Zoologischer Garten des Jenseits, Ecke Brückenstraße

Gestern hatte sich ein kleines Flugtier in Braun in mein Zimmer geschlichen. Ich lüftete und sah plötzlich etwas um meine Lampe (Regolit, falls es jemand interessiert. Das ist der große, kugelförmige Lampenschirm von IKEA, der mich entfernt an den Mond erinnert und mir deshalb gefiel.) kreisen. Leise, fast unhörbar. Dann bemerke ich den … Falter? Die Motte? Was auch immer es war. Das Tierchen war mit einem leisen Knall gegen das Papier geflogen und ein wenig ins Straucheln geraten. Ich öffnete die Fenster weit. Schaltete das Licht aus und verließ für einige Minuten das Zimmer, in der Hoffnung, das Tier würde angezogen vom Mondlicht nach draußen fliegen.
Nun. Dem war nicht so. Die Nacht über rührte sich nichts. Überhaupt nichts. Als ich morgens aufwachte lag vor meinem Fenster – ausgerechnet vor meinem Fenster – aber ein toter Vogel. Ohne Kopf, mit prächtigem Bauchgefieder mit Punkten und zirka 15 Zentimeter groß. Ich vermute, die Katze, die hier im Haus wohnt, hat den Kopf verzehrt und mir den Rest als böswillige Nachricht hinterlassen. Vermutlich, weil ein Pferdekopf zu schwierig zu beschaffen war und meine Wohnungstüre abgeschlossen.
Jedenfalls weiß ich nicht, was ich tun soll. Den Vogel liegen lassen? Oder irgendwo begraben? Eigentlich ist längst zuviel Zeit verstrichen, als dass ich noch irgendwie angebracht handeln könnte. Ich will ihn nicht in den Mülleimer werfen – schließlich hat das dieses Lebewesen nicht verdient und ich besitze in dem Sinne noch keinen Mülleimer -, andererseits fühle ich mich auch nicht im Stande, dem Tier ein würdiges Begräbnis zu bereiten. Ich kannte es ja nicht und so wirkt es doch nur sehr verlogen.
Ich kann auch niemand darum bitten, es zu tun. Insgeheim hoffe ich, dass einer der Nachbarn – vielleicht der nette Herr mit dem Kind -, den gestorbenen Vogel beseitigen wird. Zum einen hätten diese auch die Möglichkeit, zum anderen auch den Mut, diese Tragödie in die Hand zu nehmen. Vielleicht erscheint auch mein Vermieter morgen, der als Aussenstehender in dieser Situation noch nicht in der Handlungsstarre festgesetzt ist und vielleicht eine Lösung parat hätte.
Als ich dann schlafen gehen wollte sah ich den Falter wieder. Er flog ein Stück, und setzte sich dann auf mein Federmäppchen. Vorsichtig trug ich ihn oder sie zum Fenster. In der Hoffnung, draußen in der Freiheit würde er_sie davon fliegen. Doch er_sie flog nicht. Ich schüttelte ihn_sie ab und habe nun auch seine_ihre Seele auf meinem Gewissen. So, wie auch die Spinne, die hinter dem Vorhang ihr Netz webte – ein kleines Meisterwerk -, und die ich im unachtsamen Lüften vor ein paar Wochen zerdrückte.
Kleine Katastrophen, die Lebewesen den Tod bedeuten, sind doch fast alltäglich. Und trotzdem hasse ich mich für jeden einzelnen Atemzug, den ich verhindert habe.

Print ist tot. Ein Zombie-Jagtbericht.

Briefkästen
Ich gebe es zu. Ich komme aus einem Haushalt mit Tageszeitung. Jeden Morgen gegen Fünf wurde sie uns an die Tür gelegt. Druckfrisch, so dass die Finger schwarz werden und die Buchstaben verschmieren. Als Kind fand ich es immer irritierend, wenn andere eine andere Zeitung lasen oder – Oh Gott! – gar keine abonniert hatten. Inzwischen wohne ich in einer zukünftigen WG-Wohnung allein. Um mich herum wird alles renoviert und die Böden herausgerissen und Steckdosen schmoren durch und Tapete wird heruntergerissen und in großen, blauen Säcken davongetragen.
Sobald dies eine WG ist will ich eine Tageszeitung. Es gehört einfach so. Nur: Wie entscheidet man sich für eine?

Seit ich denken kann liegt jeden Tag auf dem Frühstückstisch das Schwäbische Tagblatt.

