Muss ich jetzt vor dir auf die Knie fall'n weil du einen Blog betreibst?

Nein.*


* Leute, die Blogs ernst nehmen glauben auch, dass das, was in der Bildzeitung steht, vernünftig recherchiert und mit journalistischer Sorgfalt aufbereitet wurde. Leute, die Blogs ernst nehmen, glauben auch, dass Illoyal solche triggernde, sexistische Kackscheiße ernst meinte (Titelfrage ist aus diesem… „Lied“). Leute, die Blogs ernstnehmen halten auch die ungewaschenen „Propheten“, die einem in Großstädten täglich den Weltuntergang prophezeien für vertrauenswürdig. Nein, ernsthaft: Blogger äußern Ihre Gedanken und Meinung. Niemand muss darauf hören. Das ist lediglich Dialog. Dialog, der gut sein kann, Dialog der einen ankotzt und nervt (wie oben erwähntes „Lied“), Dialog, der nichts bewirkt oder die Welt verändert. Es wird nie soweit kommen, dass wir ein Bonus-System erhalten, weil wir unsere Zeit dazu verschwenden, zu denken. Bloggen ist toll, ja, aber außerhalb der Blogosphäre sollte niemand auf uns hören, nur weil wir Blogger sind. Deswegen ist die ganze Diskussion in unserem Land auch ziemlich müßig. Niemand argumentiert, jeder versucht nur mit seinem Status und seinem Visitenkärtchen seine Ideen durchzusetzen. Niemand sollte auf die Blogosphäre hören, nur, weil es die Blogosphäre sei. Ebenso, wie kein Politiker auf das Gerede und Geschimpfe vom Stammtisch hören sollte (CSU, I’m looking at you!). Deshalb: Nein. Niemand muss mich hier ernst nehmen oder vor mir auf die Knie fallen. Jeder ist gleichberechtigt und alles, was irgendwo im Internet oder sonstwo gesagt, geschrieben oder gedacht wird kann man diskutieren, kritisieren und überdenken. Das hier übrigens auch.

Noch Akku für 17 Minuten.

Mein Zimmer hier ist nicht groß. Es ist groß genug, aber nicht das, was die meisten Leute unter „groß“ verstehen. Irgendwo im Notizbuch müsste ich eine grobe Zeichnung des Zimmers haben und berechnen können, wie groß es ist… Moment… 5,20 mal 2,40 m … das sind… knapp 12 Quadratmeter… das Volumen rechne ich jetzt aber nicht aus… Egal…
Jedenfalls. Ich sitze an der Heizung, höre ihr zischen und lasse durch die unverdeckten Fenster die Nacht hereinschleichen, wie ein willkommener, alter Freund. Der Computer, in dessen Tasten ich tippe, steht abwechseln auf meinem Schreibtisch, meinem Schoß und langsam aber sicher geht sein Akku-Ladezustand dem Ende entgegen. Noch 14 Minuten. Aus Erfahrung weiß ich, dass er am Ende nie so lange durchhält. Meistens ist schon bei „noch 5 Minuten“ ein Schwarzer Bildschirm. (Deichkind wäre das peinlich). Das Ladekabel liegt drüben, beim Sofa, steckt in der Wand und wartet nur darauf, den schwachen Akku meines Computers in die elektrischen Arme zu schließen. Jungchen, jetzt wird alles wieder gut. Mama peppelt dich schon wieder auf. Aber trotzdem liegt das Ladekabel am anderen Ende des Raums und ich sitze an diesem. Eine unendliche Strecke. Ich habe das Gefühl, ich müsse zwei Hobbits darum bitten, mich auf dieser langen, gefährlichen Reise zum Ladekabel zu begleiten. Eigentlich liegt nichts im Weg. Ich müsste nur rübergehen. Mich aufs Sofa setzen und das Ladekabel einstecken.
Und trotzdem sitze ich hier und schreibe meinen Text darüber, wie es zuende geht. Wie ich auf das Ende warte. Es kommen sehe. Spüre, wie es sich nähert. Wie ich wieder getrennt sein werde von der unendlichen Online-Welt und … ich fühle mich verloren. Ich kenne den Ausweg. Ich weiß, was zu tun ist. Trotzdem warte ich. Warte hier. Warte auf den schwarzen Bildschirm, der meine Gedanken unterbricht und mich so zwingt, irgendwann den Schritt zu tun. Irgendwann… diesen Text… abzuschicken.
Oh. Die Fehlermeldung. Blablablah. Reserve-Batteriestrom. Wird in Ruhezustand versetzt. Als wäre mein Computer ein Entführungsopfer. Selbstverständlich geschieht das nur „um die Daten zu schützen“. Aber … mit Terroristen verhandeln wir nicht.
Also warte ich ab. Warte. Schreibe. Denke nach. Und warte weiter. Der schwarze Bildschirm kommt. Noch 7 Minuten.

Ich könnte dir Recht geben, aber dann längen wir beide falsch.

