur. 2015.)

Ich bin ein Schwein. Ich bin eine Sau. Ich bin ein Schmarotzer. Ich bin ein gieriges Stück Scheiße. Ich bin faul. Und ich bin upperclass innerhalb der Unterschicht innerhalb der Oberschicht. Verglichen mit 99% der Menschen bin ich reich.

Über mir ein Dach, unter mir Boden, neben mir Nahrungsmittel und Kleidung, unter meinen Finger Tasten – die mir gehören. Ich habe sogar ein bisschen Geld.

Nicht genug, um mir meine Beerdigung leisten zu können, nicht genug um zu verreisen, aber wenn ich einmal meinen Computer zerstöre, dann kann ich mir einen passablen Ersatz kaufen.

Das Geld liegt jedenfalls in einem großen Topf einer Bank. Weil ich das sinnvoll fand und finde, bei einer Bank zu sein, die so ehrlich zu mir ist, wie ich zu ihr. Da ist es mir auch egal, wenn ich weniger „für mein Geld bekomme“.

Dafür mach‘ ich jetzt Geld, ich bin Abfall und Dreck, yes

(Koljah. In: Antilopen Gang: Stück Dreck. 2015.)

Halt, mein Geld? Was soll den das bitte heißen? Und woher habe ich bitte einen Anspruch darauf, für irgendwelche Nummern, die mir zugeordnet werden, mehr Nummern zu erhalten? Irgendjemand muss mehr bezahlen für einen Kredit, muss mehr arbeiten als notwendig, um die Bankmitarbeiter_innen zu bezahlen und mir einen Bonus – also Zinsen – zu geben. Das ist doch nicht fair!

Obwohl mir die Perversion bewusst ist, fühlt es sich dennoch komisch an. Vielleicht, weil ich in einer Welt aufgewachsen bin, in der man das Geld zur Bank brachte, auf ein Sparbuch legte, und sich dann einmal im Jahr freute, dass da jetzt plötzlich 2 Mark mehr da waren. Davon kaufte man sich dann ein Eis und dachte nicht darüber nach, mit welchen blutigen, menschenverachtenden Methoden dieses Geld erwirtschaftet wurde. Oder, freundlicher, auf wie viele Eiskugeln wohl ein Dritter verzichten musste, damit ich mir ein paar und der Banker ganz viele leisten kann.

Wir sind pro-kapitalistisch, also fick dich, alles Absicht.

(Johnny war ein Tänzer: Johnnys Ende. 2010.)

Jedenfalls komme ich da nicht raus. Es fühlt sich komisch an, wenn es keinen – zinsmäßigen – Unterschied zwischen Giro- und Sparkonto gibt. Nicht einmal 0,0015 %, sondern einfach gar nix.

Und kaum denke ich das, denke ich darüber nach, schickt mir die Bank, bei der unsere Fachschaft ihr Konto hat, ein Flugblatt, welches mich informiert, wie viel zukünftig die Girokonten dort kosten werden, wie viel ich für eine Überweisung bezahle (10 cent. Online!), und mir dreht sich der Magen beim Gedanken, dass ich bald 60 Euro und mehr im Jahr bezahlen werde, nur, um am gesellschaftlich geforderten „Zahlungsverkehr“ teilnehmen zu können.

Hm.

Wem gehört eigentlich dein Kind?

Eigentlich klingt die Frage im Titel dieses Eintrags lächerlich einfach. Man möchte sofort rufen: „Mein Bauch gehört mir!“, und dann zu einer Predigt über Erziehungsrechte der Eltern anheben, bevor man sich wütend grummelnd ein Busticket nach Stuttgart löst und mit Kochutensilien gegen ‚Frühsexualisierung‘ und ‚Homolobby‘ demonstriert. Niemand soll mir vorschreiben dürfen, wie ich meine Kinder erziehe. So, wie ich niemals hätte meinen Eltern widersprechen dürfen. Und die niemals ihren. Kadavergehorsam. Hm.