Meine Eltern hatten sich das Schwäbische Tagblatt abonniert. Vermutlich irgendwann in den 80ern, als sie in unser Haus einzogen. Vielleicht sagten sie sich auch erst, als das erste Kind, mein Bruder, richtig gut lesen konnte und das Dritte – ich – geboren wurde, dass man nun eine Zeitung haben müsse. Vielleicht haben sie das Abo auch von meinen Großeltern übernommen, die zuvor in diesem Haus wohnten und meinen Vater großzogen. Jedenfalls gehört die Zeitung dazu.
Ich kann auch verstehen, warum sie das Tagblatt wählten. Zum einen gibt es einen regionalen Teil namens „Rottenburger Post“, der mit Berichten, Leserbriefen und Todesanzeigen alles umfasst, was im „Städle“ so vor sich geht. Zum anderen war zwischen 1969 und 2004 Christoph Müller Chefredakteur des Tagblatt, der die Zeitung zu einer der besten Regionalzeitungen Deutschlands machte (wie z.B. die taz 2004 schrieb). Aber vielleicht wurde auch nie hinterfragt, warum man das Tagblatt liest.
Mein Vater ist der klassische Frühaufsteher. Es gehört zu seinem morgendlichen Ritual einen Kaffee zu trinken und die Zeitung von unten zu holen. Nur wenige Male war ich früh – oder lang – genug wach, um die frische Druckerschwärze zu richen und als Erster das ordentliche Bündel aus Welt-Regional-Sport-Kultur-usw. zu entwirren. Ich selbst las am liebsten die Umschlagseiten mit Meldungen aus der Welt und Kommentaren. Mein Vater erfreut sich am Regionalteil und – berufsbedingt als Gärtnermeister – am Wetterbericht. Meine Mutter und mein Bruder lesen auch gerne den Rottenburger Teil. Er hat zudem – von Berufswegen als Florist – Interesse an den Todesanzeigen und – privat – Freude am Kulturteil. Wenn ich mehr als die Titelzeilen las, dann, weil mir ein Familienmitglied einen Text vor die Nase hielt oder weil es ein für mich interessantes Thema war – also meist Fasnet, Bildung, Internet. Manchmal schrieb ich auch Leserbriefe, wenn irgendwelche Dinge falsch dargestellt waren, nur um zu merken, dass man mich nicht versteht. Wie z.B. das QR-Code-Debakel von 2000irgendwas. Manchmal stand ich auch selbst in der Zeitung (jedoch noch nie mit Namen).

Papierberge lesen mehr was für dich.

Ich will keine Zeitung abonnieren, mit der man einen Zombie K.O. schlagen könnte – selbst wenn ich diese Entscheidung mal bereuen werde. Ich wurde deshalb auch nie mit Wochenzeitungen warm und kann überhaupt nichts mit der FAZ oder Süddeutschen als Printausgabe anfangen. Schlicht weil mir bewusst ist, dass ich nicht mehr als 50 Minuten am Tag mit Zeitungslesen verbringen werde und dafür eine größere Papiermenge zu verschwenden, als für die letzten sieben Romane, die ich las? Nein. Unfair gegenüber den Austräger_innen sind 12-Tonnen-Tageszeitungen auch. Und Bild? Die ist mir einfach zu doof.
Dabei hatte ich schon Zeitungen abonniert. Beispielsweise das Handelsblatt. Es gab damals diese irre Idee ihres Chefredakteurs, die Zeitung 100 Tage lang (?) für umsonst haben zu können, wenn man ihm eine Email schreibt. Das ganze klang wie das letzte Aufbäumen vor der Schließung und weil ich hoffte, mein Abo könne die unausweichliche Insolvenz ein bisschen beschleunigen, abonnierte ich. Übrigens zum großen Missfallen meines Vaters, der mit diesem Wirtschaftsblatt auch nichts anfangen kann.
"Weltrettungsprojekt"
Hier in der Tübingen WG for One habe ich nun auch eine Zeitung probeweise abonniert. Drei Wochen lang bekomme ich – kostenfrei – die laut Verfassungsschutz linksextreme „junge Welt“. 16 Seiten, die ich morgens beim Frühstück gemütlich durchblättern könnte, wenn die Post hier nicht erst um die Mittagszeit käme. Im Moment ist das kein Problem, weil ich bewusst versuche lang zu schlafen. Inhaltlich gibt es eine ganze Menge Geschichten, die ich so zum Beispiel auch bei fefe gelesen hätte (ob das jetzt gut oder schlecht ist, wer weiß). Es gibt auch eine ganz nette Fernsehkritik („Nachschlag“) auf der vorvorletzten Seite. So richtig überzeugt bin ich aber noch (?) nicht.
Eventuell probiere ich als nächstes die taz. Die ist zwar immerhin 20 Seiten stark, und kostet mindestens 23,90 Euro (5 Wochen auf Probe gibts schon für 10 Euro), aber mit der liebäugele ich schon länger, lese auch gerne mal online auf taz.de (bezahle auch manchmal dafür) und ich kann mir vorstellen, dass diese auch eine Zeitung wäre, für die man dann die WG begeistern könnte („In den Mietkosten ist noch die Tageszeitung mit drin. Da zahlt jeder dann so um die 5 Euro im Monat für.“).
Achja, und: Hier in der Straße wird die taz morgens von einem Boten gebracht.
Die taz hat also einige Vorteile. Aber ist sie die richtige Zeitung für mich? Hm.
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Was sind die Alternativen?