    Und jetzt zu Euch, liebe Datenmüll-Produzenten, die Ihr Euch „Blogger“ zu nennen wagt: Warum macht Ihr das? Haltet Ihr Euer nebensächliches Leben für so spannend, dass die Menschheit daran teilhaben sollte? Das Web? Ein Drittel der Menschheit, das sind für die Schnellrechner über zwei Milliarden Menschen, hat Zugriff auf das Internet. Ihr versteht, was Ihr mit Euren Blogs anrichtet? Also bitte, nehmt sie offline und überlasst denen das Feld, die wirklich was zu sagen haben. Das Internet soll ja nicht aussehen wie das Nachmittagsprogramm von Sat1.
    Christian Rentrop auf Netzwelt.de am 14.07.2005

Zunächst: Es ist nicht fair, einen 7 Jahre alten Text auszugraben.
Meine Tante hat die Bilder aufgehoben, die ich ihr als Kind schenkte. Es sind krakelige Buntstift-Schauerstücke, die bestenfalls Ressourcenverschwendung sind, schlechtestensfalls Beweis meiner mangelnden Malfähigkeiten. Auch heute bin ich nicht gut darin. Kritzele, wenn überhaupt. Ich bin auch kein besonders guter Schreiber, habe keine interessanten Themen, komme nicht schnell genug auf den Punkt. Ich produziere auch keine großartige Fernsehserie, schreibe kein Romane und ich bin auch – um ehrlich zu sein – kein guter Student.
Und?
Hier ist er, der Punkt: Schlecht ist völlig in Ordnung. Ein mieses Blog damit zu füllen, dass man von seinem Familienleben berichtet, ist ok (sofern die Familie das ok findet). Das Internet ist keine Stadt und selbst in der Kleinstadt gibt es Ecken mit dummen Schmierereien, schlechten Graffitis und kaputten Glasflaschen. Das gehört einfach dazu.
Bevor ich der beste Schwimmer der Welt werden kann, muss ich erstmal das Schwimmen lernen. Gleiches gilt fürs Schreiben, für jede verdammte Arbeit, für Handwerkstätigkeiten, fürs Putzen, fürs … ja, genau… fürs Bloggen. Ich weiß, dass das hier, was ich tagtäglich verzapfe zu 99 % großer Müll ist. Ich weiß das besser als Sie. Stört es mich? Nein. Ich mache weiter. Ich schreibe solange weiter, bis ich richtig gut darin bin – oder keine Lust mehr darauf habe.
Wer könnte mir das verübeln? Und, unabhängig davon: Wer entscheidet denn, wer wirklich was zu sagen hat? Wenn die Idioten aufhören, müssen sich die Schlauen nicht mehr anstrengen. Wie wäre also ein Internet, in dem es nur Sascha Lobos und Netzwelt.de gäbe? Nun. Es wäre scheiß langweilig. Nicht, weil wir tatsächlich die ganzen Kochblogs vermissen würden oder so einen Müll wie diesen hier, aber es würde dennoch etwas fehlen. Genauso, wie etwas fehlen würde, wenn die Parteien, die ich für unnötig halte, nicht mehr gewählt werden dürften. Oder wenn die Menschen, die ich nicht mag, nicht mehr vor die Tür dürften. Wer fordert – selbst nur aufs Internet bezogen und nur im übertragenen Sinn -, dass Leuten, die nichts wichtiges zu sagen haben, die Stimmbänder entfernt werden, der fordert ein Ende einer lebenswerten Gesellschaft und letztlich eine Oligarchie. Daneben sollte niemand sicher sein, dass ihm nicht auch der Mund verboten wird, wenn nur noch „das Beste“ zugelassen wird.

Ein Urheberrecht ist in der nächsten Generation nicht mehr tragbar.

Heute stritt ich mich mit der kleinen Schwester eines Kumpels, weil sie ein Zitat Richard Wagners bei Facebook als Status veröffentlichte, ohne Herrn Wagner auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Als ich sie – unsachlich, wie immer – darauf hinwies („Guten Tag Herr Wagner“), kam es zu einer „Diskussion“, die mich nachhaltig verunsichert und noch verunsichern wird. Ich zitiere daraus:

    Ich: „Aber was bitte wäre so schlimm daran, wenn du der Person, von denen diese Worte stammen, tribut zollen würdest?“
    Sie: „ja ich kanns gern noch machen“
    „Aber warum machst du das nicht von anfang an?“
    „häääääääääääääääääääääääääääääääääääääääää
    oh gott ist das jetzt so weltbewegend schlimm“
    „JA! ES IST SCHLIMM! Du tust so, als ob dir eine Tiefe innenliegen würde, die du von jemand anders gestohlen hast.“