Aber jene, die mit großem Eifer ihre Kinder vorm Eingriff des Staates schützen wollen – weil: Ideologie!! -, stellen das Lebensrecht des fremden „Kindes“ – auch wenn es nur ein Zellhaufen ist – über die Entscheidungsfreiheit des Menschen, in dem dieser Zellhaufen sich befindet. Abtreibungsgegner_innen laufen – auch – wieder. Und die Gegenproteste skandieren die unglaublich sinnfreie Parole „Hätt‘ Maria abgetrieben, wär’t ihr uns erspart geblieben!“. Wenns denn so wäre. Einen Zellhaufen als Individuum zu sehen und zugleich zu sagen, dass man aber als Eltern über das Kind zu bestimmen habe… Hm.

Das Kind kann sich jedenfalls nicht selbst gehören. Kann kein völlig freies Individuum sein, losgelöst von allem. Das geht nicht. Dafür bedarf es zu sehr Schutz. Aber es kann auch nicht komplett den Eltern gehören. Und eine Gesellschaft, in dem mein Arsch allen gehört – bzw. „dem Staat“ – klingt auch eher unangenehm bis unmöglich.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder – und da wir alle Kinder von irgendjemand sind, also auch alle Menschen – zugleich vieles sind, viele Rollen übernehmen müssen, ‚vielen Herren dienen‘. Wir sind untrennbar verankert in und mit der Gesellschaft, in Kultur, in Gemeinschaft. Du gehörst dazu, weil ein Leben ohne das Wissen, welches jene vor dir erarbeitet haben, oder auch ohne die Resistenz gegen bspw. Krankheiten – die Millionen mit ihrem Leben bezahlten -, nicht leben könntest. Du bist, weil es Menschen vor dir gab und es Menschen nach dir geben wird. Also hängst du mit drin.

Aber du bist zugleich auch Individuum. Hast eigene Gedanken, eigene Wünsche, Hoffnungen. Und du darfst selbst entscheiden, was du mit deinem Leben machst. Der Deal lautet: Du gibst etwas, du bekommst etwas. Und wir lassen dich in diesem und jenem Bereich in Ruhe, solange dein Verhalten nicht „uns“ als Gemeinschaft, als Menschheit gefährdet. Einen Garten anlegen? D’accord. Atombomben bauen oder hohe Zäune, damit andere Menschen sterben? Äh, ne?! Wer einen von uns angreift, der greift uns alle an. Und wir, dass sind Menschen. Nicht Leute aus Dorf A, oder Land X, sondern Menschen.

Und dann gehören wir aber auch unseren Eltern, die uns großgezogen haben, die sich entschieden haben uns in die Welt zu setzen. Ermöglicht wurde das ihnen wieder durch die Gesellschaft – also geben sie zurück und geben Verantwortung und Rechte ab.

Als ob man nicht schon genug eingebunden wäre, haben wir selbst aber auch eine Verantwortung gegenüber unserem früheren Ich und unserem Zukünftigen. Nicht mehr zu leisten, aber besser werden zu wollen. Zu wachsen. Nicht quantitativ, aber qualitativ. Dass das nicht immer gelingt, und damit dann umgehen zu können, das ist auch eine Form von Wachsen.

Was ich mich frage, ist, wo das Erziehungsrecht der Eltern endet, und das des Staates beginnt. Ich kann nicht behaupten, dass ich darauf eine Antwort hätte. Aber die Gedanken, die mich bisher auf einem Weg zu einer Antwort begleitet haben, klingen etwa so: Was für ein würdiges Zusammenleben notwendig ist lehrt – vermittelt über Schulen usw. – die Gesellschaft. Was im persönlichen, individuellen Bereich liegt, übernehmen die Eltern, Verwandten, Freunde.

