Ich besetze jetzt dieses Zimmer

Die Leute reden gerade viel über die Hausbesetzerszene in Berlin. Nicht die, von damals, die leeren Wohnraum zurückeroberte, praktisch privat-enteignete. Über diese Menschen reden s’e nimmer. Wozu auch?… Worüber „die Leute“ reden sind eine neue Form Hausbesetzer. Eine temporäre, deren Anwesenheit alle stört, außer die Eigentümer (oder Mieter) der betreffenden besetzten Wohnung. Hausbesetzer-Zecken-Schweine. Jene unangepassten Zeitgenossen, die zum Gaffen, Schoppen und Geld ausgeben nach Berlin kommen. Sie fallen ein, diese Terroristen des kleinen Mannes Touristen, besetzen Wohnungen, die eigentlich für Berlinerinnen, Berliner_innen, Berlinx und Berliner gedacht sind, treiben so Mieten nach oben, zerstören die Hotels, die Kieze, das Zusammenleben. Sie belegen Fußgängerwege, sind unfreundlich, nervig und sie alle stehen bei Mustafa in der Schlange (Arg!).
Aus ziemlich genau drei Gründen gehöre ich dieses Wochenende ebenfalls dieser militanten, versiffenden und nervigen Hausbesetzerszene an. Die ersten beiden Gründe tragen schöne Namen (die ich hier datenschutzhalber nicht nenne) – A. und S. -, sie sind kopfzerschmetternd großartig und ihnen gehört eine dieser nun teilbesetzten Wohnungen und die Namensrechte an meinem Erstgeborenen (ja, äh…). Der dritte Grund ist dieser banale Reisegrund, den sich junge wie alte Menschen neuerdings als Lebensmaxime gewählt haben (Kapitalismus, fuck yeah?): Weil es geht.
Ich bin also in Berlin. Meine Kleidung – ja, ich besitze Kleidung -, liegt in einer Ecke eines sehr schick renovierten Zimmers. Im Grunde habe ich eine ganze Wohnung für mich (Hausbesetzerparty?), inklusive Brettspiele (yay!), Küche mit Inhalt (yay!!) und Zugang zu mindestens 5000 Computern (ich sitze gerade unerlaubt an einem solchen). Es ist ziemlich weird, irgendwie. Ich mag die Menschen hier unheimlich und man merkt, wie sie trotz meiner offensichtlichen Probleme im … äh… Zwischenmenschlichen … versuchen mich zu integrieren. Das muss unheimlich anstrengend sein und ich habe praktisch nichts, was ich zurück geben kann. Manchmal, für ein paar Minuten, habe ich das Gefühl, dass alles ganz wunderbar funktioniert. Ich reden kann wie ich das will, Freund sein, wie ich das möchte. Für ein paar Minuten denke ich: „Oh, ich kann mich ja doch normal verhalten“. Dann… wieder nicht. Dann sträubt sich mein Körper, mein Mund gehorcht mir nicht, ich nuschele, verliere mich in Gedanken, Katzen laufen vorbei die Rundenzahlen hochhalten, ich gehe K.O., und so weiter. Aber niemand sagt: „Raus!“, niemand zählt mich aus, niemand sagt „Mach doch mal dies oder das“. Niemand sagt, er hätte für irgendwas Verständnis. Es ist als würde ich angenommen, wie ich bin. Und das ist, mit verlaub, ein sehr sehr ungewohntes Gefühl für mich. (Kein Vorwurf an irgendjemand. Ich komm den größten Teil der Zeit mit mir selbst kaum klar, dabei dürfte ich der Mensch sein, der am meisten Zeit mit mir verbringt.) Mehr noch ist es ungewohnt zu sehen, wie Freundschaft bei anderen Menschen funktioniert. Wie die Welt ist, wenn man bei anderen Menschen ist. Das macht meine gewohnte Welt nicht schlecht. Es setzt sie nicht einmal in einen anderen Kontext oder eine neue Bewertung. Es ist nur interessant, auch anderes zu sehen.