Ich gebe gerne zu. Ich selbst gehe ebenfalls sehr lasch mit dem Urheberrecht um. Ich selbst störe mich nicht daran, wenn meine Texte teilweise ganz re-veröffentlicht werden. Ich würde wohl, entgegen der Meinung der Musikindustrie, ein Auto herunterladen. Aber dann gehört es sich doch, anzugeben, dass es nicht von mir stammt. Ich veröffentliche hier auch keine Goethe-Texte und tue, als seien das meine eigenen. Ich formuliere es anders: Der Remix ist erlaubt und gewollt, aber er bedeutet nicht, dass ich behaupte, etwas sei meines, was nicht meines ist.
Ich bin ehrlich gesagt gerade sehr wütend. Das bewusste Plagiat ist etwas, wessen meine Generation sich noch schämte. Für unseren kleinen Geschwister ist der offene Diebstahl, das Copy-Pasten ohne Quellenangabe Alltag.
Offenlegung: Ich erwähne ihren Namen hier nicht, trotz Zitat, weil diese Worte in einem privaten Umfeld fielen. Sie dient hier als Sinnbild ihrer Altersgenossen. Ihr selbst kann ich keinen Vorwurf machen. Von wem hätte sie es denn lernen sollen.

Es gibt keinen Frieden zwischen Frühaufstehern und Wachbleibern, weil einer der beiden den Friedensschluss immer verschläft.

Dies Diskussion gibt es zurecht immer wieder: Nutze ich den Tag besser, wenn ich früh aufstehe oder lange wach bleibe? Beides hat seine Vor- und Nachteile. Vor allen Dingen wird eines der beiden Alternativen gesellschaftlich besser anerkannt.
Die lange Nacht hat ein Imageproblem
Niemand würde auf sein Straßenschild schreiben „Land der Wachbleiber“, ein Werbespruch wie „Land der Frühaufsteher“ wird aber tatsächlich von Sachsen-Anhalt verwendet. Weil diese Umfragen zufolge schon um 06:39 Uhr aufstehen. Der Durchschnittsbundesbürger ist 9 Minuten ausgeschlafener.
Mit frühem Aufstehen wird Arbeitsamkeit assoziiert, während Menschen, die lange wach sind als seltsam dastehen. Der Schlaf nach Tageswechsel, behauptet der Volksglaube, sei ungesünder. Mir ist keine wissenschaftliche Studie bekannt, die das bestätigen könnte. Meines Erachtens nach ist der Hass auf die Wachbleiber eine unsinnige und unnötige Diskriminierung. Ob ich besser tagsüber arbeite oder in den Abend und Nachtstunden hängt vor allen Dingen an mir. Keins von beidem ist von vornherein besser und jemand, der bewusst, weil von gesellschaftlichen Normen gezwungen, dann zu arbeiten versucht, wenn er eigentlich besser im Bett läge, ist alles andere als produktiv oder gesund.

Auch in meinem Freundeskreis erklärte mir jemand voller Stolz, was er heute schon alles geleistet habe und betete zugleich runter, wo er überall schon gewesen sei. Ich, da ich bin um die Mittagszeit schlief, nuckelte an meinem Tee und hörte nur so halb zu. Nun – Null Uhr Zweiundzwanzig – bin ich sehr motiviert, diesen Text zu schreiben. Sehr motiviert, E-Mails zu beantworten. Mein Kopf arbeitet ausgerechnet dann gut, wenn andere schlafen.
Größter Vorteil davon: Niemand stört. Versuche ich tagsüber zu Schreiben oder irgendetwas zu erledigen, kommt ständig irgendjemand und möchte etwas von mir. Erst jetzt, wenn die anderen das Bett hüten, habe ich Zeit und Muse, einen Text nach dem anderen zu verfassen, Blogeinträge anderer zu lesen, meine Uniwochen zu planen. Wenn auch der öffentliche Nahverkehr ruht, dann werde ich präsent. Schreibe Hausarbeiten, denke nach und schaffe mehr, als andere oft den ganzen Tag lang.
Ist das falsch?
Nein. Ich kann nichts dafür, wann ich gut arbeiten kann.
Ist das für mich dennoch problematisch?
Ja. Unsere Gesellschaft belächelt nicht nur die Wachbleibenden, sondern zwingt ihnen ihre unsinnigen Regel auf. Die Öffnungszeiten mancher Behörden sind dafür symptomatisch („Mittwochs 8 bis 10 Uhr“). Gerade traditionsreichere Institutionen (wie Universitäten und Schulen) neigen zu einer gewissen Verachtung des Wachbleibens, so, wie sie einst Linkshänder als „falsch“ wahrnahmen. Inzwischen setzen allerdings langsam Verbesserungen ein. Etwa ein langer Donnerstag in vielen Behörden.
Weil wir aber immer noch eine Minderheit sind und die Vorteile der Arbeitsteilung zwischen Tag- und Nachtmenschen noch nicht erkannt wurden, stehen wir noch am Anfang. Zwar fängt der frühe Vogel den Wurm, aber der faule Wurm lebt noch, wenn der fette Vogel schon von der ausgeschlafenen Katze gefangen wird (Frei nach Volker Pispers).
Ob man lieber lange schläft oder früher zu Bett geht, ist einem selbst überlassen. (An dieser Stelle bitte das „Why can’t we have both“-Meme vorstellen. Danke.)