Konkret heißt das für mich: Wenn ich ein würdiges Leben für alle anstrebe – unabhängig davon, ob das erreicht werden kann – und für mich darin auch die Frage von Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensformen ist, das Nebeneinander von Identitäten, Kulturen, Glauben, usw., dann muss dies – auch! – in angemessener Form in der Schule vermittelt werden. Weil ich weiß, dass meine Eltern mit Fragen überfordert waren und ich es wohl auch wäre.

Was ich mit meinem Körper erschaffe – was unter meinem Herzen wächst – ist meins. Punkt. Mein Bauch gehört mir. Kein Aber. Konsequent zuende gedacht gibt diese Haltung – nämlich Kinder gehören ausschließlich und nur ihren Eltern – aber recht… irritierende Ergebnisse. Zum Beispiel müsste das Ermorden des eigenen Nachwuchs straffrei sein, schließlich darf ich mit meinem Eigentum tun, was ich will, oder?

Kinder und die Verantwortung für deren „Erziehung“, deren „Groß werden“, kann nicht allein Aufgabe der Eltern sein. Darf nicht, soll nicht. Denn ein Zusammenleben – ohne dieses uns ein einfaches Sandwich 1500 Dollar und ein halbes Jahr unseres Lebens kosten würde (wobei hier das Aneignen des Wissens darum, wie’s am besten gemacht wird noch nicht einberechnet ist) – kann bei aller Individualität einfach nicht umgangen werden. Was wir sind, was wir lernen, das sind wir auch dank dem Zusammenleben von Milliarden von Menschen in der Vergangenheit, im Jetzt und in der Zukunft. Ohne Gemeinschaft, ohne Gesellschaft gehts nicht. Komplett „frei“ fühlt sich nur das ignorante Arschloch. Wie diese Gesellschaft sich ausgestaltet und wohin sie geht, daran gestalten wir mit.

Nazis klatschen … Beifall: Gewalt gegen Autos ist auch ganz schlimm.

[Früherer Entwurf hier]

Da ist sie wieder. Die alte Diskussion. Gewaltbereite Antifas, die kloppen gegen Repression und Nazis. Ein Aufkleber von Black Mosquito, mit einem Autonomen in schickem Schwarz, in der linken Hand eine Fliegenklatsche und vorm verhüllten Gesicht eine verspiegelte, rote Sonnenbrille. Das ganze mutet befremdlich an. Wie eine Zecke oder ein Insekt? Vielleicht. Einer, all jene klatschend, die sich von brauner Scheiße angezogen fühlen? Möglich. Jedenfalls offensichtlich nicht ernst gemeint. Darüber in roter Schrift: „Nazis klatschen“. (Völlig unzusammenhängend dazu Koljah: „Ich komm‘ mit Fliegenklatsche / Zu eurer Messerstecherei; ich bin der Herr der Fliegen“ („Antilopen Gang: Kunst“)).

Barbara, die wir für ihre … Street Art kollektiv lieb haben, spülte die Frage nach Gewaltverzicht wieder durch die Äther – diesmal auf Facebook. Und natürlich ist es legitim zu fragen, ob Gewalt angewendet werden darf oder nicht.

Meine Antwort wäre, mit viel Bauchgrummeln, ja.

Ich bin kein Freund von Gewalt. Das sagen wohl alle. Manchmal folgt darauf ein Aber, manchmal nicht. Eine Welt, in der durch friedliche Mittel des Widerstands, in der bunter und vielfältiger Protest die Welt besser zurücklässt, wäre wünschenswert. Kunst ist die erste Wahl. Ein kreativer, lautstarker, gewaltfreier Protest wäre erste Wahl.

Nur: Wo waren die Lichterketten, als Terrorist_innen auf unsere Mitbürger_innen losgingen? Wo waren die Pfeifkonzerte, wo waren die Plakate mit lustigem Twist, die auf Facebook tausendfach geteilt werden, als Kleinstbetriebe niedergebrannt wurden?

Kann ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest gegen Rechtsextremismus, der von einer breiten Mehrheit getragen wird nicht auch eine schlagkräftige Waffe sein?

