"Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind, und ihre Stimmen zählen genau wie unsere." – Albert Einstein

Nehmen wir mal an, der Ausspruch ist authentisch und auch so zu verstehen, wie er sich hier darstellt. Nehmen wir an, Albert Einstein ist der Meinung, dass die Herrschaft der Dummen unüberwindlich ist, solange wir eine Stimmverteilung haben nach … Menschen.
Erstaunlich viele Menschen klagen über die „Dummheit“ der Massen. Kaum, dass man ein halbfreundliches Lächeln für diese Unfreundlichkeiten sich herausgezwungen hat, muss man es bereuen. Denn nun folgt, nach dem obligatorischen Zitat eines als „intelligent“ angesehenen Menschen, der oder die sich Dank bereits eingetretenem Tod nicht mehr mit derlei herumärgern muss – und deshalb auch nicht widersprechen kann -, ein Argument gegen die Gesellschaft. Man müsse Diktatur irgendeiner Elite durchsetzen, weil die Leute ja selbst zu dumm seien. Man müsse sie zu diesem oder jedem bewegen, weil dieses oder jenes. Weil die Dummheit unbegrenzt sei.
An der AfD sind nur die ganzen Hauptschüler*innen schuld. Scheiß Arbeitslose! Direkt verbieten, sowas! Seufz.
Mir wird schlecht, beim Gedanken an diesen Alltagszynismus. Im Durchschnitt sind die Leute weder dumm noch intelligent, sondern, nun ja, durchschnittlich halt. Selbstverständlich gibt es eine Menge Menschen, die aus deiner Sicht „dumm“ sind, und natürlich gibt es eine Menge, für die Du sehr dumm wirkst.
Aber die Dinge werden nicht besser, wenn weniger Leute mitreden dürfen. Und alles, was man bei Ausschluss von Vernichtungsphanasien in diese Aussagen interpretieren kann, wären Dinge wie Zusatzstimme für Physiker, oder Stimmenanteil nach Jahreseinkommen, oder kein Wahlrecht für Arbeitslose.
Dabei ist bei aller Kritik an den Blöden eine Lesart übersehbar: Vielleicht ging es nicht um ein „Weg mit den Dummen“, sondern hin zu einem Klarkommen mit sich selbst und der Welt. Vereinfacht gesagt: Wir werden die anderen Mehrheitlich immer als „dumm“ empfinden und selbst das Gefühl haben, dass wir durch deren Masse unterdrückt werden. Das wir in der Minderheit sind. Mit dem Gefühl müssen wir uns arrangieren. Dass es immer besser gehen würde. Dass wir immer eigentlich weiter wöllten, eigentlich nicht vollständig verstanden werden. Aber das ist kein Fehler der anderen, sondern ein Mangel in uns. Der Mangel in der Erkenntnis über die Welt und sich selbst.
[…]

Täter sind immer die anderen

Am Abend des 5. Mai 2016 leuchtet das Denkmal für jüdisches Leben in Rottenburg rosafarben, als hätte man den vermutlich Sandstein in Blut gestippt.
Wie schön die Welt doch ist, wenn die Benennung von möglicherweise antisemitischen Aussagen als solche sofort eine ‚Diskriminierung‘ als ‚Antisemit oder Nazi‘ darstellt, und man doch jetzt mal genug an die „scheußlichen Verbrechen unserer Altvorderen“ gedacht hat. Die Juden sollen jetzt keine Opfer mehr sein, damit man die Geschichte auch mal vergessen kann. Irgendwann ist doch auch mal gut, wa? Schließlich fanden ja nur 1348/49, 1476 und die 1930er bis 1940er Progrome, Vertreibungen und Ermordungen in dieser Stadt statt. (Aber Goethe, bis 1832, gehört natürlich zu ‚uns‘.) Und natürlich waren das nicht ‚wir‘, die mordeten und vertrieben, sondern der „NS-Staat“, oder es wird überhaupt kein Subjekt genannt.
Wir haben das gemacht. Und noch immer machen wir das heute. Wir grenzen Menschen aus, weil sie uns anders erscheinen. Weil sie politisch oder religiös anders, homosexuell oder nicht von hier sind. Wir zwingen Normen auf, weil wir nicht gleichberechtigt zusammenleben wollen. Weil wir Leitkultur propagieren und Herrschende sein wollen. ‚Wie du lebst bestimme immer noch ich.‘ Weil ’sie‘, ‚die Anderen‘, eine andere Religion, eine andere Weltanschauung oder eine andere Sprache leben. Mal heißt es „Herrenmensch“, dann verharmlosend „Leitkultur“. Mir wird schlecht.
Die Opfer existieren weiter, weil wir nicht aufhören, Täter zu sein.