Plötzlich habe ich Lust zu schreiben. Unbändige Lust. Sie übermannt mich, ich kann nicht schlafen und tippe … Unsinn. Ich schwanke zwischen guten und ängstlichen Gefühlen. Suche als alter Pessimist irgendwelche Haken (und finde keine – abgesehen für Jacken). Meine Gefühle werden ein – schmackhaftes? vielleicht – Gulasch. Das ein oder andere Stückchen braucht noch ein bisschen. Und irgendwie ist die Reihenfolge nicht mehr richtig. Da drei großartige Gefühle, da ein Batzen überwürztes Zweifeln. Nein, lasst uns nicht darüber nachdenken. Lasst uns nicht darüber nachdenken, wie ich Katzentatzen höre, wenn ich mich zu sehr konzentriere. Oder ob das nur ein mieser Trick ist, Dich an dieses Blog zu ketten. „Oh, ich möchte wissen, ob er wirklich verrückt wird.“ Spoiler-Wahrnung: Darth Vader ist Luke’s Vater. Leute, die von sich selbst sagen, sie seien Verrückt, sind es meistens nicht. Verrückt ist das neue ‚Gut angezogen‘. Jeder will es, jeder versucht damit zu kokettieren, viele versuchen es wirklich, aber die wenigsten sind es. Und die werden damit dann auch nicht glücklich.
Schockierend ist auch, von Leuten zu hören, dass sie das hier lesen. Teilweise lese ja nichteinmal ich dieses Blog hier („Das erklärt einiges.“) und vieles ist wirr und unverständlich – bewusst? -, vieles ist eine Rolle, etwas völlig fiktionalisiertes, so wirr, dass daraus vielleicht bei dir irgendwas entstehen kann. Und… nichtmal meine Mutter weiß, was hier stimmt und nicht. (Bzw. gehört meine Mutter hoffentlich zu den Menschen, die das hier nicht lesen.) Jedenfalls… Jetzt habe ich den Faden verloren.
[…]
Jetzt sitz‘ ich hier und schreibe nur blöde Blogeinträge, mit Witz‘ und Hits und so ein irritierender Versuch des Einbauens eines Intertextes kommt hoffentlich nie wieder. Hätt‘ ich nie gedacht, noch vor’n paar Tagen schrieb ich keine dämlichen Bezüge rein, die bei genauer Betrachtung gar nicht… Arg! Nein. Verabschiede Dich vom Genie-Gedanken. Es gibt diese Leute, ja, aber hier sitzt keins – also grade zumindest nicht -, und ich wöllte das auch nicht. Schreib‘ deine eigenen Texte. Mach deine eigenen Reisen. Die Welt ist zu schön für Bullshit. Und wenn du grade nicht kannst oder willst, dann ist das auch ok. Niemand wird dir einen Kopf abreißen (und wenn doch wachsen zwei nach).
Wir sind stark. Wir besetzen jetzt dieses Bett. Als revolutionäre Handlung! Ausschlafen ist auch eine Form von Klassenkampf. Den halben Tag im Schlafanzug rumlaufen ist ein antikapitalistischer Shitstorm gegen den bekackten Bullshit der protestantischen Twitter-Arbeitsmoral. „Im Bett ist der Mensch nicht gern alleine“ sang Rio einmal, „und in meinem Bett ist grad noch Platz für“ … ein gutes Buch zum Beispiel. Oder ein tolles oder mittelmäßiges Blog. Für einen Kommentar. Für Chips – auch wenn das das Schlafen eher knisternd wird. Jedenfalls nicht für einen Wecker und morgens früh – vielleicht auch noch am Wochenende – aufstehen um irgendwelchen Bullshit zwischen Wiege und Bahre für irgendwelche konsumgeilen … Leute zu machen. Am Ende noch praktisch unbezahlt. Nein, Danke. Dieses Bett ist jetzt besetzt. Ich werde unter meiner Decke eine kommunistische Utopie errichten. Es wird genug Kuscheln und Decken und Kissen für alle geben. Und es wird Vollbeschäftigung haben. Schlafen ist nämlich auch Arbeit. Aber jetzt muss ich los. Ich hab nämlich auch noch zu tun, ich muss einschlafen.
Revolutionäre Grüße aus dem besetzten Berlin.
(Meine Bettdecke ist übrigens rot. Nur, falls sich jemand fragt, woher diese Unsinns-Assoziationen kommen.)
(Update: 16.03.15: Musste das Zimmer jetzt räumen, wurde in einem grünen Bus weggefahren, aber mir wurde schon angeboten, nächstes Jahr wieder zu besetzen. 🙂)

