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Neulich, an einem kalten Sommerabend stand ich vor einem 1970er-Jahre-Bau, der in seinen Formen und Farben und Denken eine neue Form von Universität ausdrücken wollte und heute wieder zunehmend doch eigentlich überwundene Denken beherbergt, und warf in ein fremdes Gespräch einen Gedanken ein. Er lautete: Leute besuchen Webseiten für den Scheiß, auf den die Leute Bock haben, die schreiben. Weil Liebe. Eine der Personen, die das primäre Gespräch führten, in welches ich so unsanft eingedrungen war, berichtigte meine gefühlte, mit einer nachprüfbaren Wahrheit. Wer Leser will, braucht Klicks, braucht Meldungen. Wir wollen die aktuellen Pressemeldungen sehen, wollen wissen, welche Alben rauskommen, wie die Titel darauf heißen, welche neue Single diese oder jene Künstler*in hat. Wer Leser will, braucht Masse. Und dafür braucht es – auch – Clickbait. Ein Gleichgewicht des Schreckens, um nicht abgehängt zu werden. Das große, aufwendige Think-Piece über die slowakische Punk-Band, welche 1968 gegen die sowjetische Besatzung anschrie, liest niemand. Und auch ich, der ich mich zu gerne einer imaginierten Intellektuellen-Kolchose zugehörig fühle, öffne diese Artikel nur und lese sie dann nicht. Dabei gab es ja diese Chance. Mit quote.fm. Dass alles besser würde und wir Texte empfehlen, weil sie gute Inhalte haben. Oder zumindest zitierfähig sind. Wurde dann aber nix.

Irgendwie stimmt das aber nicht. Denn was über die Bildschirme flattert, ist größtenteils konsumierbar und zugänglich. Warum sollte es auch anders sein. Zwei Stunden auf Twitter bieten mehr Höhen und Tiefen als ein kritisch geschätzter und für mein Leben vielleicht nützlicherer Bildungsroman. Aber ich möchte ja den aktuellen Witz über die politische und moralische Katastrophe, welche sich als unsere Gegenwart realisiert, nicht verpassen. Die Realität zu ignorieren oder gar direkt, und nicht als kommentierte, vorsortierte Wirklichkeit zu konsumieren, oder gar, mitzuerleben, langweilt. (Tut es das?)

Ich muss mich nicht mit Gefühlen oder meinen eigenen Gedanken – oder auch nur, was ich will – auseinandersetzen, weil immer Kommunikation da ist, immer Ablenkung, immer jemand anders oder etwas anderes, was entscheidet. […]

Twitterthread aus 2018, vermutlich

Ich arbeite nicht journalistisch, und auf Twitter auch nicht wissenschaftlich. Aber ich prokrastiniere und lese im Internet und schaue Videos über Dinge und es frustriert, weil so schnell Behauptungen aufgestellt werden, die nicht belegbar sind.

VOX berichtet in einem Video über die „Firehose of Falsehood“-Methode russischer Propaganda die darauf beruht, – salopp – Medien mit so vielen Falschinfos zuzuscheißen, dass diese nicht mehr nachkommen. Ob diese Sinn ergeben ist dabei egal. Als Nicht-Politikwissenschaftler erscheint mir das erstmal recht einleuchtend mit der Diskussion um Filterblasen usw. usf., auch wenn hier „Propaganda“ nicht durch Regierungsapparate geschieht, sondern durch Individuen.

Irgendwas vom geworfenen Schmutz bleibt kleben. Und es wird – gefühlt – gerade sehr viel Schmutz geworfen. So wiederholt die AfD-Bundestagsfraktion den Erfolg der furcheinflösenden, aber aufgebauschten, XY-Einzelfall-Karte – zu welcher der großartige Shaun ein Video gemacht hat – mit einer Karte über die angebliche „Messermigration“. Und mein Problem ist: Ich kann mir jetzt 5 Stunden meines Lebens wegnehmen und Beweise suchen, dass da zwar Fälle drin sind, in denen tatsächlich Menschen von anderen Menschen, die geflüchtet sind, mit Messern getötet oder verletzt wurden, aber der Schluss „Die kommen alle um uns abzustechen“ und „Wir gegen die“ sehr sehr blödsinnig ist.

Von den 575 Einträgen auf der Google-Karte steht bei 274 „Täterherkunft nicht bekanntgegeben“ (laut Suche). Bei einer – sehr oberflächlichen, wie gesagt, unwissenschaftlich/unjournalistischen – Durchsicht fällt – mir – vor allem auf, dass das versuchte Narrativ – Gewalttäter kommen hier her und töten Deutsche – nicht hält. Viele Meldungen berichten von Konflikten zwischen Geflüchteten. Andere wie diese – https://www.welt.de/vermischtes/article181335238/Duesseldorf-23-Jaehriger-nahe-der-Koenigsallee-niedergestochen.html … – berichten von Angriffen auf türkische Mitbürger am Abend einer rechten Demo (laut Polizei kein rechter Hintergrund). Wenn ich die Karte angemessen betrachten würde, mir die 5 Stunden Zeit (weg)nehmen würde, könnte ich danach sagen: „Meine These, dass das Angstmache ist, lässt sich anhand dieser und jener Punkte beweisen“. In den 5 Stunden, die ich damit verschwendet hätte, hätten andere Gruppen aber weitere – vermutlich – Lügen verbreitet. Eigene Projekte stagnieren dann.

