Oh oh oh das tut weh, Wenn ich Dich und deinen Kinderwagen seh‘

[…]

Um mich herum hat man jetzt Kinder. Langsam drehen sich die Mehrheitsverhältnisse. Hatte bisher die eindeutige Mehrheit meiner Bekannten und Freunde keine Kinder, gerate ich nun kriechend auf den Knien in ein Alter, in dem die Frage nach den Kindern für eine Mehrheit mit „ja“ beantwortet wird, obwohl die selbigen Menschen vor nur wenigen Jahren noch „Niemals“ geantwortet hatten und vor wenigen Jahren mehr die kollektive Meinung dies als Empfehlung aussprach. „Er*sie ist doch selbst noch ein Kind“ hieß es da von angeheirateten Wahlverwandten und unverwandten Erstwähler*innen gleichermaßen. Daran, also dem Kinderzuwachs, liegt nur zum Teil der Alkohol und persönliches Sendungsbewusstsein durch die zu engen Hosen der Kinderzeugenden, sondern zum anderen und größeren Teil eine derartige Verbundenheit zwischen Beziehungsträger*innen, die zu ungeschütztem Verkehr – also ohne Gurt, Airbag und Ritterrüstung -, die in der gemeinsamen Übernahme der Verantwortung für ein Kind – noch dazu ein selbstproduziertes – ihren Ausdruck – oder Auswuchs? – findet.

Als Kinderlose*r hat man das persönliche Unglück, nicht aufgrund eigener Kinder zu beschäftigt zu sein, um über die fremden Kinder und die Gebräuche der Eltern zu urteilen. Ich ziehe dann meine Richterrobe an – denn hier herrscht schließlich Recht und Ordnung -, nehme meinen Spielzeughammer und die Perücke und lächele die Eltern und deren Plagen freundlich an. Aber meine Thesen passen an keine Kirchentür. Ich weiß nichts, ich weiß es nur besser.

[…]

Überhaupt: Im Kampf mit den jungen Eltern gilt wie immer: Direct Action Gets Satisfaction. Daher schmuggele ich lautes Spielzeug, DDR-Kinderbücher oder Ausgaben der Biografien von Brecht und KPD-Mitgliedern in die Revolutionären Zellen der Elternhäuser. Hierbei lohnt sich auch die Neigung so mancher Halbstarker, nachzuplappern, sehr gut dafür, einige angemessene Aktionen und Reaktionen unterzubringen. Du glaubst ja nicht, was man denen alles so beibringen kann.

Zugegeben, die kleineren lassen sich bei Sitzblockaden noch wegtragen, aber ihre Fünf-Finger-Taktik zur Umfließung der elterlichen Repressionsorgane ist schon sehr gelungen. Am besten gefällt mir natürlich die Aussageverweigerung, die sie konsequent (wie Anna und Arthur) durchsetzen, auch wenn die elterliche – gleichgeschaltete! – Justiz mit verbotenen (!) Kollektivstrafen zu reagieren versucht. Aber auch da hilft nur Solidarität, insbesondere auch Gefangenenbefreiung, wenns mal Hausarrest gibt. Dazu einige mit den kleinen einstudierte Parolen:

Klar hat Mama und Papa beide Kinder gleich lieb, höhö, aber eigentlich wird immer ein Kind besser behandelt als das andere. Hier ist Solidarität gefragt: „Gegen Ausbeutung & Spaltung – Kollektive Selbstverwaltung!“ Wenn ungerechtfertigt viele Aufgaben übernommen werden sollen: „Nie, nie, nie wieder Hausarbeit!“ Die Kinder haben keine Lust zu baden? Die Losung lautet: „Wir sind dreckig und wir stinken wir sind die bösen Linken!“ Wenn sich die Sommerferien dem Ende nähern und die kollektiv-gelebte Zeit-Verblödelung plötzlich höheren Bildungsidealen weichen sollen, rufen die Kinder meiner Freunde aus voller Kehle: „Wir sind hier, wir sind laut – weil man uns die Freiheit klaut!“ Ohnehin sind die Zeiten bei schönem Wetter im Garten das schönste – selbst wenn sich die Nachbarn über den Lärm beschweren mögen („Aufruhr, Widerstand – Es gibt kein ruhiges Hinterland!“). Auch die Bettgehzeiten bieten seit meinem letzten Besuch ein höheres Unterhaltungspotenzial, seit die Kinder ihre Handymusik aufdrehen und bei wieder eingeschaltetem Licht „Tanzen, tanzen wir sind Emanzen!“ ihren gerontokratischen Unterdrücker*innen entgegnen.

Und überhaupt, schon vor der Einschulung: Klassenkampf!

[…]

Ich entschuldige mich für die dummen Witze.

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