Nazis klatschen … Beifall: Gewalt gegen Autos ist auch ganz schlimm.

[Früherer Entwurf hier]
Da ist sie wieder. Die alte Diskussion. Gewaltbereite Antifas, die kloppen gegen Repression und Nazis. Ein Aufkleber von Black Mosquito, mit einem Autonomen in schickem Schwarz, in der linken Hand eine Fliegenklatsche und vorm verhüllten Gesicht eine verspiegelte, rote Sonnenbrille. Das ganze mutet befremdlich an. Wie eine Zecke oder ein Insekt? Vielleicht. Einer, all jene klatschend, die sich von brauner Scheiße angezogen fühlen? Möglich. Jedenfalls offensichtlich nicht ernst gemeint. Darüber in roter Schrift: „Nazis klatschen“. (Völlig unzusammenhängend dazu Koljah: „Ich komm‘ mit Fliegenklatsche / Zu eurer Messerstecherei; ich bin der Herr der Fliegen“ („Antilopen Gang: Kunst“)).
Barbara, die wir für ihre … Street Art kollektiv lieb haben, spülte die Frage nach Gewaltverzicht wieder durch die Äther – diesmal auf Facebook. Und natürlich ist es legitim zu fragen, ob Gewalt angewendet werden darf oder nicht.
Meine Antwort wäre, mit viel Bauchgrummeln, ja.
Ich bin kein Freund von Gewalt. Das sagen wohl alle. Manchmal folgt darauf ein Aber, manchmal nicht. Eine Welt, in der durch friedliche Mittel des Widerstands, in der bunter und vielfältiger Protest die Welt besser zurücklässt, wäre wünschenswert. Kunst ist die erste Wahl. Ein kreativer, lautstarker, gewaltfreier Protest wäre erste Wahl.
Nur: Wo waren die Lichterketten, als Terrorist_innen auf unsere Mitbürger_innen losgingen? Wo waren die Pfeifkonzerte, wo waren die Plakate mit lustigem Twist, die auf Facebook tausendfach geteilt werden, als Kleinstbetriebe niedergebrannt wurden?
Kann ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest gegen Rechtsextremismus, der von einer breiten Mehrheit getragen wird nicht auch eine schlagkräftige Waffe sein?
Ja. Und zu diesem bunten, lautstarken, kreativen Protest gehören auch bunte, lautstarke und kreative Aufkleber mit, wenn man sie wörtlich nimmt, vielleicht missverständlichen Aussagen. Zum bunten, lautstarken, kreativen Protest gehören mutige Parolen. Wenn die „breite Mehrheit“ grad nicht da ist oder schon überlegt, wie man unauffällig mit der AfD kuscheln kann, und die Polizei gerade mit … Aktenschreddern Kätzchen streicheln (Denn: All cats are beautiful.) abgelenkt sind, dann muss es Menschen geben, die schlimmstes verhindern. Die – als unentgeltlichen Service – deine und meine Umgebung nazifrei halten. Vielleicht lassen sich viele davon nicht darauf ein die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ zu beschützen, weil sie diese bereits als kaputt oder fehlerhaft ansehen. Was sie aber beschützen – teilweise vor realen Gefahren, teilweise vor eingebildeten – sind Menschen.