Zugleich muss ich mich aber Fragen, welche Lügen ich durch Wiederholen und Akzeptieren verbreite, welcher Propaganda-Maschine – oder eher Propaganda-Kolchose – ich eigentlich angehöre? Die, welche Klimawandel als noch zu lösendes Problem ansieht? Die, welche Rechtsextremismus als schädlich betrachtet? (Man muss auch mal die Perspektive der Beherrschenden einnehmen!!!1) Jene, die Demokratie als unsere Gesellschaftliche Ordnung inszeniert und nicht die diverse Unterdrückungsmechanismen als solche ansieht?

Und dann wieder: Wo führt das hin, wenn die Kollektivisten der Menschenrechts-Propanganda-Kolchose zweifeln und die Rechte-Menschen-Propaganda-Industrie einfach produzieren? Der Markt regelt das dann. 

Also: „Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Dass er für den Kommunismus kämpft.“ (Brecht/Lenin)? Ich tue mir da schwer. Zu schwer, vermutlich. Vielleicht auch, weil mein Ziel nicht „Deutschland den Deutschen“ oder „Weltrevolution!“ ist, sondern so… mal auf’m Sofa sitzen und draußen verhungert niemand und niemand muss Angst haben, dass morgen der Faschismus ausbricht oder die Welt untergeht.

Am Monatsende lässt die Konzentration nach.

20 euro schiff
Wie oft denkst du eigentlich am Tag an Geld? Wie oft schaust du traurig in deinen Geldbeutel? Wie oft klickst du dich in dein Girokonto? Sind wir nicht umgeben von Preisschildern? Eingekesselt von Angeboten? Wenn ich vergleiche, wie präsent das Geldthema ist, und wie egal dagegen der Kampf gegen *Ismen, gute Musik oder – ja, manchmal auch – manche Studieninhalte sind, wird es mir ganz flau im Magen.
Die Fünf Minuten vor der Tagesschau gehören der „Börse vor Acht“. Jeder von uns finanziert dies Sendung mit … ja, ich muss es nicht mal mehr ausschreiben. Die „Demokratieabgabe“ geht – auch – für Börsennachrichten drauf. Dabei haben lediglich 3,4 Millionen Bundesbürger überhaupt Aktien (Stand 2010).
Alles hängt irgendwie zusammen. Der Mensch ist ein Assoziationstier. Was gesagt wird, was wir hören, riechen, denken, beeinflusst unsere Wahrnehmung und unser Verhalten, wie fefe nebenan schreibt. Unter anderem erzählt er von einer Studie, die testete, wie Menschen unter dem Eindruck bestimmter Wörter ihr Verhalten ändern. „Wenn man Probanden mit der Idee von Geld konfrontiert, auch wenn das nur am Rande geschieht, dann werden sie selbständiger, weniger hilfsbereit und halten unbequeme Tätigkeiten länger aus.“
Das Worte „triggern“, uns also beeinflussen können, selbst wenn sie nur beiläufig fallen, wissen feministische Blogs schon länger und warnen deshalb vor bestimmten Inhalten. Um nicht mit der Triggerwarnung schon zu triggern, werden Worte verschlüsselt oder mit Sternchen zensiert.
Was ich mich frage, ist, ob unsere Gesellschaft, wie sie jetzt ist – mit Geldnachrichten, sexistischer Werbung und Gedankengut nicht eine noch schlimmere Gesellschaft „herbeitriggert“, uns durch unseren natürlichen Assoziationsdrang zu Arschlöchern und Menschenfeinden macht. Und jeder, der diesen Umstand anprangert und sich dagegen zu wehren versucht, der triggert doch nur noch mehr dieses Denken.
Man könnte meinen, das sei alles nicht so schlimm. Aber die Themen sind seit Jahrzehnten gleich. Wenn bei der Mädchenmannschaft ein Brief Kurt Cobains veröffentlicht wird, der ziemlich viel dessen kritisiert, was mich und vielleicht auch dich heute auch noch ankotzt, dann ist das kein Zeichen für Cobains Weitsichtigkeit, sondern eher dafür, wie wenig wir wirklich voran gekommen sind seit damals. (Und Network von 1974 muss auch nicht mehr erwähnt werden.)
Die Mittel wären dabei heute wie damals gegeben. Cobain schrieb: „Wir können in der Maske des Feindes die Mechanismen des Systems infiltrieren, um es von innen heraus zu zersetzen. Das Imperium sabotieren, indem wir so tun, als spielten wir ihr Spiel mit. Gerade genug Kompromisse machen, um sie bloßzustellen.“
Doch: Was sind genug Kompromisse? Dass wir Masken tragen, an deren Verkauf Time Warner verdient? Das wir Musik hören, die uns aufruft, unseren Job zu kündigen und eine Revolution zu starten, unterbrochen von Spotify-Werbung? Ich will eine bessere Welt. Ich will eine gerechtere Welt für alle. Ich will, dass uns Finanzthemen nicht mehr daran hindern, Menschen zu sein. Ach…
Die Welt wäre ein besserer Ort wenn die Fünf Minuten vor der Tagesschau mit Katzencontent gefüllt werden würden.