Ja. Und zu diesem bunten, lautstarken, kreativen Protest gehören auch bunte, lautstarke und kreative Aufkleber mit, wenn man sie wörtlich nimmt, vielleicht missverständlichen Aussagen. Zum bunten, lautstarken, kreativen Protest gehören mutige Parolen. Wenn die „breite Mehrheit“ grad nicht da ist oder schon überlegt, wie man unauffällig mit der AfD kuscheln kann, und die Polizei gerade mit … Aktenschreddern Kätzchen streicheln (Denn: All cats are beautiful.) abgelenkt sind, dann muss es Menschen geben, die schlimmstes verhindern. Die – als unentgeltlichen Service – deine und meine Umgebung nazifrei halten. Vielleicht lassen sich viele davon nicht darauf ein die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ zu beschützen, weil sie diese bereits als kaputt oder fehlerhaft ansehen. Was sie aber beschützen – teilweise vor realen Gefahren, teilweise vor eingebildeten – sind Menschen.

Autonome, die „Nazis aufs Maul“ skandieren, sind die mutige Antilope, die die (unterlegenen aber nicht ungefährlichen) Löwen von der Herde weglocken. „Nazis klatschen“ ist der Artikel 20 Satz 4 des Grundgesetzes in praktizierter Form. Mehr noch: Wo die rechtlichen Grundsätze – gleich vor dem Gesetz, Würde, usw. – es nicht erlauben, ein Arschloch wie ein Arschloch zu behandeln, greifen Autonome beherzt ein und riskieren dabei massive Sanktionen für sich selbst. Sie sind eine Art antikapitalistischer Batman.

Andererseits hat Barbara Recht. Denn brennende Mülltonnen sind – im Gegensatz etwa zu brennenden Asylunterkünften – schlechte PR. Angestauter Frust, der sich auch gegen Repressionen richtet und dabei Eigentum von Dritten zerstört, und natürlich die Übergriffe auf völlig friedliche Polizisten, tuen der „guten Sache“ schlechtes. Und so, wie ich mich hier weigere, mich von gewaltsamen Protesten zu entsolidarisieren, weil es Menschen sind, so könnten auch Rechtsradikale ihre Gewalt gegen „Überfremdung“ und den Horror vaccui zwischen ihren Ohren, den sie sich mit Kot aufgefüllt haben, rechtfertigen. Also lieber „Gewalt ist Mist, egal wer es ist“? Und erstmal alle Scheiße finden, die nicht mindestens so gewaltfrei sind wie Beate Zschäpe? Katzenstreicheln und so? Aber nur ganz sanft, sonst tut das den Zecken weh.

Lieber Antifa vorm Haus als der Nazis im Dorf.
Die Sache ist nämlich die: Polizei, Staat und Demokratie können Steine und Mollis aushalten, die auf sie geworfen werden, können die harsche Kritik ertragen und es besser machen. Die Demokratie übersteht das alles. Sie kann und muss wehrhaft sein, damit es ihre Bürger nicht sein müssen. Aber die einzelnen Menschen, auf die Nazis einprügeln wollen, die ertragen keine Steine und Schläge. Die ertragen nur unsere Hilfe. Dass diese manchmal auch radikaler sein muss, als dass ich damit gut schlafen kann, ist etwas, womit man leben muss.

Schlimmer wäre es aber, damit zu leben, wenn niemand geholfen hätte.
(Wie so so unglaublich oft.)

Ergänzung:
Oder wird er oder sie [der_die Nazi] sich dadurch vielleicht noch mehr radikalisieren und noch mehr Hass aufstauen, den er oder sie dann an Ausländern, Linken, Homosexuellen oder Geflüchteten oder sonstwem rauslässt?