Autonome, die „Nazis aufs Maul“ skandieren, sind die mutige Antilope, die die (unterlegenen aber nicht ungefährlichen) Löwen von der Herde weglocken. „Nazis klatschen“ ist der Artikel 20 Satz 4 des Grundgesetzes in praktizierter Form. Mehr noch: Wo die rechtlichen Grundsätze – gleich vor dem Gesetz, Würde, usw. – es nicht erlauben, ein Arschloch wie ein Arschloch zu behandeln, greifen Autonome beherzt ein und riskieren dabei massive Sanktionen für sich selbst. Sie sind eine Art antikapitalistischer Batman.
Andererseits hat Barbara Recht. Denn brennende Mülltonnen sind – im Gegensatz etwa zu brennenden Asylunterkünften – schlechte PR. Angestauter Frust, der sich auch gegen Repressionen richtet und dabei Eigentum von Dritten zerstört, und natürlich die Übergriffe auf völlig friedliche Polizisten, tuen der „guten Sache“ schlechtes. Und so, wie ich mich hier weigere, mich von gewaltsamen Protesten zu entsolidarisieren, weil es Menschen sind, so könnten auch Rechtsradikale ihre Gewalt gegen „Überfremdung“ und den Horror vaccui zwischen ihren Ohren, den sie sich mit Kot aufgefüllt haben, rechtfertigen. Also lieber „Gewalt ist Mist, egal wer es ist“? Und erstmal alle Scheiße finden, die nicht mindestens so gewaltfrei sind wie Beate Zschäpe? Katzenstreicheln und so? Aber nur ganz sanft, sonst tut das den Zecken weh.
Lieber Antifa vorm Haus als der Nazis im Dorf.
Die Sache ist nämlich die: Polizei, Staat und Demokratie können Steine und Mollis aushalten, die auf sie geworfen werden, können die harsche Kritik ertragen und es besser machen. Die Demokratie übersteht das alles. Sie kann und muss wehrhaft sein, damit es ihre Bürger nicht sein müssen. Aber die einzelnen Menschen, auf die Nazis einprügeln wollen, die ertragen keine Steine und Schläge. Die ertragen nur unsere Hilfe. Dass diese manchmal auch radikaler sein muss, als dass ich damit gut schlafen kann, ist etwas, womit man leben muss.
Schlimmer wäre es aber, damit zu leben, wenn niemand geholfen hätte.
(Wie so so unglaublich oft.)
Ergänzung:
Oder wird er oder sie [der_die Nazi] sich dadurch vielleicht noch mehr radikalisieren und noch mehr Hass aufstauen, den er oder sie dann an Ausländern, Linken, Homosexuellen oder Geflüchteten oder sonstwem rauslässt?
Das ist eine ganz heikle Vorstellung. Denn sie unterstellt, dass der Widerstand gegen Nazis diese radikalisiere, und somit Menschen, die sich gegen Nazis wehren, eine (Mit)Schuld an deren Radikalisierung tragen, oder kurz: Wegen der Antifa gibt’s so viele Nazis!!!1
Man muss also nur die ganzen, pösen Antifanten endlich einsperren, dann gibt es auch keine doofen Nazis mehr!!!11 …. I can’t even
Öhm. Gegenthese: Jeder Nazi, der damit beschäftigt ist, vor einem autonomen, gewaltbereiten Linksradikalen wegzulaufen, hat keine Zeit eine Homosexuelle zu misshandeln.
Und warum ich mich jetzt vor steinewerfenden Autonomen distanzieren muss, aber die SPD nicht von Kriegseinsätzen und Waffenlieferungen in alle Welt, verstehe ich auch nicht. Obwohl: Die SPD hat das tatsächlich unterstützt. Ich will nur keinem Menschen vorschreiben, wie sie_er seine Umwelt gemeinsam mit anderen gestalten möchte – außer, es schränkt andere darin, dies ebenso zu tun.