(Miiiiilchmäden-Time! Yeah!)
Als Student kann man bekanntlich günstig Zeitung lesen. Ich hab mich mit einer Freundin mal durchgeklickt. Wochenzeitungen wie der Freitag (8,60 Euro) sind verständlicherweise außen vor. Falls ich was übersehen – oder falsch gelesen – habe, bitte melden. Am günstigsten ist vermutlich im Studententarif die WAZ. Das Blatt kostet mich als Student 13,50 Euro. Tagesspiegel aus Berlin gibts für 16,20 Euro. Bild kostet für Studenten 17,90 Euro.
Für mich Studierenden gibt es dann noch das „obere Preissegment“. Das fängt an beim Semestertarif des örtlichen Schwäbischen Tagblatt für 18,70 Euro vor Ort (bzw. 20,90 Euro per Post). Die Frankfurter Rundschau kostet 19,75 Euro pro Monat. Die „sozialistische Tageszeitung“ neues deutschland schlägt mit 19,90 Euro zu Buche. Die Stuttgarter Zeitung möchte gerne 21,90 Euro von Studenten. Das Handelsblatt bekommt man für 22,92 Euro. (Ob sich das rechnet?) Die taz ist mindestens 23,90 Euro wert. Die junge Welt kostet 25,10.
So. Die großen Brummer kommen jetzt: Die Welt: 42,90 Euro. FAZ: 46,90 Euro. Süddeutsche: 51,90 Euro.
Wenn ich auf Nahrungsmittel verzichte und nachts arbeiten gehe könnte ich auch alle erwähnten Tageszeitungen abonnieren und damit den Printstandort Deutschland retten. Im Alleingang! Und das für lediglich 341,77 Euro pro Monat plus die Kosten für fünf weitere Briefkästen und 2 Altpapiercontainer, die täglich geleert werden müssen, damit ich hier nicht ver-messie-e.
Ob das wirklich reicht um den Zeitungsmarkt vor dem bösen Internet zu retten?
Wer weiß.

'Sup, holiness?

Ich telefonierte vorhin mit meinem Bruder und wir sprachen kurz über das Wetter und die Musik über den Papst. Er erzählte mir – also mein Bruder, nicht der Papst -, dass man ihn – also den Papst, nicht meinen Bruder – weiterhin „Eure Heiligkeit“ nennen dürfe und an seinen bisherigen Titel nur einfach ein Vermerk „im Ruhestand“ angehängt werde. Mein Bruder ist da sozusagen mein einziger Kontakt zum Tagesgeschehen, weil ich Nachrichten und Zeitungsverlagsseiten einfach nicht mehr ertragen kann will und Twitter in letzter Zeit auch zu viel für mich ist.
Es ist natürlich kindlich-naiv, aber irgendwie freue ich mich für Benedikt/Joseph. Ich stellte mir das Dasein als Papst immer sehr unangenehm vor. Der Nachfolger Petri auf dem heiligen Stuhl ist sicher alles andere als spaßig. Alle tragen komische Gewänder und alles verläuft nach Protokoll und … vermutlich durfte er nicht mal ausschlafen oder Sonntag früh Cartoons schauen. Und außerdem schon per Definition ganz alleine zu sein (weil es ja eigentlich immer nur einen Papst gibt) ist schon sehr doof. Kein Essen mit den Kollegen und wenn man sich mal mit den Vorständen der anderen Religionsgemeinschaften trifft, ist auch alles total steif und nach Protokoll.
Und jetzt, wo Benedikt/Joseph im Ruhestand ist, stelle ich mir vor, er hätte nun endlich einen Kollegen. Jemand, mit dem er Videospiele spielen kann an einem Donnerstagabend. Oder jemand, mit dem er ein Klavierduett spielen kann. Jetzt, wo der „alte Papst“ auf den „neuen Papst“ treffen kann, sind beide nicht mehr allein.
Das heißt: Allein war der Papst im Grunde nie. Er wurde ja immer verfolgt von seinen direkten Mitarbeitern. (Wie z.B. die Sendung mit der Maus erklärte) Aber… er hatte nie jemand, der verstanden hätte, wie es ist, Papst zu sein. Und als es jemanden gab, der dies verstand, da wusste Joseph noch nicht, wie das so sein würde.
Und nun können sie sich treffen. Können Videospiele spielen. Können zusammen Lieder singen und sich Witze erzählen. Vielleicht rufen sie sich auch einfach mal abends an. „What’s up, holiness?“ Und vielleicht treffen sie sich auch im Vatikan und reden wie gute Freunde.
Vermutlich habe ich zuviele Cartoons diese Woche gesehen.