Das ist eine ganz heikle Vorstellung. Denn sie unterstellt, dass der Widerstand gegen Nazis diese radikalisiere, und somit Menschen, die sich gegen Nazis wehren, eine (Mit)Schuld an deren Radikalisierung tragen, oder kurz: Wegen der Antifa gibt’s so viele Nazis!!!1

Man muss also nur die ganzen, pösen Antifanten endlich einsperren, dann gibt es auch keine doofen Nazis mehr!!!11 …. I can’t even

Öhm. Gegenthese: Jeder Nazi, der damit beschäftigt ist, vor einem autonomen, gewaltbereiten Linksradikalen wegzulaufen, hat keine Zeit eine Homosexuelle zu misshandeln.

Und warum ich mich jetzt vor steinewerfenden Autonomen distanzieren muss, aber die SPD nicht von Kriegseinsätzen und Waffenlieferungen in alle Welt, verstehe ich auch nicht. Obwohl: Die SPD hat das tatsächlich unterstützt. Ich will nur keinem Menschen vorschreiben, wie sie_er seine Umwelt gemeinsam mit anderen gestalten möchte – außer, es schränkt andere darin, dies ebenso zu tun.

Nachbar, erbarme dich unser.

[Dezember 2015]

Es ist wieder die Zeit der Lieferungen. Ich habe ein großes Irgendwas, eingeschlagen in Papier, und versuche es loszuwerden an der darauf angetackerten Adresse.

Altpapierfest

Klingeln, klingeln, klingeln. Das Haus liegt dunkel da. Niemand öffnet. Seufzen. Warum muss die Zeit, in der die meisten noch arbeiten oder einkaufen gehen, sich so überschneiden, mit der Zeit, wo alle etwas ausgeliefert wissen wollen? Wo sind die Daheimbleibenden, bereit etwas entgegenzunehmen?

Ich blicke mich um. Welches Haus sieht aus, als würden dort Menschen wohnen. Normalerweise versuche ich das nächste auszuwählen, aber damit ging ich auch schon schwer an. Rekord bisher: 500 Meter Weg und alle Häuser im Umkreis abgeklingelt. Alle. Niemand da, oder schlimmer, „Ne, für die können wir das nicht annehmen.“ Oft erkennt man es am Alter: Menschen über 40 sind meistens hilfsbereiter als die 30-jährigen, ab 60 wird die Hilfsbereitschaft dann wieder sehr gering. Damals nahmen das schließlich Leute direkt gegenüber an, deren Klingel ich auch schon hoffnungsvoll betätigt und bewartet hatte, die sich mein Trauerspiel von oben betrachteten und letztlich doch erbarmten.

Jedenfalls ist es heute kalt und ich blicke mich um. Als wäre die Welt letzte Woche ausgestorben und ich wäre ein Geist, der Dinge in Papier abliefern muss, um endlich Ruhe finden zu können. Ich laufe wahllos in eine Richtung, kontrolliere: Kann man von diesem Fenster aus das Licht im Zielhaus sehen? Oh, ein Mensch! Hallo, hallo; entschuldigen Sie bitte die Störung, ich habe hier eine Lieferung für dieses Haus, allerdings ist dort niemand anwesend. Weder in der noch in einer der anderen Wohnungen. Könnten Sie diesen [Ding] entgegennehmen? Er blickt mich an. Ja, ok. Die sind vielleicht in der Schweiz.

Schön, dafür bin ich hergekommen. Um zu hören, dass die Empfänger nicht im Land sind.

Nungut, immerhin bin ich das Papiermonster los. Nächster Schritt: Hinweiskarte in den Briefkasten werfen. Hinweiskarte… Hinweiskarte…. fuck. Ich muss die verloren haben. Zurücklaufen und suchen. Etwa auf der Hälfte der Strecke liegt sie dann: Ich schnappe sie, fülle sie so unleserlich ich nur kann, aus, werfe sie ein, und ziehe unzufrieden ab.

[…]

Entweder muss der Einzelhandel aussterben und wir sind alle nur noch daheim – (Allgemeines Aufatmen aller Introvertierten) -, oder wir lassen den Lieferbullshit einfach wieder. Aber beides funktioniert nicht.