Pornos sind Sex-lets plays. Bildungsromane Erwachsenwerd-lets plays.

Die Zeit ist gekommen, eines meiner zahlreichen peinlichen Geheimnisse zu lüften. Ich schaue mir ab und an sogenannte „Let’s play“’s an. Für die Generation, die sich teilweise von der SPD verraten fühlte – also alle vor 1995 geborenen, für die das noch Sozialdemokraten waren -, muss ich das kurz erklären: Leute filmen sich, wie sie ein – i.d.R. – Computerspiel spielen und kommentieren das – i.d.R. -, oft auch recht unterhaltsam. Ich höre bis hier – also durch Raum- und Zeit hindurch – wie Du dich wunderst: Warum sollte man sich so etwas anschauen?
Zum einen: Computerspiele sind heutzutage oft unheimlich komplex, spannend und inhaltsreich. Viele Computerspiele erzählen unterhaltsamere, aufregendere, glaubhaftere Geschichten als es die Mehrheit der Romane, Fernsehserien oder Filme schafft. Ich werde jetzt nicht „das nächste große Ding“ ausrufen, aber die Sache ist die: Eine gute Geschichte erzählt man heute nicht mehr nur durch erzählen. Viele gute Geschichten werden durch die Aufbereitung als Computerspiele erlebbar.
Nun habe ich wie die meisten jungen Menschen nicht das Geld, um mir alle mich interessierenden Spiele zu kaufen, die ich gerne einmal durchspielen würde, und die gefühlt 150 unterschiedlichen Konsolen, Betriebssysteme und Controller, daher kann es gut sein, dass ich mir ein Spiel auch nur im Let’s Play ansehe.
Hinzu kommt, und da beginnt mein Literaturwissenschaftler Herz wie wild zu pochen, dass wir in Let’s Plays „Leser“ erleben können, sehen können, wie diese einen „Text“ erfahren, aufnehmen, begleiten, kontextuieren, usw. usf.
Dass eine bestimmte Erfahrung – hier eben das Spielen eines Spiels – festgehalten wird und wohl oft auch Fiktionalisierungsmechanismen unterworfen ist (bspw. dem Schneiden/Kürzen der Videos), ist an sich keine neue Kulturtechnik. So könnte man auch Tagebücher als Erinnerungs-Lets-Plays, Pornografische Filme als Sex-Lets-Plays oder der berühmt-berüchtigte Bildungsroman als Erwachsenwerd-Lets-Plays begreifen. Dass dort natürlich unterschiedliche Fiktionalisierung betrieben wurde, ist ebenso klar, wie dass unterschiedliche YouTuber (Leute, die auf der Videoplattform YouTube aktiv sind) sehr unterschiedliche Lets Plays produzieren.
[…]

Vom Formen der Revolutionsmasse

(Uralter Eintragsetwurf aus dem September 2014. Ungelesen veröffentlicht.)

Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen. (Byung-Chul Han in der SZ. (link))

Die Arbeiterschaft macht keine Revolution mehr. Wissen wir. Ich halte demnach Gewerkschaften für keinen Ort mehr, in dem gesellschaftliche Wandlungen abseits von „3,4 Prozent mehr Lohn“ erkämpft werden können. Eine Solidarität in Betrieben ist – bei Globalisierungsangst und Millionenarbeitslosigkeit – leider nur noch Wunschdenken. Ich wünschte, das wäre anders, aber meinem Gefühl nach hat die Arbeiterschaft als „Revolutionsmasse“ ausgedient.

I’m mad as hell and I’m not gonna take it anymore.

Was früher die Rote Fahne war, ist heute die Regenbogenfarbene. Revolutionsmasse sind nicht die, welche von der Arbeit müde und entmutigt kommen, sondern jene, die mit dir in deinem Bett liegen und kuscheln. Es sind jene, welche schon wieder mehr für Hygieneprodukte zahlen müssen. Es sind jene, die systematisch unterdrückt werden aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Rasse oder sexueller Orientierung. Küssen hilft gegen’s traurig sein, sagt man. Knutschen für den Weltfrieden, warben Aufkleber in der Innenstadt. Inzwischen sind sie abgeknubbelt oder mit „Blowjobs für die Marslandung“ überschrieben. Aber die Botschaft bleibt.
Es gibt dabei keinen Aggressor, den es zu köpfen gilt. Es gibt keinen Unterdrücker, sondern nur Mechanismen, die zerschlagen werden sollten. Und es gibt Stellvertreter. Politiker, die offen homophob sind. Zeitungen, mit rückständigen Geschlechterbildern. Stammtische, die… Stammtische sind.
Frühere Revolutionen hatten Feinbilder. „Der Ami“, „Das Kapital“, sowas halt. Auch heute noch höre ich manchmal Leute davon reden. Manche, die sagen, man müsse nur das „Weltbankensystem“ zerschlagen, und dann, ja dann wird alles gut. Bullshit! Die Welt wird nicht besser, wenn wir uns nicht anstrengen, sie besser zu machen. Wenn wir nicht unsere Kinder besser erziehen, wenn wir nicht stärker argumentieren, mehr hinterfragen.
Die Welt wird besser, wenn wir sie alle zusammen besser machen. Und ich glaube, aktuell, dass das am Besten geht nicht über Familien oder Firmen oder dergleichen, sondern über Religion, Humanismus und Liebe. Wenn du dich selbst magst, und vielleicht noch einen anderen Menschen ganz knorke findest, dann gibt es schon mindestens zwei Gründe, diese unsere Welt noch besser zu machen. Wenn du Kinder hast, dann wäre es schade, wenn sie es nur so gut hätten, wie du es hattest. Es soll ihnen besser gehen – und durch die Erziehung, durch Schulen und unsere Beziehung zu ihnen können wir beeinflussen, was „besser gehen“ bedeutet. Ich fände – statt Autos und viel Geld – Freundschaften, „Sinn“ und Akzeptanz eine ganz schöne Idee.
Vielleicht reicht es auch schon, wenn wir uns diese Dinge nicht mehr wegnehmen lassen (oder es nicht mehr unseren Kindern nehmen) von Leuten, die uns Angst machen und einreden, wie alternativlos alles sei. Wenn du deiner Tochter nicht sagst, dass sie alles werden kann, wie soll sie dann jeweils auf die Idee kommen, dass es anders sein könnte?
Wir wollen unsere Welt, die wir als Geschenk bekamen und als Geschenk weitergeben wollen, wir wollen uns als Teil dieser Welt, (mit)gestalten.
Es geht halt nicht um ein Stück vom Kuchen, sondern um die Bäckerei.