Eine gute zweite Halbzeit.

Der Tag heute wurde mit zunehmender Länge besser.
Angefangen hatte er mit einem um 6 Uhr klingelnden Wecker, einer Vorlesung über Öffentliches Recht (an sich ganz gut, nur hoffnungslos überlaufen). Danach folgte die Einführungsveranstaltung in Skandinavistik mit zirka 50 Studierenden und unheimlich sympathischen Dozenten. Bei der Fachschaft gabs „fika“, eine Kaffeepuase mit Kekse und nettem Beisammensein, und ganz nette Gespräche (auch wenn ich da eher passiv blieb).
Abends ging es in die nahegelegene Kneipe zum Fußball schauen. Nach einer katastrophalen ersten Halbzeit – die Deutschen zimmerten eins nach dem anderen rein und führten die Schwedischen Spieler regelrecht vor – wendete sich das Blatt in der zweiten Halbzeit. Erstes Tor, zweites Tor, drittes Tor, keine 15 Minuten sind vergangen. Noch ein Tor im Rückstand. Letzte Minute. Tor. TOOOOOOOR!!!
Dabei hatte ich mich in der Halbzeit noch mit meinem zukünftigen Schwedisch-Dozenten unterhalten, dass es keine Schande wäre, dass Schweden verliere gegen eine der besten Mannschaften der Welt. Und dann sowas. Unglaublich, wirklich.
Ich kann nach diesem langen, anstrengenden Tag nun beruhigt schlafen. Obwohl ich tatsächlich heute kaum jemand kennenlernte. Aber, bekanntlich brauch ich da immer ein bisschen mehr Zeit.

Yay! It's Garten Ecke Brücken Time – with me and Unicat. (I)

Garten- Ecke Brückenstraße
Blick vom Stauwehr Neckarabwärts
Brückenstraße
Die Matratze lieg noch auf dem Boden und ich kann vermutlich nicht genug Regale in das Zimmer stopfen, um alle Bücher unterzubringen, die ich mitgebracht habe. Außerdem vermute ich eine Verschwörung bei IKEA, weil ins Expedit-Regalfach exakt ein Kasten Wulle passt.
Außerdem ist das Bad unendlich weit weg und die Küche bis auf einen Kühlschrank noch nicht vorhanden. Trotzdem… freue ich mich wie Bolle. (Der Auspruch hängt möglicherweise mit einem Berliner Geschäftsmann zusammen, über den ein Lied gedichtet wurde. Daraus findet sich etwa dieser Auszug: „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel, da verlor er seinen Jüngsten ganz plötzlich im Gewühl. (…) Aber trotzdem hat sich Bole ganz prächtig amüsiert.“ Möglicherweise hängt es aber auch mit einem Spottlied über einen Barbier namens „Bollermann“ aus Brandenburg zusammen. Ein Ur-Berliner mag das bitte aufklären. Danke.)
Wo war ich? Genau. Ich freue mich auf diese „Abenteuer-Zeit“ und ich bin ziemlich sicher, dass es anfangs sehr turbulent und streckenweise sicher auch problematisch sein wird, dennoch freue ich mich …, genau, wie Bolle. Aber das hatten wir ja gerade.
Außerdem, und für diesen Satz werde ich mich in ungefähr 3 Wochen sehr hassen, freue ich mich wirklich schon aufs Studium. Vor allem der Schwedisch-Unterricht reizt mich gerade und ich glaube – in all meiner Naivität -, dass es auch ab und an mal Spaß machen wird.
Und deshalb… und weil ich inzwischen so blogsüchtig bin, dass ich wohl nie aufhören werde können (Thomas Matterne), lasse ich Dich – DICH! – daran teilhaben. Und mein zukünftiges Ich. Außerdem… mal ehrlich: Eine Einhornkatze? Wie abgefahren ist das denn bitte?!