Nazis klatschen (2)

[Früher Entwurf. Aus Transparenz-Gründen ungelesen veröffentlicht. Spätere Version hier.]

***

https://www.facebook.com/ichwillanonymbleiben/posts/1106904986008523

https://www.facebook.com/black.mosquito/photos/a.289243594514694.56601.289238807848506/749768168462232/?type=3&theater

http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/05/12/ziemlich-extrem/

***

Ich bin kein Freund von Gewalt. Ich hasse es, zu hören, dass wieder mit Dingen geworfen wurde. Dass Dinge gebrannt haben. Ich verabscheue die Bilder von angezündeten Autos und wie kippelnde Tische zu Farbbeutel-Anschlägen hochgekocht werden. Fliegende Steine und Krawalle schaden dem Ansehen einer politischen Richtung. Und sie sorgen dafür, dass manche Menschen das Bedürfnis haben, ihre Solidarität aufzukündigen.

Linksextreme Gewalt sei so schlimm wie rechtsextreme Gewalt. Und staatliche Gewalt (Monopol) in Ausübung durch gemeinschaftlich finanzierte, teils gepanzerte, bewaffnete und im Kampf ausgebildete Einzelpersonen (Polizist_in) sei immer gerechtfertigt. Gewalt sei aber natürlich keine Lösung. Barbara, die wir alle schätzen für angeklebte Plakate, fragte kürzlich:

Kann ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest gegen Rechtsextremismus, der von einer breiten Mehrheit getragen wird nicht auch eine schlagkräftige Waffe sein?

Ja. Aber ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest benötigt unglaublich viel Zeit und Organisationsaufwand. Die breite Mehrheit ist träge und bleibt lieber daheim (und wählt CDU). Sind sich alle einig, bleibt der Protest oft klein. Gibt es breite Bündnisse, so sind auch Menschen dabei, die radikalere Ziele verfolgen. Und selbst wenn viele sich friedlich einig sind: Spontan geht solcher kreativer Widerstand nicht. Zu oft aber müssen spontan Menschen beschützt werden, muss spontan eingegriffen werden, wenn Nazis sich versammeln, um schlimmstes zu tun. Wenn man, nachdem bereits Menschen getötet, verbrannt oder verprügelt wurden, ein paar Lichter aufstellt, mag das gut fürs Image des Ortes sein. Den Opfern der rechten Gewalt hilft es wenig.

Wenn jemand präventiv „Nazis aufs Maul“ haut oder „Nazis klatschen“ geht, was genau bringt das eigentlich?

Mir sind keine Fälle bekannt, in denen präventiv Nazis verprügelt wurden. Auseinandersetzungen, auch gewaltsame, sind auch mir bekannt. Aber denen gingen immer Provokationen voraus. (Was das nicht entschuldigt). Die zitierten … Parolen sind dabei aber genau so ein bunter, lautstarker und kreativer Protest, den Barbara fordert. „Nazis klatschen“ referiert auf einen Aufkleber des Black Mosquito Mailorder. Darauf ein_e Autonome_r in schickem Schwarz, in der linken Hand eine Fliegenklatsche und vorm verhüllten Gesicht eine verspiegelte, rote Sonnenbrille. Das ganze mutet befremdlich an. Wie eine Zecke oder ein Insekt? Vielleicht. Einer, all jene klatschend, die sich von brauner Scheiße angezogen fühlen? Möglich. Jedenfalls offensichtlich nicht ernst gemeint. Darüber in roter Schrift die Parole: „Nazis klatschen“. (Völlig unzusammenhängend dazu Koljah: „Ich komm‘ mit Fliegenklatsche / Zu eurer Messerstecherei; ich bin der Herr der Fliegen“ („Antilopen Gang: Kunst“)). Darin eine Gewaltaufforderung zu sehen, halte ich zumindest für fragwürdig.