Solltest du mich finden, will ich nix hören; Nur ein dummer Satz würde alles zerstören

Ich wäre gerne mal wieder verliebt. Aber das ist schwierig heute. Jede_r hat komische Meinungen und ich bin so unglaublich unbegabt im direkten Kontakt. Aber ich kann ganz gut akzeptabel mit Menschen schreiben. Zumindest haben Leute, mit denen ich schreibe, ein besseres Bild von mir, als jene, mit denen ich rede.
Das Problem am Internetkontakt – denn mal ehrlich, niemand mehr schreibt Briefe – ist, dass wir über alle unglaublich viel wissen können. Da ist diese unheimlich süße flicka, oder dieser obercute pojke und du schwärmst – und sabberst – beinahe deren Facebook-Profil-Foto voll, und, oh, ihm_ihr gefällt die Bild-Zeitung. Instant-Impotenz, Sofort-Sahara, och nee! Das will ich nicht wissen, bevor mir jemand seine guten Seiten zeigen konnte. Wenn aber das Profil privat ist oder nur sehr wenig online, dann halte ich die Leute für paranoid. Und für mich Internetkind … nunja.
Ich habe Angst davor, zuviel zu erfahren, weil dann alles sofort aus ist.
„Ich könnte dich nicht lieben“ rappen die Antilopen Gang in ihrem Lied „Verliebt“, und erzählen, wie sie sich verstecken, um nicht die Wahrheit über jemande_n, in den_die man verknallt ist, zu erfahren. Oder um zu verhindern, dass das Gegenüber die Wahrheit über dich erfährt.
Sascha Lobo nannte das in seiner SPON-Kolumne mal „Die Gnade des Nichtwissens“ und schrieb davon, dass das Wir-Gefühl, das wir™ früher so viel hatten, davon lebte, dass wir viele Dinge über unsere Kollegen, Freunde, Familie nicht wussten (oder ausblenden können). Jetzt, wo alle alles über alle wissen können wird ein „Wir“ schwierig. Lobo endet damit, dass er Hoffnung macht, dass wir™ ein neues Wir-Gefühl schaffen können mit… nun, dem Internet.
Das ganze lässt sich auch auf Partnerschaften übertragen. Zumindest würde es erklären, warum sich Leute trennen. Weil man sich „zu gut“ kennengelernt hat.
Ist der Ausweg dann jemande_n zu finden, der genau passt? Hej Bullshit-Partnervermittlung, bitte einmal klonen! Also wieder nur die Filterbubble anpassen? Und dann findet man eben die_den perfekte_n Partner_in in Panama? Und wir tigern da hin, und zeigen am Ende doch nur wieder Bärentatzen? Ne. Ich glaube nicht an die „große Liebe“ und Wreckless Eric. Außerdem ist das eh höchst problematisch.
Ich glaube, es gibt viele Menschen, mit denen ich gut funktionieren könnte. Die mich und sie (plural) in unseren Leben weiterbringen – oder zumindest eine gute Zeit machen würden. Lieber gehe ich jeden Abend in eine Kneipe und gebe Schnäpse aus, als dass ich das Geld irgendeiner Agentur in den Rachen werfe. (Wobei es mir widerstrebt, da durch „Schnaps ausgeben“ ein Machtverhältnis etabliert werden soll, was ich ablehne. Außerdem bin ich schlecht im Reden.) Egal wo ich hinginge: Ich würde eh nur Leute finden, die ich aus irgendwelchen unsinnigen Gründen nicht mögen kann – oder die mich nicht mögen.
Dabei will ich das alles nicht. Ich will ausblenden können, dass du in der AfD/NPD/CSU bist – irrght! – und bei PEGIDA/Montagsmahnwache/Chemtrailzeugs mitmarschierst – hirrzt! – und die Backstreet Boys mitsingen kannst – oh, das ist eigentlich ganz cool – und Helene Fischer – HIRGZNT!! -, aber ich kann das nicht. Ich kann das nicht!* Ich würde mich fühlen, als würde ich mich verraten. Und dir wird es ähnlich gehen, wenn du dieses Blog liest, wenn du Dinge von mir erfährst, – dass ich in der Gewerkschaft sei, jW las, fefe verbreitete, Emanzipation versuche zu fördern, blogge; all sowas; – die mich nicht gut repräsentieren. Dabei habe ich noch so viele andere schlechte Eigenschaften, und du hast selbst noch so viele andere und ich will alle davon kennenlernen – ja, cuter kille, bezaubernde tjej, ich meine Dich – und ich will mit dir vielleicht … auch ein bisschen knutschen.
Aber ich kann das halt nicht ausblenden.* Und ich will nicht, dass du dich änderst. Denn so, wie du gerade bist, bist Du ganz großartig für jemand_e. Und ich wünschte so, diese Person könnte ich sein.
(*Ich sollte das nicht.)
Ab wie vielen verkackten Dates darf man sich eigentlich eine Katze kaufen?
(Geschrieben im Januar 2015)