Nazis klatschen (2)

[Früher Entwurf. Aus Transparenz-Gründen ungelesen veröffentlicht. Spätere Version hier.]
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https://www.facebook.com/ichwillanonymbleiben/posts/1106904986008523
https://www.facebook.com/black.mosquito/photos/a.289243594514694.56601.289238807848506/749768168462232/?type=3&theater
http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/05/12/ziemlich-extrem/
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Ich bin kein Freund von Gewalt. Ich hasse es, zu hören, dass wieder mit Dingen geworfen wurde. Dass Dinge gebrannt haben. Ich verabscheue die Bilder von angezündeten Autos und wie kippelnde Tische zu Farbbeutel-Anschlägen hochgekocht werden. Fliegende Steine und Krawalle schaden dem Ansehen einer politischen Richtung. Und sie sorgen dafür, dass manche Menschen das Bedürfnis haben, ihre Solidarität aufzukündigen.
Linksextreme Gewalt sei so schlimm wie rechtsextreme Gewalt. Und staatliche Gewalt (Monopol) in Ausübung durch gemeinschaftlich finanzierte, teils gepanzerte, bewaffnete und im Kampf ausgebildete Einzelpersonen (Polizist_in) sei immer gerechtfertigt. Gewalt sei aber natürlich keine Lösung. Barbara, die wir alle schätzen für angeklebte Plakate, fragte kürzlich:
Kann ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest gegen Rechtsextremismus, der von einer breiten Mehrheit getragen wird nicht auch eine schlagkräftige Waffe sein?
Ja. Aber ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest benötigt unglaublich viel Zeit und Organisationsaufwand. Die breite Mehrheit ist träge und bleibt lieber daheim (und wählt CDU). Sind sich alle einig, bleibt der Protest oft klein. Gibt es breite Bündnisse, so sind auch Menschen dabei, die radikalere Ziele verfolgen. Und selbst wenn viele sich friedlich einig sind: Spontan geht solcher kreativer Widerstand nicht. Zu oft aber müssen spontan Menschen beschützt werden, muss spontan eingegriffen werden, wenn Nazis sich versammeln, um schlimmstes zu tun. Wenn man, nachdem bereits Menschen getötet, verbrannt oder verprügelt wurden, ein paar Lichter aufstellt, mag das gut fürs Image des Ortes sein. Den Opfern der rechten Gewalt hilft es wenig.
Wenn jemand präventiv „Nazis aufs Maul“ haut oder „Nazis klatschen“ geht, was genau bringt das eigentlich?
Mir sind keine Fälle bekannt, in denen präventiv Nazis verprügelt wurden. Auseinandersetzungen, auch gewaltsame, sind auch mir bekannt. Aber denen gingen immer Provokationen voraus. (Was das nicht entschuldigt). Die zitierten … Parolen sind dabei aber genau so ein bunter, lautstarker und kreativer Protest, den Barbara fordert. „Nazis klatschen“ referiert auf einen Aufkleber des Black Mosquito Mailorder. Darauf ein_e Autonome_r in schickem Schwarz, in der linken Hand eine Fliegenklatsche und vorm verhüllten Gesicht eine verspiegelte, rote Sonnenbrille. Das ganze mutet befremdlich an. Wie eine Zecke oder ein Insekt? Vielleicht. Einer, all jene klatschend, die sich von brauner Scheiße angezogen fühlen? Möglich. Jedenfalls offensichtlich nicht ernst gemeint. Darüber in roter Schrift die Parole: „Nazis klatschen“. (Völlig unzusammenhängend dazu Koljah: „Ich komm‘ mit Fliegenklatsche / Zu eurer Messerstecherei; ich bin der Herr der Fliegen“ („Antilopen Gang: Kunst“)). Darin eine Gewaltaufforderung zu sehen, halte ich zumindest für fragwürdig.