Anders ist es vielleicht mit „Nazis aufs Maul“, vor allem als Graffiti mit davor posierenden Autonomen. Ist da eine Aufforderung, Menschen mit nationalistischem Hintergrund, zu schlagen? Nein. Es gehört zu dem, was die Punkband Fahnenflucht in ihrem Titel „Gewalt“ beschreiben: Ein sich vorbereiten, für den Notfall, auch zu diesem Schritt – dem Anwenden von Gewalt zur Verteidigung oder dem Schutz von Menschen -, bereit zu sein, auch wenn man Prügel einstecken muss. „Doch wenn ichs mir recht überlege / lieg ich lieber im Krankenhaus, / denn ein Leben voll Scham und Zweifel / halte ich bestimmt nicht aus.“ (Fahnenflucht: Gewalt. In: Ders.: Beissreflex. 2004)
„Nazis aufs Maul“ ist eine Selbstbestärkung, bereit zu sein. Es ist ein Aufruf, es Nazis so schwer zu machen, wie es nur möglich ist. Auch, wenn man sich damit vielleicht Repressionen aussetzt (Anklagen, Polizeischläge, etc.) oder im Krankenhaus landet. Nicht bereit zu sein, auch „Nazis aufs Maul“ zu geben, wenn die Umstände es verlangen, bedeutet, diesen den Freiraum zu überlassen. Überwinden sie die Hürde, die wir ihnen gewaltfrei in den Weg zu stellen fähig sind – und diese Hürde ist sehr gering, solange sich alle an Recht und Gesetz halten -, können sie frei und unbeschwert gehen.

Ich will nicht in einem Viertel wohnen, in dem Nazis freier herumlaufen können als alle anderen. Ich will nicht vor die Tür gehen müssen und rechte Parolen an den Wänden haben. Was viele Antifaschist_innen machen, ist, den Hass von Nazis auf sich zu lenken. Sie kämpfen diese Kämpfe, damit wir das nicht tun müssen. Gewinnen sie? Vermutlich nicht. Aber jede Nacht, in der eine Scheibe eines Büros der Linken eingeworfen wird, ist eine Nacht, in der keine Zeit bleibt, auf Fremde einzuprügeln. Die Antifaen, die sich auch gewaltbereit in den Weg von Nazis stellen, mögen an deren Radikalisierung mitwirken – aber sie radikalisieren Nazis hauptsächlich gegen Antifaschist_innen. Das bedeutet letztlich: Der Fokus der Löwen verlagert sich auf jene Antilopen, die darin geübt sind, nicht gefressen zu werden.

So, dass wir Unbehelligten sorgenvoll über Gewaltlosigkeit diskutieren können.
Wie sehr die Pflastersteine uns doch schaden würden.

Ich werde mich nicht entsolidarisieren, nicht distanzieren. Das Prügeln, die Steine, lehne ich ab. Die Menschen, die dahinter sind, verdienen die selbe Würde und Wertschätzung wie jede_r von uns.

[…]

An der Stelle kommt dann noch irgendwas mit Antikapitalismus und brennenden Autos und so. Ich zitiere mal einen anderen Aufkleber BM:

Sie sagen Steine sind keine Argumente und schlagen mit Knüppeln, bomben und baggern, vergiften mit Chemie, verseuchen mit Atom, Töten in Gefängnissen. Sie haben recht, Steine sind keine Argumente. Steine sind erst zögernde Versuche uns zu artikulieren, in der einzigen Sprache die sie verstehen.

Und es ist irgendwie, was Slime oder die Scherben sagen: Gewalt ist bereits da und Unterdrückung findet statt. Jene, die diese Unterdrückung zu verteidigen haben – Polizei, Staatsanwaltschaft, Militär – sind stark genug, auch Widerstand auszuhalten. So, wie die Antifa Schläge einsteckt, die uns allen gelten, kann die Polizei es aushalten, wenn Steine fliegen und Mülltonnen brennen. Die Frage ist, ob wir es aushalten können, wenn Menschen brennen.

[…]