Im Namen eines Fremden

„Ich hab schon so oft eine Faust ins Gesicht gedrückt gekriegt, dass es mich mittlerweile ungefähr so juckt wie’n Mückenstich.“ (Koljah & NMZS: Antikörper)
Es ist acht Jahre her, dass ich das letzte mal meinen Namen googelte. Damals schrieb ich einen Blogeintrag darüber, was für Sebastian S.‘ es so gibt, ein Kreisbaumeister, jo, einer aus Rommerskirchen, usw. Der Text damals war banal und nebensächlich – so wie mir dieser Text banal und nebensächlich im Jahr 2022 vorkommen wird -, weshalb ich ihn irgendwann beim Umziehen einmal quer durchs Internet privatisierte.
Heute, mit den „neuen“ Möglichkeiten, lassen sich noch viel mehr Namensvetter finden. Doch irgendwie… traue ich mich nicht so recht, mit ihnen Facebookfreundschaften zu schließen oder mal Schnitzelessen zu gehen. Denn ich hab‘ Angst dass du was Dummes sagt, das mir nicht gefällt. So findet sich etwa ein Sebastian S.‘, der mit – ich vermute mal – seinem Lebensabschnittspartner posiert (cute!), „Scandinavia and the World“-Comics verbreitet, Facebook-Spielchen spielt und … Postings der Jugendorganisation der AfD teilt (Seufz). Ein anderer zockt Halo, wieder ein anderer steht auf Taekwondo.
Ich frage mich, wie ich in diese Reihe passe. Was denken der Kreisbaumeister oder der Halo-Zocker, wenn sie ihren Namen googeln und mich finden? Vielleicht dieses Blog lesen, wenn bei einem Vorstellungsgespräch gefragt wird, was sie im Internet so treiben? Vielleicht, in dem ich hier so offen stets über mein Leben schreibe, lege ich den anderen Steine in den Weg.
Aber… andererseits… das von mir erzeugte Rauschen übertönt jede eurer Peinlichkeiten. Und meine Peinlichkeiten – wie damals der Bug-Report in der Tageszeitung oder wie mich Marcel Wichmann (zurecht) als strunzdumm bezeichnete – stören mich längst nicht mehr.
Vielleicht spielte einer der anderen Sebastian S.‘ auch schon dieses Spiel und fand dann – nach ein bisschen lesen – einen guten Grund, mich nicht zu kontaktieren. Vielleicht bin ich ihm zu weinerlich oder ich denke zu viel nach oder ich bin zu jung oder zu alt. Vielleicht ist aber gerade das, was ich nicht cool finde und mich abhält, mal „Hej“ zu sagen, das, was jene andere davon abhält, mir zu schreiben.
Vielleicht – und ich lege mich jetzt darauf fest, dass die anderen Sebastian S.‘ mein ständiges „Vielleicht“ nervt – gäbe es auch außer „Cool, du hast den gleichen Namen wie ich“ einfach nichts einander zu sagen. Was zu Schulzeiten noch für langfristige Freundschaften reichte („Du heißt auch Karl?“ „Ja!“ „Cool, lass uns immer zusammen sitzen!!!“) ist heute nicht einmal mehr genug für eine Mail.
Vielleicht ist das aber auch gut so.