Anders ist es vielleicht mit „Nazis aufs Maul“, vor allem als Graffiti mit davor posierenden Autonomen. Ist da eine Aufforderung, Menschen mit nationalistischem Hintergrund, zu schlagen? Nein. Es gehört zu dem, was die Punkband Fahnenflucht in ihrem Titel „Gewalt“ beschreiben: Ein sich vorbereiten, für den Notfall, auch zu diesem Schritt – dem Anwenden von Gewalt zur Verteidigung oder dem Schutz von Menschen -, bereit zu sein, auch wenn man Prügel einstecken muss. „Doch wenn ichs mir recht überlege / lieg ich lieber im Krankenhaus, / denn ein Leben voll Scham und Zweifel / halte ich bestimmt nicht aus.“ (Fahnenflucht: Gewalt. In: Ders.: Beissreflex. 2004)
„Nazis aufs Maul“ ist eine Selbstbestärkung, bereit zu sein. Es ist ein Aufruf, es Nazis so schwer zu machen, wie es nur möglich ist. Auch, wenn man sich damit vielleicht Repressionen aussetzt (Anklagen, Polizeischläge, etc.) oder im Krankenhaus landet. Nicht bereit zu sein, auch „Nazis aufs Maul“ zu geben, wenn die Umstände es verlangen, bedeutet, diesen den Freiraum zu überlassen. Überwinden sie die Hürde, die wir ihnen gewaltfrei in den Weg zu stellen fähig sind – und diese Hürde ist sehr gering, solange sich alle an Recht und Gesetz halten -, können sie frei und unbeschwert gehen.
Ich will nicht in einem Viertel wohnen, in dem Nazis freier herumlaufen können als alle anderen. Ich will nicht vor die Tür gehen müssen und rechte Parolen an den Wänden haben. Was viele Antifaschist_innen machen, ist, den Hass von Nazis auf sich zu lenken. Sie kämpfen diese Kämpfe, damit wir das nicht tun müssen. Gewinnen sie? Vermutlich nicht. Aber jede Nacht, in der eine Scheibe eines Büros der Linken eingeworfen wird, ist eine Nacht, in der keine Zeit bleibt, auf Fremde einzuprügeln. Die Antifaen, die sich auch gewaltbereit in den Weg von Nazis stellen, mögen an deren Radikalisierung mitwirken – aber sie radikalisieren Nazis hauptsächlich gegen Antifaschist_innen. Das bedeutet letztlich: Der Fokus der Löwen verlagert sich auf jene Antilopen, die darin geübt sind, nicht gefressen zu werden.
So, dass wir Unbehelligten sorgenvoll über Gewaltlosigkeit diskutieren können.
Wie sehr die Pflastersteine uns doch schaden würden.
Ich werde mich nicht entsolidarisieren, nicht distanzieren. Das Prügeln, die Steine, lehne ich ab. Die Menschen, die dahinter sind, verdienen die selbe Würde und Wertschätzung wie jede_r von uns.
[…]
An der Stelle kommt dann noch irgendwas mit Antikapitalismus und brennenden Autos und so. Ich zitiere mal einen anderen Aufkleber BM:

Sie sagen Steine sind keine Argumente und schlagen mit Knüppeln, bomben und baggern, vergiften mit Chemie, verseuchen mit Atom, Töten in Gefängnissen. Sie haben recht, Steine sind keine Argumente. Steine sind erst zögernde Versuche uns zu artikulieren, in der einzigen Sprache die sie verstehen.

Und es ist irgendwie, was Slime oder die Scherben sagen: Gewalt ist bereits da und Unterdrückung findet statt. Jene, die diese Unterdrückung zu verteidigen haben – Polizei, Staatsanwaltschaft, Militär – sind stark genug, auch Widerstand auszuhalten. So, wie die Antifa Schläge einsteckt, die uns allen gelten, kann die Polizei es aushalten, wenn Steine fliegen und Mülltonnen brennen. Die Frage ist, ob wir es aushalten können, wenn Menschen brennen.
[…]

Am Tag haben wir keine Chance.

Wir gehen nachts ins Viertel der Reichen und holen uns unseren Lohn. Wir lassen uns nicht mehr bescheißen. Zu lange warten wir schon.“
– Zusamm-Rottung: Selbstabholer. In: Ders.: Widerstand, 1993.

1993 war die Welt auch noch nicht ok. Zusamm-Rottung, eine Punkband aus Brandenburg, rief auf ihrem Album „Widerstand“ dazu auf, man solle doch von den Reichen stehlen. Verharmlosend betitelten sie diesen Aufruf zu Straftaten als „Selbstabholer“ und beschrieben detailreich, wie sie in die Villen von „Bonzenschweinen“ einbrächen. 4 Minuten und 6 Sekunden Revolutionsaufruf. Ein paar Lieder zuvor, in „Selbstjustiz“ heißt es „Ich hab tausend mal gezweifelt, doch jetzt bin ich bereit: Für jeden Bonzen eine Autobombe, und um 12 Uhr Mittags jagen wir sie in die Luft. Ich hör‘ schon den Knall in meinen Ohren, und mit einem Schlag sind wir führungslos.“ Die Musik ist schwungvoll, und würde man nicht mit kaltem Rücken verstehen, was hier gesungen wird, so wäre man wohl bewegt, mitzusummen.
Niemand hat diese „Pläne“ umgesetzt und wir sollten dankbar sein, dass dies ’nur‘ Fiktion, ’nur‘ Kunst ist, und kein politisches Programm. Dass Menschen in unserer Gesellschaft Ängste, Wut und Frust in Kulturprodukte umsetzen können, dass ein zwischenmenschlicher Zusammenhalt, ein Zusammenleben möglich ist, in dem ganz selbstverständlich das besetze Haus neben der Kirche und dem Supermarkt existieren darf und soll. Zumindest war dies lange Zeit so.
„Ja ich weiß Gewalt ist keine Lösung, doch von wem geht die Gewalt eigentlich aus?“
[…]
Über 20 Jahre später ist die Welt kein freundlicherer Ort geworden, hauptsächlich, weil wir aktiv daran mitgearbeitet haben, sie zu einem schlechteren Ort zu machen. Ich sitze da und höre über die Lautsprecher eines in einem Ausbeuterbetrieb in Fernost hergestellten Computer. Die Server, über die ich zum Internet verbunden bin, werden unter anderem mit Kohle betrieben. Eine Vielzahl von Menschen arbeitet daran, mich und dich zu überwachen und darauf zu achten, dass niemand „Bombe“ sagt oder Autos anzündet.
Gestern [d.h. Anfang November] saß neben mir eine junge Frau im Zug. Flüsterabteil, doch sie und ihre Freunde sprachen lautstark über ihre Schulkameraden und Shopping und sie knisterte mit ihrer Einkaufstüte.
[…] Wer gibt dir das Recht dich über unausgesprochene Regeln hinwegzusetzen? Götzen zu frönen, da, wo die Andacht Raum haben soll – oder man zumindest seinen Mund hält. Wer gibt den Dieben das Recht zu stehlen? Wer gibt dem Terroristen das Recht, Bomben zu zünden? Wem gibt der Künstler das Recht, Kunst zu schaffen? Wer erlaubt den Kapitalisten, auszubeuten?
Irgendwie machen wir alle das. Weil wir nicht genug widersprechen – oder miterlauben? Jedenfalls ist Stehlen & Sprengen keine Lösung. Aber darüber singen und Fragen stellen… könnte ein Teil des Weges dorthin sein.
[…]